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Reiseberichte
Buch Leseprobe Sonne, Brot und Wein - Teil 2, Thomas Illés d. Ä. - Hg: Ruszkowski, Jrg
Thomas Illés d. Ä. - Hg: Ruszkowski, Jrg

Sonne, Brot und Wein - Teil 2


Wohnsitz Segelboot - Band 32 gelbe Reihe

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Was davor geschrieben steht, lesen Sie im Buch!
...Wieder auf See in Richtung Gibraltar und Portugal
1. Mai 2003. Die Wetterprognose am Vortag kündete vom Starkwind und Schauer, davon war aber an diesem Morgen weder am Funknetz noch in der Luft auch nur eine Spur zu merken. Die Liegegebühr hatten wir schon bezahlt, die „Winterfestmacher“ mit den Dämpfungsfedern durch zwei Heckleinen auf Slip ersetzt – let’s go! Vorher rief ich aber am Funk noch all stations in Aguadulce, this is ANEKI und es ist kein Witz, wir wollen nun tatsächlich... Das macht man da so. Neulich sind die Amerikaner Lloyd und Sandy ohne Abschiedsworte abgehauen, und das nahm man ihnen ziemlich übel – wir auch. Es ist eine sachlich zwar überflüssige – und nach dem genauen Wortlaut der Gesetze betreffend Seefunkverkehr sogar eigentlich unerlaubte – aber menschlich emotional ganz wichtige Geste. Die Reaktionen waren auch schier überwältigend, ein Boot nach dem anderen rief, wünschte alles, alles Gute, versicherte uns, dass wir sehr fehlen würden, mir hat es richtig die Kehle zusammengeschnürt, und ich hatte irgendwie plötzlich etwas in den Augen, so gab ich das Mikrofon wortlos meinem Täubchen. Aber dann, Maschine an, Mooring los, Heckleinen los. Um aus der Lücke zu kommen, musste ich wegen unserer rechtsdrehenden Schraube 270 Grad nach Steuer-bord statt 90 nach Backbord drehen, während die Fans winkten und riefen und in ihre Nebelhörner stießen – kein berühmter Flottenadmiral könnte sich einen schöneren Abschied wünschen. Und dann waren wir draußen, allein. Zum Segeln reichte der Wind bei weitem nicht – es muss ja nicht alles schon am gleichen Tag geschehen, ich war gar nicht unglücklich, nach einem halben Jahr erst mal ohne irgendwelche zusätzliche action mobil zu sein. Wenn auch nur fast: Nach zwei Stunden kam ein „komisches“ Geräusch aus dem Maschinenraum. Nicht schon wieder! Wir fanden die Ursache bald: Das Lüfterrad des Wellengenerators war lose. Ich konnte auf Anhieb nicht feststellen, wie es befestigt gewesen ist, so nahm ich zunächst nur seinen Antriebsriemen ab, und so liefen wir ohne weiteren Zwischenfall in unserem ersten Zielhafen Almerimar ein. Wir machten am Wartepier fest und gingen ins Büro, um die Formalitäten zu erledigen. Statt, wie an den meisten Orten eine Spanierin, saß da ein Japaner. Er sprach deutsch. Als alles erledigt war, fragte er noch, ob wir wüssten, was ANEKI auf Japanisch heiße. Wussten wir natürlich nicht, hofften nur, dass es kein unanständiges Wort ist. Es heiße, umgangssprachlich – da machte er eine Pause, ich bangte, welche Ausdrücke in der japanischen Umgangssprache Fremden gerade noch mitgeteilt werden dürfen –, es heiße große Schwester, verriet er endlich. Da war ich aber froh! Es hat mir schon seit längerem gestunken, immer wieder erklären zu müssen, dass es ein Kunstwort sei, zusammengesetzt aus dem Vornamen der Frau des vorherigen Eigners und dem Schiffstyp – ist es nicht viel schöner, dass wir in Zukunft sagen können, es heiße große Schwester auf Japanisch?

