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Science Fiction
Buch Leseprobe Akashim: Der Farmer, G.H. Chambers
G.H. Chambers

Akashim: Der Farmer



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Kapitel 1

Fiona


Die Sonne strahlte hell vom wolkenlosen Himmel, aber der Wind war zu dieser Jahreszeit bereits recht frisch, sodass die Sonnenstrahlen schon Mühe hatten, die Luft zu erwärmen. Ich bemerkte die Kühle nicht. Ich war darauf trainiert, mich von solchen Dingen nicht von meiner Arbeit ablenken zu lassen. Dennoch war ich nervös, denn ich verspürte schon den ganzen Morgen eine innere Unruhe, die ich mit der stoischen Gelassenheit, die einem Akashim eigen war, nicht in Einklang bringen konnte.


Vorsichtig tastete ich mit der rechten Hand nach der Kapsel, die ich unter der Haut im Nacken trug - wie all meine Kameraden. Aus dem schwachen Druck, den ich beim Aufwachen gespürt hatte, war mittlerweile ein unangenehmer, stechender Schmerz geworden. Nachdenklich nahm ich die Hand herunter und betrachtete meine Fingerspitzen. Neben den Nackenschmerzen bemerkte ich auch eine zeitweilige leichte Taubheit in den Fingern. Das passte nicht zu einem Akashim und deutete auf eine Fehlfunktion meines Körpers hin - etwas, was nicht geschehen durfte und eigentlich auch nicht passieren konnte. Zumindest hatte ich von so etwas noch nie gehört.


Ich beschloss, mich weiter meiner Beschäftigung zu widmen und das Gelände zu inspizieren. Bisher hatte ich noch keine Gefahrenquelle ausgemacht, aber es hatte auch erst einmal einen Einbruchsversuch bei den Wilsons gegeben. Das waren schon alle Ereignisse innerhalb der drei Monate gewesen, seitdem ich bei Mr. Wilson im Dienst stand. Wobei das der falsche Ausdruck war. Ich stand in keinem Dienstverhältnis, sondern er hatte mich für sehr viel Geld meinen Erschaffern abgekauft. Eigentlich war ich viel zu teuer für so eine simple Aufgabe, wie es die Bewachung eines Anwesens für mich war. So hatte sich Chase, der Sohn meiner Besitzer, ausgedrückt. Anfangs war mir der Sinn dieser Aussage entgangen, doch mittlerweile hatte ich eine ungefähre Vorstellung, was man für bestimmte Geldbeträge kaufen konnte. Und für den Gegenwert eines Akashims müsste ein durchschnittlich verdienender Angestellter rund hundert Jahre arbeiten. Der Gärtner, der damit begonnen hatte, die Beete für den nahenden Spätherbst vorzubereiten, und dem ich mich soeben näherte, wüsste mit seinem Geld aber sicher etwas Besseres anzufangen.


»Guten Tag, Mr. Spencer«, begrüßte ich den knorrigen, älteren Mann mit dem verwitterten Gesicht.


Er sah mich von unten herauf an und blinzelte nervös. Diese Erfahrung war nicht neu für mich. Die meisten Personen reagierten so, wenn sie einem Akashim gegenüberstanden - und sie es wussten. Es war ja nicht so, als ob meine Kameraden und ich von normalen Menschen leicht zu unterscheiden gewesen wären, auch wenn wir vor dem Gesetz keiner Gattung angehörten. Aber die Art, mit der ich vor zwei Monaten die drei Einbrecher ausgeschaltet hatte, hatte sich wie ein Lauffeuer unter den Angestellten verbreitet und deren Furcht vor mir enorm gesteigert.


»Hallo, Miss ... Fiona«, erwiderte er beklommen den Gruß. »Schönes Wetter heute, nicht wahr?«


Ich konnte seine Unsicherheit und Angst spüren. Sie sprang mich geradezu an.


»Schneiden Sie gerade die Hortensien?«, erkundigte ich mich betont harmlos.


