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Bücher Satire
Buch Leseprobe Die Kleiderfrage, Barbara Krauß
Barbara Krauß

Die Kleiderfrage



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1. Der missratene Entwurf:


 


Im Schreibzimmer: Licht.


Der Autor sitzt am Tisch und schreibt. Mit einem Kugelschreiber und einem dicken Packen Papier entwirft er die erste Szene seines Stücks. Schreibt, streicht, schüttelt den Kopf. Schreibt weiter, überlegt. Schreibt, zerknüllt Papier. Steht vom Schreibtisch auf, läuft auf und ab, denkt nach. Hat eine Idee, setzt sich wieder. Rauft sich die Haare. Schreibt weiter.


Zur gleichen Zeit in der Küche: Halbdunkel. Mutter, Vater und Sohn betreten nacheinander den Raum. Solange der Autor die Figuren schreibend entwickelt, sind sie noch barfuß und in schlichte weiße Gewänder gekleidet. Schweigend, ohne voneinander Notiz zu nehmen, gehen alle drei, die Augen zu Boden gerichtet, in steifen Bewegungen zum Kleiderschrank, entnehmen einzelne Kleidungsstücke und Schuhe, gehen damit durch die Küche hinaus in den rückwärtigen Flur. Kehren zurück, öffnen erneut den Schrank, tauschen die Kleidungsstücke gegen andere aus. Gehen mit diesen hinaus, kehren zurück, und so fort …


Es ist ein wortloses Kommen und Gehen, solange, bis sich der Autor in seinem Schreibzimmer entschieden hat: Die Mutter greift sich das rosa Negligé und die Pumps, der Vater den Nadelstreifenanzug mit Hemd, Krawatte und Straßenschuhen, der Sohn den Neoprenanzug mit Taucherbrille und Flossen.


Alle treten ab in den rückwärtigen Flur, ziehen sich an.


 


Anmerkung: Um das Agieren der Figuren „in der Rolle“/„außerhalb der Rolle“ zu verdeutlichen, wird mit breiten Reifen (z. B. aus Pappkarton) gearbeitet, in die die Akteure hinein-/bzw. aus denen sie heraussteigen: An Schnüren oder Hosenträgern baumeln diese Reifen den Schauspielern um die Hüften (sie sollten jedoch nicht zu breit sein, um nicht zu viel vom Kostüm zu verdecken).


 


Der Autor öffnet eine Flasche Wein, macht einen zufriedenen Eindruck, schreibt weiter.


In der Küche geht das Licht an. Die Mutter kommt herein, in ihrer Rolle, gekleidet in das rosa Negligé, an den Füßen die Pumps, in denen sie ungelenk herumstöckelt. In einer Hand schwenkt sie hektisch ein amerikanisches Papierfähnchen.


MUTTER laut: Hoffen, dass es keinen Krieg gibt! Die amerikanischen Verbündeten des alten Europa werden ihn zu verhindern wissen!


Der Autor streicht, zerknüllt die Seite, wirft sie in den Papierkorb. Abrupt hält die Mutter inne, geht steif hinaus, kommt wieder herein, spielt die Szene von vorn:


MUTTER laut: Hoffen, dass es keinen Krieg gibt! Unsere amerikanischen Verbündeten werden ihn schon zu verhindern wissen!


Der Autor streicht wieder, unzufrieden, die Mutter geht hinaus, kommt noch einmal.


MUTTER laut: Hoffen, dass es keinen Krieg gibt! Unser guter Freund George W. Bush wird die Welt davor bewahren!


Der Autor jubelt über diesen Einfall, reibt sich die Hände, schreibt weiter. Die Mutter zupft an ihrem Negligé herum, fühlt sich sichtlich unwohl. Geht zur Arbeitsplatte, betrachtet einen Karton Cornflakes, drei tiefe Teller.


MUTTER affektiert: Cornflakes sind für meine Familie der richtige Start in den Tag! Sie greift nach dem Karton, schüttet die Cornflakes in die Teller, verschüttet einen Teil auf den Boden. Will sich nach den verschütteten Flocken bücken, merkt, dass das in dem kurzen Negligé nicht geht. Schüttelt den Kopf, schaut sich Hilfe suchend um.


AUTOR zufrieden zu sich selbst: Na? Das ist es doch! Schaut auf sein Papier, hält inne, schreibt weiter.


Die Mutter versucht wieder, sich zu bücken.


AUTOR: Denen werd’ ich’s schon zeigen!


MUTTER macht einen letzten Versuch, sich zu bücken, steigt schließlich genervt aus ihrer Rolle, wirft die Rolle ins Zimmer. Himmel, so geht das nicht! So kann ich nicht arbeiten! Schaut nach oben, dann zur Wand. Geht langsam auf die Wand zu, tastet sie mit beiden Händen ab, lauscht. Ruft zaghaft: Hallo …?


