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Science Fiction
Buch Leseprobe Als alles begann, Klaus Wollny
Klaus Wollny

Als alles begann



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P r o l o g


 


Langsam stieg ich den steilen holprigen Pfad zum Berggipfel hoch. Nach 300 Meter erreichte ich   unseren Platz und  setzte  mich  auf die Bank welche wir hier oben aufgestellt hatten.


 


Auf dem Berggipfel wurde man dafür mit einem fantastischen Ausblick belohnt.  Die Sonne war gerade aus dem Meer entstiegen. In der Ferne konnte ich  eine Yacht erkennen  welche  auf  dem ruhigen,  blauen Meer seine Runde drehte. Die Sonnenaufgänge, das weite  Meer, der blaue Himmel oder die Wolken wenn diese vorüber  zogen, - daß war für mich jedes Mal ein Erlebnis, gab mir Ruhe, Ausgeglichenheit und Frieden. Dachte ich jedoch an unsere Vergangenheit, empfang ich Trauer und Verlassenheit, waren doch alle außer meinen treuen Freund Uwe von uns gegangen.  Wir beide waren alleine mit unserer Freundschaft und unserer gemeinsamen turbulenten Vergangenheit. Um Ruhe zu finden und uns für die zukünftige Herausforderungen Kraft zu schöpfen, hatten wir im Gebirge von Lanzerote ein einsames kleines altes Haus auf dem Berggipfel gemietet. 


 


Doch mein Sein auf dieser Erde war durch Zerrissenheit und Spaltung geprägt und  ich war ein  Wanderer zwischen zwei Welten. Ich war  ein Teil des Geisteswesens von ETWAS und vom Schöpfer als Wächter der Erde benannt.  Auf der Erde hatte ich alle Gefühle welche ein Mensch nur haben kann. War ich jedoch mit ETWAS verbunden, dann  war ich von der Erde losgelöst. Doch immer wieder zog es mich zur Erde und wenn ich auf der Erde war, zog es mich zu ETWAS. Ich war ein  gespaltenes Wesen. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als ich das typische Klettergeräusch und die Stimme von Uwe hörte:


„Wie lange sitzt du schon hier", wollte er wissen


                               „Etwa eine Stunde."


Er setzte sich neben mich auf die Bank, schaute gedankenverloren auf das Meer hinaus und sagte wie in Trance:


 „Und wieder haben wir uns in Einsamkeit zurück gezogen. Die  Einsamkeit wird immer unser ständiger Begleiter sein. Sind doch unsere Eltern, unsere Brüder, unsere Frauen und alle unsere Freunde gegangen. Wir  sind alleine."


„Da schwingt  sehr viel  Trauer heraus."


„Überfällt dich nicht die Trauer wenn du daran  denkst, dass alle von uns gegangen sind? 


„Natürlich, - und deshalb werden wir beide immer einsam bleiben.


Es wurde  um uns still. Wir blickten in Gedanken versunken auf das Meer. Die Vergangenheit war nur noch Erinnerung und diese schmerzte. Die Schöpfung hatte ausgerechnet mich als Wächter bestimmt und Uwe als ständigen Begleiter. Die Blutspuren welche ich habe hinterlassen müssen, - - - - - -  


„Ich weiß Ralf, dass dich am schwersten die Liquidierung vieler Menschen belastet. Wenn sich die Menschheit einmal zu einem Geisteswesen entwickeln soll, dann gibt es dazu keine Alternative. Aber grauenvoll war der Kampf mit den Gesandten der abgearteten Schöpfung."


 „Dieser Kampf ist nicht zu Ende und wir müssen uns immer wieder stellen."


„Aber  wir haben Ordnung geschaffen und die Menschheit ist dabei sich zu einem humanen Wesen zu entwickeln. Um dieses hohe Ziel zu erreichen, gehört gemeinsames Denken, gemeinsame innere Verbindung untereinander und Abweisung jeglichen Egoismus. Und das haben wir angestoßen. Deshalb sind wir hier, um den Einfluss und die Tätigkeit des Teufels auf unserer Erde zu bekämpfen. Das ist deine und meine Bestimmung!"


Er hatte recht,  - und so schwieg ich.   Die spätere weitere  Unterhaltung über unser vergangenes Leben wühlte mich auf und so griff ich zu meinem  Laptop.


„Was machst du mit dem Laptop", wollte Uwe wissen.


„Ich will ein Buch über unsere Vergangenheit schreiben."


                               „Warum das?"


                „Ich will für mich noch einmal in die Vergangenheit reisen um diese aufzuarbeiten."


                               „Du quälst dich."


                               „Ich weiß, - aber ich muss"


                „Falls jemand dein Buch lesen sollte, so wird er es  nur als Hirngespinst und Utopie abtun."


                „Nicht ganz. Unseren Kampf und Einfluss konnten wir nicht ganz verbergen. Und man glaubt wieder an  Gott!"


                „Ja, weil es die Schöpfung gibt."    


Danach verließ er mich. Ich nahm wieder meinen Laptop und begann zu schreiben. Ich musste schreiben. Ich spürte den inneren Drang zu schreiben. Etwas zwang mich zum  Schreiben. Ein Gefühl der Trostlosigkeit und Alleinsein beschlich mich. So saß ich alleine auf der Bank, schaute immer wieder auf das ruhige Meer, blinzelte in die Sonne und spürte eine grenzenlose Einsamkeit. Und ich schrieb, - wie alles seinen Anfang nahm.  Allmählich verschwand in meinem Geist die Umwelt, tauchte in die Vergangenheit ein und fand mich als 17jähriger junger Mann  Anfang Januar 1945 in meinem Elternhaus in Stolpmünde wieder.


  


  


  


 


9. Januar 1945


Ostseebad Stolpmünde.