»Ich ... nein ... Mr. Wilson hat mir befohlen ... ich ...«


Seine Stimme erstarb und ich merkte erst jetzt, dass ich ihm direkt in die Augen gestarrt hatte. Es war nicht meine Absicht gewesen, den Gärtner einzuschüchtern, denn ich kannte die Wirkung meines durchdringenden Blicks auf das Personal, hatte aber in diesem Moment nicht daran gedacht. Was war heute nur mit mir los? Ich wandte mich von ihm ab und betrachtete stattdessen die Hortensien. Nur zu deutlich vernahm ich Spencers erleichtertes Aufatmen.


»Ich muss bei den Beeten am Haus weiterarbeiten«, sagte er, als ob er dafür meine Erlaubnis benötigen würde.


Er schien noch ein paar Augenblicke unschlüssig zu warten, bevor er sich mit seinem typisch schleppendem Schritt entfernte. Ich beugte mich leicht vor und sog den betörenden Duft der Blumen tief in meine Nase. Herrlich! Fast im gleichen Moment verspürte ich einen scharfen Schmerz in meinem Nacken und mir wurde schwindelig. Besorgt richtete ich mich wieder auf. Dies lag nicht mehr im Rahmen normaler Parameter. Etwas stimmte nicht mit der Kapsel! Ich würde Mr. Wilson informieren müssen.


»Du bist aber ziemlich unaufmerksam für einen so teuren Akashim!«, hörte ich Chase′ spöttische Stimme in meinem Rücken.


Ich konnte nicht begreifen, dass ich seine Annäherung nicht bemerkt hatte, durfte mir aber auf keinen Fall diese Blöße geben.


»Es ist mir nicht entgangen, Sir!«, log ich daher.


′Eine Lüge?′, durchfuhr es mich im gleichen Moment. Es war einem Akashim streng verboten, seine Besitzer anzulügen. So langsam türmten sich meine Fehler und Schwächen zu einem riesigen Berg auf.


»Was ist denn los mit dir?«, fragte Chase mit gerunzelter Stirn. »Erst riechst du an Blumen, dann merkst du nicht, dass ich in deinem Rücken auftauche, und nun wirst du auch noch kalkweiß? Du warst ein bisschen zu teuer, um jetzt in alle Einzelteile auseinanderzufallen.«


»Ich bestehe nicht aus einzelnen Teilen, Sir. Mein Körper ist mit dem eines Menschen fast identisch.«


Er betrachtete mich von oben bis unten. »Nun, zumindest sitzt bei dir alles an den richtigen Stellen. Jetzt komm mit. Du sollst unserer Haushälterin helfen.«


*****


»Sie sehen irgendwie ... müde aus, Miss Fiona.«


Mit der Haushälterin Elvira López kam ich eigentlich sehr gut klar. Sie hatte mich vom ersten Tag an nicht als ein Ding behandelt, dem man entweder aus dem Wege gehen oder mit dem man dumme Spielchen spielen sollte. Letzteres war Chase′ Lieblingsbeschäftigung, wenn er zu Hause war. Bis zum heutigen Tage hatte es mich nicht gestört, aber während ich mit Elvira den Tisch eindeckte, hatte ich seine anzüglichen Blicke gespürt. Erst jetzt erinnerte ich mich auch an all die Gelegenheiten, bei denen er mich scheinbar unabsichtlich berührt hatte. Damals hatte es mich nicht belastet oder es war mir nicht aufgefallen, doch jetzt erzeugte es einen tiefen Widerwillen in mir.


»Ich bin vollkommen funktionstüchtig, Miss López. Aber sagen Sie doch bitte einfach Fiona zu mir.«


»Nur dann, wenn Sie mich Elvira nennen.«


Ich lächelte nur, schöpfte mir etwas Suppe auf den Teller und nahm zwei Scheiben Brot. Ich hatte erneut gelogen, als ich gesagt hatte, dass mit mir alles in Ordnung wäre. Ich fühlte mich schwach und der pochende Schmerz in meinem Nacken wurde immer heftiger. Allmählich fragte ich mich, ob jemand die Kapsel in mir aktiviert hatte. Andererseits wäre ich dann bereits nicht mehr am Leben. Während ich den Löffel zum Mund führte, bemerkte ich, dass meine Hand zitterte. Ich schrak leicht zusammen, als ich Elviras Hand auf meinem Unterarm spürte.