Der Autor schreibt weiter.


MUTTER noch einmal, lauter: Hallo!


Der Autor lehnt sich zurück, betrachtet kritisch seinen Text, steht auf, geht auf und ab, setzt sich wieder.


MUTTER klopft mit einer Faust gegen die Wand, ruft: Hallo! Ist da wer?


Der Autor greift sich irritiert an den Kopf, schaut sich suchend um. Betrachtet die Weinflaschen auf dem Boden, dann seine Papiere.


MUTTER zornig: Hallo! Ja, hört mich denn keiner?


AUTOR hält sein beschriebenes Papier hoch. Wie, wer?


MUTTER: Na, endlich!


Der Autor schaut sich erschrocken um.


MUTTER: Ja, du da! Ich rede mit dir!


AUTOR betrachtet das Papier von beiden Seiten. Entsetzt: Das hat es ja noch nie gegeben!


MUTTER: Was hat es noch nie gegeben?


AUTOR: Dass mich eine meiner Figuren anspricht!


MUTTER bettelnd: Bitte, nur das eine Mal! Es soll auch nicht wieder vorkommen!


AUTOR irritiert: Das sagt sich so leicht! Das eine Mal ist schon schlimm genug!


MUTTER: Es ist aber ein Notfall!


AUTOR wühlt in seinen Papieren. Und wie komme ich da jetzt wieder raus?


MUTTER betrachtet ihr Negligé. Ja, genau das frage ich mich gerade: wie ich da wieder rauskomme!


AUTOR schimpft: Himmel noch mal, du versaust mir den Anfang meiner ersten Szene!


MUTTER: Ach was; so gut war dein Einstieg nun auch wieder nicht!


AUTOR: Nicht?


MUTTER: Wenigstens nicht in dem Kleid!


AUTOR: Was heißt: nicht in dem Kleid?


MUTTER: In dem Kleid kann ich nicht arbeiten!


AUTOR rauft sich die Haare. Das ist kein Kleid, das ist ein Negligé!


MUTTER: Ist mir egal, wie das heißt. Das ist jedenfalls ein entsetzlicher Fummel!


AUTOR: Ein ganz scharfes Teil ist das!


MUTTER: Das ist schrecklich, nichts weiter!


AUTOR: Bleib gefälligst in deiner Rolle! Du hast nur das zu tun, was ich schreibe!


MUTTER: Dann denk dir ein anderes Kostüm für mich aus!


AUTOR: Ich schreibe dieses Stück und du bist die Figur – zwischen uns gibt es überhaupt nichts zu diskutieren!


MUTTER: Ich diskutiere nicht. Aber als Mutterfigur hab’ ich sonst zum Frühstück immer einen weißen Bademantel an!


AUTOR wieder schreibend: Alle Mütter haben morgens schmuddelige weiße Bademäntel und ausgetretene Hauslatschen an – das war mir zu langweilig!


MUTTER: Aber praktisch ist’s halt! Was interessiert’s mich da, ob es langweilig ist.


AUTOR: Ich will’s aber in diesem Stück nicht haben! Und jetzt schlüpf wieder in deine Rolle und tu, was ich schreibe!


MUTTER schlüpft wieder in ihre Rolle, nimmt das Fähnchen. Wirft das Fähnchen weg, greift den Karton mit Cornflakes. Cornflakes sind für meine Familie der richtige Start in den Tag! Sie schüttet die Cornflakes in die Teller, verschüttet einen Teil auf den Boden. Unsere amerikanischen Freunde werden die Welt davor bewahren!


Der Autor flucht, schlägt sich mit der linken Hand an die Stirn und streicht. Die Mutter hält auf der Stelle inne.


AUTOR zu sich selbst: Mann, nun konzentrier dich endlich! … Vor dem Krieg und nicht vor den Cornflakes!


MUTTER: Cornflakes sind für meine Familie der richtige Start in den Tag! Sie schüttet Cornflakes in die Teller, verschüttet einen Teil auf den Boden, bückt sich umständlich nach den verschütteten Flocken, liest sie in einen der drei Teller, stellt die Teller auf den Küchentisch.


Vom Flur hört man zuerst die Klospülung, dann die Stimmen des Vaters und des Sohnes durch die offene Tür.


VATER: Ich muss auch mal!


SOHN gedämpft, weil hinter der Klotür: Ich war zuerst. Außerdem muss ich mir noch die Hände waschen.


VATER: Ja, ja.


SOHN: Und die Zähne putzen.


