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Bücher Satire
Buch Leseprobe Kontakt-Auf-Name, Kristina Löffler
Kristina Löffler

Kontakt-Auf-Name


Kristina-mit-K

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Märchenstunde!

Verheddert bei den Quasselstrippen 
Es war einmal eine allein durch die Gegend spazierende Kristina-mit-K, die so lange den Freud- und Kummergeschichten der zufällig vorbeischlendernden Passanten gelauscht hatte, bis sie eines schönen Abends am Gehweg Wurzeln schlug ...
Hochverehrte Leserschaft, haben Sie eine etwaige Vorstellung, was ich mir schon alles anhören musste? Welche Fluten nicht enden wollender Offenbarungen und Beichten über mich bereits hereingebrochen sind? Wie viele intime Geständnisse und brisante Enthül-lungen vor mir schamlos aufgedeckt wurden? Und bei denen ich mir gewünscht hätte, niemals von ihnen zu erfahren ...
Und? Wollen Sie mir jetzt auch noch selbst die Schuld dafür in die Schuhe schieben? Weil ich mir derartig mitteilungsbedürftige Freunde suche? Papperlapapp! All dies erreicht mich von mir völlig unbekannten Personen. Menschen, die ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe. Fremde. Kaum, dass ich auf der bürgerlichen Bildfläche in Erscheinung trete, ziehe ich sie geradezu magisch an.
Ich habe nun die These aufgestellt, offenbar ein für mich selbst unsichtbares Schild mit mir herumzutragen. Vielleicht eine Art psychologischer Heiligenschein. Der mobile Notdienst für alle Kurzentschlossenen. Oder aber, mir steht mit Zauberstift in riesigen Buchstaben auf die Stirn gepinselt: ‚Bitte sprechen Sie sich bei mir mal so richtig aus! Jetzt und sofort. Haben Sie bloß keine Hemmungen! Ich habe Zeit – gaaanz viel Zeit.’ Nun, es könnte sein, dass die Einladung ein wenig lang wäre für meine Stirn. Das spräche dann wohl eher für Variante eins.
Wie auch immer. Als ehrenamtliche, freischaffende Seelsorgerin bin ich in jedem Fall irgendwie erkennbar und allzeit bereit für die nächste öffentliche Sitzung. Ich habe ja sonst nichts zu tun, wenn ich gerade meine Einkäufe erledige, auf den Zug warte, oder – was besonders gefährlich ist – in der S-Bahn sitze. Oder im Flugzeug. Aber an Möglichkeiten zum einseitigen Gedankenaustausch mangelt es mir nun wahrlich nicht.
Meine Laufkundschaft ist bunt gemischt. Von der alten Omi im Wartezimmer über den Geschäftsreisenden in der Luft bis zum Straßenstreicher auf der Buswartebank ist so ziemlich alles geboten, was das Herz begehrt. Auch die Inhalte der kommunikativen Ergüsse lassen keine Wünsche offen. Es gibt nichts, was es nicht gibt – und was man mir nicht dringend einmal kundtun müsste. Mich sozusagen exklusiv in die Höhen und Tiefen, Längen und Breiten und, vor allen Dingen, in die Abgründe ihres Lebens einzuweihen. Nicht selten von der Geburtsstunde angefangen bis heute.
Ich nehme rückblickend an Geschehnissen teil, in einer Bandbreite von Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg über heimliche Seitensprünge, hochdramatische Hausexplosionen, weitschweifige Fachvorträge – aus den Bereichen Wissenschaft, atomare Kernphysik und ökologisch erneuerbare Energien, langwierige medizinische Leidenswege – inklusive der komplett wiedergegebenen Krankenakte (von sich selbst und der gesamten zugehörigen Sippschaft) – bis hin zu abenteuerlichen Geheimdienstverwicklungen. Um nur mal ein paar herauszugreifen. Alles schon vorgekommen.
