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Bücher Satire
Buch Leseprobe Fluffige Zeiten, Grete C. Roth
Grete C. Roth

Fluffige Zeiten



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"Gewerbeangelegenheiten" stand auf dem Hinweisschild der Stadtverwaltung. Hocherfreut, dass ich auf Anhieb im richtigen Gebäude gelandet war, betrat ich die Eingangshalle der Stadtverwaltung, um mich an der Rezeption nach der Zimmernummer für die Ausgabe von Gewerbescheinen zu erkundigen. "Gewerbescheine?", die junge Dame hinter der Panzerglasscheibe sah mich erstaunt an. "Ja, hier ist doch das Amt für Gewerbeangelegenheiten, oder?", fragte ich leicht irritiert zurück. "Ja, schon, aber Gewerbescheine gibt es nicht hier, sondern in einem anderen Verwaltungsgebäude." "Ach so", sagte ich, "es gibt noch ein zweites Amt für Gewerbeangelegenheiten?" "Nein", nur ein Büro in der Kreiselstraße 118, dort werden Gewerbescheine ausgestellt." Ich hatte es eilig, verdrängte aufsteigende Fragen und machte mich mit meinem Pkw auf die Suche nach dem Büro für ‘Gewerbescheine'. Etwa einen Kilometer entfernt wurde ich fündig. Das Büro lag an der Hauptstraße ohne irgend eine Parkmöglichkeit. So kreiste ich einmal um die Altstadt, fand einen der letzten freien Parkplätze und machte mich zu Fuß zurück zum Amt. "Guten Tag, ich möchte gern einen Gewerbeschein beantragen." "Ja, was für ein Gewerbe wollen Sie denn ausüben?" fragte mich die junge Beamtin. Ich trug brav mein Anliegen vor, doch noch ehe ich mit meinen Ausführungen zum Ende gekommen war, unterbrach sie mich und erkundigte sich nach meiner Baugenehmigung. "Nein, nein, ich will nicht bauen, die Räume sind bereits vorhanden und werden auch nicht verändert, mir fehlt nur noch der Gewerbeschein", antwortete ich augenzwinkernd. "Trotzdem brauchen Sie eine Baugenehmigung vom Planungsamt!", belehrte mich das junge Ding. "Ach, ich brauche eine Baugenehmigung obwohl ich gar nicht bauen will?", staunte ich. "Ja, eine Baugenehmigung und eine Nutzungsänderungsgenehmigung.", wurde ich aufgeklärt. Schon spürte ich so etwas wie Ungeduld in mir aufsteigen. Nach meinen bisherigen Erfahrungen, dauerte die Beantragung eines Gewerbescheines höchstens fünfzehn Minuten und alles war erledigt. "Nun gut,", sagte ich tapfer, "wenn das so ist, dann sagen Sie mir bitte, wohin ich mich wenden muss." Ich bekam eine Wegbeschreibung zum Bauamt und machte mich wieder auf die Socken. Das Bauamt lag etwa 200 m entfernt vom Amt für Gewerbeangelegenheiten, in dem es keine Gewerbescheine gibt. Der Vormittag war voran geschritten und ein Parkplatz kaum noch zu bekommen. So ließ ich das Auto stehen um zu Fuß zu gehen. Leichtsinniger Weise ließ ich mich dazu hinreißen, keinen weiteren Parkschein zu ziehen. Ich betrat das imposante alte Gebäude, fand eine grellgelbe Hinweistafel mit der Aufschrift: ‘Information Bauamt'. Beherzt klopfte ich an die Tür, doch niemand bat mich herein. Es kostete mich etwas Überwindung unaufgefordert einzutreten, aber ich war fest entschlossen, heute noch ein Erfolgserlebnis zu bekommen. So öffnete ich die Tür und ging hinein. Vertraute stampfende Geräusche von Druckmaschinen drangen an meine Ohren, und ich fand mich mitten in einem Papierlager wieder. Sofort war mir klar, dass dies nicht das Bauamt sonder die Stadtdruckerei war. Das Bauamt sei in die erste Etage gezogen, informierte mich ein netter telefonierender Herr und deutete mit dem Zeigefinger an die Raumdecke. Ich bedankte mich überglücklich dafür, dass