»Ihnen geht es nicht gut«, sagte sie mitfühlend. »Sie sollten in Ihre Kammer gehen und sich ausruhen.«


Beinahe hätte ich den Vorschlag angenommen, aber wie hätte das ausgesehen? Ein Akashim, der mitten am helllichten Tag ins Bett geht, weil er müde ist? Undenkbar! Dennoch nahm mich sogar die Tätigkeit der Nahrungsaufnahme mit. In Armen und Beinen spürte ich leichte, krampfartige Verspannungen, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte, nicht einmal nach einem anstrengenden Training. So ging es nicht mehr weiter. Schon wollte ich in das Esszimmer gehen und meine Besitzer von den Störungen unterrichten, als auch schon Marjorie, die Hausherrin, im Türrahmen erschien.


»Hast du dich jetzt genug ausgeruht, Fiona?«, fragte sie giftig. »Nachdem du den Vormittag im Garten zugebracht und jetzt fleißig gegessen hast, könntest du dich ja mal nützlich machen und den Tisch im Esszimmer abräumen!«


Die Haushälterin warf mir einen Blick zu und erkannte sofort, wie elend ich mich fühlte. »Ich erledige dies umgehend, Ma’am.«


»Ich habe es Fiona befohlen, Elvira!«, zischte Marjorie. »Kümmern Sie sich lieber um den Staub im Wohnzimmer. Dort sieht es so aus, als wäre zwei Wochen nicht mehr sauber gemacht worden!«


»Natürlich, Ma’am!«, erwiderte sie und warf mir noch einen mitleidigen Blick zu.


»Brauchst du eine Extraeinladung?«, donnerte Marjorie in meine Richtung. »Wir hätten wohl doch besser ein anderes Exemplar kaufen sollen.«


»Entschuldigen Sie bitte«, antwortete ich und stand vom Stuhl auf. »Ich werde Ihren Auftrag sofort ausführen.«


Ich versuchte, mir meine Schwäche nicht anmerken zu lassen. Wenn ich jetzt sagte, wie schlecht ich mich fühlte ... nein, das konnte ich nicht riskieren. Also biss ich die Zähne so fest zusammen, dass sie beinahe knirschten, und ging hoch aufgerichtet hinüber ins Esszimmer. Chase erhob sich gerade von seinem Sitzplatz, kam mir faunisch lächelnd entgegen, legte mir einen Arm um die Schulter und zog mich zu sich heran.


»Hat dich Mutter wieder zum Arbeiten verdonnert?«, hauchte er mir ins Ohr, während seine freie Hand wie beiläufig meine Brust streichelte.


Ein nie gekanntes Gefühl stieg in mir hoch. Ekel!


»Ich muss jetzt meinen Auftrag erledigen, Sir!«, sagte ich so gelassen, wie es mir möglich war.


»Dann mal los!«, erwiderte er, nahm den Arm von meiner Schulter und schlug mir auf den Hintern. »Danach können wir ja etwas durch den Garten spazieren und uns einen ... ruhigen Ort suchen.«


Ich unterdrückte das fast übermächtige Verlangen, Chase eine Ohrfeige zu geben. Es hätte mir zwar eine gewisse Befriedigung verschafft, aber auch meinen Untergang bedeutet. Also reagierte ich nicht auf seinen Spruch, sondern wandte mich dem Esstisch zu, um die mir übertragene Aufgabe zu erfüllen. Vorsichtig stapelte ich das Porzellan auf ein Tablett und wollte es gerade in die Küche tragen, als mich noch nie erlebte Schmerzen und gewaltige Krämpfe durchfuhren. Das Tablett entglitt meinen gelähmten Händen und ich fiel unkontrolliert zuckend zu Boden. Das Letzte, was ich noch sah, bevor es schwarz um mich wurde, war Marjories entsetzte Miene, als sie die Bescherung sah.


 


Kapitel 2

Fiona


Bunte Kreise und Sterne tanzten vor meinen Augen, während ich mich heftig aufbäumte. Der Krampf war stärker als alle, die ich bisher durchgestanden hatte. Jede einzelne Nervenzelle meines Körpers schien in Flammen zu stehen, aber besonders schlimm war es im Nacken und hinter den Augen. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass der Schmerz endlich vergehen und ich Erlösung finden würde.


