Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Science Fiction > Das Haus Komarow
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Science Fiction
Buch Leseprobe Das Haus Komarow, Axel Saalbach
Axel Saalbach

Das Haus Komarow


Die Deutschland-Dystopie

Bewertung:
(325)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
2367
Dieses Buch jetzt kaufen bei:
Drucken Empfehlen

 


Prolog


 


Berlin, Deutsche Oblast, Russisch-Europa


 


Irgendwann im Jahre 2208


 


Seufzend warf Demjan Buschkat eine kleine Plastikdose zurück auf den Haufen wilden Unrats, der sich am Straßenrand gebildet hatte. Seit den Morgenstunden versuchte er nun schon etwas Essbares zu finden, oder wenigstens etwas, das sich auf dem Schwarzmarkt dagegen eintauschen ließ. Der Tag war wie so oft äußerst erfolglos für den Mann im dunklen Umhang verlaufen, und da die rote Abendsonne schon tief am Himmel brannte, musste sich Buschkat langsam eingestehen, dass er wieder einmal mit leeren Händen nach Hause zurückkehren würde. Der Sammler kniete sich hin, wühlte ein wenig weiter und förderte ein zerschlissenes Tuch zutage. Buschkat betrachtete es von beiden Seiten, schüttelte dann mit dem Kopf und ließ es wieder fallen.


Das Leben war hart für Männer wie ihn. Der Unendliche Krieg hatte nicht viel übrig gelassen von der Welt, und die spärlich verbliebenen Ressourcen lagen seit der Eroberung des einstigen deutschen Gebietes ganz in der Hand der Zarenfamilie. Sowohl die Produktion als auch die Warenflüsse wurden von ihren Handlangern zentral geregelt. Für den Güterverkehr waren die wenigen Clans zuständig, die schon ein Jahrhundert zuvor alle Macht in ihren Händen gehalten hatten und die sie seitdem mit allen Mitteln zu schützen wussten. Einmal pro Jahr wurde entschieden, welche Familie für die ertragreichen Überlandtransporte zuständig war, während sich die anderen Clans auf kleinere Geschäfte in den großen Städten beschränken mussten.


Wer die Versorgungsgewalt auf den großen Trassen innehatte, der kontrollierte auch die gesamte Oblast, da es Russisch-Europas Zarenfamilie den Clans zugestand, ihre Bodengleiter mit allen Mitteln vor Übergriffen zu bewahren. Die zum Schutze angeheuerten Söldner übten damit die eigentliche Polizeigewalt im Inneren aus. Die herrschaftlichen Truppen wurden stattdessen an der Front benötigt.


Seit dem Großen Moment der Vergabe im Januar war für Menschen vom Stande Demjan Buschkats alles noch viel schlimmer geworden, als dem Hause Komarow das Recht zugesprochen worden war, die wichtigen Versorgungslinien in diesem Jahr zu kontrollieren. Da die Truppen des Clans seitdem ihre eigene Interpretation von Sicherheit und Ordnung umsetzten, herrschten Angst und Chaos über Berlin und über das gesamte deutsche Gebiet.


 


Demjan Buschkat erspähte durch die offene Tür der Ruine eines alten Gemischtwarenladens ein Rudel Ratten, das durch den einstigen Verkaufsraum wuselte. Wenn sich Ratten in einer solchen Vielzahl für einen Ort interessierten, dann könnte er auch für ihn von Interesse sein, dachte Buschkat, und so warf er einen Blick durch die Tür. Offenbar hatte die Ruine einigen Personen als Nachtlager gedient, denn mitten im Raum befanden sich die Überbleibsel einer Feuerstelle und leere Dosen. Buschkat scheuchte die Ratten weg und untersuchte die Reste, doch die Nager hatten für ihn nichts übrig gelassen. Der Mann erhob sich, atmete schwer ein und ging mit gesenktem Kopf zum Ausgang.


