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Science Fiction
Buch Leseprobe Alkatar, Anja Fahrner
Anja Fahrner

Alkatar



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Mit geschlossenen Augen stand Alkatar an der Schlucht Adastinare, die sich durch weite Teile des Planeten Sumas zog. Nur das Geräusch des Windes, der mit seinem eisigen Hauch klagend durch das gewaltige Felslabyrinth strich, drang in sein Bewusstsein. Alkatar ignorierte die Finsternis und die Kälte, die das Gestein mit glitzerndem Reif überzogen hatte, und konzentrierte sich auf das warme Gefühl in seinem Inneren, das wie ein goldener Fluss sein Herz erwärmte.
»Die Freundschaft wird uns bleiben«, flüsterte Annevay dicht neben ihm. »Auch wenn du in weiter Ferne bist.«
»Ja, sie wird uns bleiben.« Wenn es hell wird, dachte er, werde ich meine Halbschwester verlieren. Dann werde ich alles, was ich kenne, alles, was ich zu schätzen gelernt habe, verlassen müssen. Sanft griff er nach Annevays Hand, drückte sie.
»Du hast das Talent unseres Vaters geerbt, eines großen Jägers, der die Sumaren mit Leichtigkeit führt«, sagte sie mitfühlend. »Ich bin mir sicher, dass du eine angesehene Sippe finden wirst.«
»Lass uns nicht von der Zukunft reden.« Flüchtig sah Alkatar zu seinen fünf Sumaren, die nur als gedrungene Schatten in der naheliegenden Mulde zu erkennen waren. Die pelzigen Wesen mit den vier handähnlichen Füßen hatten ihm während der letzten vierzig Schlaf- und Wachzyklen treu gedient, ihn bei der Jagd unterstützt und ihm und Annevay Schutz gewährt. Bald würde er ein eigenständiger Jäger sein, der ein Heer von ihnen befehligen durfte. Sein eigenes Heer, dem er telepathisch gebot und das seine Sinne erweiterte.
Ein zaghafter Lichtschimmer überzog die schroffen Felsen mit einem glutroten Hauch, lenkte seine Aufmerksamkeit zu dem rötlichen Streifen am Horizont, dem Vorboten der hellen Phase. Jetzt sind wir erwachsen. Wir haben die Initiierung bestanden. Aus den Augenwinkeln betrachtete er seine Halbschwester, ihre anmutige schlanke Silhouette in der heraufziehenden Dämmerung. Ist es schon so lange her, dass ich mit ihr im Spiel durch das Gebirge gerannt bin? Gemeinsam haben wir die unbeschwerte Zeit der Jugend genießen dürfen, haben alles erlernt, was zum Überleben in der Wildnis notwendig ist. Eine dunkle und eine helle Phase haben wir bewiesen, dass wir selbständig sind, den Erwachsenen würdig. Vor seinem inneren Auge zogen noch einmal die letzten vierzig Wachzyklen vorbei, die sie weit abseits ihrer Sippe, den Adrastea, verbracht hatten. Zwanzigmal Erwachen in blendender Helligkeit, Schlaf in brütender Hitze; Jagen, Sammeln, Konservieren von Nahrung, unermüdlich, bis sich die Schatten dehnten und die Sonne hinter dem schroffen Gestein verschwunden war. Danach zwanzigmal Erwachen in dunkler Kälte; ein dicht gedrängter Knäuel Leiber, Sumariter und Sumaren, die sich Wärme spendeten. Stille, karge, rationierte Nahrung – Zeit für den Abschied von der Kindheit, das Ausrichten auf die Zukunft.
Der rötliche Hauch wurde golden, raste schließlich gleißend auf sie zu. Alkatar beobachtete, wie sich die tiefschwarzen Pupillen seiner Halbschwester verkleinerten, bis sie das leuchtende Grün der Iris freigaben und sich zu einem winzigen Punkt verengten. Er verspürte den Drang, den unnachgiebigen Fluss des Lebens zu stoppen, aber er floss dahin, viel zu rasch, glitt durch die Finger wie der feine Sand, den der Wind durch die Schluchten trug.
