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Chronik eines Grenzgängers


Lucys Verwandlung

von Darius Buechili

science_fiction
ISBN13-Nummer:
B00I0IN6Z0
Ausstattung:
625 Seiten, Kindle-Edition. 704 Seiten, Paperback (19,37 EUR in DE).
Preis:
5.98 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Artegenium
Leseprobe

1: Zeitenbruch

Der Motor lief, das Heizungsgebläse schnurrte auf niedriger Stufe. Gero Schmidt, Monteur für Verschrottungsmaschinen der Hanold GmbH, befand sich an einem kalten Novemberabend der siebziger Jahre auf der Strecke von Frankfurt nach Salzburg, knapp vor der bayrisch-österreichischen Grenze. Er hatte auf einem der Autobahnparkplätze Halt gemacht, die Lehne des Fahrersitzes zurückgelegt und döste vor sich hin.

Eine Weile schlummerte er in dieser Lage, bis ihn irgendwann ein dringendes Bedürfnis dazu brachte, das Fahrzeug zu verlassen und sich etwa zwanzig Meter entfernt, bibbernd und mit geschlossenen Augen, dem befreienden Gefühl hinzugeben, seine Blase zu entleeren. Er schloss gerade den Reißverschluss der Hose, als ganz in der Nähe eine Wagentür zuschlug. Seine Wagentür.

Der von Ermüdung umklammerte Verstand reagierte erst nach einer relativ langen Totzeit auf das Signal und veranlasste ihn, träge zum Auto hinüberzublicken. Doch dann wurde Schmidt plötzlich hellwach, so abrupt, als hätte man ihm ein Stück Eis in den Kragen gesteckt: Im Scheinwerferlicht eines vorbeifahrenden Sattelschleppers erkannte er, dass jemand auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte. Die Gestalt trug eine weit über die Ohren reichende Kopfbedeckung, wie sie früher bei Motorradfahrern üblich gewesen war.

Ein Streifenpolizist? Wohl kaum, denn ein solcher hätte sich neben das Auto gestellt und darauf gewartet, bis der Fahrer zurückgekehrt wäre, falls es etwas zu beanstanden gäbe. Und ein Motorrad war ebenfalls nicht zu sehen. Diese Möglichkeit konnte er also ausschließen. Es musste jemand sein, dem es nicht auf den Wagen selbst ankam. Vielleicht ein Anhalter, der Zuflucht vor der Kälte gesucht hatte

Schmidt betrachtete unauffällig den Sternenhimmel, fixierte den Fremden dabei argwöhnisch aus den Augenwinkeln. Es erschien ihm jetzt geradezu leichtfertig, dass er das Auto unversperrt gelassen hatte, wenn auch nur für wenige Minuten. Leider lag seine Jacke auf der Rückbank, andernfalls wäre es wohl das Einfachste gewesen, von einer Notrufsäule aus die Polizei zu verständigen. Aber er war in Hemd und Hose, der Wind kam eisig von der anderen Seite der Straße und drang unerbittlich durch den dünnen Stoff.

Er ging also zum Wagen zurück, darauf gefasst, dass es zu einer tätlichen Auseinandersetzung kommen könnte. Dort angelangt, öffnete der Fremde die Beifahrertür und nickte ihm zu. Er war um die vierzig, auf den ersten Blick weder Polizist noch ein anderer Exekutivbeamter, und trug eine altmodische Fliegerhaube aus Leder, an der eine Pilotenbrille angebracht war. Den Riemen hatte er geöffnet, sodass Schmidt sofort das jugendlich markante Gesicht seines ungebetenen Gastes ins Auge fiel, dessen Züge Zielstrebigkeit und Selbstbewusstsein vereinten.

Der Monteur war fassungslos. Wie konnte jemand ihm, dem Eigentümer des Fahrzeugs, mit einem solch kecken und herausfordernden Verhalten begegnen? Als der Mann seine abweisende Miene gewahrte, verschwand die Höflichkeit übergangslos: Das Gesicht nahm einen autoritären, geradezu grotesken Ausdruck an.