Kilometerlanger, breiter weißer Strand. Große dunkle Kiefernwälder.  blaues, glasklares Wasser, welches sich wie ein Juwel vor einem ausbreiten konnte. Doch bei Sturm legte die See sehr schnell seine Ruhe ab, zeigte sich von seiner rauhen Seite mit meterhohen Wellen welche mit voller Wucht gegen den Strand peitschten. 15 Minuten von hier lag mitten im Zentrum unseres kleinen Städtchens mein Elternhaus. Während wir im 2. Stock des Hauses in einer großen Wohnung wohnten, - waren noch 2 weitere Familien im I Stock  unterbracht. Diese hatten jedoch auf Grund des heranrückenden Russen die Flucht Richtung Westen angetreten. Unser Wohnzimmer hatte einen großen Erker. Geradeaus konnte man den Hafen und Züge sehen, wenn diese vorbei fuhren. Rechts und links hatte man einen schönen Ausblick zu beiden Straßenseiten.


 


Langsam wurde es morgen. Die Nacht hatte sich verabschiedet und es wurde langsam hell. Uwe, mein bester Freund war bei mir. Ich drehte mich zu ihm um. Friedlich und im tiefen Schlaf lag er da. Ich wusste, dass er ein Langschläfer war aber dafür  bis in die Nacht durchhielt. Ich reckte mich. Es war lausig kalt und  spürte kein Verlangen aus meinem warmen Bett zu steigen. Ich blickte zum Fenster welches voll mit Eisblumen bedeckt war. Eine ganze Weile lag ich so da, bis ich mich dann doch aufraffte.  Um aus dem Fenster hinaus schauen zu können, bohrte ich mit  meinem Atem eine Öffnung. Die ganze Nacht musste es geschneit haben, denn es lag eine Unmenge von Schnee auf der Straße. 2 Pferdewagen walzten sich durch den tiefen Schnee. Die Menschen auf dem Wagen saßen in gebückter Haltung und waren in Decken eingepackt. Ich wusste dass sie vor den heranrückenden Russen auf der Flucht waren. Ich bekam Angst. Hätten wir nicht auch flüchten müssen? Ich behauchte das Fenster weiter, um die Sicht nach draußen zu vergrößern.


 „Hat es heute Nacht geschneit?", hörte ich plötzlich Uwe fragen.


Ohne auf meine Antwort zu warten, stand er schon neben mir.


„Wie spät  haben wir es Ralf?"


 Ich schaute auf meine Uhr:


 „Es ist gleich 9.00 Uhr und ich muss sagen, dass ich Hunger habe."


 Wir gingen ins Bad, zogen uns an und betraten das Esszimmer. Dort saßen schon meine Eltern, sowie Heinz Prade, ein enger Freund meines Vaters und Frida eine langjährige Freundin meiner Mutter. Sie waren mit dem Frühstück bereits fertig. Wir setzten uns auf unseren Platz und begannen herzhaft zu essen. Doch großes Schweigen war wohl  angesagt, denn alle starrten sich gegenseitig an und ihren Gesichtern nach zu urteilen war die Stimmung frostig. Wie heute das Wetter, durchfuhr es mir. Mein Hunger verflog als ich in die bedrückten und schweigsamen Gesichter schaute. Uwe und ich gingen dann bald wieder in meinem Zimmer, zogen uns warm an und hauten ab. Doch es war zu kalt, um es länger draußen auszuhalten. So waren wir schon wieder nach 1 Stunde zu Hause Nachdem wir unsere Kleider gewechselt hatten, gingen wir ins Wohnzimmer. Mein Vater stand am Erkerfenster. Er war  mittelgroß, von schlanker Statur,  trug einen Oberlippenbart, war stets ernst und nicht sehr gesprächig. Ich hatte ihn eigentlich nie  lächeln sehen, niemals lachen hören. Auch konnte ich mich nicht daran erinnern, dass ich einmal auf seinem Schoß gesessen wäre oder sonst besonders liebevoll von ihm beachtet wurde. Neben ihm stand sein Freund Heinz Prade. Er war gut ein Kopf größer, sein Gesicht hager und schmal, sein Körper so dünn dass man glaubte er würde in der Mitte auseinander brechen, hervorstechend waren seine stets wachen strahlenden Augen, seine Stimme für einen so schmächtigen männlichen Körper eigentlich viel zu dunkel.


"Hans"  hörte ich ihn sagen, es sieht schlimm aus. Der Krieg ist verloren und ich weiß nicht was wir machen können um uns und unsere Familie in Sicherheit zu bringen."


Es herrschte eine ganze Weile Stille. Uwe und ich setzten uns ins äußerste Eck und hörten angespannt zu. Heinz drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus.


„Hans, fuhr er fort, - es ist einfach alles zu spät um uns in Sicherheit zu bringen. Der Russe ist schon zu weit vorgedrungen. Von dem Russen haben wir nichts Gutes zu erwarten und im Westen  stehen  seine Verbündeten. Könnten wir noch nach dem Westen ausweichen, - so hätten wir noch eine größere Chance eine gewisse Sicherheit zu bekommen."


 Mein Vater schaute ihn tiefsinnig an, sagte aber kein Wort. Heinz ging zu einem der beiden Sessel um sich dort seufzend nieder zu lassen. Mein Vater folgte seinem Beispiel. Sie schauten sich schweigend an.


„Wie geht es Karoline, hörte ich meinen Vater seinen Freund fragen, ist ihr Gesundheitszustand weiterhin unverändert?"


„Ja  Hans, - Karoline geht es sehr  schlecht, dass ich mit dem Schlimmsten rechnen muss. Karoline ist ein Pflegefall geworden und der Arzt gibt ihr nur bis höchstens 3 Monate. Mein Sohn Fritz ist bei ihr."


Eine ganze Zeit war ich in Gedanken weggetreten und so hörte ich gerade noch, als mein Vater sagte:   


„..........dabei an Flucht denken. Das ist für Dich schon wegen Karoline unmöglich.  Wir hätten viel früher handeln müssen."


Er nahm   aus der Schublade 2 Zigarren, reichte eine davon Heinz und so bliesen sie bald den  Rauch in die Luft.


 „Hans  hörte ich Heinz wieder sagen, du musst  mit Deiner Familie fort.  Was glaubst du, wenn die Russen erfahren dass du in der Partei bist?"  


„Mein Gott Heinz, ich bin doch nur in die Partei eingetreten, um  meine Weberei  weiterführen zu können. Auch fühlte ich mich immer dem Personal verantwortlich." 