Zu guter Letzt ließ der Krampf nach und mein gequälter Körper fiel auf die Matratze zurück. Ich spürte, wie mir Blut aus dem Mund quoll, weil ich mir unkontrolliert auf die Zunge gebissen hatte. Als mein Blick schließlich klar wurde, sah ich drei Menschen, meine Besitzer, um mein Lager herumstehen. Sie betrachteten mich mit kaltem Interesse.


»Scheint so, als wäre sie wieder normal«, sagte William, der ältere Mann, der mich vor drei Monaten gekauft hatte.


Er packte mich am Kinn und drehte meinen Kopf von einer Seite auf die andere.


»Das werden wir ja gleich sehen«, sagte Marjorie, die auf der linken Seite des Bettes stand. »Steh auf, Fiona!«, befahl sie mir.


Mit zitternden Händen schlug ich die Bettdecke zurück und bemühte mich, die Beine aus dem Bett zu bekommen. Endlich hatte ich es geschafft, stemmte mich nach oben und stand leicht schwankend auf meinen eigenen Füßen. Aber schon nach wenigen Augenblicken spürte ich, wie Übelkeit und Schwindel von mir Besitz ergriffen und ohne dass ich es vermeiden konnte, gaben meine Beine nach. Mit einem lauten Krachen schlug mein Körper auf dem kleinen Nachttisch auf, bevor ich mich auf dem Boden wiederfand.


»Ich habe euch doch gesagt, dass sie kaputt ist«, schnaubte Chase verächtlich. »Was hast du dir denn da für Ausschussware andrehen lassen, Vater?«


»Red nicht über Dinge, von denen du nichts verstehst!«, gab sein Vater knurrend zur Antwort.


»Aber sie war so teuer«, jammerte Marjorie. »Wir haben doch wohl Garantie, oder?«


»Natürlich haben wir die. Ich rufe sofort Bolton an. Mal sehen, wie er sich zu diesem Mist äußert. In den Beschreibungen war jedenfalls von solchen Aussetzern nicht die Rede!«


Abschätzig deutete er auf mich, derweil ich versuchte, mich zurück ins Bett zu ziehen.


»Schaff sie wieder ins Bett«, befahl er seinem Sohn, während er und seine Frau das kleine Zimmer verließen.


»Natürlich. An mir bleibt die Arbeit hängen«, grummelte Chase.


Unsanft packte er mich unter den Achseln und warf mich bäuchlings auf das Bett. Unter Aufbietung meiner letzten Kräfte schaffte ich es, mich auf den Rücken zu drehen. Erneut sah ich bunte Sterne vor den Augen tanzen, doch zumindest quälte mich kein neuer Krampf. Kopfschüttelnd betrachtete mich der junge Mann, bevor er mit einem schmierigen Grinsen mein Oberteil aufknöpfte.


»Eigentlich schade, dass du so fehlerhaft bist«, lächelte er boshaft, während er mir in die linke Brust kniff. »Du siehst nämlich wirklich heiß aus und wir hätten nächste Woche bestimmt viel Spaß gehabt, wenn meine Eltern erst in Urlaub gefahren wären.«


Mit letzter Kraft stieß ich seine Hand zur Seite und knöpfte meine Bluse zu. »Fass mich noch einmal an und ich brech dir sämtliche Knochen!«, zischte ich ihn an.


Er starrte mich fassungslos an. »Was hast du ... du wagst es, mir zu drohen?«


Mit wutverzerrter Miene holte er aus und schlug mir mit voller Wucht ins Gesicht. »Das wird dich lehren, deinen Besitzer zu bedrohen, du defektes Stück Dreck! Ich werde Bolton bitten, mich zusehen zu lassen, wenn sie dich auslöschen!«


Er drehte sich um und verließ vor Wut kochend das Zimmer. Ich blickte an die Zimmerdecke und rang heftig nach Luft. Was hatte ich da gesagt? Ich würde ihm alle Knochen brechen? Was geschah nur mit mir? Solche Gedanken hatte ich vor dem heutigen Tag nie gehabt, doch nun ...


