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Science Fiction
Buch Leseprobe Boney M. und Co., Th. Pensator, Kurt Kobler, Wilfried Hary
Th. Pensator, Kurt Kobler, Wilfried Hary

Boney M. und Co.


Th. Pensator u. a.: Anthologie - unter andere

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»Doch! Es gibt sie. Es gibt sie auch in Deutschland! Auch wir haben Geister, Gespenster, Gnome, Kobolde, Trolle. Was du möchtest.«


Bernds Gesicht zeigte rote Hektik-Flecken.


»Ach Quatsch, Geister? Du spinnst wohl! Wo sind sie denn, deine Gespenster. Zeig mir mal
e i n  authentisches Foto von deinen Geistern. Das sind doch die Stories von inkontinenten alten Trullas, die sich noch mal wichtig machen wollen.«


Harald wischte die Argumente seines Freundes mit einer Handbewegung davon.


»Aber warum gibt es denn immer noch so viele Berichte von spirituellen Wesen? Das erzählen die Leute doch nicht nur so zum Spaß.« Bernd schlug dabei mit der flachen Hand auf den Tisch.


»Warum sie das erzählen, weiss ich nicht. Da musst du mal einen Psychologen fragen. Ich weiss nur, das alle Bilder, die ich bis jetzt gesehen habe, verwackelt oder verschwommen waren. Darauf war nichts zu erkennen.« Harald lehnte sich bequem in seinem Sessel zurück und schob die esoterische Zeitschrift, welche im Bernd gezeigt hatte, demonstrativ von sich. »Weibergewäsch!«


»Aha, Weibergewäsch. Du denkst, ich rede Weibergewäsch.« Bernd verstieg sich immer tiefer.


»Ja, Weibergewäsch. Niemand, der auch nur einen Funken von Verstand in seiner Birne hat, fällt auf so einen Unsinn rein.«


»Ach so ist das! Pass mal auf...« Bernd öffnete jetzt eine Mappe, in der sich sein Heiligtum befand. Argumente und Beweise. Niemand hatte sie bisher gesehen. Aber jetzt, da Harald ihn so gereizt hatte, wollte er sie auf den Tisch legen.


»In England sieht man die Sache anders. Niemand lacht über solche Berichte.«


»Ja in England... da haben sie auch noch eine Queen.«


»Was hat das denn damit zu tun?« Bernd nutzte das schwache Argument, um weiter auszuholen.


»Was hat die Queen damit zu tun, dass die Leute dort sich Ghost-Stories erzählen.«


»Na, die hängen doch an allem Alten. Tradition. Merry Old Endland. Dazu zählen auch die Gespenster- Geschichten.«


»Und wir haben keine Tradition?«


»Ach, wer kümmert sich hier denn noch um alte Schlösser und Burgen?" Harald grinste breit. Das wollte Bernd genauer wissen.


»Wir haben also keine Tradition mehr?«


»Nö, wenn du es so willst, nicht!«


»Alles verschwunden. Durch die letzten Kriege. So einfach soll das sein.«


»Könnte man sagen.« Harald freute sich, wie leicht er Bernds Argumente widerlegen konnte.


»Und wenn es einfach nur Angst ist. Angst, dass die Gespenster wiederkommen könnten?«


»Jetzt spinnst du aber total!«


»Nein, das ist mein Ernst, Harald. Völliger Ernst. Der sogenannte Rationalismus läßt keinen Platz für spirituelle Erscheinungen. Wir haben diese Ebene in unserem Denken vollständig verbannt.«


»Ja und weiter? Ist doch gut so. Was soll denn dabei herauskommen, wenn wir den Deckel wieder aufmachen?«


»Aha! « Bernd schien Überwasser zu gewinnen. »Wir haben den Deckel also zugemacht, um die Geister in der Flasche zu halten.«


»Ja, meinetwegen auch das.« Harald winkte ärgerlich ab. »Was haben wir denn davon, wenn die Leute wieder an Geister glauben. Hexenverbrennungen gab es in der Vergangenheit genug.«


»Und das berechtigt uns, einen Teil der Realität vollkommen auszublenden?« Bernd kniff die Augen zu einem Schlitz zusammen.