„Dass Hans, das interessiert die nicht. Abgesehen davon  dass du wie auch ich eine höhere Funktion in der Partei bekleidet haben, erwiderte er etwas ungehalten. Bring  wenigstens du dich mit deiner Familie in Sicherheit."


 Verzweifelt schaute mein Vater seinen Freund an und erwiderte:


 „Und mein anderer Sohn, der an der Front ist? Was ist mit ihm?  Kann ich fort gehen ohne zu wissen, wo er ist, ob er wieder kommt? Haus, Fabrik, einfach alles verlassen? Kannst  Du dass  Heinz? Alles was du geschaffen hast auf einem Schlag verlieren?"


Er drehte sich um  und schaute resigniert aus dem Fenster. Frida, welche bisher an einem anderen Fenster gestanden hatte, ging zu meinem Vater, nahm seine beiden Hände, schaute ihn eine ganze Weile in den Augen und sagte kein Wort. Für meine Begriffe schaute sie ihn zu lange an und mir kam der Gedanke, dass es nicht nur Freundschaft war was die beiden verband. Aber das konnte doch nicht sein? Frida war eine verdammt tolle Frau. Sie war etwas größer als meine Mutter, hatte ein sehr hübsches  Gesicht. Ihre blonden Locken bedeckten  ihre Stirn. Doch ihre blauen Augen strahlten immer eine gewisse Traurigkeit aus. Trotzdem sie sehr schlank war, hatte sie eine Figur die jedem Mann nur begeistern konnte. Ihre Rundungen übten auf mich schon einen gewissen Reiz aus. Während ich sie so betrachtete, betrat meine Mutter den Raum. Frida ließ die Hand meines Vaters sehr schnell los und setzte sich  auf einem Sessel. Ich machte mir darüber Gedanken. Uwe schaute zu mir und nickte mit dem Kopf. Also hatte auch er etwas gemerkt. Meine Mutter war eine  kleine schlanke aber sehr attraktive  Frau und wie ich meinte auch mit einer sehr erotischen Ausstrahlung. Ihre langen braunen Haare umspielten ihr schmales, ausdrucksvolles Gesicht, die dunklen Augen hatten einen stets nachdenklichen tiefgründigen Blick. Ihre Art ruhig und langsam zu sprechen wirkte beruhigend. Hatte ich Kummer, dann war sie stets für mich da, drückte mich und streichelte sehr häufig meine Wangen. Ich liebte sie. Für meinen Vater empfang ich wenig Gefühl, - er war einfach da. Heinz riß mich aus meinen Gedanken als er sagte: 


„Wir können versuchen noch ein Schiff zu kriegen, um aus der Gefahrenzone zu entkommen". Aber wir haben  keine Beziehungen.


„Das ist vielleicht noch eine Möglichkeit um sich darüber Gedanken zu machen, hörte ich meinem Vater antworten. Aber es wird schwer sein, noch  Platz zu bekommen."


 „Doch es gibt eine Möglichkeit bemerkte Frieda. Mein Bruder ist auf der Gustlow Zahlmeister.  Wenn ich mit ihm Verbindung erhalte, bestände eventuell die Möglichkeit daß es noch klappen könnte.  Ich müsse mit ihm Kontakt aufnehmen."


Meine Mutter schüttelte den Kopf und antwortete mit ruhiger aber bestimmter Stimme:


 „Ich bin strikt dagegen weil ich fühle, dass wir nicht ankommen werden."


 „Unsinn", hörte ich meinen Vater  in einem etwas ungehaltenem Tonfall sagen.


Auch jetzt kam mir wieder der Gedanke, dass es mit meinen Eltern nicht mehr so gut lief. Der Blick zu meiner Mutter bestätigte meinen Verdacht. Was der Vorahnungen meiner Mutter betraf, so kann ich mich nicht erinnern dass sie einmal falsch gelegen wäre.  Diese Vorahnungen wühlten mich auf und erst viel später sollte mir klar werden, dass auch ich damit in noch viel stärkerem Maße  behaftet sein werde.  Mein Vater wendete sich zu Frida und sprach zu ihr mit einer Stimme, welche jeden Einspruch ausschloss:


 „Du versuchst zu Deinem Bruder Kontakt aufzunehmen und wenn wir Platz auf dem Schiff kriegen, werden wir über die Ostsee flüchten."


Ma war schon dabei aus dem Zimmer zu gehen, drehte sich noch einmal um und sagte mit ruhiger aber bestimmter Stimme:


 „ Auf keinem Fall werde ich auf das Schiff gehen. Und die Kinder bleiben hier. Ich bin mir viel zu sicher, dass wir unser Ziel nicht erreichen werden.   Wenn du Hans meinst dass Du gehen musst dann darfst du das gerne tun. Nehme Frida am besten gleich mit was du letzten Endens ja auch wünscht."


Ohne eine weitere Antwort von meinem Vater abzuwarten, entfernte sie sich aus dem Zimmer und schlug die Tür mit voller Wucht zu. So hatte ich sie noch nie erlebt. Uwe und ich sahen uns an  In mir brach eine Welt zusammen. Uwe trat zu mir, legte seine Hand auf meine Schulter und versuchte mich zu trösten. Heinz stand wie versteinert da, entnahm aus seiner Zigarettenschachtel eine Zigarette und steckte diese mit zittrigen Händen an.


„Oh,  sagte er. Wenn das stimmt Hans,  dass habe ich von Dir nicht gedacht und  erwartet."


Mir war bekannt, dass  Heinz meine Mutter sehr verehrte. Frida schaute auf dem Boden. Es herrschte eine eisige Kälte im Raum. Ich konnte das nicht mehr ertragen und gab Uwe ein Zeichen das Zimmer zu verlassen. Ich musste wieder aus dem Haus raus und trotz der Kälte gingen wir an die Ostsee. Dort türmten sich ganze Eisberge. Der eisige Wind zerschnitt uns das Gesicht. Trotz dem schlechten Wetter gingen wir einige km den Strand entlang.  In mir brach eine heile Welt zusammen.


