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Reiseberichte
Buch Leseprobe Vancouver, Ricarda Peter
Ricarda Peter

Vancouver


Das Chaos hat ein neues Zuhause

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Kapitel 1


 


„Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt.“ - Lao-tse


 


Das folgende Bekenntnis zum Leben wurde im Gepäck eines kanadischen Soldaten gefunden, der an einem Dezembertag des Jahres 1943 bei Ortona in Oberitalien gefallen ist: „Ein Vogel hatte für mich gesungen. Ich habe heute am starken Stamm eines lebenden Baumes gelehnt. Heute ist mir eine kleine Eidechse über die Hand gelaufen. Also bin ich nicht allein. Wenn ich wieder nach Kanada komme, will ich mich dessen erinnern. Ich will alles Leben lieben, denn alles Leben ist in Wahrheit eins. Ich will nie mehr zerstören, wenn auch der Mensch zerstörerisch ist. Dies ist mein Traum, dass wir Menschen lernen, in Harmonie zu leben, nicht nur miteinander, sondern mit allem, was lebt.


 


" In loving memory of our mother, who came here to enjoy the people and the sunsets! - In liebevoller Erinnerung an unsere Mutter, die hierher kam, um die Leute und die Sonnenunter-gänge zu genießen!


 


Einer meiner Lieblingsplätze in Vancouver ist der Jericho Beach Park im Stadtbezirk Kitsilano. Dort, mitten im Park, umgeben von Grün auf einer Wölbung befindet sich eine Bank, in der diese Inschrift eingraviert ist. Auf dieser Bank nehme ich nur allzu gern Platz, greife zum Buch, beobachte die Leute und genieße den vor mir liegenden Anblick. Das weite blaue Meer mit dem dahinterliegenden Stanley Park und dem Stadtteil North Vancouver. Im Hintergrund die durch die Wolken mystisch aussehenden Berge und zu meiner Rechten der unvergleichlich schöne Blick auf die Skyline. Die goldenen Sonnenstrahlen werfen ihr Licht und tauchen diesen Anblick in ein schönes, warmes, dunkles Rot. Sonnenuntergang in Vancouver. Die Sonne versinkt im Meer zwischen der UBC-Halbinsel und den Bergen im Norden. Frisch gelandet auf kanadischen Boden, mit meinem weinenden Geldbeutel, den ein Flug nach Van-couver mit sich bringt, ist der Flughafen, gesäumt mit einem Teppich und geschmückt mit einem Wasserfall, sehr hübsch anzuschauen. Schon eine Legende im Kindergarten, wird es nun Zeit, zum Volk zu sprechen. Frisch geduscht, rasiert und eingecremt bette ich mich ins frisch bezogene Bett. Stelle den Wecker auf Acht und stehe dann doch um Elf auf. Bei der Zufuhr meines morgendlichen Cappuccinos frage ich mich, warum meine Motivation völlig unbekleidet und mit einem Cocktail in der Hand durch den Park läuft, wohin die Zeit entschwunden ist und wie ich meine Träume verwirklichen kann. Meine Fähigkeit, in den ungünstigen Momenten etwas Unpassendes zu sagen, wird nur noch durch mein Talent der verrückten Einfälle übertroffen. Ich versuche Menschen, Tieren und Natur keinen Schaden zuzufügen. Ich habe die Dokumentation Earthlings gesehen und esse nichts, was ein Gesicht hat, ausgenommen Fisch. Wenn Manu und ich uns streiten gibt es immer zwei Standpunkte, meinen und den falschen.