Ich konzentrierte mich auf die Stimme im Erdgeschoss. Wenigstens funktionierte mein Gehör noch tadellos, sodass ich Williams Telefonat mühelos folgen konnte. Was ich dem Gespräch entnahm, ließ etwas in mir aufsteigen, was ich ebenfalls bis heute nicht gekannt hatte. Ein Gefühl von ... Angst? Ja, so bezeichnete man es wohl. Aber wieso hatte ich diese neuartige Wahrnehmung?


Ich hatte bestimmt eine Stunde lang grübelnd im Bett gelegen, als ich hörte, wie die Haushälterin im Esszimmer das Abendbrot auftrug.


»Soll ich Miss Fiona das Essen nach oben bringen?«, fragte sie mit ihrem starken spanischen Akzent, den ich so liebenswert fand.


Erneut durchfuhr mich die Erkenntnis wie ein Blitz. Wieso empfand ich den Akzent ’liebenswert′? Defekt! Ich war wirklich fehlerhaft!


»Nein, das ist nicht nötig«, beantwortete William gerade die Frage der Haushälterin. »Sie wird morgen abgeholt und braucht nichts mehr.«


Es traf mich wie ein Schlag, obwohl ich damit hatte rechnen müssen. Man würde mich abholen und eliminieren! Aber ich wollte nicht ausgelöscht werden, ich wollte leben! Vorsichtig tastete ich mir mit den Fingern an den Nackenbereich, hinter dem ich die Kapsel wusste, die jeder Akashim in sich trug. Irgendetwas war mit meiner Kapsel passiert. Dort hatte der brennende Schmerz seinen Ursprung und selbst die leichte Berührung mit den Fingerspitzen verursachte mir höllische Qualen. Ich schloss die Augen und zischte leise. Wenigstens blieb ich von den Krämpfen verschont.


Ich lag noch eine ganze Weile im Bett, um Kräfte zu sammeln und mich von den Anfällen zu erholen. Von unten hörte die das laute Klappern von Porzellan. Vermutlich stellte die Haushälterin das benutzte Essgeschirr in die Spülmaschine. Mit ein wenig Schadenfreude dachte ich an vorhin, als ich den Tisch abgeräumt und dabei meinen ersten Krampfanfall bekommen hatte. Marjorie hatte mit Sicherheit getobt, als sie ihr kostbares Geschirr in tausend Scherben zerspringen sah. Erneut wunderte ich mich über mich selbst. Ich empfand Freude über einen von mir begangenen Fehler. Nein, mit mir stimmte eindeutig etwas nicht.


Vorsichtig richtete ich mich auf. Bis auf ein unangenehmes Schwindelgefühl fühlte ich mich verhältnismäßig gut. Nicht gerade in Höchstform, aber gut genug, um meinen Fluchtplan in die Tat umzusetzen. Ja, ich hatte beschlossen, nicht einfach im Bett zu bleiben und auf die Männer aus der Einrichtung zu warten, die mich zur Auslöschung transportieren würden. Leise schlich ich hinüber zu dem kleinen Schrank, in dem die wenigen Kleidungsstücke untergebracht waren, die ich mein Eigentum nennen konnte. Im Grunde genommen enthielt der Kleiderschrank nur Unterwäsche, Socken, meinen Tarnanzug aus der Ausbildung, eine Jeans und zwei Pullover.


Ich zog frische Unterwäsche an und entschied mich für die Jeans und den wärmeren der beiden Pullover. Den Tarnanzug konnte ich auf der Flucht nicht anziehen, ohne aufzufallen. Also würde ich ihn zurücklassen. Gemocht hatte ich ihn ohnehin nie. Angezogen setzte ich mich wieder auf das Bett und wartete ab.


Es kam meinem Plan entgegen, als ich hörte, wie William und Marjorie in ihrem Wagen vom Grundstück fuhren. Wahrscheinlich gingen sie ins Theater oder sie besuchten Freunde, mir war es gleich. Für mich war nur wichtig, dass sie nicht im Haus waren. Das würde alles etwas einfacher machen.