In den vergangenen Jahren war es stets das Haus Lasarew gewesen, dem die Versorgungshoheit zugefallen war. Auch damals ging es den Menschen alles andere als gut, denn die Lasarews verlangten hohe Preise und hielten das Angebot bewusst knapp. Ihre Schergen rekrutierten sie offensichtlich in der Unterwelt, denn ihr Hunger nach Gewalt kannte nur wenige Grenzen, und nicht selten ließen sie ihn mit bloßer Willkür an den Bürgern aus. Erhebliche Hoffnung hatte deshalb geherrscht, als Gerüchte aufgekommen waren, dass die Komarows den Herrschern in diesem Jahr ein besseres Angebot unterbreiten und beim Großen Moment der Vergabe endlich wieder den Zuschlag für die Oblast bekommen könnten.


Der alte Jewgraf Komarow war nie ein Engel gewesen, aber er war auch kein Narr. Er verstand sich auf das Geschäft und sah im Ausbluten der Bevölkerung nicht den einzigen Weg, die Nachfrage nach seinen Waren aufrechtzuerhalten. Kurz bevor das Haus Komarow als Sieger aus den Feilschereien zum Jahreswechsel hervorgegangen war, starb der alte Clanführer jedoch, und sein ältester Sohn Taras wurde zum neuen Bravoc des Hauses bestimmt. Mit Jewgraf Komarow ging nicht nur ein angesehener Mann, es verschwand auch der Funken Hoffnung, der bei den Berlinern und den anderen Bürgern des Verwaltungsbezirkes geweckt worden war.


 


Nachdem er die Ruine verlassen hatte, äugte Demjan Buschkat in Richtung der untergehenden Sonne. Er schob sich das Tuch ein wenig aus dem Gesicht, da die Gefahr nun verschwand, Opfer ihrer Strahlen zu werden. Buschkat atmete durch, wickelte sich seinen leeren Sack etwas fester um den linken Unterarm und beschloss, nur noch einen Straßenzug abzusuchen, ehe er sich auf den Heimweg machen würde. Nachts wollte er lieber nicht allein in der Stadt unterwegs sein, denn es war nicht abzusehen, was ihm dann alles zustoßen könnte.


Demjan lebte gemeinsam mit seiner geliebten Alewtina im Süden der Stadt, unweit des Hohen Walles, mit dem sich die Clans vor Übergriffen aus dem Umland zu schützen versuchten. Die beiden hatten dort vor Monaten eine verfallene Hütte bezogen, deren vorige Bewohner von einem Tag auf den anderen verschwunden waren, wie ihnen die Männer aus den angrenzenden Hütten zu berichten wussten. Demjan und Alewtina lebten allein, da sie nicht die notwendige Abgabe aufbringen konnten, die für die Erlaubnis veranschlagt wurde, Nachwuchs zeugen zu dürfen. Dieses Schicksal teilten sie mit nahezu allen Menschen ihres Standes. Diejenigen, die das Wagnis ohne eine Erlaubnis der Herrschaftlichen eingingen, mussten ihre Kinder verstecken. Wurden die Kleinen dennoch von den Wächtern der Clans aufgespürt, mussten die Eltern meist mit ansehen, wie ihre Kinder verschleppt oder direkt getötet wurden.


Einst war die Abgabe erhoben worden, um dem Problem der Überbevölkerung zu begegnen. Nahrungsmittel und andere Ressourcen waren nicht mehr ausreichend vorhanden gewesen, um jedermann zu versorgen. Gleichzeitig hatte das Wegbrechen der Ressourcen unzähligen Arbeitsgebieten den Todesstoß versetzt, wodurch mehr als die Hälfte der Bewohner der deutschen Oblast keine Anstellung mehr fand. Offiziell war die Überbevölkerung nach wie vor der einzige Grund für die hohe Geburtenabgabe, aber jedermann wusste, dass die Herrschaftlichen mit ihr die Stabilität in Russisch-Europa erhielten. Mehr Menschen in Armut bedeuteten mehr Zorn im Volke, daher war es der Obrigkeit mehr recht als billig, wenn man die untersten Schichten einfach aussterben ließ.


 


Gerade wollte Demjan seine Suche für diesen Tag endgültig abbrechen, als er einen unangenehmen Geruch wahrnahm, der durch die Luft strömte. Der Sammler folgte seiner Nase, und Augenblicke später betrat er ein von seinen Bewohnern verlassenes, dennoch recht gut erhaltenes Haus. Der Geruch war hier stechend, und als Demjan durch einen länglichen Korridor geschritten war und eine Nische betreten hatte, fand er den Leichnam eines vollbärtigen Mannes. Um den armen Tropf kreisten Fliegen, und an seinem Hals klaffte eine hässliche Wunde.