In einem englischsprachigen Land ist die Kommunikation nicht mehr ganz so einfach wie in Good Old Germany. Während sich mein Gesprächs-partner in einem Redeschwall erbricht, denke ich immer nur so... hä! Es ist ja nicht so, als würde ich nicht zuhören, es ist nur so, dass ich nichts verstehe! Also stehe ich da und grinse blöd. Wenn er nicht die Flucht ergreift, versucht er es mit einem anderen Gesprächsthema. Doch inzwischen habe ich mir zusammengereimt, was er davor gesagt haben könnte und antworte ein Gemisch aus unpassenden Wörtern mit nicht zusammenhängenden Sätzen, was etwas völlig Idiotisches ergibt. Daraufhin fällt ihm plötzlich ein wichtiger Termin ein und er macht sich aus dem Staub. Weil man die Sprache am besten im Land selbst lernt, übergebe ich das Wort an Domi, während ich mir einen neuen Gesprächs-partner suche, den ich blöde angrinsen und etwas Idiotisches erzählen kann. „Wie ich dich vom Aussehen beschreiben würde...? Puh, das ist gar nicht so einfach. Den Charakter zu beschreiben, wäre da schon etwas einfacher. Auf jeden Fall bist du ein Engel. Allerdings hat wohl jeder eine andere Vorstellung, wie ein Engel aussieht. Manche sagen, du hättest eine gewisse Ähnlichkeit mit Sandra Bullock. Auf jeden Fall bist du sexy, sowohl elegant als auch sportlich, charmant und fröhlich, was zwar innere Werte sind, diese sich aber stark auf das Äußere übertragen, dynamisch, ... hm... unbeschreiblich! Du hast braune Augen und wunderschöne braune Haare. Du brauchst kein Make-up, um gut auszusehen, du hast eine natürliche Schönheit.“ - „Ich hab die Haare schön, ich hab die Haare schön...!“ Manu, meine bessere Hälfte, ebenfalls mit mir angekommen, hat Schwierigkeiten die zwei über-füllten Rollwagen durch das Flughafengebäude zu schieben. Auf dem Ersten sind unsere fünf Koffer gestapelt. Manus Technik, den kleinsten als Funda-ment nach unten und den größten nach oben zu legen, will mir nicht ganz einleuchten. Allerdings bin ich klug genug, die Strategie nicht anzu-zweifeln, um den Weltfrieden nicht zu gefährden. „Schätzelein, wie wäre es mit einem Kurztrip übers Wochenende?“ - „Warte, ich pack nur schnell meine drei Koffer.“ So war es gewesen und nun wird mir beim Anblick dieser fünf Koffer bewusst, wie wenige Sachen wir tatsächlich dabei haben. Alles, was uns noch geblieben ist, befindet sich in diesen Koffern auf diesem Rollwagen. Was immer wir besessen haben, haben wir verkauft, verschenkt oder wegge-schmissen. Was meine Klamotten angeht, so habe ich versucht, so viel wie möglich in die Koffer zu quetschen, der Grund, warum einer aufgeplatzt zu sein scheint. Aber es ist egal, wie viel ich dabei habe, schaue ich in meinen Kleiderschrank, dann finde ich sowieso nichts zum Anziehen und wenn doch, haben sich diese kleinen Tierchen, genannt Kalorien, über Nacht an meinen Sachen zu schaffen gemacht und sie enger genäht. „Warum muss meine Freundin zwei Koffer voller Bücher von Deutschland nach Kanada transpor-tieren?“, fragt Manu fluchend. Neben meinen Klamotten habe ich noch so viele Bücher wie möglich mitgenommen: „Weil die Freundin hier eine deutsche Buchhandlung eröffnen möchte“, sage ich und lasse ein süffisantes Lächeln, welches meinen Worten Lüge straft, auf meinen Lippen erscheinen. „Genau, warum sollen Leute auch Bücher in der Sprache lesen, die sie verstehen?“ - Wenn ich ein Buch lese, tauche ich ein, in eine andere Welt. Ich werde zum Teil der Geschichte und lerne die Menschen kennen. Ich lache und weine mit ihnen, und wenn sich das Buch dem Ende neigt, fällt es mir schwer wieder Abschied zu nehmen. Doch so habe ich sie immer bei mir. Auf dem zweiten Rollkoffer befinden sich unsere beiden Tierboxen. Mit uns haben diese große Abenteuerreise angetreten: Leila, vom Stamm der Golden Retrieverinnen, und Idi, vom Stamm der rothaarigen Hauskatzen. Nuffel, unseren etwas größer geratenen und schwarz-weiß gefleckten Kater, haben wir bei lieben Freunden untergebracht. Aufgrund der höheren Umstände (die Regeln der Fluggesellschaft, die nur ein Tier pro Passagier erlauben), wird er uns etwas später mit dem ersten Besuch heimsuchen.


