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Science Fiction
Buch Leseprobe Chroniken der Milchstraße, Martin V. Horvath
Martin V. Horvath

Chroniken der Milchstraße


Die Gestrandeten

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Parikan


Hauptstadt des Planeten Tschangan


22. Dezember 2299


5:34 ZULU-Zeit


 


Auf einer Welt fernab von Terra, Tschangan von ihren Bewohnern genannt, da wurde ein neuer Tag geboren. Gewaltig, feuerrot, irgendwie drohend, stand tief geneigt Tschangans Zentralgestirn am Firmament. Die Sonnenscheibe schien die schneebedeckten Gipfel der Janalisxojong-Berge zu küssen.


   Der Himmel blutete. Xuriquan s Torisk, die Mutter aller Dinge - sie war erwacht!


   Die ersten Sonnenstrahlen des jungfraulichen Tages brachten die vergoldeten Dachschindeln und Kuppeln der Häuser vornehmer Bürger zum Schillern wie herrliche Edelsteine.


   Eine sanfte Brise fächelte von den schroffen Zinnen des Gebirgskamms herab, trug das Odeur des Dschungels bei sich. Die Nase von Sha’kre  Cara’uhn  nahm  ihn  auf. Er schmeichelte sie, dieser süßliche


modrige Duft.


   Auf Kehhl’daar Prime gab es ein Sprichwort: Sag mir, wie es riecht und ich sag dir, wo du bist. Jeder Ort, jede Welt hatte ihre Duftmarke, die feinen Nasen der Kehhl’daaraner konnten sie leicht voneinander unterscheiden. Kehhl’daar Prime beispielsweise wies einen eher erdigen Geruch auf. Cara’uhn war der Ansicht, dass Tschangan ein wesentlich angenehmeres Aroma verströmte, als es die  kehhl’daar-anische Heimatwelt zu eigen hatte. Doch das war Geschmackssache. So manch anderer empfand die Ausdünstungen der Flora und Fauna Tschangans sicherlich als abstoßend.


   Zu Cara’uhns Leidwesen weilte er zu dieser Stunde nicht alleine an jenem Ort. Sein Schwager Cara’hiruus, den er über alles verschmähte, leistete ihm Gesellschaft.


   »Ein schöner Anblick!«, wurde vom verpönten Schwager in die Welt getragen, die süße Ruhe des Moments fand ein jähes Ende.


   »Die Sonnenaufgänge hier sind nicht anders als auf Kehhl’daar Prime«, entgegnete Cara’uhn leidenschaftslos ohne Cara’hiruus einen Blick zuzuwenden. »Auch wir haben eine rote Sonne.«


   »Kehhl’daar Prime! Wie lange ist es her, dass du das letzte Mal dort warst?«


   Erst jetzt wandte sich Cara’uhn dem Schwager zu. »Es sind schon viele Zyklen durchs Land gegangen, seitdem ich das letzte Mal auf der Heimatwelt verweilte, doch kann ich mich nicht entsinnen wie viele. Jedoch müssten es mindestens sechs sein. Wie steht es bei dir?«


   »Ich weiß es ebenfalls nicht genau, doch es müssen drei sein. Wir alle sind weit weg von den Stätten unserer Vorfahren, mein Schwager. Manchmal macht mich das traurig.«


   Cara’uhn lächelte schwach. Überkam Cara’hiruus ein Hauch von Melancholie? Der Kopf bewegte sich weg von Cara’hiruus. Cara’uhn sah wieder auf die Stadt hinaus. Er schnüffelte den anheimelnden Duft des neuen Tages. Gedanken blitzen auf, Erinnerungen an eine Zeit, die längst vorüber war, Reminiszenzen an die Tage seiner Jugend. Die Blütezeit seines Lebens verbrachte er in einer der schönsten Gegenden von Kehhl’daar Prime, der An’mira Ebene.