VATER: Die Zähne kannst du auch nach dem Frühstück putzen. Überhaupt soll man die Zähne nach dem Essen putzen, sonst hilft’s ja nichts.


SOHN: Ich putz’ sie mir trotzdem vorher. Wegen dem Geschmack.


VATER: Also!


SOHN: Das Fenster muss ich aber auch noch aufmachen.


VATER: Allerdings!


MUTTER immer noch alleine in der Küche, schlüpft noch einmal aus ihrer Rolle, sagt erklärend in Richtung Autor: Weißt du, ich bin morgens, wenn ich Frühstück mache, noch nicht gewaschen. Da ist ein Bademantel doch viel praktischer!


VATER unsichtbar, weil immer noch im Flur: Wer ist noch nicht gewaschen?


MUTTER lauter: Ich! Und du offenbar auch noch nicht. Was ist denn da draußen bei euch los? Warum seid ihr noch nicht fertig? In anderen Stücken dauert das doch auch nicht so lange!


AUTOR zornig, zu seinem Papier (zur Mutter): Bleib gefälligst in deiner Rolle! Siehst du nicht, was du anrichtest? Jetzt fängt der auch noch an!


MUTTER zum Autor: Jaja, schon gut!


VATER: Nichts ist gut. Du hättest uns eher wecken sollen.


MUTTER: Ich hab’ uns geweckt wie immer.


VATER: Dein Sohn scheißt sich aus.


MUTTER empört zum Vater, durch die Tür: Also, was sind denn das für Ausdrücke!


AUTOR: Bleib in deinem Text, ich sag’s nicht noch einmal!


SOHN gedämpft, durch die Tür, zum Vater: Ey, Mann – ich hab’ heute einen schweren Tag!


VATER: Ach nee! Du hast einen schweren Tag? Und was ist mit mir? Ich muss Punkt sieben fix und fertig auf der Baustelle sein, und ich will mich nicht dort aufs Klo setzen!


MUTTER empört zum Vater: Also, weißt du! Wenn uns jemand zuhört!


VATER immer noch unsichtbar: Was heißt: wenn uns jemand zuhört? Ich muss das an dieser Stelle sagen, ich kann’s mir nicht aussuchen! – Möchte nur wissen, wer sich so was ausdenkt!


MUTTER flüsternd in Richtung Flur: Ich wette, der ist Amerikaner!


VATER: Wer?


MUTTER: Unser Autor. Der Typ muss Amerikaner sein.


VATER: Wie kommst du denn darauf? Warum soll ein amerikanischer Autor einen deutschen Maurerpolier sagen lassen, dass er nicht auf der Baustelle aufs Klo gehen will? Fängt so ein vernünftiges Stück an, mit einem Handwerker in der Hauptrolle?


MUTTER gereizt zum Vater: Woher willst du wissen, dass du die Hauptrolle bekommst?


VATER: Das gehört sich so! Ich kenne kein Stück mit einem deutschen Maurerpolier, in dem jemand anderes auch noch was zu sagen gehabt hätte.


MUTTER schnippisch: Ich kenne noch gar kein Stück mit einem deutschen Maurerpolier!


VATER lacht: Du steckst doch schon mittendrin!


MUTTER: Es ist noch nicht fertig!


AUTOR zerknüllt Papier, wirft es genervt ins Zimmer. Wenn nicht bald jeder in seiner Rolle bleibt, denke ich mir einen anderen Handwerker aus! Berufe gibt es schließlich genug!


Die Mutter schlüpft umständlich wieder in ihre Rolle.


MUTTER laut, etwas zu schnell: Cornflakes sind für meine Familie der richtige Start ins alte Europa! Sie bückt sich, liest die restlichen Flocken vom Boden in ihre Hand, kippt das Gesammelte in einen der Teller auf den Küchentisch.


Vom Flur hört man erneut die Klospülung, dann die Stimmen des Vaters und des Sohnes durch die offene Tür.


VATER: Ich muss auch mal!


SOHN gedämpft, weil hinter der Klotür: Ich war zuerst. Außerdem muss ich mir noch die Hände waschen.


VATER: Ja, ja.


SOHN: Und die Zähne putzen.


VATER: Die Zähne kannst du auch nach dem Frühstück putzen. Überhaupt soll man die Zähne nach dem Essen putzen, sonst hilft’s ja nichts.


SOHN: Ich putz’ sie mir trotzdem vorher. Wegen dem Geschmack.


VATER: Also!


SOHN: Das Fenster muss ich aber auch noch aufmachen.


VATER: Allerdings!


MUTTER laut: Was ist denn da draußen bei euch los? Warum seid ihr noch nicht fertig?


VATER: Du hättest uns eher wecken sollen.


MUTTER: Ich hab’ uns geweckt wie immer.


