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> Science Fiction > Als die Freiheit starb–Resignation
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Science Fiction
Buch Leseprobe Als die Freiheit starb–Resignation, Dania Dicken
Dania Dicken

Als die Freiheit starb–Resignation



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Leseprobe



 


Ich schaffte es gerade so, die Badezimmertür rechtzeitig hinter mir zu schließen, bevor sich die Tränen ihren Weg suchten. Sie ließen sich nicht mehr aufhalten. Zitternd und schluchzend setzte ich mich erst auf den Badewannenrand, aber meine Knie waren so weich, dass ich mich an den Wannenrand gelehnt auf den Fußboden hockte und mir mit einer Hand die Haare raufte. 


Es war nun fast drei Wochen her, dass ich Anthony zum letzten Mal von der Schule abgeholt hatte. Seitdem war er zu Hause und entgegen meiner ursprünglichen Annahme lief es nicht gut. Es lief gar nicht gut. 


Er war einsam. Ihm fehlten andere Kinder und die geistige Herausforderung des Unterrichts. Auch wenn er zunächst froh gewesen war, nicht weiter dem Druck in der Schule ausgesetzt zu sein, fehlte ihm jetzt doch der gewohnte Alltag. Er reagierte darauf, indem er sich buchstäblich an mich klammerte und mir kaum noch von der Seite wich. Wenn ich versuchte, zu arbeiten, wollte er daneben sitzen. Er wollte auch etwas tun und ich versuchte, ihm anhand seiner Schulbücher etwas beizubringen, aber ich wusste überhaupt nicht, was ich da tat. Er war dabei, die ersten Buchstaben zu lernen und ich schaffte es zwar, ihm zu erklären, wie man sie schrieb, aber er zeigte kaum Bereitschaft, sie zu üben. 


Er rebellierte gegen alles. Ich musste mir eingestehen, dass beides auf einmal nicht ging. Eric hatte schon versucht, Infos über Privatlehrer zu bekommen, aber schnell feststellen müssen, dass wir uns keinen leisten konnten. 


Mein Posteingang quoll inzwischen über und mit dem Studiendesign kam ich überhaupt nicht vom Fleck. Ich hatte schon so viel wie möglich an die Kollegen und wissenschaftlichen Mitarbeiter delegiert, aber Tatsache war – es klappte überhaupt nichts. Gar nichts. All die Dinge, die ich zu machen versuchte, scheiterten daran, dass ich versuchte, sie gleichzeitig zu erledigen. Ich versuchte, ein Kind zu unterrichten, während ich eigentlich eine wissenschaftliche Studie entwerfen sollte. Theoretisch musste auch jemand zwischendurch noch einkaufen und Wäsche waschen. 


Ich hörte, wie sich Schritte näherten, und hielt die Luft an. Anthony sollte nicht hören, dass ich weinte. 


Er blieb vor der Badezimmertür stehen. „Mum?“ 


„Ich komme gleich“, sagte ich und versuchte, meine Stimme möglichst fest klingen zu lassen. 


„Ich hab Durst.“ 


„Ist dein Becher leer?“


„Ja.“ 


„Okay … bin gleich da“, sagte ich. Gerade fehlte mir die Geduld, ihm zu erklären, dass er sich selbst etwas nehmen sollte. Ich konnte nicht reden. 


Was konnte ich eigentlich? 


Mir fehlte mein gewohnter Alltag. Seit drei Wochen saß ich nun mit Anthony zu Hause und zerriss mich zwischen all den Dingen, die erledigt werden wollten. Ich schaffte nichts wirklich. 


Es ging nicht. Ich hatte schon mit Eric darüber gesprochen, dass es so nicht dauerhaft ging. Aber auf mein Einkommen verzichten konnten wir eigentlich auch nicht. 


Ich wusste nicht, was ich tun sollte. 


Nachdem ich mich einigermaßen gefangen hatte, wusch ich mir die Tränenspuren vom Gesicht und trocknete es mit dem Handtuch. Schließlich verließ ich das Bad wieder, holte Anthony ein Glas Milch und setzte mich zu ihm. 