»Der wurde niedergeschossen«, stellte Buschkat grimmig fest. Die Art der Verletzung schränkte die Zahl der in Frage kommenden Täter stark ein, denn nur wenige konnten sich eine Schusswaffe leisten. Es war nicht unwahrscheinlich, dass die Männer der Komarows selbst dahintersteckten.


Demjan untersuchte den Leichnam, denn gemessen an der Position, in welcher der Mann zum Liegen gekommen war, hatten sich der oder die Täter keine großen Mühen gemacht, das Opfer unter die Lupe zu nehmen. Tatsächlich wurde der Sammler fündig, denn in den inneren Taschen des Umhanges des Mannes stieß er auf einige Münzen. Buschkat suchte weiter, drehte den Leichnam um und spürte etwas Metallenes, als er den steifen Rücken abklopfte. Er riss den Umhang kurzerhand auf, und staunend fand er eine silberne Uhr mit einer Kette in seinen Händen wieder.


Buschkat wollte die Uhr genauer betrachten, doch im gleichen Moment drangen Geräusche von außen zu ihm herein. Erschrocken stopfte er die Uhr in die rechte Tasche seines Umhangs, dann schob er die Leiche in ihre ursprüngliche Position zurück und kroch in Richtung Fenster, um besser lauschen zu können, was sich draußen tat. Zu seinem Schrecken waren es Schritte und Stimmen, die er vernahm.


»Dieses Haus war es, da bin ich mir sicher«, hörte er eine grobe Männerstimme sagen.


»Wie kannst du es so genau wissen? Hier gleicht ein Haus dem anderen«, antwortete ein nicht minder raues Organ.


»Ich weiß es eben. Kasakow und ich haben ihn von dort hinten aus verfolgt. Hier ist er um die Ecke gebogen und hat versucht, sich darin zu verstecken. Außerdem ist der widerliche Gestank doch Hinweis genug.«


Innerlich fluchte Buschkat. Ausgerechnet jetzt, da er nach einer solch langen Durststrecke endlich wieder etwas gefunden hatte, saß er in der Falle. Die Stimmen mussten zu Schergen der Komarows gehören, und wenn er ihre Worte richtig gedeutet hatte, hatten sie genau dieses Haus und womöglich den gerade eben von ihm geplünderten Leichnam zum Ziel.


Buschkat sah sich um. Aus dem Fenster würde er nicht entkommen können, ohne dabei entdeckt zu werden, also musste er sich ein Versteck innerhalb des Hauses suchen. Er überschlug den Weg von seinem Platz bis zur Treppe, die nach oben führte. Ihm war klar, dass er noch tiefer in einer Sackgasse stecken würde, falls man ihn dort entdecken würde, aber wenigstens blieb die Möglichkeit, dass sich die Wachsoldaten unter dem Dach gar nicht erst umsehen würden. Kurz entschlossen rollte er sich unter dem Fenster weg, erhob sich und schlich zur Treppe. Er kam keinen Moment zu spät an, denn kaum hatte er den Dachboden erreicht, betraten die Männer das Haus. Buschkat presste sich auf die Dielen und versuchte, sich möglichst leise zu verhalten.


Dank der Geräusche, die aus dem Erdgeschoss zu ihm drangen, nahm Buschkat wahr, dass die beiden Männer schnurstracks zu dem Toten gegangen waren. Eine Weile blieben sie stumm, nur vereinzelt waren leise Töne zu vernehmen, die verrieten, dass die Gardisten den Leichnam untersuchten.


»Nichts«, knurrte schlussendlich die Stimme des ersten, »da ist uns jemand zuvorgekommen. Wir hätten ihn gleich filzen müssen.«


»Zuvorgekommen?«, fragte der andere.