   Die An’mira Ebene! Eine ausgedehnte Savannenlandschaft, am Nordpol von Kehhl’daar Prime gelegen, üppig an Flora und Fauna. Hohes Gras, gewaltige, mehr als hundert Meter hohe Mammutpalmen, ungezähltes Getier - in der An’mira Ebene erblühte das Leben. Im Zentrum der Ebene lag die Stadt Jelan Kurak’deluk’xu, Hauptstadt der Provinz An’mira. Eine reiche Handelsstadt mit mehr als zweihunderttausend Einwohnern, Wohnstatt vieler angesehener und wohlhabender Leute. Cara’ehn, Kahh’kre der imperialen Flotte, Vater von Cara’uhn, Vertrauter des Provinzpräfekten, gehörte zu ihnen. Einst besaß er ein stattliches Anwesen mit mehreren Tausend Hektar Land am Rande der Stadt. Ein eigenes Jagdrevier gehörte dazu. Oft hatte Cara’ehn seinen Sohn zur Jagd mitgenommen. Auf dem Rücken von großen zweibeinigen Reptilien, die auf Kehhl’daar Prime als Reit- und Lasttier genutzt wurden - die Kehhl’daaraner nannten sie Phar’rak - hetzten sie über die Savanne, immer auf der Suche nach Dier‘juns


   Lebhaft erinnerte sich Cara’uhn daran, wie er und sein Vater nach erfolgreicher Jagd, wenn der Tag zu Neige ging, die Schatten der Nacht heraufzogen, sich an einem Lagerfeuer gemütlich machten und schmackhaftes Dier’jun-Fleisch grillten. Dazu erzählte Cara’ehr Geistergeschichten. Ein anheimelndes Gefühl überkam Cara’uhn, als er daran dachte. Er vermisste zuweilen diese gute Zeit. Eine einfache Zeit, mit weniger Problemen belastet. Ja, die Unschuld der Jugend, wer vermisste sie nicht ab und zu?


   »Wie ist es um die Jagd auf diesen ominösen Space Navy-Offizier bestellt?«, fragte Cara’hiruus unverhofft.


   Diese Worte versetzten Cara’uhn einen Stich im Geiste, brachten ihn unsanft in das Hier und Jetzt zurück.


   »Ganz gut!«, reagierte er kurz angebunden.


   Eine zutreffende Antwort. Der Mensch konnte Si’kra Perla’kon und dessen Männern zwar entkommen, doch bestätigte die Konfrontation in der Nähe der Stadt Falakiskan Cara’uhns Vermutung, dass er versuchte, diese Stadt zu erreichen. Cara’uhn hatte bereits die Order herausgegeben, dass die Truppen in Falakiskan zu verstärken sind. Er hatte den Soldaten eingeschärft, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun sollen, um diesen Menschen habhaft zu werden. Er durfte ihnen keinesfalls erneut durch die Lappen gehen.


  Wenn Zeb. J. Curwen nach Falakiskan kommt, wird er sich wünschen, diese Stadt nie betreten zu haben. Dafür werden Perela’kons Männer sorgen.


   Was diesen Waffenschmuggler anbelangte, wegen dem Cara‘uhn eigentlich nach Tschangan gekommen war: Die Suche nach ihm war bislang ergebnislos verlaufen. Er war jedoch zuversichtlich, dass sie auch ihn früher oder später in die Hände bekommen werden.


   Cara’uhn hatte jedoch kein Interesse an dieser Person, denn sie war für seine Pläne belanglos.


   Gewiss! Der Mann könnte ihm die Hinweise auf die tschanganischen Rebellen genauso gut liefern wie Curwen, doch Cara’uhns Verlangen, diesen Space Navy Captain in seine Gewalt zu bringen, gründete sich nicht nur im Wunsch, aus ihm Informationen über die Rebellen herauszupressen. Es gab da noch einen anderen Grund.