Heute versuchten wir uns an Mathematik. Er hatte jetzt alle Zahlen gelernt und ich bemühte mich, ihm nahezubringen, wie man addierte. Es funktionierte allerdings nicht besonders gut. Wenn er fünf plus zwei rechnete, kam er zwar auf sieben, aber er sah nicht, was zwei plus fünf war. Es war zum Haareraufen. Wie sollte ich ihm das erklären? 


Und ich hatte selbst noch so viel zu tun. Wenige Minuten später beschloss ich, es gut sein zu lassen mit dem Unterricht und schickte Anthony zum Spielen. Er wollte allerdings nicht allein sein, sondern beschloss, sein Spielzeug zu mir zu holen. Erst wollte ich protestieren, aber dann ließ ich es sein. Wer war ich denn, meinem Sohn Gesellschaft zu verwehren? 


Als ich mein Mailprogramm öffnete, fand ich eine Mail von William mit dem Betreff Gesprächstermin. Ich öffnete sie und las sie mit Herzklopfen. 


Er bat mich zu einem persönlichen Gespräch in die Uni. Mir war auf der Stelle klar, dass das nichts Gutes bedeutete. Er hatte meinem Ersuchen, komplett von zu Hause aus arbeiten zu dürfen, ohne Diskussion entsprochen, aber ich wusste, dass ich ihn gerade enttäuschte. Er fragte mich in seiner Nachricht, wann ich Zeit hatte, und ich beschloss, das Thema später mit Eric zu besprechen. 


Es ging weder vor noch zurück. Das war so frustrierend. 


Ich arbeitete einige andere Mails ab, fragte mich dann aber, wozu das eigentlich noch gut war und hörte schließlich auf. Ich ärgerte mich maßlos über mich selbst, weil ich überhaupt nichts auf die Reihe bekam, aber ich wusste auch nicht, wie ich das ändern sollte. 


Ich öffnete das Secret Web. Erst hatte ich überhaupt kein Ziel, doch dann begann ich, Informationen über die Fluchtroute zwischen der Olympic-Halbinsel und Vancouver Island zu recherchieren. 


Mateo hatte Recht, auch im Secret Web wurde die Route als diejenige bezeichnet, die aktuell am sichersten war. Die Erfolgsquote wurde mit über achtzig Prozent angegeben, was auch daran lag, dass der pazifische Nordwesten nicht sonderlich regierungstreu war. Es gab dort viele Angehörige der Freedom Fighters, in Seattle und Umgebung befanden sich zahlreiche Verstecke der Rebellen. Die Agents der SAR versuchten hier, gegen lebhaften Widerstand zu handeln, was wohl nicht ganz einfach zu sein schien. 


Die Frage war nur: Wie sollten wir nach Seattle kommen? 


Wenn man uns unterwegs kontrollierte und wir hatten keine Ausnahmegenehmigung für die Reise, blühte uns Ärger. Ausnahmegenehmigungen bekam man für Familienbesuche, aus medizinischen Gründen und mit viel Glück auch für Urlaubszwecke. Damit würden wir es versuchen müssen, denn wir kannten niemanden in der Gegend. Dabei glaubte ich, dass Eric als SAR-Mitarbeiter ganz gute Chancen haben dürfte, eine Genehmigung zu bekommen. 


Vielleicht konnten wir sogar fliegen. Hatten wir erst mal eine Genehmigung, sprach nichts dagegen. Denn fahren wollte ich eigentlich nicht. 


Es gab nur ein Problem: Eric musste einverstanden sein. Ohne ihn zu fliehen kam eigentlich nicht in Frage, aber es wäre auch verdammt schwierig geworden. Ich würde nicht allein mit Anthony reisen können und ich konnte ohne Erics Erlaubnis auch keine Ausnahmegenehmigung für Anthony beantragen. 


Es machte mich verrückt, denn eigentlich wollte ich nur noch weg. Ich hatte das Gefühl, platzen zu müssen. Im Moment ging es weder vor noch zurück. Ich würde wirklich wieder mit Eric sprechen müssen, auch wenn ich mir seine Antwort denken konnte. 