»Oberstleutnant von Eisenach«, stellte sich der Fremde vor, seine adelige Herkunft betonend, und erst jetzt fielen Schmidt die Rangabzeichen aus dem Zweiten Weltkrieg auf. »Ich habe mit Ihrem Einverständnis gerechnet und in Ihrem Wagen Platz genommen, während Sie …«, er räusperte sich, »Ihr kleines Geschäft verrichteten. Bringen Sie mich zur nächsten Ortschaft!«

Es war sein Tonfall, seine befehlend kalte, herrische Art, die Gero Schmidt dazu brachte, die aufsteigende Aggression zurückzuhalten. Andernfalls hätte er dem ungebetenen Besucher wohl nahegelegt, sich zum Teufel zu scheren. Aber so schwieg er und von Eisenach erriet vermutlich seine Ratlosigkeit. Sie sahen sich eine Weile schweigend an, ehe der Oberstleutnant mit einer Kopfbewegung auf den kahlen Laubwaldstreifen wies, der den Rastplatz vom offenen Land abgrenzte.

»Ich musste dort drüben mit meiner Maschine runtergehen. Ausfall des rechten Triebwerks und dann gleich Probleme mit dem linken. Konnte mir leider den Landeplatz nicht mehr aussuchen. Der Teufel wollte es, dass ich quer gegen die Furchen auf dem steingefrorenen Acker aufsetzte. Das riss mir beide Fahrwerke weg. Hatte aber noch Riesenglück: Es hätte schlimmer ausgehen können!« Von Eisenach sah ihn abschätzend an. »Verstehen Sie etwas vom Fliegen?«

Der Monteur unterdrückte das Bedürfnis, dem obskuren Spiel seines Gegenübers ein jähes Ende zu bereiten. »Wenig«, antwortete er, während er zum Laubwaldgürtel hinüberspähte. Er konnte dort beim besten Willen nichts ausmachen. Der dichte Bodennebel verhüllte sämtliche Details, ließ vereinzelt nur kahle Sträucher erkennen.

»Die Maschine ist von hier aus nicht zu sehen«, sagte der andere, seine Gedanken erratend.

Eine seltsame Unwirklichkeit trat zwischen die beiden, trübte Schmidts Wahrnehmung. Für einen Moment vermeinte er zu träumen, doch fühlte er andererseits auch deutlich, wie sich die Wirklichkeit jedes Mal beißend bemerkbar machte, wenn der scharfe Wind über sein Gesicht nadelte.

»Welcher Typ Flugzeug?«, fragte er, mehr aus Neugierde, um herauszufinden, wohin dies alles führte.

»Eine brandneue Messerschmitt 262-A1. Ein paar Tausend von dieser Sorte und der Krieg wäre in wenigen Wochen zu Ende.«

»Der Krieg? Ist das ein Manöver der Deutschen Bundeswehr?«

Abermals verhärtete sich der Gesichtsausdruck des Fremden. »Sie bezeichnen unsere Wehrmacht als Bundeswehr?! Für diese Aussage gebührt Ihnen auf der Stelle die Kugel!«

Seine Worte kamen wie ein Feuerstoß aus einem MG 42. Für Sekunden sagte er nichts. Und dann mit gesenkter Stimme: »Sind Sie desertiert? Oder … verrückt? In beiden Fällen täte ich als Offizier vor Gott, dem Reich und unserem Führer nur meine Pflicht, Sie standrechtlich zu erschießen und auf dem Parkplatz liegen zu lassen, mit einem Zettel auf der Brust, der jedermann anweist, auf Ihre Leiche zu pissen!« Er musterte ihn verächtlich. »Gefällt Ihnen nicht, wie?«

»Nein. Ist ja auch nicht gerade freundlich, was Sie da sagen.«

Schmidt kam zu der Ansicht, dass er es mit einem Geisteskranken zu tun haben musste. Aber die Kleidung und die Rangabzeichen? Sie wirkten täuschend echt. Auf der anderen Seite war es bestimmt kein Problem, sich solche Stücke zu besorgen, wenn man die richtigen Leute kannte. Sammler zum Beispiel. Die horteten derlei Dinge. Wahrscheinlich würde er morgen in der Zeitung lesen, dass man einen Irren eingewiesen habe, der unter der Wahnvorstellung litt, ein Oberstleutnant aus dem Zweiten Weltkrieg zu sein. Vorausgesetzt, er selbst käme heil aus der Situation heraus. Mann, o Mann! Dass ausgerechnet ihm so etwas passierte!