»Komm.« Annevays Antlitz verzog sich zu einem schelmischen Lächeln. »Lass uns den Faustach überlisten.«
Alkatar erinnerte sich an das riskante Spiel ihrer Kindheit, das eine süße Belohnung versprach. Wie oft haben wir die lichtscheue Kreatur mit den Giftstacheln unter dem Sand hervorgelockt, um ihr seinen Nektar zu stehlen. Doch das ist lange her. Wir sind nun erwachsen, eines solchen Spieles nicht mehr würdig. »Wir werden zurückkehren«, erwiderte er hart. »Jetzt.«
»Ach komm schon. Verdirb nicht unsere letzte gemeinsame Zeit.«
»Nein.«
»Wer weiß, wann wir uns wiedersehen werden.« Sie richtete sich stolz auf. »Außerdem bin ich ab heute deine Gebieterin, eine erwachsene Frau aus der Sippe der Adrastea. Ich befehle dir, deiner Bestimmung als Jäger zu folgen.«
Er wollte den Abschied nicht unnötig hinauszögern, nicht durch solch eine gefährliche Spielerei. Er würde die Sippe verlassen, so wie alle Männer nach bestandener Initiierung ihre Heimat verlassen mussten. So verlangte es der Brauch und es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Doch ärgerte es ihn, dass Annevay sich so kurz vor ihrer Trennung als seine Herrin gebärdete.
»Das war nicht ernst gemeint, liebster Bruder.« Sie lachte prustend und zwickte ihn freundschaftlich in die Wange. »Nun komm schon. Weißt du nicht mehr, was das für ein Spaß war?« Mit diesen Worten rannte sie einfach los.
Die zarten Gewächse des Gebirges, grau und unscheinbar in der dunklen Kälte, reckten, nun von Helligkeit überstrahlt, ihre filigranen Auswüchse wie bunte Skulpturen in das warme Licht. Das schwarze Gestein verschwand unter einem Feuerwerk der Farben.
Alkatar sog tief die würzige Luft ein, dann brachte er die fünf Sumaren unter seine mentale Kontrolle und trabte mit ihnen hinter seiner Halbschwester her die Berge hinab in eine sandige Ebene trügerischer Glätte.
»Hm. Unsere Freunde waren fleißig. Haben riesige Mengen Nektar für uns gesammelt.« Annevay sah ihrem Halbbruder mit witternd erhobenem Kopf entgegen, dann trat sie aufmerksam auf den weichen Sand. »Ich spiele die Beute.«
»Nein.« Er kämpfte gegen sich selbst, kämpfte gegen das, was man ihn gelehrt hatte. Die erwachsenen Frauen waren das Fundament der Sippe und geboten den Männern.
»Du bist zu behäbig.«
»Du bist jetzt eine tragende Säule der Adrastea, eine zukünftige Koordinatorin.« Er neigte leicht sein Haupt als Zeichen seiner Ehrerbietung. »Doch der gefährlichere Part gebührt mir, dem Jäger, dessen Körper behäbiger sein mag als deiner, dessen Sinne jedoch an Schärfe gewonnen haben.«
»Du bist zu schwer. Du verdirbst uns die Jagd.«
Unbehaglich sah er in ihre erwartungsvoll leuchtenden Augen.
»In Gedenken an das Vergangene, an unsere Kindheit.« Sie legte ihre Armbrust zur Seite und zog ihr Jagdmesser. Hochkonzentriert setzte sie einen Fuß vor den anderen, so vorsichtig, als könne sie dem Sand Schaden zufügen.
Die Sumaren zischten leise, schlugen erregt mit ihren Schwänzen, drängten Alkatar um Erlaubnis, Annevay folgen zu dürfen. Er spürte ihre Erregung, aber das war keine Beute für sie, nichts, was man mit so wenigen Jägern offen angreifen konnte. Er befahl seinen Gefährten, abseits auf ihn zu warten.
Mit demütig geneigtem Kopf zogen sich die Sumaren enttäuscht zurück.
Alkatars Herzschlag beschleunigte sich, als er seine Repetierarmbrust in Anschlag nahm. Witternd lokalisierte er die Faustache, die tief unter ihnen lauerten. Das Fieber der Jagd hatte auch ihn gepackt. Er folgte Annevay so dicht wie möglich, aber in ausreichender Entfernung, um die lichtscheuen Kreaturen nicht zu wecken.
Seine Halbschwester wagte sich weit in die Ebene vor, zu weit für seinen Geschmack. Doch sie ignorierte seine Geste der Rückkehr. Er beobachtete, wie sie lächelnd stehen blieb und unter sich deutete. Angespannt verharrte er, bereit, seinen Pfeil ins Ziel zu schießen.
Sie trat fest mit dem Fuß auf.