   Rache war das Motiv! Die beiden Männer hatten in der Vergangenheit schon einmal die Klingen gekreuzt, zu Cara’uhns Leidwesen. Die Schmach, die Curwen dem Sha’kre bereitete, schrie nach Vergeltung.


   Man verstummte.


   Cara’uhn sah über die Dächer von Parikan hinweg. Gedankenverloren.


   Cara’hiruus erfasste die tschanganische Hauptstadt mit seinen Reptilienaugen. Zornbebend.


   Wiederkehrend verlor sich Cara’uhns Gedankenwelt in den Strömungen der Zeit, die Gegenwart hinweggespült von der Vergangenheit. Sein Geist versetzte sich in den Abend davor, in den privaten Speisesaal des T’khhal’toor, zu dem ernsten Gespräch, das offenbarte, dass die Schönheit dieser Welt eine tödliche Illusion war.


 


Sie befanden sich im großen Speisesaal, saßen zu beiden Enden eines langen Tisches. Rechts Cara’uhn, links T’harkana, dazwischen eine festliche Tafel: gegrilltes Trinkk’tinika, Z’l’ik-Keulen, geschmorten Guj’juuk, Karaffen mit Götterwein. Doch keiner ließ sich das Mahl munden. Die Mienen der beiden Männer waren verdüstert, schwermütige Gedanken umwölkten ihren Geist, vertrieben gute Laune und Appetit.


   »Es tut mir leid, dass Sie das miterleben mussten, Sha’kre«, sprach T’harkana abgespannt, während er lustlos in seinem Teller mit geschmorten Gul’juuk herumstocherte. »Leider sind solche Aktionen vonseiten der Tschanganer inzwischen an der Tagesordnung.«


   Vor einer Stunde war drei Blocks vom Palast entfernt eine Autobombe hochgegangen, zerstörte zwei militärische Antigrav-Fahrzeuge der Besatzungstruppen, die genau in jenem Augenblick vorbeikamen.  Sieben Soldaten wurden getötet, vier weitere verwundet.


   »Was gedenken Sie dagegen zu tun?«, wollte Cara’uhn wissen.


   »Das übliche«, entgegnete T’harkana schnöde. »Nichts!«


   »Nichts?«, echote Cara’uhn verwundert.


   »Was sollen wir auch schon tun? Die Verantwortlichen finden und zur Rechenschaft ziehen? Auf jeden Rebellen, den wir exekutieren, folgen zwei neue. Sollen wir als Exempel ein Dutzend Tschanganer zusammentreiben und sie erschießen? Das nährt den Zorn der Tschanganer nur noch mehr.


   Welche Schritte wir auch unternehmen, um der Rebellion Herr zu werden, sie sind ohne Nutzen, der tschanganische Widerstand ist nicht zu brechen. Im Gegenteil! Er wird von Tag zu Tag stärker.«


   »Was ist mit der Blockade? Zeigt sie denn keine Wirkung?«


   »Die Blockade? Pah! Sie ist völlig nutzlos!«, polterte T’harkana. »Der Waffenschmuggel konnte kaum unterbunden werden. Vielleicht wäre sie effektiv, wenn ein kompetenter Mann die Aktion leiten würde, doch Sha’kre Cara’hiruus ist das genaue Gegenteil davon.« Ein Lächeln umspielte die Lippen des T’khhal’toor. »Dass Sie ihn bei unserem ersten Treffen der Lüge überführten, hat mein Herz erfreut.«


   Und es erfreut mein Herz, das zu hören, dachte Cara’uhn bei sich. Dass auch   T’harkana   nicht  viel  von  seinem  verfemten  Schwager  hielt,


brachte ihm Genugtuung.


   »Ich werde ehrlich zu Ihnen sein … Cara’uhn. Tschangan ist kaum noch zu halten. Meiner Meinung nach sollten wir von hier verschwinden.«


   Was T’harkana ihm da erzählte, war für Cara’uhn nichts Neues. Zu dem Schluss war er selbst schon gelangt.