Er beugte sich in die offene Tür, seinen Blick auf die eisgrauen Augen von Eisenachs gerichtet. »Hören Sie, ich bin kein Freund von Gewalt, aber ich versichere Ihnen, dass ich nicht zögern werde, Sie aus dem Wagen zu werfen, wenn Sie nicht umgehend verschwinden!«

Der andere reagierte auf der Stelle. »Was, Sie drohen mir?!« Er vollzog eine flinke Bewegung nach unten, und als er den Arm wieder hob, hielt er in der Rechten eine P-08, eine jener Waffen, mit denen die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg ihre Offiziere ausgestattet hatte. Mit der Linken riss er blitzschnell den Kniegelenkverschluss zurück. »Offenbar begreifen Sie den Ernst der Lage nicht! Also hören Sie mir jetzt gut zu: Ihr Fahrzeug ist beschlagnahmt! Ich verfüge so lange darüber, bis Sie mich zur nächsten Ortschaft gebracht haben. Und falls Sie mir Schwierigkeiten machen, dann verfahre ich mit Ihnen wie mit jemandem, mit dem wir im Krieg stehen. Dann blase ich Ihnen Ihr Lebenslicht aus!«

In Schmidt regten sich nun arge Zweifel über die von ihm erwogene Theorie, und auch wenn die bisherigen Folgerungen dagegen sprachen: Etwas sagte ihm, dass der Fremde mehr bei Verstand war, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte, und dass seine Worte keineswegs eine leere Drohung darstellten.

Die Waffe war aus nächster Nähe auf seinen Kopf gerichtet. Alles erschien überdeutlich erkennbar und trotz der schlechten Lichtverhältnisse von derart unnatürlicher Schärfe, dass er sogar den hellen Bug des Fingerknöchels am Abzug registrierte. »Ich traue Ihnen das durchaus zu, ungeachtet der Tatsache, dass ich als Österreicher doch als Verbündeter gelten müsste …«

War es Spielerei oder ein sechster Sinn? Jedenfalls glitt er nahtlos in die ihm zugedachte Rolle über.

»Das ist noch lange kein Grund, Sie mit Samthandschuhen anzufassen! Worauf warten Sie? Etwa darauf, dass ich Ihnen vorher die Kugel zeige, die ich durch Ihren Schädel jage, wenn Sie sich nicht umgehend in Bewegung setzen?«

Dabei hob er den Arm und Gero Schmidt sah das schwarze Loch der Mündung wie das Auge eines Zyklopen auf sich gerichtet.

»Zu Ihrer Information«, fuhr der Fremde fort, »die Durchschlagskraft des Geschosses ist enorm. Es durchdringt den Kopf sogar in zehn Metern Entfernung! Neun Millimeter hat das Ding. Schön unter das Kinn platziert hebt es das Schädeldach ab. Kein erfreulicher Anblick, sage ich Ihnen! Ihr Hirn, Ihre Identität, alle Erinnerungen, Gefühle, Wünsche werden mit einem Schlag zu kleinen graublassen Klümpchen zerbersten, hübsch verteilt in der Umgebung.«

Er lächelte mit geschlossenem Mund; dann gefror dieses Lächeln zu einer Maske.

»Und wenn das weniger nach Ihrem Geschmack ist, ein Genickschuss verläuft sauberer. Hinterlässt keine solche Schweinerei. Aber genug jetzt! Sie haben zwei Möglichkeiten, mit dem Leben davonzukommen: Entweder Sie suchen umgehend das Weite und überlassen mir den Wagen, oder Sie nehmen hinter dem Volant Platz und bringen mich zum nächsten Ort!«

Schmidt entschied sich für Letzteres, obwohl er kein gutes Gefühl dabei hatte. Doch immer noch besser, als Fahrzeug, Ausweispapiere und Jacke aufzugeben. Er ging resigniert um das Auto herum und setzte sich ans Steuer.

Mit aufheulendem Motor und quietschenden Pneus jagte er den Wagen auf die Autobahn hinaus, einen Audi 80 LS mit fünfundsiebzig PS. Ziemlich neuwertig: Baujahr 1973. Zumindest war das vor einer Viertelstunde so gewesen. Als er jetzt aber auf das Armaturenbrett sah, machte er eine beunruhigende Entdeckung: Das Interieur hatte sich geändert! Die Instrumente schienen plötzlich viel kleiner zu sein, außerdem rund und in ein steiles Board eingebaut. Aus der Konsole ragte ein großes, dünnes Lenkrad mit einem Hupenring aus vier Speichen und einem Mercedes-Emblem in der Mitte. Und rechter Hand fiel ihm der lange, sperrige Schalthebel auf.