»Jetzt siehst du aus wie Onkel Dagobert, der gerade eine neue Goldader entdeckt hat. Im Ernst, lassen wir doch die Toten ruhen.«


»Wenn sie aber gar nicht ruhen wollen, gar nicht ruhen können, aus welchen Gründen auch immer?


»Ach was? Tot ist tot! Es ist noch niemand wieder zurück gekommen.«


»Außer Jesus vielleicht. «


»Meinetwegen, aber das ist auch schon über 2000 Jahre her.«


Jetzt öffnete Bernd die vorher verschlossene Mappe und zog einen Stapel eng beschriebener Berichte hervor.


»Was holst du da denn aus der Unterwelt hervor?«


Bernd ging nicht auf den Witz von Harald ein.


»Den Mortimer-Lesly-Bericht von der Universität of Buckingham, Psychologische Fakultät.«


»Aha, interessant, zeig mal her.«


Bernd zögerte noch. Er reichte den wertvollen Stapel langsam über den Tisch.


»Das ist alles in englisch... das hätte ich mir denken können.«


 


Draußen wir es mittlerweile dunkel geworden. Nur einer kleine Tischlampe spendete ein trübes Licht. Harald erhob sich und zog die Vorhänge zu. Draußen peitschte ein kalter Novemberregen die schon nassen Strassen. Bald würde erster Frost und Schnee dem Herbstwetter ein Ende bereiten. Jetzt hielt man sich besser in der warmen Stube auf.


»Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja... « Harald blätterte die engbeschriebenen Seiten durch. Gelegentlich verharrte er, wenn er eine Skizze oder ein Diagramm fand. Bernd begann, die Lesly- Studie zu erläutern.


»Lesly ist mit seiner Gruppe zu Tausenden von Engländern gegangen und hat sich deren Geschichten über Gespenster angehört und hat dann deren Erzählungen statisch aufgenommen.  Gleichzeitig«, Bernd erhob seinen Zeigefinger, um die Wichtigkeit des Gesagten zu unterstreichen, » gleichzeitig hat eine zweite Gruppe von Interviewern, ohne Kenntnis der Ergebnisse der ersten Gruppe, die Leute psychologisch befragt. Es ging dabei um Geisteskrankheiten in der Familie und andere Auffälligkeiten.«


»Ja und... «, wollte Harald gelangweilt wissen.


Bernd nahm Harald einen flachen Ordner aus der Hand und suchte darin nach einer bestimmten Seite.


»Hier. Diese Gegenüberstellung zeigt, das die Gruppe von Personen, die über Geistererscheinungen berichtet hatte, keine... « Harald unterbrach ihn.


»... keine psychologischen Auffälligkeiten hatte. Ist schon klar, sonst würdest du mir nicht diesen bericht vor die Nase halten. Und was ist aus dem Bericht herausgekommen?«


»Herausgekommen ist«, antwortete Bernd seinem Gegenüber,«dass Tausende normale Bürger der Britischen Inseln über Phänomene berichten können, die auf der spirituellen Ebene zu liegen scheinen.«


»Gut, wenn die Leutchen auch nicht verrückt sind, so sind die Engländer doch alle etwas verschroben. Wie sagt man dort... sie haben einen Spleen. Die finden es cool, von Poltergeistern auf dem Dachboden zu erzählen, abends am Kamin, mit einem Glas Whisky in der Hand.«


»Das kann sein. Das will ich gar nicht abstreiten, das der eine oder andere... «


»...oder alle... «, fiel ihm Harald ins Wort.


»Nein, das glaube ich weniger. Ich denke, die Engländer haben sich, vielleicht weil sie abseits auf ihrer Insel wohnen, diesen Phänomenen gegenüber offen gehalten. Es lacht niemand über sie, wenn sie davon erzählen, denn der Kollege oder Nachbar hat auch schon Ähnliches berichtet.«


»Also man braucht nur an Geister zu glauben und schon sind sie da.«


»So einfach wird es nicht sein. Dazwischen liegen bei uns bereits Generationen  aufgeklärter Skeptiker, Rationalisten, welche die spirituelle Traumzeit in die Vergangenheit verbannt haben.«


Bernd schien jetzt vollkommen in Gedanken. Sein Blick war nach innen gerichtet.