 


„Ich hoffe, du hast auch Klamotten von mir dabei?“, fragt Manu. „Eine Unterhose von dir müsste sich im Harry Potter Buch zwischen der Seite 100 und der Seite 101 befinden.“ Ich lächle ihn an! Gedanken an seine, auf der Wäscheleine baumelnden, Sachen kommen mir in den Sinn. Jetzt weiß ich wieder, was ich vergessen habe. Doch bin ich mir sicher, das Problem mit einer Shoppingtour aus der Welt zu schaffen. Allerdings ist diese vergleichbar mit einem Kampf gegen einen Haifisch. Manu ist umkippen, runter werfen, umrennen, stolpern, gegen laufen und vergesslich: „Schätzelein, hast du meinen Schlüssel gesehen?“ - „Schätzelein, weißt du wo mein Portemonnaie ist?“ - „Schätzelein, ich glaube ich kann mein Gehirn nicht finden. Sag mal, hatte ich schon jemals eins?“ Manu sagt NEIN zum Alkohol und Zigaretten, aber die hören ihm einfach nie zu. Er ist 183 Zentimeter groß und als er noch jung war, hieß das Happy Meal noch Juniortüte. Auf seinem Kopf wächst ein wilder Wuchs von rotem Haar und er ist der Inbegriff des Traums von grünen Augen.


 


Unsere erste „Amtshandlung“ ist die Abholung unseres Leihautos, welches wir über das Internet in Auftrag gegeben haben. Am Schalter angekommen, bekommen wir die Autoschlüssel für unseren Dodge ausgehändigt. Unser Auto, welches uns im Parkhaus noch riesig erscheint, verliert auf den kanadischen Straßen an Größe. Links, rechts, neben sowie hinter uns fahren Autos, auf deren Anhänger wir problemlos einparken könnten. Wir befinden uns auf dem Weg zu unserer neuen Wohnung. Über das Internet - Craigslist - haben wir eine Wohnung in Richmond, einem Stadtteil außerhalb von Vancouver, gefunden. Es war nicht leicht, eine Wohnung zu finden, wenn man nicht vor Ort ist und einen großen Hund besitzt. Nach einigen Absagen hatten wir unsere Suche außerhalb von „Van“, wie Vancouver liebevoll im Volksmund genannt wird, ausgedehnt und waren fündig geworden. Wir treffen in Richmond ein und fühlen uns wie in Little Asia. Auf der einen Straßenseite befindet sich eine asiatische Bank mit asiatischen Schriftzeichen sowie ein Werbeschild für „All you can eat-Sushi“. Auf der anderen Seite schmücken asiatische Friseure und Geschäfte die Straßen. „Einfach super! Wir, zwei hellhäutige Langnasen, sind im Schlitzaugenland gelandet. Jetzt hilft nur noch eins. Autofahlen vellelnen und kein R mehl splechen. Und immel schön lächeln.“ - „Sag mal Schatz, wenn Asiaten Fernsehen schauen, sind sie dann Telekinesen?“ Wir lachen, als wir von der Hauptstraße in die Nebenstraße einbiegen und sich uns endlich die typisch amerikanischen Häuser offenbaren. Klassisch amerikanische Häuser unterscheiden sich von den deutschen durch die typischen Schiebefenster und der verwinkelten Dachlandschaft, die den Häusern ein einmaliges Flair verleiht. Ein weiteres Merkmal ist die überdachte Veranda an der Vorderfront des Hauses. In Amerika und Kanada lebt man zur Straße hin und genießt den Abend in einer Hollywood-schaukel mit Freunden oder einem Buch. Laut der Hausnummer stehen wir vor unserem neuen Haus und sehen eine beeindruckende Vorderseite mit einer überdachten Veranda und einem gepflegten Garten. Wir treffen auf unsere neue Vermieterin namens Anala. Unser Haus besteht aus zwei Etagen. Die untere werden wir bewohnen und die obere unsere Vermieterin. Hinter dem Haus befindet sich ein weiterer Garten mit einer Partyzone und unserem Eingang. Beim Betreten unserer Wohnung stehen wir sofort in der Küche und sind von dem Anblick der alten Einbauküche schockiert. Ich bin überzeugt davon, dass sie noch vor dem Krieg entworfen worden ist, was die enorme Größe des Kühlschranks erklären würde. Ohne Probleme könnte man in diesem Kühlschrank einen Menschen verstecken.