Mittlerweile war auch die Sonne untergegangen und es war höchste Zeit, den Fluchtplan in die Tat umzusetzen. Krämpfe hatte ich seit ein paar Stunden keine mehr gehabt und auch das Schwindelgefühl hatte stark nachgelassen. Für einen Moment überlegte ich, ob ich den Wilsons diesen Umstand mitteilen sollte. Vielleicht würden sie in der Einrichtung anrufen und meinen Erschaffern sagen, dass die Nachricht nicht mehr aktuell wäre. Aber ich verwarf die Idee sofort wieder. Man würde mich auf jeden Fall abholen kommen und im Grunde genommen wollte ich auch gar nicht mehr in diesem Haus bleiben. Da draußen musste es doch etwas Besseres geben, als Sklavendienste für meine sogenannten Besitzer zu leisten.


Ich schüttelte in Gedanken über mich den Kopf. Es mochte sein, dass meine körperlichen Beschwerden weitgehend verschwunden waren, aber was den Rest anging, war ich nicht mehr der loyal funktionierende Akashim, den die Wilsons gekauft hatten.


Ich sah mich noch ein letztes Mal im Zimmer um, bevor ich den Raum verließ und die Tür hinter mir ins Schloss zog. Lautlos stieg ich die Treppe hinunter, bis ich zu einer weiteren Tür kam, die in einen Abstellraum führte. Dort drinnen benötigte ich nur wenige Sekunden, bis ich den ausrangierten Rucksack fand, den ich damals aus der Einrichtung mitgebracht hatte. Es kam mir vor, als wäre dies schon eine Ewigkeit her. Anschließend ging ich geradewegs in die Küche und hatte soeben den Kühlschrank geöffnet, um mich mit Proviant einzudecken, als ein kleines Geräusch an mein empfindliches Gehör drang. Jemand öffnete in der oberen Etage eine Zimmertür! Ich konzentrierte mich auf die Schrittgeräusche und wusste so nach wenigen Augenblicken, dass Chase mein Zimmer betreten hatte. Ärger kochte in mir hoch, da ich nur zu genau ahnte, was er dort wollte.


Die verschiedensten Gedanken schossen mir durch den Kopf. Sollte ich gehen, ohne Proviant einzustecken? Aber wenn Chase sah, dass ich nicht mehr im Bett lag, würde er dann nicht Alarm schlagen? Bevor ich noch zu einer Entscheidung kam, hörte ich ihn die Treppe hinabsteigen. Ein Lichtkegel aus einer Taschenlampe fuhr suchend durch den Flur und näherte sich der Küchentür. Nun war es ohnehin zu spät, um einfach zu verschwinden. Im nächsten Augenblick erfasst mich der Lichtstrahl und ich sah Chase durch die offene Tür die Küche betreten. Für einen Moment schien er überrascht, doch dann lächelte er gehässig und schaltete die Deckenbeleuchtung ein.


»Hattest du Lust auf einen Mitternachtssnack?«, fragte er höhnisch, bevor er registrierte, dass ich vollständig angezogen war. »Oder wolltest du einen kleinen Spaziergang unternehmen?«


»Ich werde gehen!«, erwiderte ich ruhig.


Ungläubig schüttelte er den Kopf und kam auf mich zu. »Du bist unser Besitz!«, sagte er kalt. »Morgen wirst du zurückgebracht und wir erhalten ein neues Exemplar. Vielleicht bekommen wir diesmal einen Akashim, die nicht so abweisend ist«, lächelte er schmierig.


»Ich werde gehen und sie sollten nicht versuchen, mich aufzuhalten!«, entgegnete ich mit einem drohenden Unterton.


Er beachtete meine Antwort gar nicht, sondern näherte sich stattdessen weiter. Ich roch seine Erregung und sah den gierigen Ausdruck in seinen Augen, während er mir mit einer schwitzenden Hand über die Wange strich.


»Wenn du ein bisschen nett zu mir bist, werde ich vielleicht sogar ein Auge zudrücken! Falls aber nicht ...«


Es war nur eine instinktive Reaktion von mir gewesen, als ich ihm eine Ohrfeige verpasste. Sie war nicht einmal besonders heftig, aber dennoch ließ sie ihn bis an den Küchenschrank zurücktaumeln und beinahe zu Boden stürzen. Fassungslos stierte er mich mit glasigen Augen an und hielt sich die brennende Wange.