  


  


  


Eine Woche später


So verging eine Woche ohne besondere Ereignisse. Uwe hatte ich die ganze Zeit nicht gesehen, was äußerst selten vorkam. Ich musste daran denken, wie verbunden wir in Freundschaft waren und diese auch  bis in alle  Ewigkeit anhalten sollte.


Dabei waren wir  grundverschieden. Er sehr ruhig, überlegte erst bevor er einen Entschluss fasste und scheute das Risiko. Ich nahm alles leichter, liebte das Abenteuer und war sehr schnell für eine neue Sache zu begeistern. Auch körperlich waren die Unterschiede nicht zu übersehen. Uwe, klein aber sehr kräftig, rundes Gesicht mit Stupsnase, voller Haarwuchs welche stets ordentlich gepflegt waren. Ich war ein ganzer Kopf größer, schmales Gesicht,  kurzgeschnittene Haare.  Im Gegensatz zu Uwe legte ich auch auf eine gute Kleidung keinen sehr großen Wert. Irgendwie ergänzten wir uns sehr gut. Mit meinen Ideen riss ich ihn mit und er bremste wenn ich über das Ziel hinaus schießen wollte. Ganz anders sein 3 Jahre älterer Bruder Fritz,  er nahm alles viel leichter und war in seinen Entscheidungen oft sehr leichtsinnig.  Im Gegensatz zu Uwe war er sehr groß und kräftig gebaut, kantiges Gesicht, mit breiten Backenknochen. Seine  tiefliegenden  braunen Augen hatten einen stechenden und übermütigen Blick. Der starke Haarwuchs hing lose wie eine Löwenmähne herunter. Nein, da war Uwe doch  ein ganz anderer Typ. Ich musste dabei an meinem Bruder Herbert denken. Er war wie ich groß und schlank. Sein Gesicht war ebenfalls schmal aber die breiten Backenknochen passten eigentlich nicht zu ihm, sein Körperbau  sportlich und kräftig, überlegte immer erst bevor er seine Meinung sagte, Warum musste ich jetzt an meinem Bruder denken?  Dabei wusste ich nicht einmal ob er überhaupt noch lebt. Er fehlte mir. Ich wurde in meiner Gedankenflut in die Gegenwart katapultiert als Uwe weinend ins Zimmer stürzte und schluchzte:


 „ Mama ist heute Nacht gestorben."


Ich empfang ein starkes Mitgefühl Meine Eltern kamen herein und versuchten ihm Trost zuzusprechen. Ma  ging zu Uwe, nahm ihm in dem  Arm und sagte:


„Du bleibst heute am besten hier. Wir gehen zu Deinem Papa und Fritz."


Uwe und ich sprachen viel an diesem Tage. Ihn zu trösten gelang mir nicht recht. Sehr spät gingen wir ins Bett. An Schlaf konnten wir nicht denken aber irgendwie war die Müdigkeit so stark, dass wir einschliefen.


 


Mein Geburtstag


Heute, am 15 Januar sollte ich 18 Jahre alt werden. Uwe war schon bei mir. Bevor die Geburtstagsfeier starten sollte, spielten wir eine Partie Schach. Da ich ein guter Schachspieler war, hatte Uwe keinerlei Chancen.  Inzwischen waren auch Fritz und Heinz eingetroffen. Schließlich betrat meine Muter und Vater gemeinsam den Raum. Ob Frida noch kommt?  Wir setzen  uns an dem Tisch und schnitten meine Geburtstagstorte an. Heinz versuchte die schlechte Stimmung aufzuhellen. Gelang ihm jedoch nicht. Fritz war nur mit der Torte beschäftigt. Meine Eltern saßen sich gegenüber, doch es kam kein lebendiges schönes Gespräch zustande. Es klingelte an der Haustür, ich stand auf und öffnete diese. Herein kam Frida.


 „Es tut mir leid dass ich mich verspätet habe,  aber ich habe heute mit meinem Bruder gesprochen. Er teilte mir mit, dass ich noch Platz kriege. Ich habe mich dazu entschlossen. Es ist besser so."


 Ma lehnte sich zurück, schaute sie bedrückt an und sagte:


„Wir waren sehr gute enge Freundinnen, auch wenn in letzter Zeit unsere Freundschaft einen großen Schaden genommen hat. Du weißt warum Frieda. Aber ich habe trotzdem  Angst um Dich, weil ich das Gefühl habe, dass du dein Ziel nicht erreichen wirst. Gehe nicht fort, auch wenn ich mir das aus naheliegenden Gründen wünsche." 


Frieda sagte dazu nichts. Schaute jede Person von uns längere Zeit an und schüttelte dann mit ihrem Kopf.  Eine bedrückende Stille herrschte. Ich sah meinem Vater an, dass er etwas sagen wollte, doch er blieb  schweigsam. Irgendwie kam es erst jetzt in meinem Bewusstsein, das die Lage ernst wurde. Meine Angst wurde übermächtig. Später ging ich mit Uwe in meinem Zimmer. Fritz folgte uns später. Als wir wieder aus dem Fenster schauten, sahen wir wieder das ganze Elend. In mir stieg furchtbare Angst auf, als ich das Heer von Flüchtlingen sah welche sich abgekämpft zum Hafen schleppten. Eine alte Frau konnte vor Erschöpfung nicht mehr laufen und setzte sich   auf ihren Koffer. Der Treck bewegte sich weiter. Keiner kümmerte sich um die Frau, die verlassen zurück blieb. Eine ganze Weile schauten wir alle wie gebannt auf das Geschehen. So starrten wir eine ganze Zeit aus dem Fenster ohne dass einer von uns die Stille unterbrechen wollte. Schließlich brach Uwe das Schweigen, indem er sagte:


 „Hast Du Angst Ralf?"


 „Ja, Uwe, ich habe sehr große Angst. Um mich, um meine Eltern, um meinen Bruder welcher vielleicht gerade um sein Leben kämpft oder nicht mehr lebt. Uwe, wir müssen immer zusammen bleiben, egal was passiert."