   Es  erfüllte  ihn  mit einer gewissen Befriedigung, dass es Leute gab,


die seine Ansichten teilten, sie könnten noch wertvolle Verbündete werden. T’harkana war womöglich ein Mann, der genauso wie er den Geruch des Todes witterte, den das Empire schon seit geraumer Zeit absonderte.


 


Er vernahm den Widerhall von Schritten. Seine Gedanken stürzten  in


die Gegenwart zurück. Er lauschte aufmerksam, erfasste den schnellen Takt der Schritte. Jemand lief. Für einen Kehhl’daaraner hatte Cara‘uhn ein erstaunlich gutes Gehör.


   Die Terrassentür wurde aufgestoßen, ein junger Kehhl’daaraner stürmte auf die Terrasse. Schieres Entsetzen manifestierte sich in seinem Gesicht.


Schlechte Nachrichten, ersah Cara’uhn sogleich.


   »Der T’khhal’toor ist tot!«, brach es aus dem Jungen hervor. Sein Name lautete Malara’kon. Er war der Adjutant T’harkanas, Cara’uhn hatte ihn gestern Abend kennengelernt. Keuchend schnappte Malara‘kon nach Luft, fuhr sich mit der rechten Hand übers Gesicht. Zitterte, atmete schwer. Er machte den Eindruck, als würde er sogleich in Panik verfallen.


   »Tot? Was ist passiert?«, fragte Cara’uhn perplex. Diese Neuigkeit überraschte ihn.


   »Es … es war … Selbstmord!«, erklärte Malara’kon stockend. »Er hat Terkerzin zu sich genommen. Ich habe eine Flasche davon auf seinem Schreibtisch gefunden.«


   »Terkerzin?«,   entgegnete   Cara’uhn   nachdenklich.   »Ein  schnell


wirkendes Gift, der Tod tritt schon nach wenigen Sekunden ein. Ein einfacher, schmerzloser Tod.«


   Cara’uhn bedachte Malara’kon mit gewichtigem Blick. »Bring mich zu ihm!«


Malara’kon nickte stumm, bedeutete Cara’uhn ihm zu folgen.


   Die drei Kehhl’daaraner verließen die Terrasse, durcheilten den angrenzenden Raum.


   Wie  alles  in  diesem  Palast  strahlte  auch jenem Raum beispiellose


Pracht aus.


   Keiner der Kehhl’daaraner würdigte dieser Pracht einen Blick, geschwind schritten sie durch den Raum, auf den Flur hinaus, der von Säulen flankiert wurde und ebenso opulent war wie der Raum, den sie soeben verlassen hatten.


   Als Cara’uhn am Abend zuvor diesen Palast das erste Mal betrat, wurde er vom Prunk überwältigt. Selbst im Herrscherpalast des K’korr’shee’kehhl’daar hatte er nie solch eine Schönheit zu Gesicht bekommen. Jeder Winkel im Regierungspalast von Parikan zeugte vom immensen Reichtum der ehemaligen Tschanganischen Republik.


   Das Geräusch von schweren Stiefeln auf Marmor hallte an den Wänden wider, als die drei Kehhl’daaraner den Korridor entlang eilten.


   Ihr Marsch endete bei einer kolossalen Tür an der Ecke, wo der Gang eine Biegung nach Links vollführte. Mächtig war diese Tür in der Tat. Sie hatte derart gewaltige Ausmaße, dass der Begriff Tor wohl zutreffender wäre.


   Malara’kon stemmte sich gegen einen der beiden Türflügel, schob die Tür einen Spalt weit auf. Er trat als Erster in jenen Raum, in dem etwas Schreckliches geschehen war. Cara’uhn und Cara’hiruus folgten im gewissen Abstand.