ich eine Information über das Bauamt bekommen hatte und machte mich auf die Suche nach dem neuen Standort. Glücklicherweise fand ich schon bald eine weitere Tür, an der ein Schild angebracht war, mit der Aufschrift: ‘Planungsamt'. Da auch das Planungsamt Bauanträge ausgibt, klopfte ich an, bekam jedoch auch hier keine Antwort. Drinnen hörte ich jemanden lautstark telefonieren. Also setzte ich mich auf den bereitgestellten Stuhl und blätterte in den ausgelegten Broschüren. Eine halbe Stunde lang hatte ich so Gelegenheit, mich über den rechtlichen Stand von Grundstücksbepflanzungen und herabhängenden Zweigen auf Nachbars englischen Rasen zu informieren. Dann endlich öffnete sich die Tür, und ein adretter Herr mit Frühstückspaket unter dem Arm kam pfeifend heraus. ‘Der wird doch jetzt nicht fortgehen?', schoss es mir durch den Kopf. Ich sprang auf und stürzte auf ihn zu: "Guten Tag, mich hat das Amt für Gewerbescheine geschickt. Sie möchten mir bitte einen Bauantrag aushändigen - aber nicht, dass Sie mich falsch verstehen, ich möchte natürlich nicht bauen, sondern nur in meinem Anbau eine Beratungsstelle einrichten", ratterte ich drauf los, während er sich am Schloss seines Büros zu schaffen machte ohne mich auch nur einmal anzusehen. Gott sei Dank, kam in dem Augenblick seine nette Kollegin, die mich schon vor einer halben Stunde hatte warten sehen, über den Flur,. Sie legte ein gutes Wort für mich ein, das Herrn Adrett bewog seine Tür wieder aufzuschließen. Innerlich jubilierend warf ich der guten Frau einen dankbaren Blick zu. Die Zeichen standen auf ‘Vorwärts'. Nachdem ich dem adretten Herrn mein Anliegen erklärt hatte, fragte er, ob ich denn einen Parkplatz für meine Kunden hätte. "Ja, natürlich, ich habe sogar zwei Parkplätze vor dem Haus. Und in der kaum befahrenen Seitenstraße sind auch noch etliche Parkmöglichkeiten vorhanden", sagte ich fröhlich. Ich spürte instinktiv, dass dies wohl ein wichtiger Punkt und eine Voraussetzung für meinen Bauantrag sein würde. Und so war es. Herr Adrett aktivierte seinen Computer und schüttelte den Kopf. "Nein, Sie haben keinen Parkplatz." "Wieso habe ich keinen Parkplatz? Als ich heute morgen losfuhr, hatte ich sogar noch zwei schöne gepflasterte Parkplätze!", stieß ich fassungslos aus. "Nein, Sie haben noch nie einen Parkplatz gehabt - ich weiß zwar, dass dort Autos stehen, aber diese Autos stehen in Ihrem Vorgarten!" Mir schoss das Blut in den Kopf. Meine Autos in meinem Vorgarten? Eine Katastrophe! Mein Vorgarten hatte eine Grundfläche von 1,5 qm! Wenn dort tatsächlich unsere Autos stünden, dann müßten sie zwischenzeitlich von einer Schrottpresse auf eine passende Größe gebracht worden sein! Es konnte sich doch wohl nicht wirklich um meinen Parkplatz handeln. "Nein, das muss ein Irrtum sein", sprach ich mutig aber freundlich: "Mein Vorgarten ist rechts am Haus und die Parkplätze sind links!" Endlich klärte Herr Adrett mich auf: "Ihr Parkplatz ist ein ‘Nicht-genehmigter-Parkplatz', also ist er kein Parkplatz, sondern bestenfalls ein Pkw-Einstellplatz und dieser liegt in Ihrem Vorgarten. Sie müssen das verstehen, wenn Sie auf einem nicht genehmigten Parkplatz parken, dann behindern Sie beim Ein- und Ausfahren den fließenden Verkehr! Und der Verkehr ist nun mal ein großes Problem in unserer Stadt." Mein Kopf begann zu glühen, meine Hände wurden tropfnass, mein Unterkiefer hing etwas blöde herunter und ich starrte dem Adretten entgeistert ins Gesicht. "Abgesehen davon, ist es