Am ersten Tag im neuen Hafen baute ich also einmal mehr den Wellengenerator aus und stellte frustriert fest, dass die Spezialmutter, welche die kleine Riemenscheibe an seiner Welle festhielt, spurlos verschwunden ist. Therese durchstöberte die Bilge von diversen Seiten mit diversen Geräten – Magnet, Greifzange und so weiter, mit und ohne Lampe und Spiegel – fand einen Kabelbinder, eine Schlauchbride und einen vierzehner Ring-Gabelschlüssel Marke Padre aus unbekanntem Besitz, reinigte bei dieser Gelegenheit den Filter der Bilgenpumpe, aber das gesuchte Teil kam nicht zum Vorschein. Ist es nicht eine verdammte Schweinerei, dass sich schon die verschiedensten Handwerker an diesem Ding zu schaffen machten, jeder seinen Vorgänger als unfähigen Trottel oder gar Betrüger schimpfend, aber noch keiner eine anständige Arbeit daran geleistet hat? Zuletzt war Lothar dran – ich hatte dem ver-traut...

Wir gingen zu „unserem“ holländischen Yachtchandler hier, und er riet uns, alles mit einem Spezialkleber zu befestigen. Das gefällt mir zwar nicht sonderlich, eine Spezialanfertigung eines geeigneten Teiles würde hier aber nicht so schnell einer schaffen, und die Kosten würden den Wert des ganzen Maschinchens bei weitem übersteigen. Mañana...

Der Wellengenerator ist repariert – vorbehältlich Funktionskontrolle und Dauertest. Die vom Holländer empfohlene Epoxy-Knetmasse erwies sich in der Handhabung einfach und effizient, der kleine Rest war nach einer viertel Stunde hart – es wird stahlhart, versprach der Holländer. Ohne ein bisschen Herumprobiererei und Improvisation ging es zwar nicht, mangels einer Zwischenscheibe in passender Größe montierte ich zum Beispiel einen O-Ring. Das Lüfterrad hat nämlich zwar eine Keilnut, nur reicht der Keil gar nicht soweit, er drehte also frei dahinter. Manche Konstrukteure sollte man mittels ihrer Konstruktion kastrieren. Für den Einbau leistete ich uns neue Scheiben und Stop-Mutter. Ob die Riemenscheiben genau genug fluchten, ist für nicht top erfahrene Mechaniker, wie uns, nicht ganz einfach zu beurteilen, und ob diese Epoxy-Masse wirklich hält, was der Holländer versprach, wird auch die Zeit zeigen müssen. Einen Nachteil nehmen wir bei dem alten Ding bewusst in Kauf: Demontieren wird man’s nie mehr können.

Danach testete ich die hiesigen Duschen – verschwitzt war ich ja im aus-reichenden Maße. Mafalda meint, bei den Damen sei es besser als in Aguadulce, ich finde, die der Herren sind etwa gleichwertig. Man kann sie benutzen, geht aber nicht aus Spaß an der Freude hin – eigentlich sinnvoll in einem wasserarmen Land.

Gestern Abend feierten wir unseren „ersten“ Schritt – sogar drei Schritte, wenn man Siebenmeilenstiefel zu Grunde legt – in einem vom Charles empfohlenen Restaurant mit dem nicht ganz bescheidenen Namen Gourmet. Wir aßen und tranken gut, die Kellnerin – Mercedes heißt sie, wie sie uns beim Kaffee verriet – war schon fast zu aufmerksam. Es hat mich erstaunt, dass sich mein Täubchen noch an diese Empfehlung er-innert hat, ich hatte davon keine Ahnung mehr. Den Namen wusste sie zwar nicht mehr, nur dass es ein französisches sei und nur wenige Tische habe – mit diesen Angaben konnte aber der clevere Japaner im Büro auf der Planskizze sogar seinen Standort eintragen. Die Frage, wie ein Japaner dazu kommt, in einem andalusischen Hafen den Laden zu schmeißen, beschäftigt mich. Aber vielleicht fragen sich andere, wieso ein Ungar in ebendiesem Hafen seine „Große Schwester“ festmacht, statt in der Puszta seine Steaks weichzureiten. Solche Fragen sind zwar eigentlich müßig – ohne dem Menschen innewohnenden Bewegungsdrang würden weder wir Europäer Seide, noch die Chinesen Coca-Cola kennen. Welcher Tausch allerdings für die Chinesen ein ziemlich schlechter war.