 Er schaute mich ernst an, legte beide Hände auf meine Schulter und erwiderte: 


„ Uns wird und darf nichts auseinander bringen. Das ist mein größter Wunsch und mein Versprechen."


Ich war gerührt. Und nun war heute mein Geburtstag, 4 Tage nach der Beerdigung von Uwes Mutter. Fritz schaute mich plötzlich an und sagte:


„Vielleicht kommt noch der Tag dass wir flüchten  müssen. Wer weiß, vielleicht nur wir drei. oder zu viert. Wir können nur hoffen, dass unseren Vätern nichts passiert."


"Du meinst weil sie in der Partei eine Funktion ausgeübt haben?"


 „Ja. Es wäre wirklich besser gewesen wir hätten uns viel früher aus dem Staub gemacht."


„Warum Fritz bist Du eigentlich nie eingezogen worden, wollte ich wissen. Denn  schließlich bist du wie Herbert 23 Jahre und in diesem Alter sind alle Männer an der Front?"


 „Das sind die Beziehungen welche mein Vater hat. Und du bist jetzt auch 18 Jahre und auch da haben die Beziehungen deines Vaters eine Rolle gespielt. Das gleiche gilt auch für Uwe."


Darauf konnte ich nichts erwidern. Er hatte recht, denn in unserem Alter waren alle eingezogen.  Danach herrschte großes Schweigen. Jeder hing seine eigenen Gedanken nach. Uwe blieb auch über Nacht hier, während Fritz mit Heinz den Heimweg antrat.


 


 


2 Februar 1945


Bis zum Mittag hatte sich Uwe noch nicht blicken lassen und dabei wollte er bis spätestens 10.00 Uhr bei mir sein. So zog ich mich warm an und machte mich auf dem Weg zu ihm. Es war lausig kalt. Der kalte Wind biss sich in meinem Gesicht fest. Unterwegs begegnete ich einem kleinen Flüchtlingstreck. die nach dem Hafen strebten. Die Angst musste schon übermächtig sein um sich derartige Strapazen zuzumuten. Warum sind meine Eltern nicht auch schon früher geflohen? Schon im Herbst hätte man sehen müssen, was auf uns zukommt. Zu dieser Zeit wäre so gar noch ein normaler Wohnwechsel möglich gewesen. Meine Gedanken wirbelten mir durch mein Hirn. Ich konnte in letzter Zeit an nichts Anderes mehr denken. Schließlich traf ich bei Uwe ein. Sie hatten ein kleines aber wunderschönes Haus mit einer kleinen  Parkanlage. Heinz arbeitete gerne und sehr viel in den Garten und da war es kein Wunder, dass aus dem Garten ein herrlicher kleiner Park wurde. Ich öffnete die Gartentür und ging über einen schmalen vom Schnee freigeschaufelten Weg auf dem Hauseingang zu. Ich wollte gerade die Klingel betätigen, da öffnete sich schon die Tür und Heinz gab mir  ein Zeichen einzutreten. Er schien mir sehr aufgeregt und rannte schon die Treppe hoch. Als ich Uwes Zimmer betrat, sah ich ihn flach im Bett liegen. Sein Zustand war erbärmlich. Der Kopf war knallrot, sein Gesicht mit Schweißperlen bedeckt, seine fiebrigen Augen blinzelten mich nur schwach entgegen. Er versuchte mir etwas zu sagen, aber seine Stimme  versagte seinen Dienst und schloss wieder die Augen. Ich schaute zu Fritz und fragte, was er hat. Nur ein Schulterzucken war die Antwort. Heinz und Fritz standen niedergeschlagen vor seinem Bett. Ich hatte ein so starkes Mitgefühl, und konnte eine ganze Weile kein Wort heraus bringen. Als ich gerade etwas sagen wollte klingelte es an der Haustür. Fritz rannte die Treppe herunter und kam sogleich mit dem Arzt herein.


 „Es sieht schlimm aus", hörte ich Heinz sagen.


Der Arzt unternahm die Untersuchung vor. Nach einer Weile richtete er sich zu Heinz und sagte:


 „Es sieht nicht gut aus. Es ist zu früh noch etwas zu  sagen  aber es sieht  nach einer sehr starken Grippe  mit dem Verdacht einer Lungenentzündung aus."


 Er nahm aus seinem Medikamentenkoffer einige Medikamente und gab sie Heinz, beschrieb wie sie eingenommen werden müssen und würde morgen noch einmal vorbei kommen. Falls sich der Zustand  verschlechtert müsste er ins Krankenhaus. Unbedingt pünktlich die Medizin einnehmen und für viel Ruhe und Schlaf sorgen.  Ich wusste, dass ich nichts machen konnte und gab Fritz ein Zeichen, dass ich wieder Heim gehe. Aufgewühlt,  voller Sorgen um Uwe marschierte ich langsam wieder nach Hause.


 


Zu Hause angekommen, ging ich sofort zu Ma um ihr über Uwe zu erzählen. Sie trat zu mir, umarmte mich und streichelte meinen Kopf.


„Ihr beide, sagte sie, - seid  unzertrennlich. Eine so tiefe Freundschaft schon in den jungen Jahren ist das größte Geschenk was man überhaupt erhalten kann."


Als ich sie ansah, sah ich Tränen in ihren Augen.


„Du weinst Mama."


„Ralf, ich habe so furchtbar böse Vorahnungen die mir keine Ruhe mehr lassen. Mein innere Stimme sagt mir, dass wir auseinander gerissen werden."


„Wie kannst Du so etwas denken. Uns kann doch keiner Auseinander bringen."


„Das steht nicht in unserer Macht, Ralf. Aber falls es so ist, dann musst Du, Uwe und Fritz versuchen nach dem Westen zu flüchten. Auch dann, wenn der Russe schon  Stolpmünde eingenommen hat."


„Ach Ma, Du mit Deinen Vorahnungen. Auch die Russen sind schließlich nur Menschen."


"Ich hoffe es."


„Wo ist Papa?"


„Er ist in die Fabrik gegangen um die noch verbliebenen Arbeiter zu entlassen."