verboten, in Vorgärten zu parken", schloss er seine Ausführungen mit einem völlig unangebrachten Lächeln. In meinem Kopf war die Hölle los - was wollte mir der Adrette jetzt eigentlich sagen? Dass genehmigte Parkplätze den Verkehr besser in Fluss halten, doch wohl nicht, oder? Ich konnte nicht länger so dastehen und ihn anstarren, also klappte ich meinen Mund wieder zu, zuckte ein wenig mit den Mundwinkeln, brachte ein verzerrtes Lächeln zustande und hörte mich langsam sagen: "Ja, wenn Sie mir das von diesem Standpunkt aus erläutern, leuchtet mir das natürlich ein. Ja, Sie haben völlig Recht, das ist wirklich ein großes Problem." Ich heuchelte Verständnis - machte eine kurze Redepause, um die Wirkung meiner Worte zu überprüfen und sah, dass Herr Adrett sich entspannt in seinem Bürostuhl zurücklehnte. "Was denken Sie, können wir denn da unternehmen?", bat ich ihn ehrfurchtsvoll mit sorgenfältigem Gesicht um seinen gnädigsten Rat. "Tja,", sagte er gönnerhaft, "im Grunde steht einer Genehmigung nichts im Wege, aber Sie gehen am Besten zuerst ein Zimmer weiter, dort ist das Bauamt, in dem Sie alle Anträge bekommen die Sie brauchen. Sobald sie die ausgefüllt haben, geht alles ganz schnell! Heißt es doch bei uns: Gestern gebracht, heute gemacht! Das ganze Projekt hängt jetzt von der Genehmigung der Stellplätze ab!" Ohne zu widersprechen verabschiedete ich mich und verließ kraftlos das Zimmer. ‘Der Mann hat irgendeine Art von Humor', ging es mir durch den Kopf, aber mir blieb der Zugang zu Selbigem in meiner Situation verschlossen. Eine Tür weiter klopfte ich zaghaft ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. "Herein!", rief eine Stimme zurück. Ein Fünkchen Hoffnung glimmte in mir auf. Ich trat ein und vor mir saß ein graugetigerter Pullunder von ca. fünfzig Jahren mit zehn straff zurückgekämmten Haaren. Auf seiner Nase hatte er eine Brille mit zwei eingebauten Lupengläsern deponiert, die dafür sorgten, dass seine Augen wie Tischtennisbälle aus dem fahlen Gesicht hervorzuquellen schienen. Es ging mir nicht gut bei seinem Anblick. Doch ich wusste, dass meine Ausstrahlung sich auf mein Gegenüber auswirkt (jedenfalls im richtigen Leben), nahm mich deshalb noch einmal zusammen und setzte ein dezentes Lächeln auf. Mit langsamen deutlichen und wohlüberlegten Worten trug ich mein unverschämtes Anliegen vor und hoffte inständig, dass mir die Güte des Pullunders weiterhelfen würde. Der Pullunder sah mich stumm an, drehte dann sehr sorgfältig seinen Bürostuhl um 90 Grad nach rechts um langsam aufzustehen. Sein rechter Arm ging zum Mund und eine kleine rosafarbene Zunge leckte an seinem weißen Zeigefinger. Dann bewegte sich der Arm in Richtung Regal und fischte ein DIN A4 Blatt heraus, legte es nach einem prüfenden Blick in die linke Hand und wanderte wieder in Richtung Mund. Ein Anflug von Hoffnung keimte in mir! Ich sollte endlich ein Stück Papier zum Ausfüllen bekommen! Ich hasse es normalerweise Fragebögen auszufüllen, aber in diesem Augenblick hatte ich das Bedürfnis, meine Freude über das, was da kommen sollte, auszudrücken: "Ach bin ich froh, dass ich bei Ihnen die richtigen Papiere endlich bekomme. Wissen Sie, ich bin schon seit Stunden unterwegs, ohne dass mir jemand weiterhelfen konnte." Ich hielt dies für ein nettes Kompliment und hatte erwartet, dass er sich zumindest mit einem Lächeln bedanken würde. Aber nichts dergleichen geschah. Der Pullunder stapelte Papier in seine linke Hand und schleckte sich dabei bedächtig die