Alkatar hörte ein Rumpeln, spürte Vibrationen unter seinen Füßen. Dann sackte der Sand unter Annevay strudelförmig ab, entschwand in einem unsichtbaren Loch. Erleichtert sah er, wie sie sich mit einem mächtigen Satz vor der tödlichen Öffnung rettete und geduckt den Angriff erwartete. Der gepanzerte Hinterleib des Faustaches schoss vor ihr in die Höhe, bog sich mit seinen zangenförmigen Auswüchsen in ihre Richtung.
»Komm doch, du hässliches Mistvieh. Greif an.« Sie lachte und warf mit einem Ruck ihre dunklen Haare nach hinten.
Wie gebannt starrte Alkatar auf den zangenbewehrten giftigen Hinterleib der Bestie, der bogenförmig in Richtung Annevay wippte. Dann befreite sich der Faustach mit einer einzigen kraftvollen Bewegung vom restlichen Sand. Sein kugelrunder, glasiger Kopf kam zum Vorschein, aus seinem schnabelförmigen Maul drang ein ohrenbetäubendes drohendes Zirpen. Wütend versuchte er, den Störenfried mit seiner Zange zu treffen.
Annevay wich geschickt aus.
Alkatar zwang sich zur Ruhe, zielte auf den empfindlichen Kopf seines Gegners, hielt die Luft an und schoss.
Sirrend löste sich der Pfeil und durchschlug mit einem dumpfen Schlag den ungeschützten runden Hinterkopf der Kreatur. Der Hinterleib bäumte sich zuckend auf, erschlaffte und sackte in sich zusammen.
Erleichtert lauschte Alkatar Annevays übermütigem Lachen. Ihr mentales Lob seines Schusses begleitete seine Gedanken, spülte seine Sorgen einfach hinfort.
Mit vorgestrecktem Jagdmesser näherte sie sich witternd dem Loch im Sand, sprang hinein und kam kurz darauf mit einer prallen rot glänzenden Wabe wieder heraus. Triumphierend hielt sie die mit zäher Flüssigkeit gefüllte Blase nach oben. Dann, unvermittelt, lief sie los, so, wie sie es als Kind oft getan hatte. Tief versanken ihre Füße im Sand.
Noch während sie die ersten Schritte tat, sah er die Erkenntnis in ihren Augen, spürte er ihren Schrecken darüber in sich, einen schwerwiegenden Fehler begangen zu haben. Sie war kein kleines Mädchen mehr, dessen Füße den Boden beim Laufen so sanft berührten, dass die Faustache sie nicht genau orten, sie nicht als Bedrohung wahrnehmen konnten. Sie war eine erwachsene Frau. Einen Moment stand er wie erstarrt, unfähig zu begreifen, was folgen würde. Ein markerschütterndes Dröhnen riss ihn aus seiner Lethargie.
Der Sand schien zum Leben zu erwachen.
Annevay rannte so schnell, wie sie konnte.
Alkatar versuchte die Faustache zu lokalisieren, die ihr gefährlich werden konnten. Hinter ihr erschienen die Leiber der ersten Kreaturen, zu weit weg, um sich bedroht zu fühlen. Sie würden sich wieder zurückziehen. Mahlend bewegte sich der Sand vor Annevays Füßen. Sie wich den Strudeln aus, blieb schließlich geduckt stehen. Die Wabe fiel aus ihrer Hand, überließ ihre goldgelbe Flüssigkeit dem durstigen Boden. Fast gleichzeitig schossen fünf zangenbewehrte Hinterleiber in die Höhe.
Alkatar reagierte, ohne nachzudenken. Eines der Biester, das seinen Kopf zuerst aus dem Sand schälte, erlegte er mit einem Schuss. Obwohl er wusste, dass die Sumaren einem Faustach unterlegen waren, befahl er ihnen den Angriff auf die Bestie, die im Begriff war, seine Halbschwester von hinten anzufallen. Nachdem er einen weiteren Faustach mit einem Pfeil getötet hatte, sprang er mit gezogenem Messer an ihre Seite. Zwei der Sumaren fielen blutüberströmt in den Sand. Drei der Tiere hatten sich in den Körper ihres Gegners verkrallt und brachten ihn dazu, sich mit seiner ungewöhnlichen Last hilflos im Kreis zu drehen.
Alkatar und Annevay kämpften nun Rücken an Rücken.
Sie schrie leise auf.