Ich gab Mama einen Kuss auf die Wange und trottelte in die Fabrik zu meinem Vater. Nach etwa 20 Minuten marschierte ich durch  das Fabrikgelände. Vor der überdachten Lagerhalle stand ein alter LKW, beladen mit Uniformen. Vor ein paar Wochen herrschte hier stets ein reges Treiben. Die Lastwagen brachten Rohmaterial oder nahmen Stoffe oder auch Uniformen mit, welche mein Vater hier herstellte. In der Lagerhalle türmten sich die Textilien und wie es aussah hatte man aufgehört die Sachen abzuholen. Ich betrat  die Fabrikhalle. An beiden Wandseiten standen die Webmaschinen,  welche jetzt ein trostloses Dasein fristeten. Durch den angrenzenden Büroraum hörte ich die Stimme meines Vaters. Ich ging näher und lauschte seiner Rede:


„Für eine Flucht scheint es jetzt zu spät zu sein und würde auch dazu abraten. Dazu kommt der sehr strenge Winter in diesem Jahr."


„Warum, hörte ich einen Arbeitnehmer fragen,  sind sie selbst nicht schon geflüchtet?"


 „Das ist eine sehr gute Frage Herr Lehmann. Wahrscheinlich dachte ich so wie sie, dass man sein Heimatort nicht verlassen will. Dann hatte man vielleicht noch geglaubt, dass der Krieg eine andere Wendung einnehmen würde. Eine Flucht ins Ausland ist so gut wie aussichtslos.  Dazu die Ungewissheit was einem am Ziel erwartet  Aber ich möchte mich bei euch allen  bedanken, dass sie meiner Einladung gefolgt sind und wir hier noch einmal zum letzten Mal zusammen kommen konnten. Von 16 Mitarbeitern sind   gerade  noch 9 übrig geblieben. Das 7 unser Mitarbeiter mit ihren Familien die Flucht ergriffen haben ist verständlich und wir wollen alle hoffen das sie ihr Ziel unbeschadet erreichen. Es ist mir ein besonderes Anliegen, ihnen allen für die gute langjährige Zusammenarbeit in meinem Betrieb zu danken. Mein Dank gilt auch  unseren zwei polnischen Kollegen welche ich stets als gleichwertige Mitarbeiter und nicht als Kriegsgefangene betrachtet habe. Dieser Krieg war sinnlos, unmenschlich und vollkommen grundlos und geht  Gott sei Dank seinem Ende entgegen. Es wird für uns alle noch eine verdammt schlimme Zeit werden. Aber danach wird auch wieder Friede  eintreten.  Wichtig ist für uns jetzt nur noch, dass wir alles gut überstehen."


 „Hans hörte ich den Polen Kowalak sagen, du warst ein sehr guter Arbeitgeber und für mich ein sehr guter Freund"


Es entstand eine kleine Pause. Schließlich sagte Pa:


„Der Krieg hatte uns zusammen geführt. Und so sind wir doch Freunde geworden und haben die Feindschaft überwunden."


Es wurde noch weiter diskutiert. Ich ging langsam in dem Empfangsraum wo die Einkäufer ihre Waren bestellten. In der einen Ecke stand ein kleiner runder Tisch mit 3 Sesseln. Ich setzte mich auf einem und grübelte schon wieder. Die Gedanken wirbelten durch meine Hirnmasse. Wenn das eintreten sollte was Ma an Vorahnung hatte, - dann musste man trotzdem noch die Flucht ergreifen. Vielleicht nur Ortswechsel wo uns niemand kennt. Von der Fabrikhalle her hörte ich Geräusche die ankündigten, dass die Arbeiter den Heimweg antraten. Als Stille war, ging ich zum Büro meines Vaters. Es saß in gebückter Haltung  an seinem Schreibtisch, beide Hände stützen seinen Kopf ab. Er machte mir einen verzweifelten Eindruck und  richtete  sich erst auf, nachdem ich vor ihm stand. Seine Augen glänzten feucht.


„Pa, wollen wir nicht fort gehen und wenn es auch nur an einem anderen Ort ist wo uns  niemand kennt. Ma hat wieder eine Vorahnung gehabt das wir auseinander gerissen werden."


Eine Weile schaute er mich an,  ohne ein Wort zu sagen. Als ich schon mit keiner Antwort mehr rechnete, nickte er mit dem Kopf und sagte in einem sehr nachdenklichen Ton:


 „Ja, Mas Vorahnungen. -  Früher hatte ich  darüber immer gelacht, aber heute nehme ich das sehr ernst. Doch wir wollen noch abwarten. Heinz zieht mit Uwe und Fritz zu uns. Es ist dann menschlich etwas leichter, abgesehen  davon können wir uns gegenseitig etwas unterstützen." 


Als ich ihm von Uwes schlechten Gesundheitszustand sagte, stand Pa auf,  kam zu mir und nahm mich in seine Arme. Ein Gefühl der Wärme durchströmte   meinen Körper. Das hatte er noch nie getan. In diesem Augenblick begann ich meinen Vater besser zu verstehen. Als wir uns wieder lösten, wischte er sich eine Träne aus dem Gesicht, legte einen Arm über meine Schulter und sagte:


„Komm Ralf, lass uns nach Hause gehen."


Unterwegs erkundigte ich mich ob Frieda über die Ostsee die Flucht angetreten hatte. Mein Vater blieb stehen, schaute mich an und sagte mit aufgewühlter Stimme:


 „Frieda hat versucht mit der Gustloff zu fliehen. Doch das Schiff ist von den Russen versenkt worden und so ist sie für immer von uns gegangen."


In mir drehte sich der Magen. Ich sah wie es Pa schwer fiel mir das zu offenbaren. Ich war innerlich aufgewühlt und wollte nicht glauben dass wir Frieda nicht mehr sehen würden. Ich legte ein schnelleres Schritttempo ein. Pa hatte seine Gangart verlangsamt und sicherlich dachte er dabei an vergangenen Stunden mit Frieda zurück.  Ich fror, nicht nur wegen der Kälte.


