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Reiseberichte
Buch Leseprobe Spuren am Horizont, Hermann Schuh
Hermann Schuh

Spuren am Horizont



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Keine Frage der Zeit

    Ich hatte das Zelt auf der Insel Maupiti, am westlichen Rand Französisch Polynesiens, in einem Wald von jungen Kokosnussbäumen aufgestellt. Die kleine Insel ist umgeben von einer glasklaren Lagune, die wiederum von einer Kette von vielleicht einhundert Koralleninselchen, sogenannten Motus, vom offenen Ozean getrennt ist. Das Zelt stand wenige Schritte von der Lagune und etwa zweihundert Meter von dem einzigen Dorf der Insel entfernt.

    Der Grund meines Aufenthaltes auf dieser winzigen Insel war die Arbeit an einem Dokumentarfilm, mit dem Arbeitstitel „Südsee - Illusion und Wirklichkeit".

    Ich hatte das Schiff in Tahiti verlassen und war auf eine andere abenteuerliche Weise weiter nach Westen gezogen. Zuerst mit einem Wasserflugzeug bis Raiatea, dann mit einem Kobraschoner bis Bora Bora und die letzten 40 Seemeilen mit einem alten Polynesier und seiner Piroge nach Maupiti. Da lag ich nun fest und es sollte ein Aufenthalt für die nächsten drei Monate werden.

    Mein Kontakt zu den Einheimischen war denkbar gut, obwohl ich die polynesische Sprache kaum verstand. Man akzeptierte mich, den Popaa, wie man mich nannte, der da draußen im Kokoshain sein „Stoffhaus" aufgestellt hatte und der so viele ungewöhnliche, aber scheinbar harmlose Dinge trieb.

    Die Neugierde der Inselbewohner bestimmte einen Teil meines Tagesablaufs. In der Früh, wenn ich verschlafen aus dem kleinen Zelt kroch, standen bereits ein paar Dutzend Einheimische in einem Halbkreis vor dem Zelt und beobachteten jede Einzelheit meines morgendlichen Tuns: Feuer machen, Kaffee kochen, die undichte Luftmatratze reparieren, aufdringliche Landkrabben verscheuchen, Filmkamera reinigen und was man eben sonst noch so alles macht

    Über jede meiner Bewegungen wurde diskutiert und gelacht. Nicht etwa mit einem Ha Ha Ha, nein, mit einem fröhlichen Gekreische, wie es eben nur die Polynesier können. Man schüttelte sich, man fiel sich in die Arme, man mimte und ahmte nach, tanzte den Tamure und verfiel beinahe in Ekstase. Nach einer Stunde oder mehr zog man sich langsam zurück und die Fröhlichkeit hallte noch aus dem Dorf zu mir herüber.

    Es  war  mir  aufgefallen,  dass  die  Einheimischen  nur  in  der  Gruppe eine so  hinreißende  Lebendigkeit  an  den

Tag legten.  Traf ich sie einzeln, waren sie sehr scheu und zurückhaltend, nicht etwa abweisend, sondern in einer sehr sanften, kindlichen Art und mit einer majestätischen Höflichkeit. Sie gewährten dir einen Blick in ihre Herzen, ohne ihrerseits das Gleiche von dir zu verlangen.

    Jeden Tag, nachdem die fröhliche Meute in ihrem Dorf verschwunden war, sah ich unweit des Zeltplatzes einen alten Mann, der offensichtlich zu einem anderen Teil der Insel ging. Er trug bei sich eine Haue, mit der er dort Maniokwurzeln erntete.

    Wenn er bei mir vorbei kam, etwa in einer Entfernung von zwanzig Metern, blieb er eine Weile stehen und blickte aufmerksam zu mir herüber. Er bewegte sich nicht, als wollte er mich nicht stören. Wenn ich dann zu ihm hinsah und unsere Blicke sich trafen, hob er leicht einen Arm wie zum Gruß und rief: „What time is it?"

    Ich blickte dann auf meine Uhr und nannte die Zeit, ebenfalls auf englisch.

Daraufhin lächelte er jedes mal vergnügt und ging seines Wegs.

    Gegen Mittag kam er dann auf seinem Heimweg wieder bepackt mit langen Maniokwurzeln an meinem Zeltplatz vorbei, blieb stehen, sah mir zu und wenn sich unsere Blicke trafen, rief er: „What time is it?" Wieder gab ich ihm die genaue Uhrzeit und wieder winkte er höchst erfreut, um in Richtung Dorf zu verschwinden.

    Es war mir aufgefallen, dass ich noch Niemanden auf dieser Insel englisch sprechen gehört hatte. Nur ein paar Leute konnten ein wenig Französisch. Ich machte mir wenig Gedanken darüber und genoss insgeheim die verhohlene Neugierde des Alten.

    Es waren etwa zwei Wochen vergangen. Unser Spiel mit der Uhrzeit wurde zu einer beliebten, täglichen Routine. Da beschloss ich, die Initiative zu ergreifen.

    „What time is it?" rief er von seinem gewohnten Standort.

    Anstelle zu antworten, machte ich eine einladende Geste. Nach einigem Zögern, kam der Mann langsam auf mich zu.      Ich setzte mich vor das Zelt und forderte ihn auf, das Gleiche zu tun. Als wir so gegenüber saßen, blickte er mich nur mit seinen tiefschwarzen Augen an. Wir saßen da und schwiegen. Ich fühlte eine angenehme Wärme, die mein Gegenüber ausstrahlte, freundschaftlich und grenzenlos ehrlich. Wir schwiegen... eine ganze Weile.

    Dann begann er plötzlich zu reden. Er fragte, nein, sagte: „What time is it."

    Da hatte ich endlich verstanden. Ich hob leicht meine Schultern und antwortete mit einem erleichterten Seufzer:

„What time is it."

    Er lächelte, streckte seine Hand aus und berührte leicht meinen Arm und sagte wieder: „What time is it."

    Ich lachte und rief: „What time is it!"

    Dann wiegte er geheimnisvoll den Kopf und flüsterte: „What time is it." Seine Augen glänzten wie Diamanten. Er stand auf und ging davon.

      In der gleißenden Spiegelung der Mittagssonne löste er sich im Grün der Hibiskussträucher auf.


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