Was war nur mit ihm passiert? Wohin war der lebenslustige Mann, den ich damals auf dem Louder Than Life-Festival kennengelernt hatte? Ich hatte kurz vorher meinen Abschluss gemacht und er hatte mit der FBI Academy begonnen, was er mit Freunden zusammen gefeiert hatte. Mir hatte seine in sich ruhende Art gefallen. Ich hatte gespürt, dass er genau wusste, was er wollte, und er hatte sich nicht gescheut, mir deutlich zu signalisieren, dass ich ihm gefiel. Von Anfang an hatte ich gespürt, dass ich ihm vertrauen konnte und er ein aufrechter und ehrlicher Mensch war. Weil ich in meiner vorangegangenen Beziehung mit Untreue zu tun gehabt hatte, war diese Beständigkeit genau das, was ich suchte. 


Wir hatten schließlich Nummern getauscht und waren in Kontakt geblieben. Dabei war es uns entgegengekommen, dass ich in Georgetown studierte und Eric bloß eine Autostunde entfernt in Quantico war. 


Er hatte fürs FBI gebrannt und es kaum erwarten können, beruflich etwas für unser Land tun zu können. Doch jetzt verriet er Tag für Tag die Werte, um die es ihm eigentlich immer gegangen war, und das machte ihn verständlicherweise kaputt. 


Ich musste ihn unbedingt davon überzeugen, dass es so nicht weiterging. Allerdings hatte ich keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte. Vermutlich hätte ich wissen müssen, was er bei der Arbeit so zu Gesicht bekam, um seine Ängste zu verstehen. Dass er mehr wusste als ich, hatte ich ja schon gemerkt. Das konnte ich nur aufholen, indem ich mich im Secret Web informierte. 


Ich suchte mir die Guerilla-Nachrichtenseiten heraus und war überrascht, zu sehen, dass gerade eine Kundgebung entlang des Reflecting Pool vor dem Lincoln Memorial stattfand. Ich betrachtete Fotos und Videos, auf denen immer wieder derselbe Mann zu sehen war. Er stand mit einem Megafon in der Hand vor dem Lincoln Memorial und rief immer wieder den Namen seiner Frau. 


Bei dem Mann handelte es sich um Derek Broadus, einen Schwarzen aus Detroit, der mit 33 nur ein Jahr jünger war als ich. Er rief immer wieder den Namen seiner Frau Maria, von der er angab, dass sie schwanger war und sich in einem Health Institute for Expecting Mothers befand – aber er wusste nicht, wo und hatte auch keinen Kontakt zu ihr. 


Ich konnte es nicht fassen. Passierte das wirklich? Aber das Video von Derek sprach Bände. In einer Hand hielt er ein automatisches Gewehr, in der anderen das Megafon. 


„Maria!“, brüllte er immer wieder. „Wo ist meine Frau? Wo ist meine Ehefrau, die unser gemeinsames Kind erwartet? Ich verlange Antworten! Weiß die Bevölkerung eigentlich von diesen Lagern für schwangere Frauen? Nein? Dann hört mal gut zu! Wer schwanger ist, befindet sich in Gefahr! Werdende Mütter werden an diese Orte gebracht, von denen gar keiner weiß, wo sie sind. Ich weiß nicht, wo meine schwangere Frau gerade ist! Sie wollte auch nicht dorthin. Es hieß, es sei nur zu ihrem Besten … aber man kann sie doch nicht zwingen! Sieht denn niemand die Ähnlichkeit? Sieht denn niemand, dass das ist wie damals bei den deutschen Nazis? Man bringt Menschen in Lager, gegen ihren Willen! Was soll da passieren? Nimmt man ihnen die Kinder weg?“ 


Mir wurde kalt, als ich ihm zuhörte. Das alles klang so absurd, dass ich es kaum glauben konnte, aber ich wusste, vorstellbar war inzwischen alles. Der zugehörige Artikel versuchte, Licht ins Dunkel zu bringen. 


 


Derek Broadus macht auf einen Umstand aufmerksam, der seit dem Jahresbeginn immer häufiger auftritt. Wir hatten bereits von Fällen berichtet, in denen unverheiratete schwangere Frauen von Regierungskräften abgeholt und in eine Art Mutter-Kind-Heim, die sogenannten Health Institutes for Expecting Mothers, gebracht wurden, wie es auch in Irland Mitte des vergangenen Jahrhunderts gemacht wurde. Das alles wäre gar nicht so alarmierend, wenn die Familien der Frauen wüssten, wo sie sich aufhalten, aber es bestehen Kontaktverbote. 