 


 


 


S e i t e  61


  


Anfang August 1946


 


Heute hatten wir ein fantastisches Wetter. Ich marschierte am Strand entlang und ließ die kleinen Wellen auf meine Füße platschen. Mich ärgerten jedoch die Menschen welche am Strand herumlungerten. Alles nur Polen. Die paar Deutsche welche noch in Stolpmünde leben, mieden den Strand. Den Blicken der Badegäste nach zu urteilen sahen sie wohl dass ich ein Deutscher war, aber wegen meiner roten Armbinde nichts zu befürchten hatte. Gegenüber den Russen wagten sie sich nicht aufzumucken. In diesem Augenblick hatte ich  eine furchtbare Wurt auf dieses Volk. Wir hatten wohl den Krieg verloren, aber sie warfen uns aus dem Land, besetzten unsere Häuser und rissen unser Eigentum an sich. Diese Schweine! Meine Wut steigerte sich ins Unermessliche und wusste, dass ich meinen Halt verloren hatte. Die Wut und meine Unzufriedenheit begannen sich erst langsam zu legen, nachdem ich am Strand etwa 5 km zurück gelegt hatte. Hier war Ruhe. Ich spürte wie die Einsamkeit und der Friede sich über meine Seele ausbreitete Dieser herrliche weiße Strand, die kleinen kühlen Wellen welche meine Beine streichelten, das ruhige Meer und der dunkle Kiefernwald. Das gab mir ein Gefühl der Zeitlosigkeit und Nichtigkeit aller Sorgen. Ich fühlte mich von dem Wald angezogen und ging langsam hinein. Hier war ich alleine. Eine Oase der Ruhe. Eine Insel des Friedens. Die großen Bäume vermittelten mir eine tiefe Ruhe und Gelassenheit. Draußen tobte der Kampf, Streit, Neid und Habgier, Unzufriedenheit und Egoismus. Ich machte mir jedoch große Sorgen darüber, warum ich von Zeit zu Zeit eine innere Zerrissenheit und Unruhe spürte und dann unbedingt alleine sein musste. War das noch normal? Letzte Woche sagte Ma zu mir, dass es erst dann besser werden wird,  wenn ich die Kraft zu beherrschen verstehe. Sprach sie aus eigener Erfahrung?  Mit diesen Gedanken im Kopf ging ich tiefer in den Wald hinein und stand plötzlich vor einer riesigen Kiefer. Der Stamm hatte ein gewaltiges Ausmaß, seine Rinde faltig, seine Wurzeln weit ausladend. Ich fühlte mich von ihm angezogen,  musste ihn mit meinen Händen berühren, mein Kopf legte sich auf seine gefurchte Rinde, verharrte so eine ganze Weile und hatte dabei den Eindruck dass ich dem Baum Kraft und Ruhe entziehe.  Ich erwachte aus der Starre als es im Unterholz krachte, blickte zur Seite und sah wie ein Reh aus der naheliegenden kleinen Baumgruppe sprang. Ich löste mich von dem Baum und ging langsamen Schrittes dorthin. Es war  eine Ansammlung kleiner Fichten mit höchstens zwei Meter Größe. Der Boden war hier besonders sandig. In der Mitte war eine kleine Lichtung. Die umliegenden kleinen Bäume gaben mir nicht nur einen zusätzlichen Sichtschutz, sondern das Gefühl einer Geborgenheit. Ich legte mich in den sandigen Boden.  Doch wenn ich gewusst hätte, was in Kürze auf mich einstürzen würde, - ich wäre im Eiltempo nach Hause gerannt.


 


Ich glaubte nicht mehr daran, dass ich ein normaler Mensch bin. Es hatte sich schon zu viel ereignet. Die Gesundung mit Ma bei Frau Lehman. Das in Gedanken gesehene gestochene scharfe Bild von einem  Bauernhaus. Meine innere Zerrissenheit von Zeit zu Zeit. War es vielleicht das erste Anzeigen einer Geisteskrankheit?  Ich schloss die Augen und versuchte wieder mit Nichtdenken Entspannung zu finden. Doch es wollte nicht gelingen. Ich schaute wieder auf dem Himmel hoch, welcher nur zum Teil durch die großen Bäume sichtbar war und die Sonne warf nur wenige Strahlen in meine Lichtung. Mein Zeitgefühl ging mir wieder  verloren. Ohne Warnung verspürte ich ein starkes Ziehen in meinem Kopf. Der Schmerz verstärkte sich. Mein Körper versuchte sich vor lauter Schmerz aufzubäumen und wollte schreien, aber mein Wille war gelähmt, mein Körper  gefesselt. Trotz geöffneten Augen konnte ich nichts mehr sehen. Dunkelheit umgab mich. Meine Seele schrie. Das Ziehen verstärkte sich. Es wurde heiß. Eine Feuerbrunst nagte an meinem Geist und war einer Explosion nahe. Ich gab mich auf. Hatte nicht mehr den Willen dagegen anzukämpfen. Dann trat in mir Ruhe ein. Kein Ziehen mehr, keine Schmerzen mehr, keine Hitze mehr. Ich schwebte in einer nie bekannten Dunkelheit. Nein, ich sah  die Sterne welche mich einschlossen. Sie erschienen mir zuerst weit weg,  dann  zum Greifen nahe. Ein noch nie dagewesener Frieden erfüllte mich.  Ich durchlebte die Unendlichkeit, Zeitlosigkeit und das Verstehen einer gewissen Ordnung.  Dann strömten von allen Seiten gigantische Impulse auf mich ein welche ich wie ein Schwamm in mir aufnahm und nicht versiegen wollte. Nach und nach erloschen die Impulse und hatte das Empfinden nichts mehr in mir aufnehmen zu können.  Ich fühle mich unendlich leicht und durch meine Gedanken angetrieben schwebte ich durch die Dunkelheit, die mir vertraut und zugehörig  erschien.  Mein Schweben wurde gebremst, durch meinen Geist spürte ich ein leichtes Ziehen und allmählich betrat ich wieder die Wirklichkeit. Meine Augen nahmen wieder Umrisse wahr. Wie durch ein Nebel sah ich wieder die Fichten. Der Nebel lichtete sich und die Bäume zeigten  ihr grün. Ich hörte  die Vögel singen und ein Teil des Himmels lugte aus der Wolkendecke hervor. Um jetzt alles verarbeiten zu können, blieb ich liegen. Wo war ich? Was war nun tatsächlich geschehen? Waren das Illusionen?  War ich zusammengebrochen und hatte nur geträumt?  Ich musste mich aussprechen. Bei einem Blick auf die Uhr ließ mich erschrecken. Es war 10.00 Uhr morgens. Mein Gott, da habe ich hier die ganze Nacht gelegen und war der festen Meinung nur eine Stunde abwesend gewesen zu sein. Ich horchte in mir hinein und fühlte eine sagenhafte Kraft, eine geistige Stärke in mir, - diese nur annähernd zu beschreiben eine  Unmöglichkeit war. Dagegen fand ich, dass körperlich keine Veränderung stattgefunden hat. Ich stand wieder auf, entfernte mich langsamen Schrittes von diesem Ort und ging zum Strand. Es war heute Morgen nicht mehr so heiß aber warm genug um am Strand im Wasser heimwärts zu laufen.  In der Ferne waren wieder einige polnische Badegäste, hauptsächlich jugendliche. Die Wut welche ich auf den Hinweg für die Polen empfunden hatte, war verflogen. Die Zeit wird alles gewesene wegwischen und ins Nichts befördern. Warum sich in unserer kurzen Lebensspanne zu viel Wichtigkeit beimessen? „Grübelst du schon wieder", hätte Uwe mich jetzt gefragt. Aber ich hatte Sehnsucht nach den Anderen und mein Ziel war schnell nach Hause zu gehen.