»Natürlich. Sieh dir nur an, wie zerschlissen sein Umhang ist. Kasakow und ich sind dafür nicht verantwortlich. Einer der Sammler muss hier vorbeigekommen sein, den alten Sack gefunden und sich an ihm bedient haben.«


»Was machen wir nun?«


»Die Sache melden, etwas anderes bleibt uns doch nicht übrig. Der Dieb ist sowieso schon längst über alle Berge.«


Zufrieden stellte Buschkat fest, dass sich die beiden Wachmänner nicht länger in dem Haus aufhalten wollten, denn die Stimmen entfernten sich wieder. Flach atmend blieb der Sammler noch mehrere Minuten liegen, um sicherzugehen, dass die beiden endgültig fort waren. Dann erhob er sich leise. Noch länger konnte er nicht warten, wenn er der Nacht entgehen wollte, bevor er sein Heim erreichte.


Demjan stieg die Treppe herab und betrachtete den Toten. Die Männer der Komarows hatten ihn grob behandelt und in einer noch verdrehteren Position als zuvor abgelegt.


»Na, so wollen wir dich mal nicht liegenlassen«, sprach Demjan zu dem Toten, »denn womöglich findet dich schließlich noch einer, der dich kennt. Dann sollte dir wenigstens noch ein Fünkchen Ehre im Tode erhalten bleiben.«


Demjan beschloss, den Leichnam in eine gerade liegende Position zu hieven und seine Kleidung glatt zu streichen. Als er ihn anhob, fiel sein Blick auf eine eiserne Marke – das Abzeichen der komarowschen Haustruppe! Einer der beiden Männer musste sie verloren haben, als sie den Leichnam abgesucht hatten. Mit der linken Hand versuchte Buschkat nach der Marke zu greifen, während er den Leichnam mit der anderen Hand festhielt. Als er dies tat, vernahm er ein Geräusch, und so blickte er sich erschrocken um – im Eingang der Nische stand einer der Wachleute!


Buschkat rutschte das Herz in die Hose, dann stieß er kurzerhand den Leichnam in Richtung des nicht minder erschrockenen Söldners und stürmte an ihm vorbei. Er sprintete zum Ausgang, doch dort stand der zweite Wachmann. So schnell er konnte, machte er kehrt und rannte zur Treppe, um ins obere Geschoss zu kommen. Damit saß er abermals in der Falle.


»Na sieh mal einer an, vielleicht entwickelt sich dein Missgeschick doch glatt noch zu einem Glücksfall für uns«, rief der Mann von der Eingangstür. Es war der Gardist mit der groben Stimme, welcher der Unterhaltung nach an der Ermordung beteiligt gewesen war, eine stämmige Erscheinung, gut sechseinhalb Fuß lang mit einem kantigen Gesicht und einem dunklen Backenbart. Demjan vernahm durch die Dielen, dass er und sein Begleiter ihre Waffen entsicherten und langsam die Treppe heraufstiegen. Es klang nicht so, als würden sie sich vorsichtig heranpirschen, sie waren sich ihrer Sache sicher.


»Ich gebe euch alles, was der Mann bei sich hatte, doch bitte lasst mich zufrieden«, brüllte Demjan in Richtung der Treppe und erntete dafür nur Gelächter von den beiden Wachmännern. Er zog die Münzen aus seinen Taschen und warf sie zur Treppe. Die Uhr legte er auf dem Fußboden ab und stieß sie sachte mit dem rechten Fuß in die gleiche Richtung. Kaum war sie dort angekommen, tauchten die Köpfe der Söldner aus dem Dunkel auf. Beide Gardisten hielten ihre Waffen auf ihn gerichtet und kamen gelassenen Schrittes auf ihn zu. Buschkat hob seine Hände und tappte langsam rückwärts.


»Das ist alles, was der Mann bei sich hatte. Ehrlich!«, stammelte er und deutete mit einer Kopfbewegung zu den Münzen und der Uhr. »Bitte lasst mich am Leben, oder sagt mir, wie ich meine Schandtat wieder gutmachen kann.«


»Das hättest du dir früher überlegen müssen, Sammler«, antwortete der Wachmann mit dem Backenbart trocken.