Durch unsere Recherchen konnten wir herausfinden, dass es landesweit mehrere dieser Health Institutes gibt, die rein optisch tatsächlich an Lager für Zwangsarbeiter erinnern. Sie liegen in dünn besiedelten, entlegenen Gegenden und ihr Zweck scheint noch nicht ganz klar zu sein. Zwischenzeitlich erreichen uns zunehmend mehr Berichte, dass auch schwangere Inhaberinnen roter und schwarzer ID-Karten dorthin gebracht werden – ungeachtet ihres Familienstandes. Auf Nachfrage verleugnete die Regierung die Existenz dieser Lager, was dank eindeutiger Bildbeweise widerlegt werden konnte. 


Derek Broadus indes ist fest entschlossen, seine Frau zu finden. Er besitzt keine ID-Karte mehr, weil er die Abholung seiner Frau mit Waffengewalt zu verhindern versucht und dabei zwei SAR-Agents erschossen hat. Er wird nun landesweit als Staatsfeind gesucht und ist somit ein Mann, der nichts mehr zu verlieren hat. Nach dem Verlust seiner ID-Karte ist er den Freedom Fighters beigetreten und hat auch die heutige Kundgebung in der Hauptstadt organisiert. 


 


Das war unfassbar. Ungläubig starrte ich auf den Bildschirm und versuchte, zu verstehen, was ich da las. Es würde nicht mehr lang dauern, bis Eric nach Hause kam und ich beschloss, ihn darauf anzusprechen. Er musste etwas wissen. 


Ich ließ alles auf meinem Bildschirm offen und ging zu Anthony, bis Eric nach Hause kam. Nachdem er sich umgezogen hatte, sagte ich: „Wir müssen reden.“ 


„Okay, was gibt es?“, fragte er. Ich ging mit ihm ins Arbeitszimmer, wo sein Gesichtsausdruck mir sofort verriet, dass er Derek Broadus erkannte. 


„Du hast das also mitbekommen“, sagte ich. 


Mein Mann nickte. „Natürlich, wie könnte ich nicht? Die Kundgebung ist vorhin gewaltsam niedergeschlagen worden, das habe ich noch mitbekommen, bevor ich gefahren bin. Die halbe SAR war dorthin unterwegs, allein schon wegen Derek Broadus.“ 


„Kennst du seine Geschichte?“ 


„Er hat SAR-Agents ermordet und wird landesweit gesucht.“ 


„Weißt du auch, warum er die Agents ermordet hat?“ 


„Weil er nicht wollte, dass seine Frau festgenommen wird.“ 


Ich schüttelte den Kopf. „Sie wurde nicht festgenommen. Sie ist schwanger und wurde in eins dieser Lager gebracht.“ 


Erics Überraschung wirkte echt, als er sagte: „Das wusste ich nicht.“ 


„Das haben sie euch nicht gesagt?“ 


„Nein. Ich habe es auch nicht hinterfragt. Ich weiß nur, dass er gerade die Freedom Fighters ziemlich aufmischt und für sehr viel Unruhe sorgt.“ 


„Ich habe das gerade mehr zufällig gesehen, denn eigentlich wollte ich etwas ganz anderes wissen“, sagte ich. „Vorhin habe ich auch eine Mail von William bekommen, der möchte, dass ich persönlich mit ihm in der Uni spreche.“ 


„Das klingt nicht gut.“ 


„Nein, das wird auch nichts Gutes zu bedeuten haben. Eric, es geht so nicht weiter. Ich habe heute Mittag heulend im Bad gesessen, weil hier gar nichts mehr klappt. Anthony ist einsam, ich bin keine gute Lehrerin, ich kann auch meinen Job nicht machen – das muss aufhören!“


„Hör dir doch erst mal an, was William morgen zu sagen hat.“ 


„Denkst du, er erklärt mich zur Mitarbeiterin des Monats?“, fragte ich stirnrunzelnd. „Er wird mir auch sagen, dass es so nicht weitergeht. Und das geht es auch nicht. Wir sollten wirklich in Erwägung ziehen, eine Ausnahmegenehmigung für einen Flug nach Seattle zu bekommen. Ich sage Mateo Bescheid und wir fliehen über den Seeweg nach Kanada.“ 


Überrascht zog Eric die Brauen hoch. „Das hast du dir vorhin alles überlegt, ja?“ 


„Sieh dich doch mal hier um! Was ist denn hier los? Dein Sohn ist jetzt seit drei Wochen nicht mehr zur Schule gegangen und ich kann ihn nicht unterrichten! Wie sieht deine Lösung dafür aus?“ 


„Ich habe keine“, gab Eric kleinlaut zu. 