VATER: Dein Sohn scheißt sich aus.


SOHN gedämpft, durch die Tür, zum Vater: Ey, Mann – ich hab’ heute einen schweren Tag!


VATER immer noch unsichtbar im Flur, schnell und laut: Ach nee! Du hast einen schweren Tag? Und was ist mit mir? Ich muss Punkt sieben fix und fertig auf der Baustelle sein, und ich will mich nicht dort aufs Klo setzen!


SOHN: Ist doch egal, auf welchem Klo man sitzt.


VATER: Dir vielleicht. Mir ist das zu dreckig.


MUTTER: Dann putz halt das Klo, bevor du dich draufsetzt, und stell dich nicht so an!


VATER kommt empört in die Küche, in seiner Rolle, im Nadelstreifenanzug, das Hemd noch offen, die Krawatte in der Hand. Ich soll das Klo putzen? Ich hab’ hier zu Hause eins, dafür hab’ ich bezahlt, da brauch’ ich mich nicht nach fremden Leuten zu richten!


Die Mutter betrachtet den Vater, fängt schallend an zu lachen, steigt aus ihrer Rolle. Der Vater begutachtet die Mutter von oben bis unten, steigt auch aus seiner Rolle, zupft an ihrem Negligé herum. Der Autor rauft sich die Haare.


VATER: Sag mal, spinnst du? Was ist denn das für ein Fummel?


MUTTER: Mir gefällt er auch nicht! Ich hab’ gleich gesagt, dass das ein Fummel ist! Sie zupft am Anzug des Vaters herum. Sag mal: Seit wann geht ein Maurerpolier so zur Arbeit?


VATER: Mir gefällt das auch nicht. Kein Mensch kann arbeiten in so einem Anzug. Die Krawatte soll ich auch noch umbinden. Dabei hab’ ich im ganzen Leben noch keine Krawatte getragen!


MUTTER will dem Vater die Krawatte binden. Warte, da kann ich dir helfen. Meine letzte Mutterrolle hatte ich bei einem Bankangestellten. Da musste ich das jeden Morgen machen.


VATER wehrt sich. Das bring’ ich schon selber hin, wenn’s denn unbedingt sein muss! Schlimm ist, dass einem für eine Figur wie mich überhaupt so was einfällt! Er läuft zur Wand, tastet sie ab, trommelt dagegen. He, du da! Hallo …! Ja, du! Du spinnst wohl?


AUTOR sitzend, schreibend, wütend zu seinen Papieren: Jetzt fang du auch noch an!


VATER: Wenn du dir so was ausdenkst, muss ich protestieren! Was soll der Unfug?


AUTOR: Ich wollte eine Alltagsszene einmal ganz anders beginnen, sonst nichts. Verstehst du? Sonst nichts!!


VATER: Du hast wohl noch nie was von der Berufsgenossenschaft gehört? Ich kann so nicht arbeiten. Ach was, ich darf so gar nicht arbeiten! Er schaut auf die Mutter. Und eine Mutterrolle in einem deutschen Haushalt auch nicht!


AUTOR gereizt: Ich konnte die schmuddeligen weißen Bademäntel von euren deutschen Hausfrauen einfach nicht mehr ausstehen!


VATER zur Mutter: Wie? Nur weil du deinen Bademantel nicht gewaschen hast, musst du jetzt so rumlaufen?


MUTTER empört: Mein Bademantel ist sauber wie immer!


VATER: Na und? Wo ist dann das Problem?


MUTTER zuckt die Achseln: Das war halt so eine Idee von ihm!


VATER auf das Negligé zeigend: Das da? So was hat’s ja noch nie gegeben! Bloß weil dem was Verrücktes in der Birne rumspukt, musst du jetzt so rumlaufen?


AUTOR ungerührt: Man muss dem Neuen gegenüber aufgeschlossen sein, sonst bringt man es in diesem Job zu nichts. Außerdem gibt es Dutzende Ehefrauen, die ihren Männern genau so das Frühstück servieren. Ach was, Dutzende: Tausende!


Die Mutter dreht sich zum Publikum, strafft das viel zu enge Hemdchen, schaut an sich herunter.


VATER: Vor den Kindern? Kein Wunder, dass nur noch Kriminelle, Skinheads oder Hartz-IV-Empfänger aus denen werden!


SOHN kommt in die Küche im Taucheranzug, die Flossen an den Füßen, die Taucherbrille in der Hand, seine Rolle lässig hinter sich herziehend. Reg dich ab, Papa. Ist doch geil! Warum soll Mama nicht mal was anderes anziehen? Es hätt’ halt nur ein bisschen weiter sein dürfen. Vielleicht eine Nummer größer.