Zugegeben, hin und wieder nimmt es auch für mich bizarre Formen an. Skurrilitäten von schier unfassbarer Dramaturgie, die angeblich das Leben der vertrauensseligen Plaudertaschen selbst geschrieben hat. Immer würde ich meine Hand dafür allerdings nicht ins Feuer legen wollen ... Da liegt schon ab und zu die Vermutung nahe, dass der Gaul mit meinem Gegenüber gewaltig durchgeht, und ich mit den beiden auf einen Fantasieexkurs ins Land der Märchen galoppiere. Wen kümmert’s? Ich bin an jeglichen noch so ausufernden Lebensläufen, einschläfernden Bildungsvorträgen, herzzerreißenden Tragödien – ob wahr oder frei erfunden – wirklich jederzeit brennend interessiert. Im Detail versteht sich.
Nein, wie kommen Sie nur darauf, dass es mich langweilen könnte? Absolut nicht. Ich reise mit zu den letzten 98 Urlaubszielen, gehe auf nachträglichen Krankenbesuch ihrer jeweils 6354 Operationen und Zipperlein. Und wer bekommt schon, so ganz nebenbei, noch eine ausführliche Gratisanalyse der Aktienwerte des südchinesischen Marktes?
Den einen oder anderen Termin habe ich dadurch natürlich schon mal verschwitzt ... Aber manchmal muss es eben raus.
Eine Frage bleibt: Wieso ausgerechnet immer ich? Andererseits, bei meinem Zulauf bleibt eigentlich kaum jemand übrig. Ich glaube, ich bin inzwischen zu einer anerkannten Kory-phäe auf dem Gebiet der Quasselstrippenbändiger aufgestiegen, und mein guter Ruf eilt mir voraus.
Denn niemand kann mir vorwerfen, dass ich nicht alles für meine erzählfreudigen Ge-schichtel-Wichtel täte! Ob gespanntes Neugierigsein, ergriffenes Schweigen, ein spontaner Lachanfall, sensibles Mitfühlen und stets gebanntes An-den-Lippen-hängen – alles in meinem Standardprogramm. Ich habe als Extras obendrein ein beachtliches Repertoire an jederzeit zuschaltbaren Mienen- und Gestenspielen auf Lager. Und so leiste ich doch einen beträchtlichen Beitrag für das mentale Allgemeinwohl! Jeden Tag eine gute Tat – alter Pfadfinderleitspruch. Und auf den Pfaden des täglichen Lebens wandelnd kann das nicht schaden.
Eines Nachmittags wurde ich bei meiner spontanen Sprechstunde direkt an der Autotür von einem herbeistürzenden Zeitgenossen abgepasst und für eine geschlagene Dreivier-telstunde voll und ganz in Beschlag genommen. Es war Winter. Es war kalt. Und ich wäre in Eile gewesen. Gewissenhaft mühte er sich, mir kein Thema seines bisherigen Lebens vorzuenthalten. Die belustigten bis mitleidsvollen Blicke der Parkplatzbesucher und nicht zuletzt die Tatsache, dass ich selbst auf Gehhilfen im Schnee neben meinem Wagen balancierte – und mich am Ende bedauerlicherweise nicht mehr rechtzeitig zur Physiotherapie loseisen (selten hat dieses Wort so gut gepasst wie hier) konnte – machten diese Unterredung doch etwas, na sagen wir, speziell. Hier gilt es schlichtweg, Prioritäten zu setzen. Und wenn es doch einfach mal gesagt werden musste!
Deshalb, sollten auch Sie irgendetwas loswerden wollen – ich bin sicher, Sie finden mich! Es könnte nur sein, dass ich bereits belegt bin ...
Und da steht sie nun, bis ans Ende ihrer Tage, und wartet wohl vergeblich auf den stummen Ritter mit dem weißen Pferd, der die Wurzelenden mit seinem Schwert zu durchtrennen vermag ...

ENDE

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