   Der Raum hinter der Tür - Cara’uhn kannte ihn bereits. Es war der Speisesaal, in dem Cara’uhn am Tag zuvor zusammen mit dem T’khhal’toor ein Mahl einnahm, wo die beiden Männer ihr Gespräch über die Probleme auf Tschangan führten, wo es Stunden vor dieser Unterredung zum Streit mit Cara’hiruus kam.


   T’harkana saß an jenem Platz, an dem er bereits gestern beim Dinner weilte, im großen Stuhl am rechten Kopfende des Tisches. Der Anblick des verblichenen T’harkana ließ Cara’uhn erschaudern.


   Der ehemalige Regent von Tschangan hing zusammengesunken im Stuhl, den Kopf zur Seite geneigt. Weit aufgerissene Augen starrten leer in den Raum. Die Augen eines Toten: kalt – entseelt, das Feuer des Lebens erloschen. Der Mund offen, Geifer leckte über die Mundwinkel.


   Cara’uhn war einem Irrtum erlegen. Nein! – T’harkanas Sterben war kein Leichtes gewesen. Der Tod kam nicht plötzlich. Lange rang er mit dem Leben, bis er schließlich obsiegte. Ein leichter Tod! Gab es so etwas überhaupt?


   T’harkana schied aus dem Leben, obwohl er keineswegs des Lebens überdrüssig war. Das Gesicht des Toten verriet, dass er sich bis zuletzt an seine Existenz klammerte. Das war zumindest Cara’uhns Sicht der Dinge.


   Doch wenn er nicht sterben wollte, weshalb hatte er dann Selbstmord begannen?


   Eine Frage, die Cara’uhn nicht beantworten konnte.


   Cara’uhns Blick fiel auf einen Thorr’khall, den der Tote in einer Hand hielt, die auf dem Schoß ruhte.


   Sanft entriss er dem Leichnam das Gerät. Er bemerkte, dass es eingeschaltet war. Eine Textdatei war noch immer geöffnet. Ein Brief!


   Cara’uhn las ihn laut vor:


 


   Um mich herum zerfällt alles und ich kann nichts dagegen tun, Tschangan ist für das Empire verloren. Ich habe als Regent dieses Planeten versagt, und die Strafe für Versagen ist der Tod. Verzeihe mir G’lina, meine geliebte Frau. Verzeih mir, dass ich die Schande eines selbst gewählten Todes über unsere Familie gebracht habe. Die Schande des Versagens als Regent wiegt schwerer als die Schande des Todes. Ich hoffe, du verstehst, dass ich nicht anders handeln konnte.


   T’khhal’toor T’harkana, Regent von Tschangan, am 78. Tag im Jahre des Reiches 5479.


   Ernüchtert schmiss Cara’uhn den Thorr’khall auf den Tisch. »So ein Narr!«, brummte er in einem äußerst gedämpften Ton, sodass sein Schwager ihn nicht hören konnte. Denn er wusste, dass dieser ihm widersprechen würde. War er doch gleichfalls ein Narr, der dachte, dass Versagen mit dem Tod bestraft werden musste. Doch galt dies ausschließlich für seine Untergebenen, denn ein Cara’hiruus war unfehlbar.


   Wut kam über Cara’uhn. Er formte seine Hände zu Fäusten, grub die Finger so fest in die Handballen, dass es schmerzte.


   Doch all der Zorn galt nicht T’harkana und dessen Wahnsinnstat sondern dem Wahnsinn im Allgemeinen, dem das Volk der Kehhl’daaraner heimgefallen war.


   Einst gab es für einen Kehhl’daaraner keine größere Schande, als durch die eigene Hand zu sterben, aufgrund solch einer Tat entehrte man sich und seine Familie für Generationen. In den letzten Jahren kam es in bestimmten Kreisen jedoch zu einem Wandel im Denken, der Tod war plötzlich etwas Ehrenhaftes. Triebfeder dieser Entwicklung war Anaka’ruuhn. Der K’korr’shee’kehhl‘daar war besessen vom Ehrenkodex der Taan-Shanarr, für die der Selbstmord ein religiöser Akt darstellte. Wer sich selbst tötet, wurde in die Reihen der Götter aufgenommen.