AUTOR: Das ist schon Größe 42. Ich will eine Hausfrau, die ein Kind hat, ja auch nicht diskriminieren. Das sprengt mir den Text.


VATER: Lieber sprengt sie das Hemd.


MUTTER fängt an zu schluchzen: Soll das heißen, dass ich zu dick bin?


VATER: Nein, du bist gerade richtig! Lass dich nicht ins Bockshorn jagen!


MUTTER greift sich in die Frisur. Das kommt nur davon, dass ich noch nicht beim Friseur war; das macht mich immer ein bisschen stärker um die Backen.


VATER: Was meinst du?


MUTTER: Na, wenn ich die Haare länger hab’ …


VATER: Dann geh zum Friseur, wenn du glaubst, dass das hilft.


MUTTER: Du hast gesagt, alle zwei Monate reicht, wo wir doch sparen müssen!


VATER: Wenigstens hättest du dich kämmen können, wo wir hier arbeiten …


MUTTER: Wenn ihr beide doch die ganze Zeit im Bad seid!


Mutter und Vater betrachten endlich den Sohn in seinem Taucheranzug, schlagen die Hände vors Gesicht.


VATER: Wird das eine Frühstücksszene auf der „Titanic“?


MUTTER: Au ja! Dann krieg’ ich was Schickes zum Anziehen!


VATER: Du wirst schneller ertrunken sein, als du dich umziehen kannst!


Der Sohn steigt in seine Rolle, setzt sich an den Tisch, schüttet Milch in seine Schüssel und beginnt zu löffeln. Mutter und Vater, ohne ihre Rollen, setzen sich ebenfalls, schauen ihm zu.


VATER: Ist das nun ein Frühstück oder was ist das?


MUTTER: Reg dich nicht auf, denk an das Stück!


VATER: Mir graut vor dem Stück, noch bevor es richtig begonnen hat.


AUTOR steht auf, fuchtelt mit seinen Papieren herum. Wenn nicht bald jeder in seiner Rolle bleibt, schmeiß’ ich euch in den Papierkorb!


Mutter und Vater nehmen vom Autor keine Notiz.


MUTTER: Das sind Cornflakes!


VATER äfft sie nach: Das sind Cornflakes – das sehe ich auch!


MUTTER: Du musst Milch drüber schütten.


VATER: Das weiß ich auch; ich sehe schließlich genauso fern wie du!


MUTTER steht auf, tritt hinter den Vater, gibt ihm den Suppenlöffel in die Hand, wobei sich ihr Negligé am Stuhlknauf verheddert. Hier! Sie schüttet Milch in den Teller. Du musst ein bisschen warten, bis sie sich vollgesaugt haben, sonst bleibt nachher die Milch übrig. Versucht, ihr Negligé vom Knauf zu lösen, was ihr nicht gelingt.


VATER wirft den Löffel hin. So einen Quatsch gab’s bei uns noch nie! Was ist das für ein Autor, der sich so was ausdenkt?


MUTTER leiser: Du hörst mir nicht zu! Ich hab’ doch gesagt, ich glaube, das ist ein Amerikaner!


VATER: Mich hat noch nie ein Amerikaner angefordert!


MUTTER: Du bist halt zu sehr auf einen einzigen Charakter fixiert, das ist dein Problem! Freu dich doch, wenn du dich als Figur ein bisschen weiterentwickeln darfst!


VATER: Aber nicht im Anzug! Dir gefällt dein Bordell-Fummel doch auch nicht, gib\'s zu!


MUTTER: Ich bin ganz sicher, dass ich ihn wieder ausziehen darf!


AUTOR zerknüllt Papier, wirft es ins Zimmer. Darfst du nicht!


Mutter und Vater nehmen von ihm immer noch keine Notiz. Die Mutter weiter damit beschäftigt, sich vom Stuhl zu befreien.


VATER: Und in einer Weltuntergangs-Frühstücksszene bin ich sowieso noch nie vorgekommen!


MUTTER: Um Himmels willen! Geht denn die Welt unter?


VATER: Na, zumindest wird unsere Küche nass!


MUTTER entsetzt: Aber ich hab’ doch erst rausgewischt! Warum soll es hier schon wieder nass werden?


VATER: Warum hat unser Sohn wohl einen Taucheranzug an?


MUTTER: Das weiß ich doch nicht!


VATER: Bestimmt wird gleich was Schreckliches passieren!


MUTTER: Dann hättest du besser Klempner statt Maurer werden sollen! Was mach’ ich denn nur, wenn’s hier jetzt reinregnet?


VATER: Wie kommst du auf die Idee, dass es regnet?


MUTTER: Nicht?