»Ich glaube, wir haben uns dicht gemacht gegenüber der spirituellen Welt. Wir haben unsere rationelle Ebene versiegelt. Nichts soll unsere materialistische Weltanschauung stören."


»Wenn es die Geister tatsächlich gibt, Bernd, dann könnten sie sich doch gefälligst bemerkbar machen, irgendwie...


»Ja, aber wenn du zum Beispiel jetzt nicht nach draußen blickst«, Bernd wies auf die geschlossenen Vorhänge des großen Stubenfensters, »dann kannst du auch das graue Novemberwetter vollständig anzweifeln.«


»Da ist etwas dran. Ich brauche nur nicht hinauszuschauen. Aber ich weiss ja, das Herbst ist.


»Ja, weil du vorhin rausgesehen hast.«


»Okay, und wie  s e h e  ich die Geister?


»Das müsste man mühsam wieder erlernen.«


»Wenn ich das aber gar nicht will? Vielleicht ist es gar nicht erfreulich, was man da sieht auf deiner spirituellen Ebene... ach was«, Harald schüttelte den Kopf, um diese Gedanken wieder aus seinem Kopf zu verscheuchen. » Die Psychologen haben erklärt, das man all diese Phänomene wie Tischrücken auch anders, also rein wissenschaftlich, deuten kann. Es braucht dazu keine Mystik.«


Für heute ließen sie es dabei bewenden. Bernd holte eine Flasche Wein und zwei Gläser. Dann legte er eine CD ein, und sie lauschen beide schweigend den romantischen Klängen von Mendelssohn- Bartholdy.


2.


 


An einem der folgenden Tage erhielt Bernd einen größerem Umschlag mit der Post. Ungeduldig riss er den Verschluss auf und entnahm ein dickes Manuskript.


Es trug den Titel:


Geheime Übungen zum spiritistischen Sehen.


Gespannt blätterte er das dickleibige Werk durch. Es schien in Form eines Lehrgangs aufgebaut. Beginnend mit einfachen Übungen zur Entspannung und Meditation ging es über zu Praktika mit Titeln wie "transparente Wände", "feinstoffliche Betrachtungen" oder "richtige und gefährliche Anwendungen".


Bernd begann das erste Kapitel zu lesen. Es enthielt eine leichte Übung zur vollkommenen Abschirmung gegen äußere Einflüsse:


»Sie müssen in Ihrer Vorstellung drei Mauern um sich errichten. Beginnen wir mit der äußeren Mauer. Stellen Sie sich diese Mauer fest wie eine Burgmauer vor. Nun sagen Sie in Gedanken:
›Ich erfülle keine Erwartungen!‹


Visualisieren Sie dabei eine dicke Burgmauer, die Sie einschließt und sprechen Sie innerlich den vorgegebenen Satz nach. Die zweite Mauer muss noch stärker sein, als die äußere. Versuchen Sie es, sich auszumalen.


Die zweite Formel lautet: ›Die Welt existiert nur in meiner Vorstellung!‹«.


Bernd merkte, wie er beim Üben des zweiten Teiles ruhiger wurde.


»Die dritte und letzte Mauer, die Sie umgibt, muss unüberwindbar sein. Nichts kann sie durchdringen!«


In Bernds Innerem sah er, wie er sich gegen die kühle Mauer lehnte.


Nun folgt der letzte Satz: »›Es hat alles keine Bedeutung‹
Mit diesem Befehl erreichen Sie die größtmögliche Gleichgültigkeit.«


Bernd fühlte sich nun völlig unbeteiligt und frei.


»Üben Sie diese Autosuggestionsmethode so oft wie möglich.«


Bernd blätterte nun zum zweiten Kapitel weiter. Dieses enthielt weitere Übungen zur Entspannung und Meditation. Bernd überschlug diese Seiten. Bei Bedarf würde er auf die entsprechenden Übungen noch zurückgreifen, aber jetzt war er gespannt, was das Manuskript weiter enthielt.