   Infolge Anaka’ruuhns Säuberungsaktionen, die zahlreiche seiner Günstlinge in Machtpositionen hievte, verbreitete sich dieses Gedankengut wie eine Seuche unter den Offizieren der imperialen Flotte. Es waren vor allem die Jungen, die diesem neuen Denken folgten. Nicht wenige von ihnen verachteten die Traditionen der Alten, nutzten deren Todesfurcht perfide aus, um sie gefügig zu machen, so wie Anaka’ruuhn es bei Laka’ran getan hatte - oder sein Schwager bei seinen Leuten.


   Cara’uhn wusste, dass Cara’hiruus seinen Untergebenen mit dem Tod drohte, wenn sie nicht taten, was er von ihnen verlangte. Nicht selten blieb es nicht nur bei Drohungen, Cara’hiruus ließ schon viele seiner Männer hinrichten.


   Sicher, Verrat und grobe Pflichtverletzung wurden schon immer hart bestraft, meistens mit dem Tode. Doch Leute wie Cara’hiruus fällten Todesurteile oft willkürlich, weil sie in den Irrglauben verfielen, mit Terror Disziplin aufrechterhalten zu können.


   Wahnsinn!


   Dass die imperiale Flotte zahlreiche Offiziere verlor, weil sie dem neuen Denken folgten, sich selbst entleibten, um ihre Ehre wiederherzustellen, war gleichfalls Irrsinn. Viele Leben wurden unnötig einer zerstörerischen Ideologie geopfert. Am selbst gewählten Tod war nichts Ehrenhaftes. Selbstmord war ein Zeichen von Schwäche. Nur Feiglinge wählten den Freitod.


   T’harkanas Selbstmord verdeutlichte, dass auch er ein Anhänger dieser neuen Ideologie gewesen war.


   Welch eine Enttäuschung!


   Nach seinem Gespräch mit T’harkana, hatte Cara’uhn angenommen, in ihm einen verwandten Geist gefunden zu haben, einen möglichen Verbündeten im Kampf gegen Anaka’ruuhn.


   Nun wusste er, dass T’harkana zu diesen Speichelleckern gehörte, die nur durch Anaka’ruuhns Gunst an die Macht gelangt waren. Zumindest war es in seinen Augen so. Er ahnte nicht, dass T’harkana keinen Selbstmord beging, sondern vom Blutorden ermordet wurde. Anaka’ruuhn war seiner überdrüssig geworden und ließ ihn beseitigen.


   Cara’uhn richtete das Augenmerk wieder auf Malara’kon. »Er war verheiratet?«, kam leise tönend eine Frage über seine Lippen.


   Malara’kon nickte, schluckte gequält, bevor er eine Erwiderung von sich gab. Es war für ihn kein Leichtes, seinem Mund Worte zu entlocken, zu sehr hatte der vermeintliche Selbstmord des T’khhal’toor ihn mitgenommen. Die Kehle war trocken, die Zunge fühlte sich taub an, die Sprechorgane hatten Mühe, auch nur einen Buchstaben zu formen. »Seine … seine Frau lebt mit den beiden Kindern auf …« Er sog schnell Luft in die Lunge, um sie flüchtig wieder auszustoßen »… Kehhl’daar R’kari. Ich werde sofort veranlassen, dass sie eine Nachricht vom Tode ihres Mannes herhält.«


Kehhl’daar R’kari! Eine glückliche Welt­, nistete sich ein schwerblütiger Gedanke in Cara’uhns Geist ein.