AUTOR brüllt: Es gibt gleich ein Donnerwetter, wenn ihr nicht augenblicklich wieder im Text seid!


VATER brummelt, leiser: Was will ein amerikanischer Autor schon über einen deutschen Maurerpolier schreiben? Das kann doch nur schiefgehen!


MUTTER: Nun tu nicht so wichtig: So kompliziert ist dein Gewerbe nun auch wieder nicht!


VATER: Haben die amerikanischen Maurer vielleicht eine ordentliche Ausbildung? „Learning by doing“ heißt es da drüben, sonst nichts!


MUTTER: Nun iss endlich!


VATER: Diesen neumodischen Kram? Und alles nur wegen dieser Multis?


Der Vater will an den Tisch heranrücken, während die Mutter noch damit beschäftigt ist, das Negligé schadlos vom Knauf zu lösen. Es entsteht ein Handgemenge, in dessen Verlauf Vater und Mutter gemeinsam am Stoff herumnesteln. Der Sohn, noch in seiner Rolle, isst seelenruhig weiter.


MUTTER: Welche Multis?


VATER: Na, die Amerikaner sind doch alle Multis! Er befreit sich endlich von Mutter und Stuhl, läuft zur Wand, hinter der der Autor sitzt und schreibt. Und wegen denen soll ich Cornflakes fressen?


AUTOR seelenruhig: Es ist mir eigentlich egal, ob du Cornflakes frisst.


VATER zur Mutter: Hast du das gehört? Jetzt ist’s ihm plötzlich wieder egal. Aber erst den wilden Mann spielen!


AUTOR genervt: Es ging mir doch nur um dieses Bild …


VATER schaut sich um. Welches Bild?


AUTOR: Um den Akt des Löffelns.


VATER: Den Akt des Löffelns?


AUTOR: Um den sinnlichen Aspekt dieser Art von Nahrungszufuhr. Das schafft nun wirklich kein deutsches Marmeladenbrot!


VATER aufbrausend: Du willst frühmorgens eine Lutscherei einführen, an einem ordentlichen deutschen Frühstückstisch? An dem eine Frau zu allem Überfluss vor Mann und Kind …


SOHN kickt seine Rolle unterm Tisch auf die Bühne. Ich bin aber schon sechzehn!


VATER: Halt den Mund! … vor Mann und Kind wie eine, eine … du weißt schon herumläuft und ein anständiger Maurerpolier Körner frisst? Bin ich ein Huhn?


AUTOR: Nun sei doch nicht gleich beleidigt! Mann, bist du eine empfindliche Figur!


VATER: Kein Wunder, dass unsere Berufsgruppe so einen schlechten Ruf hat! Die Leute denken doch, wir sind alle Idioten! Oder Ausländer!


MUTTER zum Autor zeigend: Sei still! Der ist doch auch ein Ausländer!


SOHN: Der ist ein Amerikaner – das ist was anderes.


AUTOR: Es hätten auch deutsche Haferflocken sein können.


SOHN: Ich will aber was ohne Acrylamid!


VATER lacht: Was glaubst du, was du die ganze Zeit gefressen hast?


AUTOR: Ich kann auch die komplette Szene streichen …


VATER: Ach! So genau kommt’s gar nicht drauf an? Und wie soll ich mir den Text jetzt wieder vom Leib reißen? Ich werde als Figur unglaubwürdig, das kann ich mir nicht erlauben!


AUTOR: Ich sagte, ich werde die ganze Szene streichen!


VATER: Na, das haben wir gerne! Erst losballern wie ein Cowboy, und nachher will man’s nicht gewesen sein! Kein Wunder, dass ihr andauernd Krieg führt!


MUTTER: Sei still! Politik ist doch gar nicht dein Fach! Außerdem muss ich doch im ersten Satz laut und deutlich sagen: Hoffen, dass es keinen Krieg gibt!


VATER: Was ist denn das für ein Deutsch? Hoffen, dass es keinen Krieg gibt …?


AUTOR gereizt: Ich will doch nur eine Frühstücksszene schreiben!


VATER: Dann schau mal nach, was du bis jetzt angerichtet hast! Zur Mutter: Eine ganz normale Frühstücksszene will der schreiben! Will uns ein amerikanischer Autor vorsagen, was bei uns morgens normal ist! Äfft die Mutter nach: Hoffen, dass es keinen Krieg gibt! Unser guter Freund George W. Bush wird die Welt davor bewahren … Menschenskind – nicht mal eine Zeitung gibt es an diesem Tisch!


MUTTER: Warum soll ein Amerikaner nicht mal über ein deutsches Frühstück schreiben?


AUTOR laut: Ich wünsche mir, dass es etwas professioneller zugeht!