Finger. Ich sah ihm schaudernd zu und fragte mich, ob es nicht sinnvoller wäre, mir den gesamten Inhalt des Regals mitzugeben, aber das behielt ich für mich. Pullunder wurde fertig mit dem Stapeln von Papier, übergab mir würdevoll das kostbare Gut und sprach: "Füllen Sie die Formulare sorgfältig aus und bringen Sie sie dann wieder vorbei." Ich quetschte mir ein Lächeln ab, bedankte mich überschwänglich für die prompte Bedienung und verschwand, so schnell ich konnte, aus dem ehrwürdigen Gebäude. Hinter meinem Scheibenwischer klemmte zu allem Überfluss ein Knöllchen... Ich bin ein ordnungsliebender Mensch, jedenfalls wenn es um Papiere und Dokumente geht, und so machte ich mich sofort daran, die fünfundzwanzig Fragebogen auszufüllen und anzukreuzen, Kopien von Grundriss und Lageplan zu fertigen, beantwortete all die sinnlosen Fragen, so gut ich konnte, und es gelang mir sogar, zu erklären, weshalb ich gern arbeiten und Geld verdienen wollte und wieso ich einen Bauantrag stellte, obwohl ich gar nicht bauen wollte. Mittlerweile war es fast elf Uhr und um zwölf Uhr schloss das Amt. Also schwang ich mich mit meinem schleunigst angelegten Ordner in mein Auto, fuhr wie der Teufel zum Bauamt zurück und klopfte stolz und pflichtbewusst an die Pullundertür: "Da bin ich wieder, habe alles so gut ich konnte ausgefüllt und sämtliche Pläne von den Räumen, an denen ich nichts ändern möchte, dazu gelegt." Zugegeben, insgeheim hoffte ich, dass mein prompter Gehorsam und die unverzügliche Ausführung seiner Wünsche und Anordnungen, Pullunder beeindrucken würden und er mir deshalb wohl gesonnen sein würde. Pullunder rutschte mit seinem Bürostuhl an den Tresen, der mich von ihm trennte. Wie sich noch herausstellen sollte, hatte dieser eine für ihn lebenswichtige Funktion. Er wies mich an Platz zu nehmen, so dass ich gerade noch mit dem Kopf über diese antike Beamtenschutzsperre schauen konnte. So ähnlich müssen sich kleine Kinder fühlen, wenn sie sich bei ihrer eigenen Geburtstagsfeier ein kleines Stückchen von ihrem Kuchen nehmen wollen. Mir ging es inzwischen wieder besser, hatte ich doch endlich etwas in die Wege leiten können, jetzt fehlte nur noch der Stempel vom Pullunder, mit dem ich mir dann meinen Gewerbeschein im Auslagerungsbüro des Amtes für Gewerbeangelegenheiten abholen konnte. Ab morgen würde ich dann endlich arbeiten können! Zunächst aber wollte Pullunder gemeinsam mit mir sehen, ob alles korrekt ausgefüllt war. Pullunder begann in meinen Papieren zu lesen, sortierte zunächst fünf Bogen aus und warf sie in den Papierkorb. "Die hätten Sie nicht auszufüllen brauchen", kommentierte er. Ich verkniff mir die Frage, weshalb er sie mir dann mitgegeben habe. Möglicherweise hätte er mich für patzig gehalten. Das wäre nicht in meinem Sinne gewesen. Pullunder meinte es offensichtlich gut mit mir, und so fand er auch schnell eine kleine Unordentlichkeit in meinen Unterlagen. Im Lageplan war mein zukünftiger Seminarraum noch als ehemaliger Wohnraum eingetragen. "Oh," hauchte ich errötend. Ich wagte es sogar mich sehr vorsichtig ein kleines Stück von meinem Stuhl zu erheben und einen Blick über den mir zugewiesenen Horizont zu erhaschen: "Wenn Sie mir vielleicht Ihren Bleistift kurz ausleihen könnten, dann ändere ich das schnell." Dabei deutete ich, in der Erwartung, dass er meine Bitte erfüllen würde, auf den Stift der neben ihm lag. "Nein." Pullunder schüttelte sehr langsam seine zehn Speckhaare.

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