   Kehhl’daar R’kari war der Name des vierten Planeten des Sternensystems T’urk Ba’hl Kehhl’daar G’sol, einer erdengroßen Welt mit gemäßigtem Klima, üppiger Vegetation. Sie lag circa siebzig Lichtjahre von den Zentralwelten entfernt, an der Grenze zu einem Teil des Alls, der von den Kehhl‘daaranern R’kol’kuuh’s’x genannt wurde - das Land der Schatten. Dort begann das unerforschte Gebiet, die unbekannten Gewässer, die auf keiner Karte verzeichnet waren, Myriaden von Sternensystemen, die noch niemand aus dem Spiralarm besucht hatte. Kehhl’daar R’kari befand sich so weit abseits des galaktischen Geschehens, dass der Krieg nicht bis dort hin vorgedrungen war.


   Zwei Männer der Palastwache traten in den Raum.


   »Go’sa Malara’kon hat uns mitgeteilt, dass etwas mit dem T’khhal’toor nicht stimmt«, erklärte einer von ihnen.


   »So ist es!«, bestätigte Cara’uhn.


   »Was genau?«, wollte der Wachmann wissen. Er schnappte entsetzt nach Luft, als er den Leichnam im Stuhl erblickte.


   »Was ist passiert?«, fragte der andere mit zittriger Stimme, vom Schock befallen.


   »Selbstmord!«


   Für eine Weile verharrten alle Anwesenden in Schweigen, unfähig angesichts dessen, was hier geschehen war, die richtigen Worte zu finden.


   Es war ausgerechnet Malara’kon, dem es gelang, der schmerzenden, in der Seele dröhnenden Ruhe, ein Ende zu bereiten. »Können Sie bitte die Leiche entfernen?«


   Es sprach deutlich aus ihren Augen, dass die Wachmänner nicht sonderlich erfreut über diese Aufgabe waren.


   Zögernd traten sie an die Leiche heran. Einer der Männer umfasste den Toten mit den Armen um die Taille, der andere ergriff die Beine des verschiedenen T’khhal’toor bei den Knöcheln. Der Eine hievte den drahtigen Körper T’harkanas aus dem Stuhl, der andere packte dessen Beine. Unter Ächzen - die Leiche war schwerer als es den Anschein hatte - trugen die Wachmänner den ehemaligen Regenten des Planeten Tschangan aus dem Raum.


   Cara’uhn, Cara’hiruus sowie Malara’kon betrachteten den Vorgang mit ausdruckslosen Mienen. Schwiegen.


   Als die Krieger den Raum verlassen hatten, wandte sich Cara’uhn wieder Malara’kon zu. »Erzählen Sie mir genau, was geschehen ist.«


   »Das … war so«, setzte der ehemalige Adjutant des T’khhal’toor nach einem Moment des Zögerns an. »Wie jeden Morgen um diese Zeit begab ich mich zum Büro des T’khhal’toor. Wie üblich sollte er bereits dort sein, um mit seiner Arbeit zu beginnen. Meine Aufgabe ist es immer, mit ihm den Tagesplan durchzugehen. Ich ging also zum Büro, konnte ihn dort jedoch nicht antreffen. Deswegen ging ich in den Speisesaal. Normalerweise frühstückte der T’khhal’toor in seinem Büro, doch gelegentlich nahm er es auch im Speisesaal ein; wenn er Lust auf ein ausgiebiges Frühstück hatte. Ich trat in den Speisesaal und fand …« Ein Augenblick des Zauderns. »… die Leiche. Den Rest kennen Sie ja.«


   Cara’uhn nickte. »Wer übernimmt nun die Amtsgeschäfte?«, ließ er eine Frage folgen.


   »An für sich ist das die Aufgabe von T’khhal’taar Jele’ruuhn. Der ist aber in seiner zweiten Tätigkeit als Botaniker zu einer längeren Expedition in den Nordosten des Kontinents aufgebrochen und wird erst am Ende dieses Ask’sher-Zyklus zurück erwartet. Leider sind wir außerstande, ihn über den Vorfall zu informieren, weil er keine Kommunikationsgeräte bei sich führt. Er will nämlich bei seiner Tätigkeit nicht gestört werden«, gab Malara’kon Auskunft.