VATER: Die Arbeitsauffassung von deutschen Figuren ist tadellos! Außerdem hab’ ich schon bei ganz anderen Autoren gefrühstückt!


MUTTER: Gib nicht so an!


VATER: Wenn ein deutscher Maurerpolier in einer Szene vorkommt, ist der fast immer beim Frühstück! Und da gibt es was Anständiges, das kann ich euch sagen! Ich bin ein Experte in Frühstücksszenen – andere Figuren kommen da gar nicht mit!


MUTTER: Wieso? Andere Leute frühstücken doch auch?


VATER: Aber nicht in der Literatur! Oder kannst du dich an einen frühstückenden Zahnarzt oder einen frühstückenden Archäologen erinnern? Na, also! Aber wie viele Krimis sind geschrieben worden, bei denen die Leiche einbetoniert in der Schalung steckt, der Kommissar kommt in die Baubude und wen trifft er? – Den Maurerpolier beim Frühstück!


MUTTER beeindruckt: Wow! Bei dir ist ja schwer was los!


VATER stolz: Da siehst du – da kommt auch eine Mutterrolle nicht mit! Er kickt die Rolle der Mutter verächtlich über die Bühne.


AUTOR: Beim jedem Frühstück hat man als Autor einen gewissen Spielraum, egal wer wo an welchem Tisch sitzt.


VATER: Dann sag mir gefälligst, wo du das her hast!


AUTOR: Was denn?


VATER: Die Sache mit diesen aufgeblasenen Körnern!


AUTOR: Also, Cornflakes zum Frühstück sind nun wirklich nichts Besonderes!


VATER sarkastisch: Auf dem Tisch eines deutschen Maurerpoliers schon! Kein Wunder, dass ich von dir als Autor noch nie was gehört habe! Man kann sich die Sitten und Gebräuche einer bodenständigen Volksgruppe, die ihre hart verzahnten, soziokulturellen Wurzeln hat, doch nicht so einfach aus den Fingern saugen! Man sollte prinzipiell nur über Dinge schreiben, von denen man etwas versteht!


AUTOR: Ich bitte dich! Beim Frühstück …


VATER: Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages.


AUTOR: Wenn’s nach dir ginge, könnte nie ein protestantischer Autor eine katholische Frühstücksszene schreiben!


VATER: Das katholische Frühstück wird, soweit ich weiß, vom Katechismus geregelt – da kann sowieso kein Protestant was machen.


MUTTER: Das sind Evangelische!


VATER: Sag’ ich doch!


MUTTER: Du hast Protestanten gesagt. Die wollen aber lieber Evangelische geheißen werden. Weil das von Evangelium kommt.


VATER: Na und?


MUTTER: Weil doch Protestanten von Protest kommt!


VATER: Das kann ich doch nicht ändern!


MUTTER: Frau Hagedorn hat mir das erklärt, als ich neulich zu ihr gesagt habe: Sie sind doch auch Protestantin!


AUTOR schreit: Wer um Himmels willen ist Frau Hagedorn?


VATER: Die wird in einem anderen Stück vorkommen.


MUTTER: In einem sehr erfolgreichen Stück!


AUTOR steht auf, geht zur Wand, brüllt: Hier soll gefrühstückt werden, sonst nichts!


VATER: Auf der Baustelle bin ich auch zur Präzision verpflichtet. Da geht’s um Millimeter – warum soll das hier anders sein?


AUTOR entnervt, setzt sich wieder. Ich weiß nicht, womit ich solche Figuren verdiene …


VATER: Die besseren waren vermutlich gerade besetzt.


MUTTER: Ach, dann kann ein anderer Autor jetzt nicht über mich schreiben?


VATER: Merkst du das erst jetzt?


SOHN nörgelnd: Ich muss doch in die Schule – warum soll ich da überhaupt zuerst tauchen gehen?


VATER: Du hältst die Schnauze! Und wir frühstücken jetzt.


SOHN: Aber ich fang’ schon an zu schwitzen in diesem Neopren-Zeugs.


VATER: Ich hab’ dich nicht geheißen, das anzuziehen.


AUTOR: Ich kann die ganze erste Szene streichen!


SOHN: Besser wär’ das.


VATER: Und ich soll dann mit leerem Bauch malochen? Noch dazu in diesem Anzug?


MUTTER: Dann setz dich endlich! Deine Cornflakes sind schon ganz aufgeweicht.


VATER: Ich kann verlangen, dass die Szene noch einmal ganz neu geschrieben wird. Ich bin nicht umsonst in der Figuren-Gewerkschaft. Autoren können in ihrer Phantasie doch nicht einfach machen, was sie wollen! Wo kämen wir denn da hin?


MUTTER: Reg dich ab!


