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Retha auf Umwegen


Retha-Reihe

von Margaretha Main

satire
ISBN13-Nummer:
B00DEK98C4
Ausstattung:
E-Book
Preis:
3.11 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Amazon
Leseprobe

Eines Tages flatterte mir ein bunter Brief ins Haus: „Hallo! Wir haben ein Treffen für die ehemaligen Schwesternschülerinnen organisiert. Wenn du Lust hast und gute Laune mitbringst, würden wir uns über dein reges Erscheinen sehr freuen. Hochachtungsvoll X Y Z. P. s.: es findet an der Ostsee statt!” Ich rief die auf dem Brief eingetragene Nummer an und hatte eine ehemalige Mitschülerin am Draht. „Hallo, Retha! Lange nix gehört. Was es kostet? Hundertfünfzig Mark! Ja, mit Ausflug und gemeinsamem Abendessen in gutem Restaurant. Wann? Vom 25. bis zum 27. übernächsten Monat. Kannst du? Ja? Schön? Ich freue mich schon auf dich. Tschühüsss.” Warum nicht? dachte ich so bei mir. Da kann ich ja mal vorbeischauen. Mila meinte, dass ich ruhig fahren solle. Mir war das zwar nicht so ganz recht, da ich sie immer gleich nach spätestens zwei Minuten vermisse, aber diesmal wollte ich eine Ausnahme machen und ohne sie fahren. So sattelte ich also meine Honda und fuhr gen Norden. Langweilige Autobahnkilometer. Langweilige Autobahnkilometer. Langweilige Autobahnkilometer. Und noch mehr langweilige Autobahnkilometer. Hinter Hamburg in Richtung Lübeck wurde der Verkehr immer zäher und kam dann endgültig zum erliegen. „Auf der Fehmarnsundbrücke ist ein schwerer Unfall passiert. Zwei LKWs sind anscheinend zusammengestoßen. Die Straße bleibt für mehrere Stunden gesperrt.” Die Autofahrer waren alle ausgestiegen, um der Hitze in ihren Vehikeln zu entfliehen. Einer von ihnen hatte mir ungefragt diese Neuigkeiten übermittelt. „Wohin soll denn die Reise gehen?” „Nach Großenbrode.” „Dann kannst du gleich an der nächsten Abfahrt runter und über Lütjenbrode nach Großenbrode weiterfahren. Die Abfahrt ist gleich da vorn. Schlängele dich doch einfach zwischen den Autos durch, dann brauchst du nicht so lange warten.” Mir ist bis heute noch unklar, warum ich als Motorradfahrerin von vielen geduzt werde, war für die Information aber trotzdem sehr dankbar, weil mir der Schweiß schon in den Stiefeln stand. Bei meinem Start heute Vormittag war der Himmel noch ziemlich bedeckt gewesen. Ein paar Tropfen waren auf mich gefallen und so hatte ich mich entschlossen, nicht im Rock, sondern in Lederhose und Regenanzug zu fahren. Bei dem Regenanzug handelte es sich um einen signalorangefarbenen Plastikeinteiler, der dafür sorgte, dass kein Regen zu mir reinkam, der aber auch dafür sorgte, eine gewisse Sommertemperatur vorausgesetzt, dass sich meine Körperausdünstungen in Form von Kondenswasser auf Haut und im Leder zu einem unangenehm klebrigen Brei vermischten. Außerdem herrschte schnell der Nachteil, dass ich mich kaum rühren konnte, da nach einer kleinen Weile meine Haut mit dem Innenfutter der Lederlatzhose Verwachsungserscheinungen verlauten ließ. Das heißt auf Deutsch: es backte dermaßen zusammen, was nicht zusammengehört, dass ich mich kaum rühren konnte. Um dem ganzen Kleberadatsch vorzubeugen, trug ich öfter eine Feinstrumpfhose unter der Lederhose, die aber wiederum den Nachteil hatte, dass sie nicht unbedingt eine kühlende Funktion übernehmen wollte. Sie hatte mir mal – ganz im Vertrauen natürlich – mitgeteilt, dass sie eine Strumpfhose sei und somit zu meiner Wärmung beizutragen gedächte, wie sich das eben für eine anständige Strumpfhose gehört. Wieso seid ihr so erstaunt darüber, dass Mila und ich im Rock Motorrad fahren? Das ist unmodern? Das macht doch keine Frau mehr? Wisst ihr was? Das ist uns scheißegal. Wenn es warm