"Transparente Wände." Das klang vielversprechend.


»Um durch Wände sehen zu können, müssen Sie lernen, diejenigen elektromagnetischen Wellen zu erfassen, die in der Lage sind, auch durch dicke Wände zu dringen. Radiowellen kommen ungehindert auch durch feste Wände aus Stein.«


Bernd schüttelte ärgerlich den Kopf. Wofür hatte er sein Geld rausgeschmissen. Wie sollte man Radiowellen empfangen? Er hatte schließlich keine Antennen auf dem Kopf!


Missmutig blätterte er weiter.


"Feinstoffliche Betrachtungen".


Was war das wieder?


»Haben Sie Erfolg mit den vorhergehenden Übungen gehabt, können Sie wir getrost weiterfahren.«
Aha, so war das also. Wenn er die vorhergehenden Praktika nicht beherrschen würde, konnte man dem leichtgläubigen Adepten leicht die Schuld für seine Unfähigkeit in die Schule schieben.


Und da man nun nicht durch Wände sehen konnte... demotiviert schlug Bernd die nächsten Seiten auf. Diese Seiten enthielten die üblichen verschwommenen Fotos von feinstofflichen Ausdünstungen und verwaschene Schemen von "authentischen" Astralleibern. Das Machwerk  mit den Titel:
"Geheime Übungen zum spiritistischen Sehen" enthielt also wieder nur die übliche Mischung von wirksamen psychologischen Übungen und esoterischen Blödsinn. Wie sollte man denn z.B. Radiowellen "sehen" können, die durch normale Hauswände drangen.


"Auch Ihr Körper verfügt über feinstoffliche Organe, die in der Lage sind, Frequenzen zu erahnen, die sonst nur grobstoffliche Geräte wie Radioempfänger in Töne und Geräusche umwandeln können." Diesen Unsinn konnte er auf keinen Fall Harald zeigen. Der würde sofort zur Hochform auflaufen. Nein, das ging auf gar keinen Fall. Wie soll man denn z.B. UKW- oder Langwellen "sehen"?


3.


 


Bernd hatte sich wieder mit Harald verabredet. Sie wollten an diesem Abend einen gemeinsamen Spaziergang machen. Das Wetter war ungemütlich, aber trocken. So konnten sie eine längere Wanderung in der herbstlichen Dunkelheit unternehmen. Der Wind hatte bereits alle Blätter von den Bäumen gefegt. Nachdem sie eine Zeitlang an einer viel befahrenen Straße entlang geschlendert waren, bogen sie nun in einen Park, dessen Hauptwege durch Laternen erhellt wurden. Bernd schlug den Kragen seines Mantels hoch. Ein unangenehmer Wind pfiff durch die Baumreihen. Nachdem sie über ihre Arbeit und das Wetter ausreichend gesprochen hatten, kam Harald auf ihr Lieblingsthema zurück: die Geister.


»Letztlich sind doch alle Geisterphänomene psychologischer Natur.« Dabei deutete er auf eine kleine Tanne, die in einiger Entfernung gerade noch schemenhaft zu erkennen war.


»Ich habe beim Anblick der kleinen Tanne da hinten erst gedacht, dass dort hinten im Park eine alte gekrümmte Frau steht, die sich auf einen Stock stützt. Im Wald fangen wir doch alle an, die Dinge umzudeuten. Vielleicht fühlen wir uns unsicher. Ich kann mir denken, das dies in früheren Zeit noch viel mehr der Fall war.«


»Ich glaube auch, dass ein großer Teil der beobachteten Phänomene durchaus natürlicher Art sind. Andererseits gibt es eine Fülle von Phänomenen, welche auch die Physik noch nicht erklären kann.«


«Was denn, zum Beispiel?« wollte Harald wissen.