 


Als ich 16 Jahre alt war, musste ich mich einmal in einem Kleiderschrank verstecken. Ich war zu Gast bei meinem damaligen Freund, der in einem Jugendheim wohnte. In diesem Jugendheim waren die Besuchszeiten streng festgelegt, wovon wir uns aber nicht beeindrucken ließen. Der Betreuer, der mich nicht hatte rausgehen sehen, wollte nach-schauen, ob ich auch gegangen war. Also versteckte ich mich in Tims Kleiderschrank. Tims Mitbe-wohner, neugierig ob das Szenario klappen würde, nahmen im Zimmer Platz und so fand der Betreuer eine lustige Männerrunde vor. Als er sich gerade zum Gehen wenden wollte, musste ich niesen. Den Rücken schon zu uns gedreht, wünschte er frei in den Raum hinein: „Gute Besserung.“ - Und frei aus dem Raum schallte es von jedem: „Danke schön.“ Verblüfft drehte er sich herum und fragte: „Wer hat denn jetzt genossen?“ Alle antworteten: „Ich!“


 


Links von der Küche befindet sich ein Raum ohne Heizung, dafür aber mit einem begehbaren Kleider-schrank. Dieser bietet eine Menge Platz, um haufen-weise Klamotten unterzubringen und trotzdem nichts zum Anziehen zu finden. Rechts von der Küche befindet sich ein weiterer Raum, den wir als Wohnzimmer nutzen werden. In diesem Zimmer existiert dann auch die vermisste Heizung in Form eines Lüftungsschachts. Durch diesen Schacht wird die warme Luft in den Raum geblasen. Die Toilette liegt zwischen dem Wohnzimmer und unserer Küche und scheint aus demselben Jahrhundert wie die Küche zu stammen.


 


Der Flug war ruhig verlaufen, denn es war mir gelungen keine Panik auszulösen. Auf dem Flug von New York nach Frankfurt war mir einmal ein kleines Missgeschick passiert. Es war mein erster Nachtflug und ich war dabei, aus dem winzigen Bullauge zu schauen, als ich ein rotes Licht am Flügel aufleuchten sah. Sofort unterrichtete ich den Teil der Passagiere, die sich unmittelbar in meiner Nähe befanden, dass es aussah, als würde der Flügel brennen. Diese Neuigkeit machte wirklich schnell die Runde. Kurze Zeit danach hatten alle an Bord befindenden Passagiere davon Kenntnis genommen und waren in Panik geraten. Im nächsten Moment bemerkte ich meinen Fehler. Es brannte keinesfalls, es handelte sich lediglich um das Licht des Flügels, welches bei Nacht ange-schaltet wurde. Die Stewardessen hatten alle Hände voll zu tun, die Passagiere zu beruhigen. Ich verschwand auf der Toilette, um dem Lärm zu entkommen und fasste ins Auge mich bei der Fluggesellschaft zu beschweren. Diesmal war ich froh, in meinen Sitz zu fallen. Kaum oben angekommen, schwelgte ich auch schon in den tiefsten Träumen. Die letzten zwei Tage hatten wir damit zugebracht, unsere Wohnung aufzulösen und unsere Abschiedsparty zu feiern. Beides hatte uns konsequent am Schlafen gehindert. Dazu kam die Traurigkeit, all die lieben Menschen zurückzulassen, die wir eine längere Zeit nicht sehen würden.


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