ist, quetschen wir uns doch nicht in eine Hose. Wozu soll das gut sein? Nur weil „man” das nicht macht? So ein Quatsch! Schwitze ich oder „man” oder wer? Und mit Feinstrümpfen oder einer schönen Strumpfhose zum Strickrock und dazu passenden schlanken Lederstiefeln, sieht frau zehnmal besser aus, als mit Hose. Und angenehmer ist es obendrein. Lacht ihr nur über uns. Die Bewegungsfreiheit und das gute Aussehen haben wir. Diesmal hatte ich also eine Lederhose an und genau das wurde mir zum Verhängnis. Aber dazu später mehr. Ich fuhr also im Schritttempo zwischen den Autos hindurch und konnte in weiter Ferne das blaue Schild der Autobahnabfahrt erkennen. Vorher aber nahm ich noch ein anderes Schild wahr. Es war viel kleiner und darauf stand zu lesen: „Parkplatz mit WC.” Der Parkplatz interessierte mich ob der Nähe meiner Abfahrt nicht so sehr, aber die Buchstaben „WC” ließen mich erkennen, dass ich mich hier in dieser Region nicht so gut auskannte und daher nicht genau wusste, wie lang mein Weg noch sein würde. So kam ich also auf die wirklich glorreiche Schnapsidee, noch mal meine Blase zu erleichtern. Wer weiß, wann ich das nächste Mal einem Klo begegnete? Ich setzte also freudig den Blinker und fuhr auf den Parkplatz auf. Schon von weitem strahlte mir und meiner vollen Blase das Toilettenhäuschen entgegen. Es schien mir sogar fast, als würde es mich zu sich heranwinken, um mir voller Liebe bei der Erleichterung zu helfen. So stoppte ich direkt davor und stieg ab. Leider verhallte meine Freude ein klein wenig, als ich das Innere des Häuschens betrat. Wie in Damentoiletten Urin auf den Fußboden gelangen kann, ist mir auch heute noch rätselhaft. Dort stand aber nun mal welcher, wie und durch wen dieser da auch immer hingekommen sein mochte. Da ich, wie schon anderweitig kurz erwähnt, nicht unbedingt zu den elfenhaften Geschöpfen auf dieser Welt gehöre, hatte ich in dieser engen Kabine die eine oder andere Schwierigkeit. Ich trat ein, um das Behältnis sofort wieder, rückwärts gehend, zu verlassen. Ich nahm erneut Anlauf und betrat nun wiederum mit dem Po voran die Kabine. Ich schloss die Metalltür und überlegte krampfhaft, wie ich es am besten anstellen könnte, mich unten herum entblößt auf der Brille zu platzieren, andererseits aber auch vermeiden könnte, meine Sachen nicht mit dem Urin am Boden in Kontakt treten zu lassen. Ein Haken, um irgendein Kleidungsstück aufhängen zu können, war leider nicht vorhanden. Ich war in diesem Augenblick äußerst froh darüber, dass ich Helm und Handschuhe im Topcase gelassen hatte. Warum ich allerdings meinen Regenanzug nicht schon draußen ausgezogen und ebenfalls im Topcase zwischengelagert hatte, ist mir bis heute nicht erklärlich. Aber gut, so ist das eben manchmal. Bei Blasendruck und Überhitzung bleibt die Logik schon mal auf der Strecke. Nach kurzem Nachdenken entschloss ich mich, mit einem Papiertaschentuch die Brille zu reinigen und den Rest ganz systematisch anzugehen. 001. Stand des eigenen Urins erfühlen 002. Ergebnis: Bauchnabelhöhe 003. Gefahr: nicht vorhanden 004. Resultat: keine Eile 005. Regenanzug vorn öffnen 006. Mit rechter Hand linken Ärmel greifen 007. Ärmel festhalten 008. Linken Arm aus dem Ärmel schütteln oder ziehen 009. Geht nicht, klebt an Lederjacke fest 010. Erster großer Schweißausbruch 011. Noch mal versuchen 012. Gescheitert, klebt immer noch 013. Zweiter großer Schweißausbruch 014. Mit rechter Hand Plastikärmel und Lederärmel trennen 015. Ergebnis: habe halben Arm draußen 016. Kann mich kaum rühren 017. Dritter großer Schweißausbruch 018. Schweißausbrüche unterbinden, da noch klebriger 019. Versuch gescheitert. Schweißausbrüche lassen sich nicht abstellen 020. Verdammte Scheiße !!! 