Demjan standen Schweißperlen auf der Stirn. Weiter lief er langsam rückwärts. Eine Hand nahm er wieder herunter, um erfühlen zu können, ob sich hinter ihm die Wand befand und er stoppen müsste. Tatsächlich war er am Rande des Raumes angelangt. Er ertastete einen Fensterrahmen und bemerkte, dass sich kein Glas mehr darin befand. Stattdessen berührte seine Hand einen Stein, der auf der Fensterbank lag. Während er weiter flehend auf die beiden Wachmänner einredete, fasste er den Stein. Kaum hatte er ihn zu greifen bekommen, warf er ihn ohne Ansatz nach den beiden Männern und schwang sich rückwärts durch das Fenster. Ein Schuss fiel, und noch während des Absprunges spürte Buschkat einen stechenden Schmerz in der Schulter.


»Verflucht, wir müssen ihm nach«, rief der Mann mit dem Backenbart. Er schaute zu seinem Kollegen, der sich benommen den Kopf hielt, nachdem dieser gerade Bekanntschaft mit dem geschleuderten Stein gemacht hatte. Der Bärtige schüttelte den Kopf und rannte die Treppe herunter, ohne auf den zweiten Mann zu warten. Mit gezogener Waffe stürmte er aus dem Haus und fand Buschkat wimmernd mit dem Gesicht auf dem Boden liegend vor.


»Du armselige Erscheinung«, knurrte der Wächter. Demjan drehte seinen Kopf zu ihm hin und schaute schluchzend in das Mündungsrohr der Pistole, die der Mann auf ihn richtete. Dann erklang ein Schuss.


Kapitel I


 


Dunkeltann, ein Vorort von Rudatgrad, Deutsche Oblast, Russisch-Europa


 


11. Oktober 2208, Vorabend


 


Diesel streckte sich. Der stille Hund war in die Jahre gekommen, unmittelbar nach dem Aufstehen und nach langen gelaufenen Wegen schmerzten ihm inzwischen die Knochen. Die Zeit hatte ihm die Farbe aus den Haaren unter seiner Schnauze genommen, ihn zierte nun ein grauer Bart. Das fortgeschrittene Alter hinderte ihn jedoch nicht daran, jeden Tag selbständig auf einen Streifzug zu gehen, um auf eigene Faust für sein Fressen zu sorgen und sein Herrchen damit nicht belasten zu müssen, da dieser genug mit sich selbst beschäftigt war.


Der heutige Ausflug in die Wildnis rund um die kleine Stadt war von Erfolg gekrönt gewesen. Diesel hatte sich auf seinem Weg mehrere Mäuse geschnappt und fühlte sich satt und zufrieden. Stolz mit dem Schwanz wedelnd trug er einen Stock mit nach Dunkeltann und machte sich dort angekommen auf den Weg zu seinem Herrchen.


Kurz bevor er an dessen Unterschlupf angekommen war, vernahm Diesel lautes Geschrei. Seine Neugierde war geweckt, und so trabte er so schnell es seine Knochen noch zuließen hin zu dem Ort, den er als die Quelle des Lärms ausgemacht hatte. Als er ihn erreichte, musste er mit ansehen, wie ein Mann mittleren Alters von zwei Uniformierten gestellt und angeschrien wurde. Alsbald hob einer der Uniformierten die Faust und schlug auf den Mann ein. Der Beschützergeist erwachte in Diesel, und so bellte der alte Hund, erreichte damit aber nichts.


Momente später schlugen die Männer gemeinsam auf ihr wehrloses Opfer ein. Diesel wollte sich dies nicht mehr tatenlos ansehen, und so stürmte er hin und biss einem der Angreifer ins Bein. Der Attackierte schrie auf und trat wütend nach dem Hund, der durch den Tritt einen Meter zur Seite gestoßen wurde. Diesel hatte jedoch erreicht, was er wollte: Er hatte ein Stück des Stoffs der Uniform aus dem Hosenbein gebissen, und mit der Beute machte er sich auf den Weg zu seinem Herrchen.


 


Anatol, oder »Tolja«, wie er lange Zeit zuvor von ihm nahestehenden Menschen genannt worden war, war ein Mann von vierzig Jahren und groß gewachsener Statur. Seine halblangen lockigen Haare verbarg er stets unter der Kapuze des Gehrockes, in den gehüllt er seit seiner Ankunft in Dunkeltann an jedem Tag zu sehen war. Wie immer sorgte er dafür, dass sein Gesicht im Schatten des Tuchs verborgen blieb. Diejenigen Menschen, denen es dennoch gelungen war, den einen oder anderen Blick darauf zu erhaschen, berichteten von einer scheinbar durchgängig gequälten Miene und von Falten, die ihn älter erscheinen ließen als er war. Sie schienen von Sorgen zu künden, die ihm zusetzten.