»Da ist zum Beispiel das Phänomen des Kugelblitzes, wofür die Wissenschaft noch keine richtige Erklärung parat hat. Dabei haben schon viele Leute von Kugelblitzen berichtet, ohne dabei in den Verdacht zu geraten, zu phantasieren.«


Harald winkte ab: »Na, das ist ja auch wirklich etwas anderes. Es ist ja durchaus ein anerkanntes meteorologisches Phänomen...«


»...für das es trotzdem keine eindeutige Erklärung gibt. Ich habe sogar schon gelesen, das man einen Kugelblitz für den Überrest eines vom Blitz getroffenen Vogel hält. Andere wiederum meinen, dass es überhaupt keine Kugelblitze gibt. Auch bei diesem Phänomen gibt es z.B. keine Fotos, nur Augenzeugenberichte. Der Kugelblitz kommt zu selten und unvorbereitet, fast könnte man zumindest hierin eine Parallele zu Geisterbeobachtungen sehen.«


Harald schüttelte den Kopf. »Erzähle mir doch mehr von dem, was die Engländer über Gespenster berichten. Das Burgfräulein, welches seit Jahrhunderten nachts über die Zinnen eines Schlosses wandelt...«


»... ist natürlich ein Klischee, was man gern zum Besten gibt. Aber auch der ganz "normale Brite" erzählt gern über Geschehnisse dieser Art. Oft sind es Poltergeister, die Lärm im unbewohnten Obergeschoss machen. Oder der Hausherr wird plötzlich mit Einrichtungs­gegenständen beworfen.«


»Da geht es ja lustig zu«, fand Harald.


»Ja, aber wenn Verstorbene nicht zur Ruhe kommen, und nachts erscheinen, ist dies nicht so lustig«, warf Bernd ein.


»Die Angst, die Toten könnten wieder erscheinen, als Wiedergänger sozusagen, ist in allen Kulturen weit verbreitet. Aber«, Harald machte eine kurze Pause, »wie würde den heute eine Begegnung mit einem Geist ganz konkret ablaufen?«


Harald blickte auf seine Armbanduhr. Er wies auf die vorgerückte Stunde. Sie kehrten um und gingen schweigend den Parkweg zurück. Ein Käuzchen schrie irgendwo in der Dunkelheit, und beiden lief ein Schauer den Rücken hinunter. Sie beschleunigten ihre Schritte. Nasskalter Regen kam auf und der Wind wurde noch durchdringender.


4.


 


Nach diesem Spaziergang bei unfreundlichem Wetter saß Harald gemütlich im Sessel, es war ruhig, niemand störte ihn. Was für einen Unsinn doch Bernd manchmal von sich gab. Dabei war er sonst wirklich ein Kumpel. Der würde alles mitmachen. Harald genoss die Stille und die Wärme in seiner Stube.


 


Plötzlich wir er vom Telefon aus seinen Gedanken gerissen. Er nimmt den Hörer ab. Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine vertraute Stimme. Er kann es kaum glauben. Es ist seine schon vor vielen Jahren verstorbene Großmutter. Sie spricht Harald mit seinem Namen an. Verwirrung und Angst überkommen ihn, aber auch Freude. Freude darüber, dass seine geliebte Oma noch da ist.
»Oma, wo bist du?« fragt er.
»Na, hier?« sie kann den Sinn seiner Frage nicht begreifen.
Er will den Augenblick halten, er möchte sagen "Aber Oma, du bist doch tot?" aber er kann es nicht aussprechen. Er ist vor Schreck wie gelähmt, aber er befürchtet andererseits, dass sich dieser Moment verflüchtigt, in nichts auflöst. Ein seltsames Gefühl bemächtigt sich seiner. Schläft er, träumt er?
»Harald, wie geht es dir?« fragt sie. Was soll er antworten?


Automatisch sagt er: »Gut geht es mir, Oma, sehr gut!«
»Das freut mich, Harald«, antwortet sie. »Ich habe schon so lange nicht mehr von dir gehört. Und den anderen, wie geht es den anderen? Wie geht es deinem Vater?«
»Auch gut, Vater geht es ganz gut, Oma. Er hat es ein bisschen mit dem Herzen, aber ich mache mir keine ernsthaften Sorgen deswegen« entgegnet er, und sie sagt:


»Wunderbar. Ich bin so glücklich, das es euch gut geht.« Und dann gibt es ein klickendes Geräusch in der Leitung. Die Großmutter hat aufgelegt. Einfach aufgelegt. Hatte sie alles erfahren, was sie willen wollte?