Das Thermometer behauptet, wir hätten 23 Grad. Der Eindruck von Kälte entsteht also vielleicht durch andere Sinne: Der Himmel ist stark bewölkt bis bedeckt, bis zu 25 Knoten Wind pfeift durch die Riggs, der Radarreflektor stößt gegen die Wanten; es ist einfach ungemütlich. In der letzten Nacht hat es auch etwas geregnet. Ein deutscher Stegnachbar findet dieses Wetter auch nicht normal. Er sagt, die Ursache sei, dass es in den Bergen immer noch sehr kalt ist, mit viel Schnee, während Afrika aber schon richtig aufgeheizt ist. Klingt nicht ganz unlogisch. Die Wetterprognose bis morgen Mitternacht lässt in uns auch noch keine Lust nach der großen, weiten See aufkommen: Windstärken sechs bis sieben aus Südwest bis West – also auch noch aus der falschen Richtung –, in Böen sogar bis neun, Wellenhöhen bis 2,5 Meter, Schauer und Regen, sowohl bei Alboran als auch bei Palos, also den zwei nächstgelegenen Bezugspunkten. Abwarten und Tee trinken – wobei ich mir lieber einen Whiskey eingeschenkt habe. Es ist ja auch schon nach zwanzig Uhr.

Am nächsten Morgen zwar blauer Himmel, aber nur noch 19 Grad und unverändert stürmischer Wind, unverändert stürmische Windprognosen. Therese meint, ich hätte unsere Ankunft am hiesigen Funk¬netz doch mit-teilen sollen. „Ach, das kann ich nächste Woche immer noch.“ - „Gut; und ich nähe meine Decke fertig.“ Ihre Decke: das Quilt-Meisterwerk, seit drei Jahren in Arbeit. Schreibt uns niemand mehr oder hat der Sturm all die netten Mails verweht?

Nach neun Tagen in Almerimar, wo wir uns nachträglich gefreut haben, nicht da überwintert zu haben, wurde der Sturm endlich abgestellt. Es kam genau entsprechend dem Vorurteil vieler über das Mittelmeer: entweder Sturm, oder – meistens – Flaute. Wir beschlossen, gegen Westen weiterzumotoren. Entgegen unserer Gewohnheit hatten wir da mit dem Bug angelegt, um auszuprobieren, wie sich Vor- und Nachteile auf unser Wohlbefinden auswirken. Unser Fifi hängt normalerweise am Heck an Davits, zum Anlegen mit dem Heck muss er also zuerst abgefiert und dann ganz weggenommen werden, sonst können wir nicht nahe genug an den Steg heranfahren, um an Land zu kommen, wozu wir auch noch die Gangway anbringen müssen. Vor dem Ablegen dann das ganze in umgekehrter Reihenfolge. Dafür können wir richtig gediegen von und an Bord schreiten – na ja, so quasi... Anlegen mit dem Bug ist schon mal für den Rudergänger einfacher, und das Theater mit Fifi und Gangway entfällt. Dafür müssen wir allerdings mühsam über den Bugkorb und einer Bugleine von und an Bord klettern – was sportliche Jugendliche zwar ganz elegant machen könnten, das sind wir aber weder noch. Na gut. Vorläufig meinen wir, für einen kürzeren Aufenthalt ist die Kletterei das kleinere Übel. Ablegen müssen wir dann aber rückwärts. Wir hatten ganz leichten Seitenwind, also sagte ich meinem Täubchen, sie solle unseren Bug an Steuerbord vom Nachbarn abhalten. Bugleinen los, Mooring los, Rückwärtsgang... was macht sie denn da, dachte ich, hoffentlich verliert sie den Bootshaken nicht und dann rief sie: „Ich habe den Bootshaken verloren!“ Haken haben eben die Eigenschaft, nicht nur dort einzuhaken wo sie sollten. Dann kam aber auch schon der deutsche Seemann gerannt, stieg auf das Nachbarboot, legte sich auf den Bauch, holte besagten Haken aus dem Wasser, ich fuhr mit dem Bug ran und er übergab ihn meinem dankbaren Täubchen. Das war lieb von ihm – aber dass er dabei noch ein Dutzend Sätze über die Azoren und den Weg dorthin nachschob, war schon eine besondere Leistung. Er schwärmt nämlich von den Azoren, und das heißt etwas bei einem echten Hamburger Einhandsegler, so schnell schwärmt diese Sorte Mensch nicht. „Mittelmeer – kannst du vergessen... Karibik – kannst du vergessen...“, waren seine übrigen Weisheiten. Aber die Azoren – super! spitze!