   Cara’uhn schnaubte verächtlich. Das war ja nicht anders zu erwarten. Die hohen Beamten des Empires waren korrupt, egoistisch und unfähig. Es wunderte ihn gar nicht, dass dieser Jele’ruuhn lieber irgendwo Pflanzen sucht, anstatt sich um Verwaltungsaufgaben zu kümmern.


   Ein verwegener Gedanke nahm in seinem Hirn Form an. Wie wäre es, wenn er vorübergehend selbst die Arbeit des T’khhal’toor übernahm? Das wäre ihm bei der Umsetzung seiner Pläne unter Umständen nützlich.


   Nein! Das konnte er nicht, dafür hatte er keine Befugnis. Zudem würde diese Tat Cara’hiruus gegen ihn aufbringen. Und das Letzte, was er im Moment brauchte, war ein Cara’hiruus, der ihm Ärger machte.


   Tu es!, wisperte ihm plötzlich eine Stimme zu. Eine Stimme, die aus seinem Inneren zu kommen schien. Tu es! Das ist ein Befehl!  


   Cara’uhn gab ihrer Bitte nach. Ja, ich werde es tun!, sandte sein Geist eine Antwort.


   »Dann werde ich die Amtsgeschäfte übernehmen, bis der T’khhal’taar zurückkehrt«, verkündete er.


   Cara’hiruus schnappte entsetzt nach Luft. Wie konnte sein Schwager so etwas wagen? »Das kannst du nicht tun, dazu hast du kein Recht!«


   »Das ist wahr!«, gab Cara’uhn unumwunden zu. »Dessen ungeachtet werde ich es tun, verehrter Schwager.«


   »Damit wirst du nicht durchkommen«, knurrte Cara’hiruus erbost.


   »Womöglich nicht. Doch bin ich stets für Überraschungen gut, werter Schwager.« Mit loderndem Blick, der den eisigen Hauch des Hasses verströmte, stierte Cara’uhn seinen widerlichen Schwager an. Hätte er die Möglichkeit dazu, er würde ihn zum S’kir’kre degradieren und zur Müllabfuhr versetzen, wo er hingehört.


   Er wandte seinem Schwager demonstrativ den Rücken zu, ließ sich in jenem Stuhl nieder, in dem sich noch vor Kurzem die Leiche von T’khhal’toor T’harkana befand. »Und nun lasst mich alleine!«, forderte er. »Es gibt viel zu tun.«


   Cara’hiruus reagierte mit einem despektierlichen Knurren. Mit hoch erhobenem Kopf, die Schritte ausladend, stolzierte auf die Tür zu. »Kommen Sie, Malara’kon! Lassen wir diesen Putschisten allein!«, keifte er den Go’sa an.


   Dieser reagierte nicht sofort, war verwirrt, wusste nicht, wie er sich verhalten soll. War es angesichts der Lage richtig, dass Cara’uhn einfach so die Kontrolle übernahm, oder war er ein Revoluzzer, wie Cara’hiruus behauptete?


   Schließlich entschied er sich, Cara’hiruus‘ Aufforderung Folge zu leisten, trottete hinter ihm her.


   Die Ereignisse der letzten Minuten wurden von einem Mitglied des Blutordens, der sich in einem geheimen Raum im Zentrum des Palastes aufhielt, von dessen Existenz nicht einmal der verstorbene T’khhal’toor Kenntnis hatte, mit hochempfindlichen Abhörgeräten aufgezeichnet. Die Daten wurden umgehend nach Kehhl’daar Prime geschickt, landeten nur wenige Stunden später auf dem Schreibtisch des K’korr’shee’kehhl’daar.


   Als Anaka’ruuhn den Bericht las, grinste er zufrieden. Alles lief nach Plan, Cara’uhn handelte genau so wie beabsichtigt.


 


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