Für einen winzigen Moment blickte er zur Seite und erkannte erleichtert, dass sie ihren Gegner erledigt hatte. Mit aller Kraft stieß er der tobenden Kreatur vor sich das Messer tief in den geöffneten Schnabel, dann packte er seine Halbschwester bei der Hand, zog sie mit sich fort, fort von der sich im Todeskampf windenden Bestie.
Sie hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten.
Gewaltsam zerrte er sie auf festen Grund, sank erschöpft auf die Knie.
Auch sie ließ sich keuchend niedersinken.
Die zwei Sumaren, die den Angriff überlebt hatten, rannten zu ihrem Herren, schmiegten sich wimmernd an ihn.
»Ein wahrhaft würdiger Abschluss unserer Kindheit«, schnaufte Alkatar verärgert. Er horchte auf, denn in seinem Inneren war etwas Fremdes, Besorgniserregendes erschienen. Eine kalte Leere schien sich in ihm auszubreiten.
»Alkatar!« Ihre Stimme war nur ein Hauch. Sie lag nun schwer atmend auf der Seite.
Mit einer dunklen Vorahnung kroch er zu seiner Halbschwester, tastete hektisch mit seinen Augen ihren Körper ab. Er entdeckte ein blutiges Loch in ihrer Hüfte, aus dem der Rest eines Stachels ragte.
»Du wirst der beste Jäger von Sumas werden.« Sie wandte sich mühsam ihrem Halbbruder zu, lächelte verkrampft, hustete. »Du bist nicht behäbig.« Speichel sammelte sich in ihren Mundwinkeln.
Der Schmerz schien Alkatar innerlich zerreißen zu wollen.
Annevays Körper bäumte sich auf, kämpfte verzweifelt gegen das Gift. Sie holte röchelnd Luft. »Vergiss … mich … nicht … niemals!«
Er spürte hilflos, wie ihr Geist sich erweiterte, sie ihren Abschied an jeden Einzelnen ihrer Sippe sandte. Für kurze Zeit waren sie alle in einem gemeinsamen Gefühl des erschrockenen Erstarrens, der Trauer, verbunden. Dann verflüchtigte sich Annevay – die Schwester, die Tochter, die Frau. Ihre warme Anwesenheit, die Alkatar sein Leben lang begleitet hatte, erlosch in einem winzigen Augenblick endgültig. Noch nie hatte er sich so leer gefühlt, so einsam. Er drückte ihren leblosen Körper an sich, weinte still vor sich hin. Deutlich fühlte er den Ruf seiner Sippe in sich, den Ruf sofort zurückzukehren. Doch er ignorierte ihn. Ohne ein Zeitgefühl zu besitzen, presste er Annevay an sich, bis auch der letzte Rest Wärme aus ihr gewichen war. Erst dann ließ er sie den Sand gleiten, betrachtete liebevoll ihr blasses Gesicht. Wie betäubt schloss er ihre Augen, die ihren Glanz verloren hatten, dann zog er den Stachel aus der Wunde. Es war einer der giftigen Zähne, mit denen die Zangen der Faustache auf der Innenseite besetzt waren. Er schlug ihn in ein Stück Leder ein, steckte ihn in seine Tasche – ein schmerzliches Erinnerungsstück an Annevays Freundschaft – das Einzige, was ihm von ihr bleiben würde.
Der Ruf der Sippe wurde drängender, wurde zu einem Befehl.
Er nahm Annevay in seine Arme und stand schwankend auf. Ohne Pause wankte er durch die gleißende Helligkeit, die brütende Hitze, lief, bis seine Beine ihn nicht mehr tragen wollten, er völlig erschöpft auf den steinigen Boden sank.
Die beiden Sumaren kauerten sich dicht neben ihn.
Alkatar holte den Stachel des Faustaches aus seiner Tasche, betrachtete ihn. Nur ein Stich, ein kurzer Augenblick des Schmerzes, dann würde alles vorbei sein. Er würde seiner Halbschwester folgen, würde der innerlichen Leere entfliehen.
Eine warme Kraft breitete sich in ihm aus, das Gefühl von Stärke. Doch es waren weder seine Kraft noch seine Stärke. Lasst mich in Ruhe, dachte er matt, zu schwach sich gegen die fremde Einflussnahme zur Wehr zu setzen. Lasst mich einfach sterben. Aber die Sippe hinderte ihn daran, seiner Todessehnsucht nachzugeben. Fügsam steckte er den Stachel weg, hob den Leichnam auf und schleppte sich weiter.


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