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Bücher Satire
Buch Leseprobe Keine Zeile ohne meinen Anwalt., Hermann Rosenkranz
Hermann Rosenkranz

Keine Zeile ohne meinen Anwalt.


Sprüche, nichts als Sprüche.

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Erkenntnisse – geschält und gesalzen


Zu den Aphorismen von Hermann Rosenkranz (Vorwort von Friedemann Spicker)


 


Im Hause des Aphorismus sind viele Wohnungen. Hier bezieht seit kurzem auch Hermann Rosenkranz eine kleine Wohnung, man könnte sagen: einen Altersunruhesitz. Und das vorweg: Es lohnt sich, ihn dort zu besuchen. Er wohnt nicht in der Beletage, wie er selbst bedauernd feststellt – die ist fest vermietet –, aber auch nicht im Souterrain, wo er sich nach eigenem Bekunden „lakonisch wohl fühlt“. Sie wollen wissen, wo die Wohnung liegt: im Flur für die Lebenshilfe, auf der Erkenntnis- Etage oder im Flügel der Witzfraktion? Auf dem Flur der Lebenshilfe werden Sie vergeblich klingeln. Lebenshilfe gibt es hier höchstens in der Form: Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Rosenkranz. Die Erkenntnis-Etage ist gut belegt, oft auch von Herrschaften, die nicht nur nach Jahren schon etwas älter sind. Die Jahre hätte er, um sich hier einzumieten, den Kopf auch, aber er hat es vorgezogen, in das Zwischengeschoss einzuziehen, damit er denen näher ist, die im Flügel des Witzes leben: „Erkenntnisse sind wie Erdnüsse – es gibt sie auch geschält und gesalzen.“ Geschält? Sie dürfen gespannt sein, was unter der Schale hervorkommt. Gesalzen? Freuen Sie sich auf das Salz, es ist ja kein Geheimnis, dass die witzlosen Erkenntnisse oft unerträglich fade sind!


Die Wohnung ist möbliert vermietet. Aber welche Wohnung im Hause des Aphorismus wäre nicht möbliert? Es kommt nur darauf an, welcher Art die Möbel sind und wie geschickt man sie restauriert hat. Das Sprichwort gehört in allen Wohnungen dieses Hauses zu den verlässlichsten Möbelstücken. Es ist allerdings, zugegeben, meistens schon ein ziemlich ausgeleiertes Sofa. Unser Autor polstert es auf: „Die Wahrheit liegt in der Mitte – und wird bei neun ausgezählt.“ Neben dem sprichwörtlichen Sofa steht zuverlässig die sprichwörtliche Wendung des Sessels. Und den hat der Eigentümer nicht etwa nur bezogen, sondern so stark bearbeitet, dass er wie neu wirkt. Oder hätten Sie die alte „Spitze des Eisbergs“ hier auf den ersten Blick wiedererkannt: „Beklagt sich der Eisberg: Ich könnt’ hier unten in der Tiefe so ein ruhiges Leben haben, wenn nur meine Spitze nicht so zitatgeil wäre“? Und hier den „nagenden Zweifel“: „Der homo sapiens und sein Umgang mit dem Zweifel: Sag ich doch – der Mensch ist ein Nagetier“? Dann alle diese wackligen Hocker in den Wohnungen im Souterrain, die die Autoren hinten und vorne verstärkt haben. Hier werden stabile Stühle draus, wenn der Herrgottswinkel und die Winkelzüge zu „Herrgottswinkelzügen“ zusammengeleimt werden. Der Er-Aphorismus ist ein Schränkchen, das eigentlich in keiner Wohnung fehlt, oft billig lackiert. Unser Eigentümer aber hat es auch abgebeizt: „Lange stand er sich im Wege. Dann gab er sich einen Schubs. Jetzt stolpert er über seine eigenen Beine.“ Dann macht man auch ein so bekanntes Schränkchen gern noch einmal auf: „Er sehnte sich immer nach Widerständen. Aber das einzige, was das Leben für ihn bereithielt, waren offene Türen.“ Und erst die öden Wortwitz-Dekorationen in den Wohnungen unten, die mit ihren gellen Farben wehtun können. In dieser Wohnung geht der Eigentümer viel geschmackvoller damit um: „Der Aphoristiker sucht immer nach der Quelle. Er ist eben ein Nassforscher.“


Hermann Rosenkranz ist auch regelmäßig in der Beletage zu Besuch. Aber schenken lassen hat er sich dort nichts. Er hat sich aparte Einzelstücke angesehen und so phantasievoll nachgebaut, dass selbst diese höchst anspruchsvollen Bewohner zufrieden damit wären. So hat er zu Cioran eine achtungsvolle Freundschaft. So hat er vielleicht von Lec die Frage mitgebracht: „Woher nimmt der Regenbogen nur den Mut zu solch blühenden Farben? Schließlich schaut er doch auf die Erde.“ Kraus würde ihn wieder einladen, wenn er ihm beim nächsten Mal das Ergebnis seines letzten Besuches mitbrächte: „Ich habe nicht die Absicht, Berge zu versetzen. Was soll mir dann der Glaube?“ Vielleicht würde er ihn aber auch kritisch wegbeißen angesichts solcher Nähe: „Meine Vorurteile sind das Ergebnis einer wohlabgewogenen Nachdenklichkeit.“ Und Bierce, der Vater der Definition der besonderen Art, hätte auch seine Freude an ihm: „Leitartikel: Trivialsentenz mit Sättigungsbeilage.“