Anatol befand sich gerade vor dem Verschlag, den er als seine Unterkunft bezeichnete, und er schnitzte an einem hölzernen Bolzen, als Diesel bei ihm aufschlug. Der Hund warf ihm den Stofffetzen vor die Füße und bellte. Anatol nahm den Fetzen auf und starrte seinen vierbeinigen Gefährten perplex an. Ein Stück Uniform, und dann auch noch diese Farbgebung … was machten die Schergen von Taras Komarow hier, so weit weg von Berlin? Er verzog sein Gesicht zu einer grimmigen Fratze. Waren sie womöglich wegen ihm hier, hatten sie ihn aufgespürt oder zumindest schon eine heiße Spur? Oder war alles nur ein Zufall, und die Söldner waren aus einem ganz anderen Grunde hier?


Diesel bellte weiter, was Anatol aus seinen Gedanken riss.


»Du hast ja recht«, brummte er halb zu seinem Hund, halb zu sich selbst. Er stand auf, straffte seinen Gehrock und zog sich das Tuch höher über die Nase, so dass nur noch seine Augen unverdeckt blieben. Er ließ den Bolzen fallen, zog den Dolch aus der rechten Tasche seines Gehrockes und rannte Diesel hinterher, der inzwischen wieder losgelaufen war.


Als er selbst das Geschrei wahrnahm, das die beiden Wachleute erzeugten, verlangsamte Anatol seinen Schritt und pirschte sich vorsichtig an. Dabei hielt er sich eng an den Wänden der umstehenden Hütten. Auch Diesel verhielt sich spürbar ruhiger als zuvor.


Wenig später erklangen die Rufe aus unmittelbarer Nähe. Anatol lugte hinter der Wand hervor, hinter der er sich versteckt hatte, und sondierte die Situation. Die Männer der Komarows hatten ihr Opfer inzwischen zu Boden geprügelt und verspotteten es. Dabei traten sie gelegentlich weiter auf den Mann ein.


»Zwei Männer, das Risiko ist einfach zu groß«, flüsterte Anatol in Richtung von Diesel, der ihn mit schräg gelegtem Kopf musterte. Anatol zuckte mit den Achseln und sah wieder zu den Angreifern. Als er erkannte, was sich inzwischen tat, fuhr ihm ein Ausdruck des Entsetzens ins Gesicht, denn einer von ihnen hatte eine Waffe gezogen und richtete sie auf den am Boden liegenden blutenden Mann.


Anatol griff den Dolch in seiner rechten Hand fester und presste wütend seine Lippen zusammen. Dann hielt er seinem Hund die linke Hand zu einer »Bleib«-Geste hin. Diesel verharrte sitzend an seinem Platz, während sich Anatol an die Wand des Gebäudes zurückzog und sich anschließend in einem Bogen von Hütte zu Hütte langsam den Uniformierten und ihrem Opfer näherte.


Als Anatol an der Rückseite des Holzhauses stand, vor dessen Eingang sich der Zwischenfall unmittelbar abspielte, schaute er wieder in Richtung von Diesel. Mit einer raschen Kopfbewegung gab er ihm das Signal zum Loslaufen. Gleichzeitig deutete er ihm mit der Hand an, Laut zu geben, woraufhin der Hund bellend quer über den Platz stürmte.


»Das ist doch die Töle von vorhin!«, brüllte einer der beiden Gardisten. Der andere blickte zu dem wild umherrennenden Hund und richtete die Waffe auf ihn. Er schoss mehrmals, aber der Hund war viel zu schnell. Für einen erneuten Schuss ließ sich der Gardist deshalb mehr Zeit zum Zielen. Bevor er den Auslöser drücken konnte, nahm er plötzlich ein würgendes Geräusch von der Seite wahr, und er sah zu seinem Begleiter. An dessen Kehle lag inzwischen ein Dolch, und hinter ihm stand ein großer Mann im schwarzen Gehrock, dessen Gesicht man nicht erkennen konnte, da er es verdeckt hielt.