Erstaunlicherweise gewöhnte er sich schnell an die neuen Umstände und schaltete die Gänge hoch, als ob er schon immer mit diesem Auto unterwegs gewesen wäre. Es irritierte ihn auch nicht, dass er auf einer unasphaltierten Landstraße fuhr, die kurvenreich hügelauf und hügelab durch Freiland verlief.

Mit dem Wegfahren hatte sich die Stimmung des Oberstleutnants deutlich gewandelt: Er saß jetzt zufrieden neben ihm, seine Mütze auf den Knien. Die Waffe hatte er gesichert und ins Futteral zurückgesteckt.

»Kein Wagen für arme Leute, den Sie da fahren: eine Mercedes-320er Pullman-Limousine. Sechs Zylinder mit achtundsiebzig Pferden unter der Haube.« Er strich sich über das Kinn. »Was sind Sie eigentlich von Beruf?«

»Konstrukteur«, erwiderte Schmidt. Es interessierte ihn nicht, ob dies nun der Wahrheit entsprach oder nur eine weitere Folge der veränderten Umstände war. Die Antwort hatte sich ihren Weg selbst gebahnt.

»Dann müssen Sie aber sehr gut verdienen … oder ausgezeichnete Kontakte nach oben haben.«

Der Oberstleutnant sah auf die Autobahn hinaus, die feingliedrig schlanken Finger ineinander verschränkt. Dabei saß er ebenso regungslos da wie ein Gepard, der die Wildnis beobachtet.

»Sie als Österreicher, waren Sie eigentlich für den Anschluss?«, unterbrach er plötzlich das Schweigen.

Schmidt überlegte, ob er die Frage einfach ignorieren sollte. »Dagegen!«, sagte er schließlich.

Von Eisenach blickte ihn missmutig an. »Wie, gegen den Anschluss? Und das sprechen Sie auch noch so offen aus? Was ist los mit Ihnen, Mann!?« Er schüttelte angewidert den Kopf. »Abgesehen davon: Der Anschluss ist doch zum Besten beider Länder. Gemeinsame Wurzeln – wenn man mal von euren slawischen Anteilen absieht –, ähnliche Interessen, dieselbe Sprache! Und mit dem Krieg liefern wir die passende Antwort auf den Deutschenhass, der schon viel zu lange im fremdvölkischen Unterholz schwelt und durch den Vertrag von Versailles vor der ganzen Welt offenkundig wurde.«

Ein Fahrzeug tauchte plötzlich aus der Dunkelheit auf, kam rasch näher und fuhr knapp an ihnen vorbei. So kurzzeitig die Begegnung auch gewesen war: Schmidt hätte schwören können, dass es sich um einen VW vom Typ 82, einen sogenannten Kübelwagen, gehandelt hatte.

Der andere zitierte indessen pathetisch einen Auszug aus Lohengrin: »Nun ist es Zeit, des Reiches Ehr’ zu wahren; ob Ost, ob West, das gelte allen gleich! Was deutsches Land heißt, stelle Kampfesscharen, dann schmäht wohl niemand mehr das Deutsche Reich!«

Nach dem Verstreichen einer kurzen rhetorischen Pause setzte er fort: »Übrigens ist die Schande von Versailles ein Musterbeispiel an politischer Kurzsichtigkeit und Alliierten-Arroganz. Dieser Krieg ist uns aufgezwungen worden, denn kein gesundes Volk lässt sich auf Dauer seine Lebenssubstanz entziehen. Was man Deutschland angetan hat, kann man nicht mit Schönfärbereien wie Reparationsleistungen umschreiben. Man wollte damit eine ganze Nation auslöschen!«

Schmidt sah ihn abschätzend von der Seite an, um dann den Blick wieder durch das Steilfenster hinaus auf die Landstraße zu richten. Die Szenerie erschien ihm nach wie vor surreal, aber in seinem Inneren löste sich nun die zeitliche Bindung an die Welt des Oberstleutnants und verlagerte sich in seine eigene Gegenwart zurück. »Der Vertrag von Versailles wirkte wie ein Katalysator für extremistische Gesinnungen«, bemerkte er. »Sie wissen doch, dass Deutschland den Krieg verloren hat?«

Er hätte selbst nicht zu sagen vermocht, warum er eine derart provokante Frage stellte. Vielleicht hegte er die ferne Hoffnung, auf diese Weise wieder in seine gewohnte Wirklichkeitsebene zurückkehren zu können.