Mit den Bewohnern der Villa nebenan steht er in regelmäßigem Austausch. Ob sie die gleiche Freude an ihm hätten, ist ungewiss. Sie müssten schon, wenn sie Hesse heißen, Sinn für die Parodie haben: „Jedem Anfang wohnt ein Scheitern inne. Versuche, es wegzuzaubern!“ Oder, ganz unwahrscheinlich, Sinn für den Kalauer, wenn sie George heißen: „Stefan George für Senioren: „Komm in den totgesagten Sarg.“ Manchmal verrät er auch nicht, welchen modernen Lyriker er besucht hat: „Manche freie Rhythmen lesen sich so, als seien sie nur auf Bewährung frei.“ Uns verrät er damit allerdings etwas über seinen Brotberuf. Und tatsächlich: Als Strafverteidiger mit längerer Berufserfahrung hält er in seiner Wohnung ab und zu auch Privatsprechstunden ab: „Mir ist alles recht. Dafür gehe ich bis nach Karlsruhe.“ „Recht und Aphorismus“: das Schild war auch nebenan schon an so mancher Wohnungstür angebracht.


Hermann Rosenkranz weiß, dass es im Leben bedauerlicherweise im Gegensatz zur Justiz keine „Wiedereinsetzung in den vorherigen Stand“ gibt, und dementsprechend oft ist Freund Hein bei ihm zu Besuch. Das hat er mit vielen Bewohnern des Hauses, die ja durchweg alles andere als Jünglinge sind, gemeinsam. Alter hindert indessen nicht an Lebensfülle. Wenn er Sie erst hereingebeten hat, werden Sie sich davon überzeugen können, von Raab bis Rilke und von Sloterdijk bis Kerkelingeling. Und es hindert ihn nicht daran, aus dem einen oder anderen aktuellen Pressesperrmüll, die „Duldung“ oder den „Hindukusch“, aphoristische Splitter zu schnitzen. Da mag der eine oder andere Sorge nicht nur um seine Finger haben, aber ich mag diese sperrigen Beistelltischchen aus Altersradikalität in seiner Wohnung besonders gern: „Leitkultur in Deutschland: Liebe auch deinen Übernächsten – aber lass ihn in der Dritten Welt!“ „Korruption: Das Freie an der Marktwirtschaft.“ Wenn er besonders übermütig wird, dann öffnet er das Fenster und ruft hinaus: „Wer keine Ahnung hat, hat auch keine Angst.“ Und es lohnt sich immer, stehen zu bleiben und es aufzuschnappen: „Wer immer nur von sich auf andere schließt, macht keine guten Erfahrungen.“ Aber genug des Wohnungsbildes.


Aus drei Gründen muss man ihm unverblümt widersprechen, wenn er sich mit „grottengeiler Trivialaphoristik“ bei denen im Souterrain der Gattung glaubt. Er schreibt bewusst als Erbe und reflektiert das vielfach in seinem Schreiben. Das zweite hängt damit zusammen. Die Selbstironie ist für diesen Aphoristiker das Mittel der Wahl: „Ich muss einen Strand in mir haben. Alle Impulse versanden dort.“ Aber das Wichtigste ist das Werkzeug: die Sprache. Es steht ihm vom „Kotzbrocken“ und vom „Klugscheißer“ bis zur „Alma mater“ und zur „quantité negligeable“ zur Verfügung. Sein Sprachbewusstsein spießt die gespreizte Gegenwartssprache mit ihrem „jugendlichen Intensivtäter“ auf, wo er sie findet; die halb leeren Wassergläser werden auch „mittig portioniert“ nicht voller. Das Vergnügen ist ganz bei Ihnen, ohne dass es zum fun verkommt. Oder nehmen Sie die „Verkläranlage“, den „Gefühlsgläubiger“ oder die „Protestschwielen“ nicht gern in ihren Wortschatz auf? Was sind aber tausend Worte gegen ein Bild? Das gilt auch für das Sprachbild. Und auch da lassen sich bei Hermann Rosenkranz schöne Schnappschüsse machen, beim „Mainstream mit abknickender Vorfahrt“ nicht anders, als wenn ihm die abgegriffene „nackte Wahrheit“ einer gelungenen Renovierung unterzieht: „Die nackte Wahrheit, die sich mal eben was übergeworfen hat.“ ‚Wie geht’s?’ Man kann die Frage abwehren: ‚Es geht so.’ Man kann sie auch annehmen und viele Worte dazu machen. Und man kann, wenn mans kann, ein Bild malen, kurz, prägnant, aphoristisch: „Du fragst nach meiner Befindlichkeit? Ein leerer Biergarten im Regen.“ Weil aber im Aphorismus, was immer er zum Thema hat, auch die Sprache selbst Thema sein muss, kann ich Ihnen einen Besuch in seiner Wohnung nur empfehlen. Kein Mal klingeln! Einmal blättern!