Kurz ließ der Uniformierte seine Waffe sinken, dann richtete er sie auf den Kopf des Unbekannten. »Du wirst ihn jetzt schön loslassen«, drohte er. Die Waffe zitterte dabei merklich in seiner Hand.


Anatol ließ sich von der Ansage nicht beeindrucken. Stattdessen schüttelte er ruhig das Haupt und schob seine Geisel langsam auf den bewaffneten Uniformierten zu. Dessen Schusshand zitterte immer stärker, und wiederholt befahl er dem Fremden, seinen Gefährten loszulassen.


Unvermittelt überschlugen sich die Ereignisse. Dadurch, dass er sich auf Anatol und seinen Partner konzentriert hatte, war dem Söldner vollkommen entgangen, dass ihm Diesel inzwischen äußerst nah gekommen war. Ohne Vorwarnung biss ihn der Hund, was den Wachmann zum Aufschreien brachte. Kaum hatte er seinen Schock überwunden, richtete er seine Waffe auf ihn. Nun musste Anatol schnell handeln, weswegen er seiner Geisel das Heft seines Dolches gegen eine Seite des Kopfes schlug, den Mann fallen ließ und dann auf den Bewaffneten zusprang. Noch bevor der Söldner feuern konnte, hatte ihm Anatol mit gestrecktem Bein gegen den Schussarm getreten, wodurch die Waffe zu Boden glitt. Anatol hatte nun zu dem Mann aufgeschlossen, und er hieb ihm mehrere Faustschläge mit der linken Hand gegen den Kopf. Der Uniformierte hatte seine Überraschung allerdings schnell überwunden, und so begann er, den Schlägen auszuweichen und sie zu parieren. Mit eigenen Angriffen hielt er sich zurück, da er sich durch den Dolch in Anatols anderer Hand zu stark bedroht sah.


Aus dem Augenwinkel erspähte Anatol, dass sein Gegner für einen kurzen Moment hinter ihn geblickt hatte. Das konnte nur eines bedeuten – seine vormalige Geisel musste inzwischen auf die Beine gekommen sein. Anatol trat dem Söldner zwischen die Beine und drehte sich um. Tatsächlich griff der zweite Mann gerade nach der zu Boden gefallenen Waffe. Kurzerhand holte Anatol mit seinem Dolch aus und stieß ihn in die Hand des Mannes. Der Gardist schrie auf und ließ von der Waffe ab. Anatol trat die Pistole weg, dann wollte er sich wieder seinem ersten Gegner widmen. Dieser hatte gerade zu einem Schlag mit der offenen Hand ausgeholt. Anatol wich mit dem Kopf zurück, so dass er nicht getroffen wurde. Stattdessen erwischte sein Angreifer jedoch das Tuch, mit dem er sein Gesicht verborgen hatte, und er riss es nach unten.


Von einem Moment auf den anderen kam der Kampf zum Erliegen. Der gegnerische Söldner spähte ihm entgeistert ins Antlitz, während er hinter seinem Rücken die Schmerzensschreie des verletzten anderen Uniformierten wahrnahm. Sein Gegenüber hob den rechten Arm und deutete ihm mit dem Finger ins Gesicht.


»Du …«, stammelte er. »Wie … wie kann das sein?«


Der Wachmann sammelte sich, so schnell er konnte, dann wandte er sich an seinen schreienden Kameraden. »Du wirst es nicht glauben! Wir haben Tolja Komarow gefunden!«, rief er dann.


Der verletzte Uniformierte beendete von einem Moment auf den anderen sein Schreien, und auch das Opfer der beiden Wachleute sah überrascht zu Anatol hoch. Der Schwarzgewandete zog sich das Tuch schnell wieder vor das Gesicht.


»Los los, wir müssen das sofort melden!«, rief der Wächter, mit dem sich Anatol zuvor den Kampf geliefert hatte, und lief los. Wenige Augenblicke später sprintete der zweite Wachmann hinter ihm her. Anatol hob die Pistole auf, dann folgte er den beiden flüchtenden Männern und schloss rasch zu ihnen auf.