Eine große Gruppe Delfine sorgte unterwegs für nette Abwechslung. Therese wollte unbedingt wissen, um welche Art es sich handelt. „Sie haben ganz weiße Bäuche!“ rief sie begeistert. „Dann sind es Mafaldas“, sagte ich. Nachdem sie gingen und der Wind immer noch nicht kam, verkündete sie, ihr sei es langweilig, sie wolle unser Lamm filetieren. Rechtzeitig vor dem Anlegen war sie aber zurück; die Knochen und Sehnen spendete sie den Meeresbewohnern.

Motril ist eigentlich ein Industriehafen, hat aber in einer Ecke ein paar Stege für Yachts. Man kann im Hafenbecken ankern, hieß es. Während ich noch überlegt habe, wo das am besten – oder überhaupt – ginge, winkte uns ein Marinero vom Ende des Stegs. Er habe noch eine Mooring hier an der Ecke, die können wir für eine Nacht haben. Therese sagte ihm gracias, muy bien – die Aussicht auf Wasser- und Stromanschluss sowie Müllentsorgung ohne Fifi-Expedition lockten uns doch. Also legten wir da an, neben einer großen, aber sehr verwahrlosten Ketsch; zwischen ihren Decksplanken sprießen da und dort Blümchen.

Von unserem Bug an die Ecke des Stegs zu gelangen, war eine eher akrobatische Einlage. Therese schaffte es irgendwie, kam zurück, schloss unser Stromkabel an, und dann fingen wir an zu überlegen, ob es eine bessere Möglichkeit gäbe. Am Steg lagen zwei Gangways, eine davon überlang. Wenn wir diese ans Heck der blühenden Ketsch schaffen könnten... Es folgte eine längere Übung mit ausgefransten Leinen. Als Resultat war die Gangway irgendwann tatsächlich in Position, der Marinero aber eiligen Schrittes erschienen; das gehe nicht! Therese fing zu diskutieren an, der Platz sei unverschämt teuer, da sollte man doch wenigsten normal an den Steg gelangen können; es half nichts. Er half, unsere Bugleinen etwas dichter nehmen, was ich zwar überhaupt nicht schätze – sollte etwas Wind aufkommen, besteht immer die Gefahr einer kostenträchtigen „Bekanntschaft“ zwischen Beton, GFK und diversen Stahlteilen – das Wetter solle aber ruhig bleiben, versicherte er uns. Das Wetter schon, das Wasser aber nicht, es gab immer wieder Schwell, mal, weil ein deppertes Motorboot vorbeiraste, mal ohne ersichtlichen Grund. Therese hängte noch einen Kissenfender zwischen unseren Anker und des blumigen Nachbarn Dämpfungsfeder und verkündete, nun bestehe keine Gefahr.

Wir zogen uns winterlich an und aßen im Cockpit den feinen Lamm-Gemüse-Eintopf. In der folgenden Nacht stellten wir fest, dass Motril nicht nur ein schlechter und unverschämt teurer Hafen ist, sondern auch einer großen Population szúnyog (Stechmücke) Heimat bietet. Am Morgen standen wir auf, ehe uns der Wecker daran erinnerte, beendeten zügig unsere Vorbereitungen und warfen die Leinen los. Ein leichter Nordost sollte uns westwärts bringen, behaupteten die Meteorologen. Irgendwo muss tatsächlich etwas Östliches stattgefunden haben, wir hatten nämlich eine leichte Dünung aus... Tja, das ist manchmal gar nicht so einfach, ich behauptete, sie käme aus Südost, Therese hingegen sah sie genau aus Osten heranrollen. Wobei dieser Richtungsbestimmung nur theoretische Bedeutung zuzumessen war – das bisschen Wind kam aus West. Also einmal mehr motoren. Zeit, sich über dieses und jenes Gedanken zu machen. Zum Beispiel, wie es kommt, dass während die Küste recht gebirgig ist, mit steilen Hängen, Gipfeln, Gräten und Tälern, der Meeresboden fast topfeben sein muss, die Tiefenangaben des Echolotes variierten über eine Stunde keine drei Meter. Dann wurde es aber plötzlich schnell tiefer, die letzte Zahl, die es anzeigte, war 177 Meter, dann verlor es sozusagen den Boden unter seinen Füßen. Zwei Stun-den später fing es bei 166 wieder an anzuzeigen. Dann muss es hier bereits irgendwelche Ströme geben. Anfangs machten wir bei 2.300 Umdrehungen knapp 5,5 Knoten Fahrt über Grund, dann wurden wir schneller, ich reduzierte die Drehzahl um 200, und wir machten trotzdem sechs Knoten. Wir hatten aber auch Zeit, um die langsam vorüberziehende Landschaft in Ruhe zu betrachten. Die Farben durch Dunst gedämpft, häufig Siedlungen – Zersiedlungen wäre treffender – und im Hintergrund immer noch schneebedeckte Berge.