Friedemann Spicker


 


Der Blinde pfeift aufs DéjàVu.


 


Der Gedankenarme ist zu stolz zum Betteln. Da plagiiert er lieber.


 


Das Leben ist eine Totgeburt mit guten Heilungschancen.


 


Das Gute am Holzweg: kein Wegelagerer weit und breit.


 


Ich brachte ihm seine verlorenen Illusionen zurück. Den Finderlohn bekam ich in Blüten.


 


Einer mit Migrantenhintergrund liegt auf dem Sterbebett und überlegt: Wenn der Himmel mir schon kein Asyl gewährt, krieg ich dann wenigstens im Fegefeuer eine Duldung, oder werde ich gleich zur Hölle abgeschoben?


 


Mir ist alles recht. Dafür gehe ich bis nach Karlsruhe!


 


Ich bin durchaus selbstkritisch – aber muss es gerade vor dem Spiegel sein?


 


Der Wegweiser beklagt sich bitterlich: alle wollen von mir doch nur das Eine!


 


Satire darf alles … antitschen, aber nichts auszählen.


 


Die Schule des Lebens hatte für ihn nur eine Stelle als Hausmeister frei.


 


Leitkultur in Deutschland: Liebe auch deinen Übernächsten – aber lass´ ihn in der Dritten Welt!


 


Die durchschnittliche Lebenserwartung hast du nun überschritten. Was jetzt kommt – nimm es als Gnade des späten Todes.


 


Mein Geständnis ist allumfassend. Und meine Dunkelziffer geht keinen was an.


 


Abel als Einzelkind – wäre er suizidgefährdet?


 


Den Wartenden auf Godot – man muss ihn sich als glücklichen Menschen vorstellen.


 


Der Selbstdarsteller braucht wenigstens keinen Souffleur. Selbst aus seinem Schweigen hörte man heraus, dass er unrecht hatte.


 


Bill Gates – der primus internet pares.


 


Feigheit vor dem Freund Hein.


 


Unterleib und Seelchen – auch so eine Art von Psychosomatik.


 


Klopft die Praxis bei der Theorie an: Haste mal ´nen Überbau für mich?


 


Aphorismus: ein erhellender Augenblick hat seinen lichten Moment.


 


Resignation: Feigheit mit Heiligenschein.


 


Keine optische Täuschung: inmitten der Wüste die Fata McMorgana.


 


Da leisten die Leute sich immer nur die teuersten Chronometer: Cartier und Lacoste und Patek Philippe. Und dann kommt Freund Hein und trägt Swatch.


 


Von einem halbsteifen Geist lässt sich das Sein jedenfalls nicht penetrieren. Über einen gewissen Politiker: Selbst wenn er nur ein Bad in der Menge nimmt, hinterlässt er einen Schmutzrand.


 


Resozialisiert: Eine besondere Schwere der Schuld wurde nicht festgestellt.Kain kam nach achtzehn Jahren frei. Er wurde Mitglied im Weißen Ring. Abel verpflichtet.


 


Korruption: Das Freie an der Marktwirtschaft. J


 


Jede Rede, die diesen Namen verdient, ist eine Ruck-Rede. Und Deutschland ist die Heimat ruckloser Hohlprosa.


 


Die guten Köpfe finden sich in der Hölle. Der Himmel gilt als ironiefreie Zone.


 


Sokrates light: Er trinkt seinen Schierlingsbecher alkoholfrei.


 


Die Rolle Klopapier sinniert: Auch vierlagig kann das Leben verdammt für´n Arsch sein.


 


Was vom Juristen ausgeht, geschieht immer jenseits von edel und stark Auch das will gelernt sein: der aufrechte Gang des Chamäleons.


 


Die katholische Kirche gibt sich aufgeklärt: Jeder kann nach seiner Façon seliggesprochen werden.


 


Der Staub, der auf den Büchern liegt, ist vergleichsweise harmlos.


 


Wer heutzutage auch nur eine Nuance glaubwürdig kreiert, kann als origineller Kopf gelten.


 


Ob der Teufel aus der Kirchensteuer heimlich einen kickback erhält?


 


Auch das Gehirn hat mit seinen Blähungen zu kämpfen. Und der Aphorismus – das wäre dann der befreiende Furz.


 


Wer Ironie verfälscht oder verfälschte Ironie in Verkehr bringt, wird mit dem Bierernst des Lebens bestraft.


 


Meint der Aphorismus zum Leitartikel: Nicht verzagen, ich hab´ auch mal lang angefangen.


 


Leitartikel: Trivialsentenz mit Sättigungsbeilage.


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