„Es gibt auch keine. Die einzige Lösung, die ich sehe, ist eine Flucht nach Kanada. Ich bin das alles hier leid. Ich meine, das ist doch verrückt – ist es jetzt schon so weit, dass Schwangere in irgendwelche Lager gesperrt werden? Du hast Recht, wahrscheinlich dauert es nicht mehr lange, bis sie uns Anthony wegnehmen. Wer weiß, auf welche verrückten Ideen die noch kommen? Ich will, ehrlich gesagt, gar nicht herausfinden, was noch alles passiert!“ 


Eric machte einen Schritt auf mich zu und umarmte mich. „Ich verstehe, dass du aufgebracht bist, Adriana. Wirklich. Mir ist bewusst, dass das alles hier nicht ideal ist …“ 


„Nicht ideal? Ich sag dir mal was: Am besten bleibst du morgen mal zu Hause und kümmerst dich neben der Arbeit um Anthony, damit ich zur Uni kann, um mit William zu sprechen. Dann wirst du sehen, wie schlecht es hier läuft!“ 


Zu meiner Überraschung nickte Eric. „Okay. Das ist wahrscheinlich die beste Lösung.“ 


Mit dieser Antwort hatte ich so wenig gerechnet, dass ich gar nicht wusste, was ich erwidern sollte. „Das machst du?“ 


„Ja, vielleicht sollte ich das wirklich mal tun. Ich gebe zu, es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie es hier läuft. Davon abgesehen musst du ja auch irgendwie zur Uni kommen.“


„Ich habe wirklich Angst, dass sie mich vor die Tür setzen.“ 


„Das verstehe ich. Das wäre auch verdammt ungünstig für uns ... einerseits. Andererseits bist du doch ohnehin nicht glücklich.“ 


„Nein ... aber nicht arbeiten? Das stand nie zur Debatte, Eric. Ich sehe mich nicht als Hausfrau und Lehrerin für meinen Sohn.“ 


„Nein, das sehe ich auch nicht. Das bist nicht du.“ Eric lächelte und gab mir einen Kuss. „Wir schaffen das schon. Wir haben schon so viel geschafft.“ 


„Aber was denkst du, wie es weitergehen soll?“ 


„Lass uns das doch morgen besprechen, wenn du weißt, was William wollte.“ 


Meine Ungeduld war damit überhaupt nicht einverstanden, aber ich wusste, dass das wohl am klügsten war. Deshalb nickte ich schließlich. „Okay.“ 


Eric nickte ebenfalls. „Das wird schon. Im Übrigen haben Stan und Deanna uns für Samstag eingeladen. Deanna hat so eine neue Küchenmaschine und sucht Versuchskaninchen, die sie bekochen kann.“


„Klingt ja aufregend“, sagte ich. 


„Soll ich ihm zusagen?“ 


„Ja, mach mal“, sagte ich. Stanley Harper war so etwas wie Erics bester Freund und einer seiner Kollegen bei der SAR. Kennengelernt hatten die beiden sich auf der FBI Academy, wo Stan sich als Special Agent hatte ausbilden lassen, während Eric die Laufbahn des Analysten eingeschlagen hatte. Dennoch waren sie nach Ende der Ausbildung an denselben Standort gekommen und hatten häufig zusammen gearbeitet. Sie waren dann auch beide zur SAR gewechselt, nachdem das FBI aufgelöst worden war, und Stan war auch bei der SAR ein Agent im Außeneinsatz. Er war einer derjenigen, die loszogen, um Menschen wie Derek Broadus zu jagen oder zu verhindern, dass jemand unerlaubt das Land verließ. Hätte ich Stan nicht schon länger gekannt und gewusst, dass er kein schlechter Mensch war, hätte ich ihn allein für das, was er beruflich machte, verabscheut. 