Einige Straßenzüge später hatte der zweite Wachmann den ersten eingeholt. »Wieso müssen wir ihn überhaupt erst melden?«, keuchte er aus dem Lauf heraus. »Warum nehmen wir ihn nicht gleich fest und kassieren …«


Er konnte nicht mehr weitersprechen, denn Anatol hatte ihn bereits erreicht und ihm kraft eines ruckartigen Schwungs mit dem Dolch von hinten die Kehle durchtrennt. Der Wachmann geriet ins Straucheln, blickte den Schwarzgewandeten im Sterben mit weit aufgerissenen Augen an und fiel dann stumm zu Boden.


Sein Kollege sah erschrocken zu, als der getötete Mann in sich zusammensank. Dann ergriff er abermals ansatzlos die Flucht. Anatol zog seinen Dolch aus dem Hals des Getöteten und machte sich daran, die Verfolgung wieder aufzunehmen. Auch Diesel hatte inzwischen aufgeschlossen und hetzte ihm nach. Da seine alten Knochen jedoch von dem Ablenkungsmanöver noch zu erschöpft waren, blieb er binnen kurzer Zeit erneut zurück.


Der Uniformierte – ein groß gewachsener Mann mit halblangem blonden Haar und einer auffälligen Hakennase – war schneller, als es sich Anatol erhofft hatte. Mehr noch, er schien ortskundig zu sein und stürmte geschickt durch die verwinkelten Gassen, so dass Anatol keine Abkürzung einfiel, die er hätte benutzen können, um ihn abzufangen. Als der Gardist auf eine gerade Strecke gebogen war, zielte Anatol zweimal und schoss, traf den Flüchtenden aber nicht. Bei einem dritten Schussversuch klickte die Waffe nur noch, die Munition war verbraucht. Fluchend warf Anatol die Pistole zu Boden und nahm die Verfolgung wieder auf, nachdem er zuvor zum genaueren Zielen stehen geblieben war.


Der Wachmann hatte seinen Vorsprung durch die Schussversuche ausgedehnt, kam jedoch durch die schlechten Straßenverhältnisse ins Stolpern und stürzte zu Boden, wodurch sein Verfolger erneut aufholen konnte. Kaum war er wieder auf die Beine gekommen, hatte Anatol ihn erreicht und sprang zu ihm. Zweimal schlug er ihm mit der Faust ins Gesicht und brachte ihn ins Wanken, doch der Wachmann stürzte nicht. Anatol setzte zu einem Hieb mit dem Dolch an, aber der Söldner tauchte unter dem Schlag hindurch. Stattdessen packte er ihn seinerseits aus der gebückten Haltung heraus an der Hüfte und warf ihn zu Boden. Im Liegen versuchte der ertappte Komarow mit dem Dolch auszuholen, doch der Wachmann trat ihm auf den Arm. Anatol unterdrückte einen Schrei, dann drehte er sich zur Seite und riss seinem Gegner das Standbein weg. Der Gardist fiel, rollte sich jedoch geschickt ab und kam zwei Meter weiter zum Liegen. Als sich Anatol wieder aufgerichtet hatte und bereit war, mit seinem Dolch zuzustoßen, war der Mann schon wieder auf den Beinen. Zweimal wich er Toljas Schlägen aus, dann stieß er ihn gegen die Wand einer der Hütten, die am Straßenrand standen. Komarow prallte mit dem Rücken gegen einen Fenstersims und stöhnte auf. Der Wachmann verpasste ihm mit der geschlossenen Faust einen Schlag gegen das Kinn, und Anatol sank auf die Knie. Danach setzte der Wachmann seine Flucht fort.


Als Anatol sich wieder aufgerappelt hatte, war es seinem Gegner bereits gelungen, einen großen Vorsprung herauszuholen. Erneut versuchte er ihm zu folgen, doch sein Rücken bereitete ihm bei jedem Schritt große Schmerzen. Als er um eine Ecke bog, sah er von weitem, dass der Wachmann in einen gepanzerten Gleitwagen stieg, die Türe schloss und davonraste. Anatol starrte dem Wagen nach, dann ächzte er und stützte sich an einer Hauswand ab. Schließlich ließ er sich an der Mauer herab in eine sitzende Position niedersinken.


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2022 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 4 secs