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Bücher Satire
Buch Leseprobe Festtagsschmaus in Narrenberge, Margaretha Main
Margaretha Main

Festtagsschmaus in Narrenberge


Retha-Reihe

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Da euch Narrenberge so gut gefällt, habe ich mich noch einmal auf den Weg dorthin gemacht und mein Ohr dem Volke geliehen. Wenn ihr jetzt und auf der Stelle weiter lest, seht ihr, was dabei rausgekommen ist: Das Rathaus ist in dieser Nacht in der Mitte des Wonnemonats Mai und zu dieser Uhrzeit natürlich noch verwaist. Selbst der Bürgermeister, Herr Einrenk, liegt noch in tiefstem Schlummer neben seiner lieben Ehefrau und träumt von Ufos, Bodyguards und Bäckereifachverkäuferinnen. Auch Frau Wechselgeld, die Filialleiterin der Bank, Frau Großkreutz, die Lehrerin, und Frau Stempelgern, die Filialleiterin der Post, rekeln sich in Traumwelten, in denen Millionenkredite, Abschleppunternehmer und Sonderbriefmarken eine tragende, wenn nicht sogar ausschließliche Rolle spielen. Nur die Nachtwache im Altenheim quält sich gerade mit Herrn Dummdreist ab, der, wie immer, absichtlich sein Bett mit der Kloschüssel verwechselt hat, um sich von der gut aussehenden Frau Windelbring den Hintern abwischen zu lassen. Auch sonst kann er manchmal ganz schön anzüglich werden. Aber Frau Windelbring ist resolut und kann sich gegen den alten Knacker leicht zur Wehr setzen. Es dauert nicht lange und der Kerl ist verarztet, hat seine Schlummerspritze bekommen, noch eine saftige Ohrfeige als letzten Gruß und liegt nun friedlich fixiert in seinem Gitterbettchen. Frau Windelbring hat kaum Pause, aber jetzt gönnt sie sich eine Zigarette im Schwesternzimmer und schlägt die Zeitung von gestern auf. In großen Buchstaben steht da geschrieben: „In Deutschland wegen Mordes gesuchter Großwildjäger ist tot! Zuerst erschoss er sich mit einer großkalibrigen Jagdflinte und tötete anschließend seine Ehefrau mit der großen Klinge seines Schweizermessers.“ Kurz und gut: Es herrscht tiefer Friede in Narrenberge. In diesem Moment sitzt ein paar tausend Kilometer östlich von Narrenberge ein Mann in seinem Ein-Zimmer-Zimmer und schneidet einen Stern mit drei Zipfeln aus Pappe aus. Dieser Stern wird ihm noch gute Dienste leisten und so arbeitet er besonders sorgfältig daran herum. Endlich ist der Stern fertig und er umwickelt ihn mit Staniolpapier, das er sich aus vielen Zigarettenschachteln zusammengesucht hat. Dann legt er den nun silbernen Stern vorsichtig in eine Pappmappe. Er erhebt sich und hüpft in die Dusche. Ein Held der Arbeit muss schließlich blitzen und blinken, wenn er für Volk und Vaterland seinen Dienst versieht. Anschließend kämmt er sich sorgfältig und putzt seine Zähne. Die Rasur erspart er sich heute mal. Mit einem Drei-Tage-Bart hat er etwas von einem Hollywood-Helden und er will ja gut aussehen, wenn er zum Dienst erscheint. Obendrein ist er der Meinung, dass er die Brigadeführerin eines Tages mit seinem Aussehen beeindrucken kann. Dass die längst mit ihrem Chef rummacht und für Untergebene kein Auge hat, ist ihm noch nicht aufgefallen. Obwohl das Tragen von blauen Arbeitsanzügen seit Jahren keine Pflicht mehr ist, kann er sich nicht entschließen, seinen wegzuwerfen. Er bügelt das gute Stück noch einmal kräftig auf und achtet akribisch auf jede Falte. Vorsichtig, um ihn nicht gleich wieder zu zerknittern, streift er ihn über. Er packt die Pappmappe mit dem Stern in seine alte Ledertasche, setzt sich seine blaue Mütze auf – die zieht er absichtlich ein bisschen schräg, weil er meint, dass sähe besonders keck aus – und verlässt das Ein-Zimmer-Zimmer. Auf dem Flur trifft er die ersten Arbeitskollegen und so steigen sie gemeinsam die Treppen der achtunddreißig Stockwerke zu Fuß hinunter. Der Aufzug ist schon seit vielen Monaten außer Betrieb. Man munkelt, dass noch Menschen darin stecken sollen. Ob das allerdings stimmt, kann er nicht mit Gewissheit behaupten. Es hat