Aber ich tat es nicht, weil dasselbe sonst auch für meinen eigenen Ehemann gegolten hätte. 


Recht wenig anfangen konnte ich mit Stans Frau Deanna, die für mich die Verkörperung der amerikanischen Ehefrau war. Sie kam aus einer wohlhabenden Familie, hatte ohne jeden Druck Musikwissenschaften studiert und eine Zeit lang als private Musiklehrerin gearbeitet, doch seit dem Regierungswechsel war sie Hausfrau. Ich hatte keine Ahnung, ob die beiden Kinder wollten, jedenfalls hatten sie bis jetzt keine. 


Deanna definierte sich über ihren Mann. Bis heute hatte ich keine Ahnung, wer sie eigentlich war und wofür sie sich begeistern konnte. Sie war für mich ein ganz eigenartig charakterloser Mensch. Aber Stan war nun einmal Erics Freund, deshalb hatte ich in unregelmäßigen Abständen mit Deanna zu tun. 


Nachdem Eric zu Anthony gegangen war, beschloss ich, den Computer auszuschalten. Auf dem Bildschirm strahlte mir noch immer ein Foto von Derek Broadus entgegen, der dafür kämpfte, seine Frau zu finden. 


Ich konnte es nicht fassen, dass das tatsächlich passierte. Wurden wirklich schwangere Frauen systematisch interniert? Bislang war nur bekannt, dass es entweder unverheiratete Frauen traf oder Angehörige aus den untersten Klassen. Doch so monströs und unvorstellbar mir das ganze Szenario erschien, war mir dennoch klar, dass es nicht unwahrscheinlich war. Aus Sicht der Regierung hatte ein solches Vorgehen zahlreiche Vorteile – sie konnten moralische und politische Vorstellungen ungeniert durchsetzen und das Ganze als Drohkulisse aufrechterhalten. Mir erschien nicht einmal unwahrscheinlich, dass die spärlichen Informationen gezielt gestreut wurden. Komplett verheimlichen konnte man es nicht, offiziell kommunizieren wollte man es nicht – also streute man Gerüchte über diese Ungeheuerlichkeiten und hielt so ein unterschwelliges Gefühl von Bedrohung aufrecht. 


Hast du schon davon gehört, dass Schwangere in solche Lager kommen? Und eben, weil man nichts Genaues wusste, schwang immer die Angst mit. Perfide, passte aber gut ins Gesamtbild. So funktionierte dieses Land inzwischen. 


Diese Erkenntnis tat weh. Mein Widerwille gegen das alles wuchs. Egal, was morgen bei dem Gespräch mit William herauskommen würde – gedanklich hatte ich mit so vielem längst abgeschlossen. Eigentlich interessierte ich mich nur noch für meine Familie. Für Anthony. Ich wollte, dass es ihm gut ging. 


Während ich den Computer ausschaltete, fragte ich mich, wie lang ich über die Differenzen zu diesem Thema zwischen Eric und mir noch hinwegsehen konnte. Ich kannte ihn seit fast zehn Jahren und hätte damals nie vermutet, dass er in einer solchen Situation einfach den Kopf in den Sand steckte. Hatte ich mich in ihm getäuscht und er war schon immer so gewesen? Oder hatte er sich verändert – bedingt durch die Situation, in der wir uns befanden? 


Ich nahm an, dass Letzteres der Fall war und ich fand es durchaus verständlich. Natürlich ging das alles auch an ihm nicht spurlos vorbei. Aber ihn berührte es nicht in derselben Art und Weise wie mich. Er war ein weißer Mann, während ich eine Frau mit lateinamerikanischen Wurzeln war. Rassismus war auf dem Vormarsch und diese Gesellschaft war insgesamt frauenfeindlich. Da brauchte es nicht unbedingt erst die HIFEM, das hatte sich schon viel früher an Auswüchsen wie dem Abtreibungsverbot und der eingeschränkten Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln gezeigt – alles Dinge, mit denen die Selbstbestimmung von Frauen angegriffen und eingeschränkt wurde. 


Das machte mich so unendlich wütend. Wie konnten wir das alles nur geschehen lassen? Warum lehnten wir uns nicht kollektiv dagegen auf? 


Warum? 


 


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