021. Nicht aufgeben! Selbstmotivation 022. Noch ein Versuch. Arm ist frei 023. Siegerinnengefühl 024. Mit linker Hand rechten Plastikärmel festhalten 025. Rechten Arm langsam befreien 026. Da Erfahrung mit linkem Arm, Aktion sofort erfolgreich 027. Plastikeinteiler langsam bis zur Hüfte runterkrempeln 028. Da schnell gearbeitet, konnte vierter großer Schweißausbruch verhindert werden 029. Lederjackenreißverschluss öffnen 030. Aktion erfolgreich abgeschlossen 031. Reißverschlüsse der Ärmel öffnen 032. Aktion erfolgreich abgeschlossen 033. Lederjacke ausziehen und mit einer Hand hochhalten 034. Stand des eigenen Urins prüfen 035. Ergebnis: Unterbrusthöhe 036. Resultat: noch keine unmittelbare Gefahr 037. Mit linker Hand Jacke hochhalten. Rechte Hand schiebt Latzhosenträger von linker Schulter 038. Handwechsel 039. Auch rechter Träger lässt sich einfach runterschieben 040. Reißverschluss der Latzhose öffnen 041. Aktion einfach gelöst 042. Mit linker Hand Jacke hochhalten, mit rechter Latzhose nach unten schieben 043. Aktion nur halb möglich, da Regenanzug im Weg 044. Regenanzug noch weiter nach unten schieben 045. Latzhose folgen lassen 046. Ergebnis: nähern uns den zu entblößenden Stellen 047. Arm links erlahmt langsam, da Jacke schwer 048. Wird ausgeglichen durch angenehme Kühle im Unterleibsbereich 049. Rechte Hand schiebt vorsichtig Strumpfhose runter 050. Muss schnell Beine etwas spreizen, um ein totales Runterrutschen von Regenanzug und Lederlatzhose zu verhindern. Beide sind dem Bodenurin gefährlich nahe gekommen 051. Ergebnis: gerade noch Kontakt verhindert 052. Stand des eigenen Urins prüfen 053. Ergebnis: langsam steigend auf Schulterhöhe 054. Resultat: Gefahr ist jetzt deutlich zu verspüren 055. Vierter großer Schweißausbruch 056. Panik verhindern durch Eigenmotivation 057. Geräusche von außen gehört 058. Klopfen gegen die Klotür vernommen 059. Ignorieren 060. Klopfen wird lauter 061. Trotzdem ignorieren 062. Klopfen wird noch lauter 063. Schreien: Klo defekt, bitte Herrentoilette benutzen, hier wird repariert und kann dauern 064. Klopfen nicht mehr vorhanden 065. Linker Arm fast völlig erlahmt, da Jacke jetzt sauschwer 066. Po ist entkleidet und kann abgesenkt werden 067. Durch Kleiderwulst im Oberschenkelbereich ist Bewegung stark beeinträchtigt. Langsames Absenken des Körpers nicht möglich 068. Okay, zielen und fallen lassen 069. Getroffen !!! 070. Leise jubeln und selbst auf Schulter klopfen 071. Kurz vor Urhinvergiftung, Schleuse öffnen 072. Erleichterung genießen 073. Nächsten Schritt überlegen 074. Überlegungen werden durch starkes Türklopfen unterbrochen 075. Anwendung der gleichen Abwimmelungstaktik ein zweites Mal erfolgreich 076. Nachdenken bringt Ergebnis: langsames Aufstehen 077. Langsames Aufstehen nicht möglich, da dickes Hemmnis um die Oberschenkel 078. Kurz entschlossen schnelles Aufstehen 079. Schwung hat nicht ausgereicht. Komme wieder zum Sitzen 080. Automatische Klospülung hat meine Aktion falsch interpretiert und lässt Wasser ins Becken spritzen 081. Auch Po jetzt pitschnass 082. Zweiter Aufstehversuch mit mehr Schwung als bei Versuch eins 083. Schwung hat noch immer nicht ausgereicht 084. Erneute Fehlinterpretation mit nachfolgender Wasserspülung von Becken und Po 085. Trotz nassem, also gekühltem Po, kann erneuter großer Schweißausbruch nicht verhindert werden 086. Lautes Türklopfen 087. Abwimmelungstaktik funktioniert erneut reibungslos 088. Linker Arm gefühllos. Jacke wiegt jetzt etwa acht Zentner 089. Erhöhte Eigenmotivation nötig 090. Klappt. Neuen Mut gesammelt 091. Mit letzter Kraft hochschnellen 092. Eigenmotivation hat große Hilfe gespendet. Stehe !!! 