mal Hilferufe gegeben. Die sind aber nach wenigen Tagen immer leiser geworden und schließlich ganz ausgeblieben. Ob der Aufzugsservice nachgeschaut hat, ist ihm nicht bekannt. Er ist ja auch nur selten da und hat wahrlich andere Sorgen, als sich um defekte Aufzüge zu kümmern. Auf der Straße angekommen, reiht er sich in den Menschenstrom ein. Alles strebt der U-Bahn entgegen. Ja, eine richtige U-Bahn haben sie jetzt auch in seiner schönen Hafenstadt. Es hat zwar viele Jahre gedauert, aber nun ist sie fertig, und es macht ihn ein klein wenig stolz. Schnell hat er die richtige Ebene erreicht und schon wird er vom Schubser in einen Waggon geschubst. Eigentlich ist das gute Stück längst voll, aber was ein wahrer Schubser ist, und noch dazu ein Held der Arbeit, der schubst noch ein paar Leute mehr rein. Unser Freund wird mal wieder dermaßen gequetscht, dass ihm im ersten Moment die Luft wegbleibt. Als, wie üblich, eine leichte Panik von ihm Besitz ergreifen will, reißt er sich zusammen und geht rational dagegen vor. Er bläht sich auf und schafft sich damit etwas Spielraum. Dass dadurch im Laufe der Zeit viele Frauen in seiner unmittelbaren Nähe große Teile ihrer Oberweite eingebüßt haben, bekommt er gar nicht mit. Hier ist er der Stärkere. Und nur der Stärkere überlebt. Nach nicht einmal drei Stunden erreicht er seine Zielstation. Er schiebt seine Arme in Form eines Dreiecks nach vorn und bahnt sich so, einem Schneepflug gleich, einen Weg zur Tür. Dabei geht er oft so rücksichtslos vor, dass sich zur Kompression der Oberweiten auch noch eine Schiefstellung gesellt. Endlich schieben sich die Schiebetüren zur Seite. Der Schubser ergreift seine Arme und reißt ihn ins Freie. Dieser Moment kommt ihm immer wie eine Befreiung vor und er atmet tief durch. Wieder reiht er sich in den Menschenstrom ein und steigt die Treppen hinauf und somit dem Smog entgegen. Von weitem sind die Hafenanlagen zu sehen. Fröhlich vor sich hin pfeifend, macht er sich auf den Weg. Nach nur einer Stunde hat er sein Ziel erreicht. Sein LKW wird in diesem Moment gerade beladen und so geht er ins Büro, um sich von der angebeteten Brigadeführerin die Frachtpapiere und die Route aushändigen zu lassen. Sie schiebt ihm seine Mappe über den Tisch, ohne sich weiter um ihn zu kümmern. Er bleibt noch einen Moment stehen, aber sie schenkt ihm keine Aufmerksamkeit. Sie schäkert längst wieder mit ihrem Chef herum. Verdrießlich verlässt er das Büro und geht zu seinem LKW zurück. Auch der Anhänger ist bereits voll beladen und er geht nach hinten, um die Hecktüren zu schließen. Diese Aufgabe ist eigentlich gar nicht seine Aufgabe. Aber er übernimmt sie gern, um sichergehen zu können, dass die Türen auch wirklich zu sind. Am Anfang seiner Fahrerkarriere hatte er das Schließen der Türen den Stauern überlassen. Einmal war es passiert, dass er etwa auf der Hälfte der Strecke ein lautes Geräusch vernommen hatte. Im Spiegel hatte er mit ansehen müssen, wie sich ein Teil seiner Ladung verselbstständigt hatte. Milliarden von Eiern waren auf der Straße zerschellt und hatten einen großen gelbweißen und noch dazu sehr klebrigen See erzeugt. Dieser Umstand hatte dazu geführt, dass die dortige Bevölkerung zwei ganze Tage lang hungerlos verbringen konnte, während er selbst für ein halbes Jahr in ein Umerziehungs- und Arbeitslager abkommandiert wurde. Ihm wurden seine maoistischen Defizite ausgetrieben und obendrein holte er mehrere Tonnen Kohle mit seinen bloßen Händen aus dem Berg. Danach hatte man ihm einer Prüfung unterzogen und ihm seinen Posten als LKW-Fahrer zurückgegeben. Seitdem achtete er stets peinlich darauf, dass volkseigene Eier, volkseigene Pflaumen und volkseigene Batteriesäure immer unbeschadet und pünktlich ihr Ziel erreichten. Nun, da die Türen ordnungsgemäß verschlossen sind, macht er noch eine Runde um sein Fahrzeug. Er stellt fest, dass 50% der Bremsen funktionieren und nur drei Reifen bis auf den Schlauch abgefahren