 


Mir kamen fünf junge Polen entgegen und ahnte dass ich nichts Gutes zu erwarten hatte. Ich spürte in meinem Kopf einen Druck und ein pulsieren. Der Druck wurde immer stärker ohne dass dieser mir Schmerzen verursachte. Als sie näher kamen, entdeckte ich dass einer von denen ein Messer in der Hand hielt.  Er war sehr groß und stark gebaut. Sicherlich der Anführer dieser Bande. Wie sollte ich mich jetzt verhalten? Umkehren und durch den Wald flüchten? Ich entschied mich dagegen und ging weiter. Der Anführer war jetzt nur noch 10 Meter von mir entfernt als er schrie:


 „Du Nazischwein" und rannte mit dem Messer auf mich zu."


Reflexartig streckte ich meine Hände aus und hatte das Empfingen dass sich Impulse von mir lösten.  In Gedanken krallten sich meine Hände an seine Brust fest. Der Anführer ließ mit einem Schrei das Messer fallen, torkelte und stürzte zu Boden. Ich war erregt, lief schnell an den Polen vorbei und  rannte  was meine Füße hergaben. Ich hatte furchtbare Seitenschmerzen und war einem Zusammenbruch nahe. Ich konnte nicht mehr. Als ich das erste Haus erreichte, kletterte ich über den Gartenzaun und versteckte mich hinter einen dichtbewachsenen Busch. Langsam beruhigte sich mein Atem und auch die Seitenstiche ließen langsam nach. Die Gedanken welche nun auf mich einstürmten lagen zwischen Hochgefühl und Erschrecken. Hatte ich tatsächlich nur mit meinem Willen den Polen in die Knie bezwungen? Hatte  Ma  Recht, als sie von einer „Macht" sprach? Tatsache war, dass ich den Anführer Schachmatt gesetzt hatte und bei meinen Angriff zuerst ein pulsierendes Gefühl im Kopf und dann in meinen ganzen Körper  feststellte. Ich musste darüber mit Ma und den Anderen sprechen. Ich rappelte mich wieder auf, konnte keine Verfolger sehen und rannte weiter. Als ich wieder unser Haus sah, lief mir schon Uwe entgegen, erreichte mich  außer Atem und keuchte:


„Ralf, wo warst du die  ganze Zeit?  Wir hatten große Sorgen um dich." Wir fielen uns um die Arme und ich erwiderte:


„Ich habe etwas erlebt, was man nicht erlebt haben kann. Ich berichte euch, wenn wir Daheim sind."


Ich sah, daß  Anton, Ma und Pa uns auch schon entgegen kamen. Gleich darauf trafen wir uns. Die Sorgen welche sie durch mich hatten, waren ihnen ins Gesicht geschrieben.  Selbst Anton machte einen sehr  gespannten Eindruck.


„Junge" sagte er wo hast du die ganze Zeit gesteckt? Wir haben uns Sorgen gemacht und ich wollte bereits  ein Suchkommando aufstellen."


 Das dieser Mann  noch vor einem Jahr uns am liebsten alles Böse angetan hätte, erschiene mir heute wie in ferner Vergangenheit. Wir waren inzwischen fasst täglich zusammen und das Ma nach seinem schweren Schicksalsschlag fertig gebracht hatte ihn wieder aufzurichten und seine Freundschaft zu erringen,  dass war ihr Erfolg. Aber auch nur durch ihre geheimnisvolle Kraft. Ich war so mit meinen Gedanken weggetreten, dass ich noch nicht imstande war darauf eine Antwort zu geben. Während Pa mich mit sorgenvollen Falten betrachtete, nahm mich Ma in die Arme und  sagte leise zu mir:


„Oh Ralf, da ist viel passiert. Ich spüre eine gewaltige Ausstrahlung in dir, die mich nahezu lähmt. Du hast die Macht zu Dir  genommen. Möge Gott, dass du damit fertig werden wirst."


Uwe und Pa wurden ungeduldig. Anton schaute mich etwas verständnislos an und wartete sicherlich immer noch die Antwort auf seiner Frage.


„Habt ihr beide Geheimnisse, fragte Pa besorgt. Was hast du zu Ralf ins Ohr geflüstert?"


Auch Ma gab keine Antwort. Sie löste sich von mir, nahm mich in die Hand und gingen nach Hause.  Heinz, Herbert und Fritz empfingen uns an der Haustür. Ich fühlte ihre Sorgen, Erleichterung aber auch ihre  Neugierde. Gemeinsam gingen wir ins Wohnzimmer.


 


 


 


 


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