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> Satire > Das ist der Mindest-Hohn
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Bücher Satire
Buch Leseprobe Das ist der Mindest-Hohn, Gunnar Schade
Gunnar Schade

Das ist der Mindest-Hohn


Kabarett & Satire

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Kapitel II – Al Qaidas beste Leute:



Kinder (1. Teil)


Im 2. Stock treffe ich Frau Hoffmann vor ihrer Wohnung. „Kommen Sie bitte mal mit rein, ich brauche Ihre Hilfe.“ In ihrem Wohnzimmer fläzt ein etwa zwölfjähriger Junge auf der Couch und mampft eine große Portion Popcorn. Der Junge ist sehr adipös.


Viele klagen über die niedrige Geburtenrate in Deutschland; doch beim Anblick die-ses Jungen wird mir eines klar: Die Anzahl der Kinder in Deutschland nimmt ab, nicht aber die Kindermasse.


Frau Hoffmann gibt ihm ein I-Pad. „Seit seinem 5. Geburtstag kann Lukas Computer-spiele spielen!“, sagt sie stolz. Andere Länder sind uns bei der frühkindlichen Förde-rung dennoch weit voraus: In den skandinavischen Ländern schreiben Föten schon zweisprachige Aufsätze über die Rezeptur des Mutterkuchens.


In den afrikanischen und asiatischen Ländern erzielen Fünfjährige Spitzenleistungen in Motorik-Übungen wie Teppichknüpfen.


Und was lässt sich über unsere Kleinen positives sagen? Bei einem Auftritt an einer Berliner Schule habe ich viele Viertklässler getroffen, die es geschafft haben, mit dem Rauchen und Trinken aufzuhören.


Frau Hoffmann sieht mich flehentlich an: "Ich brauche dringend jemanden, der heute Abend auf Lukas aufpasst. Die Kindersitterin kommt nicht, und ich muss jetzt zur Nachtschicht. Lukas spielt gern bis in die Nacht mit dem I-Pad. Aber wenn er an meine Zigaretten will, dann sagen Sie ihm, er soll gefälligst seine nehmen."


Frau Hoffmann eilt davon. Lukas stiert nur auf den Fernseher. Viele Kinder sind so vom Fernseher abhängig, dass bei ihnen als Erziehungsberechtigter eigentlich die Firma „Sony" unterschreiben müsste.


Es gibt aber auch Eltern, die ihre Kinder überfordern. Neulich habe ich erlebt, wie El-tern aus dem Nachbarhaus ihren Sohn angebrüllt haben: „Junge! Es wird Zeit, dass du lernst, auf eigenen Füßen zu stehen! In einigen Jahren wirst du bei uns auszie-hen, und dann musst du dich allein um deine Sachen kümmern!" Für den Sohn war es ein sehr, sehr trauriger 50. Geburtstag.


Für mich stellt sich nun aber die Frage, ob ich mir meine Freizeit von einem fernseh-süchtigen Kind bestimmen lasse. „Willst du mal die neueste technische Sensation sehen?“, frage ich Lukas.


„Welche denn?“


„Man hat das, was auf ´Google Earth´ zu sehen ist, jetzt real nachgebaut.“


„Ich kann nicht rausgehen“, sagt Lukas. „Meine Mutter hat wieder mal mehrere Wo-chen Stubenarrest aufgebrummt.“ Der leidige Stubenarrest. Natürlich ist es mit Kin-dern oft nicht einfach. Ich kenne aber Eltern, die anders vorgegangen sind: Jedes Mal, wenn ihr Sohn zum Beispiel mit schlechten Noten heimkam oder eine wenig geistreiche Äußerung von sich gab, musste er Ballspielen. So wurde Lukas Podolski Profi-Fußballspieler.


Die Eltern in anderen Ländern Europas handhaben das schon lange so: In Italien beispielsweise bestrafen Eltern vorlaute und rüpelige Kinder nicht mit Stubenarrest, sondern mit jahrelangem intensivem Schauspielunterricht. So werden italienische Jungen Profi-Fußballspieler.


Nachdem Lukas gesagt hat, dass er wegen des Stubenarrestes nicht die Wohnung verlassen könne, schaue ich spöttisch an: „Du hörst also auf deine Mutter?! Wie un-cool?!“ Eine Minute später stehen wir beide vor der Haustür. Ich beschließe, mit Lu-kas Sport zu treiben. Dazu will ich mit ihm in den nur zweihundert Meter entfernten Park gehen. „Jetzt haben wir uns aber viel bewegt!“, japst Lukas nach einer Weile keuchend und schweißtriefend.


„Sehr gut!“, lobe ich ihn. „Doch bevor es dunkel wird, sollten wir im Park sein.“


Inmitten des Parks liegt ein Spielplatz. Ich ermuntere Lukas, eine der Kletterstangen hinaufzuklettern. Er bemüht sich vergebens. „Du schaffst das!“, versuche ich, Lukas aufzumuntern. Doch während ich das sage, kommt es mir so vor, als höre man die Schwerkraft leise kichern.


Lukas umklammert mit seinen Armen und Beinen verzweifelt die Stange, die aus ihm herauszuragen scheint. Ich löse ihn vorsichtig von der Stange, sonst kommt noch jemand vom Gewerbeamt und fragt mich nach meiner Lizenz zum Betreiben eines Dönerspießes.


Als nächstes laufe ich mit Lukas eine kurze Strecke in gemächlichem Tempo. Wütend stiert Lukas auf die Menschen, die ihn überholen und schnell hinter sich lassen. „Das ist unfair! Die haben Hilfsmittel!", schimpft er keuchend auf die alten Menschen mit ihren Rollatoren.


Ich gehe mit Lukas nach Hause. Es ist Glück für mich, dass Lukas zu Hause gleich einschläft. Pech hingegen, dass ich ihn noch vom Hausflur in sein Bett schleppen muss.


Doch zum ersten Mal in seinem Leben schläft Lukas ein, weil er sich bewegt hat.


Und nicht wegen Gehirnstillstands vor dem Fernseher.


Ein kleiner Schritt für Lukas, ein großer Schritt zum Menschsein.



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