sind. Damit kann er völlig beruhigt starten. Er steigt in sein Fahrerhaus und legt sich die Mappe auf den Schoß. Was würde er diesmal fahren? Er blättert in seinen Unterlagen und findet auf Anhieb die richtige Stelle: Schokolade aus Deutschland soll nach Chin-Mitt verbracht werden. Chin-Mitt, das weiß er, ist eine kleine Stadt in Mittelchina mit nicht einmal vier Millionen Einwohnern und somit auf kaum einer Karte verzeichnet. Er zieht sich den Atlas aus der Ablage in der Fahrertür und blättert darin herum. Schon hat er Chin-Mitt gefunden und fährt mit dem Finger die Route ab. Nicht mal dreitausend Kilometer. Das ist ja ein Klacks. Das reitet er auf einer Hinterbacke ab. Dreimal tanken und schon ist er dort. Gerade als er losfahren will, fällt ihm noch etwas ganz Wichtiges ein. Er hat seinen Stern noch nicht montiert. So steigt er noch mal aus und klebt den Stern vorn auf seinen LKW. Er weiß genau, dass er nun eine eingebaute Vorfahrt hat, die ihm unterwegs gute Dienste leisten wird. Natürlich hat sein LKW nicht die leiseste Ähnlichkeit mit einem LKW von Mercedes Benz, aber das weiß ja keiner. Leider hat er sich etwas verrechnet. Nein, die Türen sind mausedicht und keine Schokolade aus Deutschland wird den Einwohnern zu einem sorgenfreien Leben verhelfen. Die Straße ist kurz vor Kingpe gesperrt. Er muss halten und fragt einen Polizisten nach dem Grund der Sperrung. Hinter vorgehaltener Hand wird ihm mitgeteilt, dass der hiesige Parteifunktionär wieder mal ein Bad in der Menge abhält. Mitten in der Stadt auf dem Platz der himmlischen Gleichgültigkeit sind ein paar tausend Studenten seinem Aufruf gefolgt. Wie immer gibt es ein paar wenige Konterrevolutionäre, die man mit harter Hand auf den rechten Weg zurückführen muss. Unser Freund weiß sofort, was das bedeutet. Der Herr Parteifunktionär badet offenbar gern in der Menge – auch wenn es sich mal wieder um ein Blutbad handelt. Aber das geht ihn nichts an. Er muss seine Schokolade aus Deutschland pünktlich abliefern und da kann er sich mit solchen Nebensächlichkeiten nicht lange aufhalten. Flugs hat er sich eine neue Route ausgesucht und fährt im großen Bogen um die Stadt herum. Der Umweg wird ihn ein paar Stunden kosten, aber er ist schon Schlimmerem begegnet. Stoisch setzt er seinen Weg fort. Es dauert fast eine Woche, ehe er sein Ziel erreicht. Er hat kaum geschlafen und höchstens acht Ziegen und neununddreißig Hühner platt gemacht. Das ist aber nicht sein Rekord. Er hat es schon mal auf sechzehn Ziegen, vierundvierzig Hühner, einen Kuhtreiber und vier minderjährige Abfallsucher gebracht. Am Straßenrand hat er sich zwischendurch schnell eine Bihun-Suppe auf seinem kleinen Benzin-Kocher heiß gemacht und ist den Rest der Zeit durchgefahren. Er wird bereits sehnsüchtig erwartet. Schnell hat er eingeparkt und das Entladen beginnt. Mehrere Gabelstapler gleichzeitig fahren mit den Kartons in die große Halle. Ein Heer von unterernährten und kleinwüchsigen Sklavinnen – sie werden großzügig auf Kosten der Fabrik verköstigt, da ein befreundeter Parteifunktionär immer mal wieder ein paar Hilfslieferungen aus Europa und Amerika abzweigt und an das Unternehmen gegen eine winzige Spende weiterreicht – macht sich sofort über die Kartons her. Jeder Karton wird sorgfältig ausgepackt. Alle Schokoladenosterhasen werden einzeln auf einen Tisch gestellt. Während die eine Hälfte der Sklavinnen noch stellt, steht die andere Hälfte hinter dem Tisch und befreit die Schokoladenosterhasen von ihrer bunten Stanniolhülle. Das Stanniolpapier wird natürlich nicht weggeworfen. Ein weiteres Heer von Sklavinnen bügelt ganz vorsichtig die Knicke heraus und versieht es mit einem neuen Haltbarkeitsdatumsstempel. Es wäre ja eine wahre Schande, das teure Stanniolpapier wegzuschmeißen, wenn es doch Sklavinnen gibt, die das fast für umsonst wieder glattmachen. Nach vielen Stunden sind alle Schokoladenosterhasen nackt.


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