VATER: Ich werde hier jedenfalls keinen Brei verdrücken wie ein Säugling, nur damit diese Amis positive Bilanzen haben!


MUTTER: Nun übertreibst du aber!


VATER: „Hire and fire“ – oder wie das heißt bei denen? Die lassen einem noch keine zwei Minuten zum Essen! Ruck, zuck gibt’s nur noch was zum Schlürfen. Da wird man mit wenigen Federstrichen entmannt!


MUTTER setzt sich. Iss endlich!


VATER setzt sich nicht. Hast du schon mal gehört, dass ein ordentliches deutsches Bauernbrot nach zwei Minuten durchgeweicht war, nur weil man so einen gemeinen Löffel Marmelade draufgestrichen hat?


MUTTER: Also willst du ein Marmeladenbrot? Sie steht auf.


VATER: Freilich will ich ein Marmeladenbrot! Seit zwanzig Jahren esse ich nichts anderes.


MUTTER: Dieser Mann bringt mich um!


VATER: Höchstens mal Kirsch statt Erdbeer.


Der Autor rauft sich die Haare.


VATER: Sauerkirsch statt Erdbeer.


MUTTER: Mich drücken meine Schuhe! Ich hab’ morgens immer so dicke Füße, wenn ich aus dem Bett komme.


VATER: Du hast den ganzen Tag dicke Füße.


MUTTER: Aber morgens ganz besonders.


VATER: Normale Leute haben abends dicke Füße, weil sie den ganzen Tag im Laden gestanden haben oder sonst wo. Da sieht man, wie wenig man als Mutterrolle zu tun hat!


MUTTER: Du hast doch gesagt, ich soll zu Hause bleiben, damit aus dem Kind was wird!


SOHN: Ganz recht. Lass Mama in Ruhe!


MUTTER: Wo sich doch alles heute nur noch um den Konsum dreht. Da muss man den Kindern doch Werte vermitteln.


VATER: Na, dann schau ihn dir doch an, wie er ausschaut!


MUTTER: Das war doch nicht seine Idee!


VATER: Aber scheinbar gefällt es ihm!


MUTTER: Es gefällt ihm nicht! Er schwitzt, hat er gesagt.


VATER: Ich schwitze jeden Tag, wenn ich arbeite! Und überhaupt! Er greift der Mutter ans Negligé. Was glaubt ein Durchschnittsamerikaner, was der Deutsche morgens bei Tisch so alles treibt?


AUTOR: Ich wollte nur ein bisschen Erotik in die Szene bringen. Dynamik gleich im ersten Akt. Etwas Unkonventionelles.


VATER: Das heb dir gefälligst für ein anderes Stück auf. Wir sind keine Kommunarden. Bei einem deutschen Maurerpolier wird ordentlich gefrühstückt.


SOHN: Bei anderen Leuten geht aber morgens schon die Post ab …


VATER: Woher willst du das wissen?


SOHN: Aus dem Kino.


VATER: Das kann nur ein amerikanischer Film gewesen sein.


SOHN: Und wenn schon.


VATER: Erst sollen wir Körner fressen, und dann verderben die uns die Jugend. Aber wehe, die Rotznasen marschieren anschließend mit Glatzköpfen durch die Straßen und reißen die Arme hoch …


AUTOR laut: Zum letzten Mal: Dies soll kein politisches Stück werden!


VATER: Dann hör auf, meine Frau sagen zu lassen: Hoffen, dass es keinen Krieg gibt … Soll das vielleicht das Erste sein, was einer deutschen Hausfrau morgens einfällt, wenn sie das Frühstück für ihre Familie richtet? Wenn ein Amerikaner eine deutsche Frühstücksszene schreibt, sind wir doch offenbar schon mittendrin in der Politik! Du willst die Zuschauer manipulieren, während alle nur auf dieses … dieses Kleid glotzen!


AUTOR: Ein für alle Mal: Das ist kein Kleid, das ist ein Negligé! Grinst. Außerdem brauche ich nicht unbedingt einen Vater im Stück. Es kann auch der Geliebte der Mutter sein.


VATER läuft schnell an seinen Platz, setzt sich. Schon gut, schon gut! Wenn ich nur endlich ordentlich gefrühstückt habe, tu’ ich ja alles. Zur Mutter: Wo bleibt denn nun mein Marmeladenbrot?


MUTTER: Du immer mit deinen blöden Ideen. Und ich hab’ nachher die doppelte Arbeit. Aber da macht ihr Männer euch keine Gedanken! Sie stellt den Teller vor den Vater auf den Tisch.


VATER sieht an ihr hoch. Und jetzt zieh endlich diesen dämlichen Fetzen aus!


 


 


 


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