093. Erneutes Schulter klopfen 094. Plan, Nässe von Po und XYZ mit Papiertaschentuch zu entfernen scheitert, da Papiertaschentücher in Seitentasche von Lederlatzhose so nicht erreichbar 095. Jacke muss von rechter Hand einen Moment übernommen werden, da sonst Absturz in Bodenurin nicht mehr zu verhindern ist 096. Rechte Hand übernimmt Jacke 097. Linke Hand fahndet nach Papiertaschentuch und wird fündig 098. Erneutes Schulter klopfen unbedingt von Nöten 099. Um wiederholter Wasserspülung zu entgehen, gespreizte Beine halben Meter vorwärts schieben 100. Jacke wieder an linke Hand übergeben 101. Rechte Hand wischt nasse Körperstellen trocken 102. Rechte Hand will Strumpfhose hochziehen 103. Ergebnis: negativ 104. Gehirn denkt über Lösung des Problems nach 105. Ergebnis: positiv 106. Beide Hände hängen Jacke über meine Schultern 107. Mit beiden Händen kann Strumpfhose hochgezogen werden 108. Jacke bleibt, trotz mehrerer Versuche ihrerseits, meine Schultern eigenmächtig zu verlassen, oben 109. Striktes Verbot runterzufallen, wird an Jacke gerichtet 110. Jacke fügt sich kleinlaut der Anordnung 111. Lederlatzhose kann so mit beiden Händen auf halbe Höhe hochgezogen werden 112. Auch Regenanzug kann bis auf halbe Höhe hochgezogen werden 112. Beine bekommen jetzt Auftrag, sich noch weiter zu spreizen, um ein Herabsinken der eben genannten Kleidungsstücke zu verhindern 113. Auftrag wird ohne Murren sofort zu meiner vollsten Zufriedenheit ausgeführt 114. Rechte Hand nimmt Jacke, trotz starken Wehrens ihrerseits, von Schultern 115. Beide Hände rollen Jacke zusammen und klemmen diese zwischen die jetzt frei gewordenen Knie 116. Träger der Latzhose können jetzt gefahrlos über die Schultern geschoben werden 117. Reißverschluss der Latzhose wird, trotz heftigstem Sträuben seinerseits, geschlossen 118. Jacke wird aus der Knieklammer befreit, ausgerollt und angezogen 119. Fünfter großer Schweißausbruch 120. Jackenreißverschlüsse an Ärmeln werden erfolgreich geschlossen 121. Erneutes Tür klopfen wird, wie oben Beschrieben, pariert 122. Mittiger Reißverschluss wird ohne Probleme geschlossen 123. Ärmel des Regenanzuges werden vor dem Bauch verknotet, da ein Anziehen aufgrund seiner Klebrigkeit als unnötig abgetan wird 124. Große Erleichterung breitet sich aus 125. Verlassen des engen Raumes klappt ohne Probleme 126. Toilette verabschiedet sich mit erneutem Spülvorgang freundlich von mir 127. Papiertaschentücher werden in Mülleimer entsorgt 128. Sechster großer Schweißausbruch 129. Am Motorrad abgestützt kann Regenanzug schnell abgelegt und im Topcace zwischengelagert werden 130. Helm und Handschuhe werden zu ihren normalen Tätigkeiten herangezogen 131. Fahrt wird jetzt fortgesetzt 132. Verstrichene Zeit wird, nach genauer Überprüfung des Chronometers, mit exakt achtundvierzig Minuten angegeben. Reise nach Großenbrode dauert noch genau zwanzig Minuten Resultat: hätte weiterfahren sollen

Klappentext

Margaretha Main beschreibt in ihrem vierten Buch äußerst humorvoll ihre Reisen in die nahe Umgebung und in ferne Länder. Sie wird auf dem Weg zu ihren Ostverwandten an der Grenze kontrolliert, begegnet im Norden kauderwelschenden Menschen und schwedisch sprechenden Mücken, beschreibt in 132 Punkten den Ablauf in einer Autobahntoilette, verläuft sich im Flughafen, lässt sich aber durch noch so große Widernisse nicht von ihren Wegen abbringen. Wieder ein typisches Retha-Buch mit Schmunzel-Garantie.

Rezension

In ihrem vierten Band beschreibt Margaretha Main ihre Farhten ins Abenteuer. Das Nordkap soll heimgesucht werden, genauso wie die Ostverwandten in der DDR. Lesen! Unbedingt lesen. Jede Seite ist zum Wegschmeißen komisch. Das Buch wurde nicht umsonst mit einem Buchpreis ausgezeichnet.