»Was hast du Stück Dreck getan? Bist du verrückt geworden?«


»Geh ins Bett, Chase!«, sagte ich warnend, als ich sah, wie er eine Schublade öffnete und ein Küchenmesser herauszog. »Das dürfte ansonsten nicht gut für dich ausgehen!«


Aber er wollte nicht hören und drang auf mich mit dem Messer ein. Diesmal hielt ich mich nicht zurück und versetzte ihm einen kräftigen Hieb an das Kinn, die ihn sofort von den Beinen riss. Er krachte ungebremst an das Sideboard und riss, während er zu Boden fiel, mehrere Teller und Gläser mit sich. Ich sah mit einem Blick, dass er mir keine Schwierigkeiten mehr machen würde, und wandte mich wieder dem Kühlschrank zu.


»Um Himmels willen! Was ist mit ihnen, Sir?«


Ich drehte mich um und sah die Haushälterin im Türrahmen stehen. Der Krach des zersplitternden Geschirrs hatte sie wohl alarmiert, da ihr Zimmer in unmittelbarer Nähe der Küche lag. Sie sah abwechselnd vom bewusstlosen Mann auf dem Boden zu mir hin ... und begriff. Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen. Eine Hand krampfte sich um den Kragen ihres Morgenmantels, während sie die andere Hand beinahe flehend erhob.


»Bitte ... bitte tun Sie mir nichts, Miss Fiona!«


Ich sah sie nur stumm an. Chase war für mehrere Stunden ausgeschaltet und würde daher keinen Alarm schlagen. Elvira hingegen ... konnte ich es mir leisten, sie am Leben zu lassen? Wenn ich verschwunden war, würde ihr erster Weg doch zum Telefon führen.


»Bitte ...«, stammelte sie den Tränen nah.


»Haben Sie keine Angst«, beruhigte ich sie schließlich. »Ich werde Ihnen nichts tun.«


Ich konnte es einfach nicht, auch wenn ich wusste, dass es ein Fehler war. Selbst die Behandlung, die ich Chase hatte angedeihen lassen, kam nicht in Betracht. Dafür hatte ich mich zu gut mit ihr verstanden.


»Ich nehme mir nur etwas Proviant mit, dann verschwinde ich von hier.«


Sie nickte nur und deutete dann zögernd auf den träumenden Chase. »Ist er ... tot?«


Ich lächelte nur grimmig. »Nein, er ruht sich nur etwas aus. In ein paar Stunden ist er wieder wie neu ... fast wie neu!«


In aller Eile stopfte ich Brot, Wurst, zwei Wasserflaschen und ein paar Müsliriegel in den Rucksack, bevor ich ihn aufschnallte. Elvira stand unterdessen die ganze Zeit stocksteif an der Tür. Sie schrak furchtbar zusammen, als ich auf sie zukam und ihr eine Hand auf die Schulter legte. In ihren Augen sah ich die schreckliche Angst, die sie in diesem Moment vor mir hatte.


»Ich werde jetzt gehen«, sagte ich und lächelte sie beruhigend an, bevor ich sie zur Seite schob. »Ich danke Ihnen, dass Sie mich nie wie ein nicht-menschliches Ding behandelt haben. Wenn Sie mir einen letzten Gefallen tun wollen, dann warten Sie bitte zehn Minuten, bevor Sie Alarm geben.«


Sie nickte nur zitternd und ich sah zu, dass ich aus dem Haus kam. Vor der Haustür atmete ich tief durch und genoss die kühle Abendluft. Das also war Freiheit! Wenn ich mir auch keine Illusionen über meine Zukunft machte, so würde ich dennoch dieses Gefühl so lange auskosten, wie es mir möglich war. Ohne noch einmal zurückzublicken, lief ich zur Grenze des Grundstücks und kletterte über die Mauer. Jetzt musste ich einen Weg finden, die Stadt unbemerkt zu verlassen. Hätte ich das erst geschafft, könnte ich vielleicht für eine gewisse Zeit untertauchen.


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