5.


 


Tage später trafen sich die beiden Freunde wieder in Bernds Wohnung.


»Du hast mir ganz schön Angst gemacht mit deinen Geistergeschichten.« Harald setzte sich in den gemütlichen Ohrensessel.


»Was, D u  hast Angst vor Geistern?« Bernd schien sich zu amüsiert.


»Ja, ich gehe jetzt abends nur noch ungern ans Telefon. Jedes mal, wenn es geklingelt hat, denke ich, es ist meine verstorbene Großmutter. Du mit deinem Geisterkram,« Harald verschränkt die Arme vor der Brust. Bernd lehnte sich scheinbar zufrieden zurück.


»Wieso, was ist passiert?« wollte jetzt Bernd interessiert wissen.
»Neulich, als ich von unserem gemeinsamen Spaziergang im Park nach Hause zurück kam, klingelte das Telefon. Ich gehe ran und am anderen Ende der Leitung ist meine verstorbene Großmutter. Kannst du dir vorstellen, was ich für einen Schrecken bekam?«
»Das kann ich mir gut vorstellen.«
»Ja, aber wieso ist mir das passiert?« Harald schien ratlos.
»Durch unsere Gespräche über spirituelle Wesen hast du dich für das geistige Sehen geöffnet. Jetzt kannst du nachvollziehen, warum Engländer oder Isländer so gute Empfangskanäle für diese Wesen besitzen. Weil sie sich ständig mit diesem Thema beschäftigen. Sie blocken nicht gegen den Empfang aus der anderen Ebene ab.«
»Ja, aber was war das denn nun. Hat mich tatsächlich meine tote Großmutter aus dem Jenseits erreicht oder hat mir meine Phantasie einen bösen Streich gespielt? Drehe ich jetzt durch?«
»Nein, ich glaube nicht, dass du verrückt wirst. Da brauchst du, glaube ich, keine Angst zu haben.«
»Interessant wäre, wenn ich zufällig ein Tonband hätte mitlaufen lassen. Hätte es etwas aufgezeichnet oder nicht?«
»Ja, das wäre tatsächlich eine sehr wertvolle Information gewesen. Aber vielleicht hättest du dann gar nicht diesen Anruf erhalten. Eventuell verhält es sich ja mit der spirituellen Ebene wie mit Phänomenen in der Quantenphysik. Wenn man gleichzeitig bestimmte Messungen machen will, ist dies nicht möglich. Entweder können die Physiker den Ort oder den Impuls eines Elementarteilchens bestimmen, aber nie zur gleichen Zeit. Unter Umständen verhält es sich ja mit der Geisterwelt ähnlich. Entweder wir können mit unserer toten Großmutter am Telefon sprechen, oder ein Telefongespräch mit dem Band aufzeichnen, aber niemals gleichzeitig. Das schließt sich sozusagen aus.«
»Aber dann hat dieses Telefongespräch mit meiner Großmutter ja in Wirklichkeit niemals nachweislich stattgefunden. Es gibt überhaupt keinen Beweis dafür.«
»Nein, das kann man so nicht sagen. Die Quantenphänomene existieren ja auch, obwohl man bestimmte Messungen nicht machen kann. Und es ist durchaus möglich, das unsere technische Umwelt die Erscheinungen aus dem Jenseits drastisch einschränken, da sie ja eine physikalische Aufzeichnung ablehnen, sozusagen.«
»Die Erscheinungen scheuen also die direkte Dokumentation, den Beweis, dass sie existieren?«
»So könnte man es interpretieren.«
Haralds Angst vor den Telefonanrufen schien durch das Gespräch mit Bernd zu schwinden. »Demnächst machen wir ja eine Schiffsreise. Wie war das noch mit dem Klabautermann?« fragte Bernd. Da traf ihn auch schon ein harter Gegenstand. Harald hatte gut gezielt.


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