»Und dass seine Gegner, die eigentlichen Drahtzieher dieses Schlamassels, alles, was von Ihrem schönen Deutschland übrig geblieben war, unter sich aufgeteilt haben?«, setzte er nach und bohrte damit seinen verbalen Dolch nur noch tiefer in den anderen.

Von Eisenach packte mit festem Griff seinen Oberarm. »Was reden Sie da, Mann!?«, rief er, die Pistole wieder in die Hand nehmend. »Das ist Hochverrat!«

»Warum Hochverrat?«, ereiferte sich Schmidt. »Hitler ist schon lange tot! Tot! Wann geht das endlich in Ihr Hirn hinein? Er hat sich ein paar Tage vor der bedingungslosen Kapitulation im Keller des Reichsbunkers erschossen!«

Er beugte sich für einen Moment zu seinem Fahrgast, sah ihm dabei mit sardonischem Lächeln direkt in die grimmigen Augen. »Seine Frau, Eva Braun, zerbiss ein Giftröhrchen mit Zyankali. Anschließend hat man ihre Leichen mit Stofflappen umwickelt, mit Benzin übergossen und verbrannt. Das geschah in den Nachmittagsstunden des 30. April 1945. Nun, was sagen Sie jetzt, Herr Oberstleutnant?« Schmidt genoss geradezu die zerstörerische Wirkung, die seine Worte auf den Fremden haben mussten.

»Sie Volksverhetzer! Ich werde dafür sorgen, dass man kurzen Prozess mit Ihnen macht!«

»Offenbar ist Ihnen auch entfallen, dass der politische und militärische Stab, bis auf wenige Ausnahmen, ein ähnliches Schicksal hatte«, fuhr Schmidt unbeirrt fort. »Entweder richteten sich die Männer selbst oder sie wurden durch andere gerichtet.«

Von Eisenach verstärkte den Griff, sodass der Schmerz im Oberarm anschwoll. Trotzdem konnte der Monteur nicht an sich halten. »Über fünfzig Millionen Menschen kamen in diesem Krieg ums Leben! Fünfzig Millionen! Viele davon in Konzentrationslagern. Und wie sieht Deutschland heute aus? Jahrzehnte nach dem Krieg ist es immer noch von Alliierten besetzt. Der Traum vom Dritten Reich ist endgültig ausgeträumt!«

Der Offizier zog wie wild an seinem Ärmel und schrie: »Fahren Sie rechts ran! Sofort!«

»Das werde ich nicht tun!«

»Das ist ein Befehl!«

»Nicht für mich«, sagte Gero Schmidt kühl. »Ich bringe Sie jetzt dorthin, wo Sie hingehören.«

Er vernahm die Antwort nicht mehr, spürte nur noch, wie er mit Gewalt in Richtung Tür geschleudert wurde und wie sein Kopf hart gegen die Seitenscheibe schlug. Dann verlor er das Bewusstsein.

Eine unbestimmte Zeitspanne verstrich. Waren es Minuten? Waren es Stunden? Er wusste es nicht. Als er wieder zu sich kam, kauerte er im Dunkeln über den Volant seines Audis gebeugt.

 

Leseprobe: Darius Buechili, „Chronik eines Grenzgängers: Lucys Verwandlung“

Copyright by Artegenium Verlag.

Klappentext

Der Monteur Gero Schmidt führt ein Leben wie jeder andere, bis er eines Tages unter mysteriösen Umständen aus der Gegenwart gerissen und einige hundert Jahre in die Zukunft transferiert wird. Dort kommt er im Körper von Darius Buechili wieder zu sich, in einer Zeit, in der sich die Elitestadt Anthrotopia vom Rest der Welt abgeschottet hat und sehr erfolgreich an wissenschaftlichen Grenzthemen arbeitet. Die größten Geißeln der Menschheit, Alterung und Krankheit, sind weitgehend überwunden. Nur der Tod ist immer noch ein Problem.
Schmidts Transfer nach Anthrotopia erfolgt genau zu jenem Zeitpunkt, als eine praktikable Lösung gefunden zu sein scheint: die Konvertierung sämtlicher biologischer Körperzellen in synthetische. Ausgerechnet an Lucy Hawling, Buechilis engster Freundin und Schwester des Spitzenwissenschaftlers Ted Hawling, soll der Pilotversuch vorgenommen werden. Und das, obwohl niemand weiß, wie viel von Lucys Persönlichkeit dabei erhalten bleiben wird ...              

Rezension