Bereits um 15 Uhr waren wir im Puerto Caleta de Vélez. Wir entdeckten nichts, das wie eine Wartepier ausgesehen hätte. An den Enden der Stege gibt es aber je eine Anlegemöglichkeit; ein freundlicher Schwede riet uns, da längsseits zu gehen und dann im Büro zu fragen; er nahm auch unsere Leinen an. Nach einer Nacht gefiel es uns hier, wir beschlossen, noch einen Tag zu bleiben und nutzten die Zeit für einen Spaziergang hügelaufwärts, genossen eine sagenhafte Blütenpracht. Die Liegegebühr war auch normal, etwa acht Euros pro Nacht – die Halsabschneider in Motril verlangten das Dreifache; ob wegen verstecktem Stechmückenzuschlag? Sonst hatten wir heuer noch keine angetroffen, in Almerimar werden sogar dressierte Schwalben gegen sie eingesetzt, sie fliegen ständig zwischen den Masten Patrouille, haben ihre Nester unter den Balkonen der zahlreichen Ferienwohnungen, welche da die Liegeplätze säumen.

In Benalmádena hieß es zuerst, completo. Wirklich? fragte mein Täubchen. Ja, leider. Ob wir denn nicht hier an der Wartepier bleiben könnten, für die eine Nacht. Das müsste sie im Büro fragen. Also ging sie, und weil es ziemlich lange dauerte, wuchs meine Zuversicht – und tatsächlich, sie kam im Besitze von einigen Papieren und einer Liegeplatznummer zurück. Beim Einsteuern in die Lücke rief sie plötzlich, die DALIA sei da – kapiert sie denn nie, dass ich als Mann nicht zwei Sachen gleichzeitig machen kann, zum Beispiel anlegen und nach Bekannten Ausschau halten? Nachdem aber ANEKI sicher festgemacht, die Maschine abgestellt, die Zeit im Logbuch eingetragen war, ließ ich meinen Blick schweifen, und tatsächlich, DALIA und COSIMA lagen am gleichen Steg. Gegen Abend kam Rico auf ein Bier und ein paar hundert Worte vorbei; Peter und Christine begrüßten wir auf dem Weg in die Stadt.

Therese hatte schon einen kurzen Spaziergang gemacht, während ich den Wetterbericht aufnahm und fand mindestens ein viel versprechen-des Restaurant; von Zeit zu Zeit bekomme ich Lust auf ein Nachtessen ohne nachfolgenden Spülzwang. Mit ihrem untrüglichen Instinkt fand sie vermutlich eines der besten Restaurants an der Costa del Sol. Wir wählten das Degustationsmenü. Es gab acht Gänge, mindestens die Hälfte recht arbeitsintensiv und alles gekonnt aus Spitzenprodukten zubereitet. Im Gegensatz zu Italien bietet Spanien kulinarisch nicht überall Bemerkenswertes, es sei denn, was die Mengen betrifft – dieses Restaurante Mir de Alborán war auch diesbezüglich Ausnahme: Es ist nicht selbst-verständlich, dass wir das Dessert noch genau so genießen können wie die erste Vorspeise, ohne, dass es aber in eine nouvellecousinmäßige Schlankheitskur ausartet.

Am nächsten Tag fuhren wir trotzdem weiter – ein zweites Abendessen da konnten wir uns nicht leisten, wenn es auch nur etwa halb so teuer war, als in einem der hundert besten Restaurants der Schweiz, von denen wir uns vielleicht einmal pro Jahr eins geleistet hatten, als wir uns sowas noch einmal pro Jahr leisten konnten.

Therese sagte unterwegs, nun wäre wirklich Blisterwetter. Wir führen diese vielen Quadratmeter Nylontuch schon seit Jahren mit, irgendwann sollten wir es tatsächlich ausprobieren. Wir bereiteten alles vor – es brauchte einiges, da ANEKI nicht ideal für solche Extravaganzen eingerichtet ist –, setzten das Groß, zogen die mehr als zwölf Meter lange Nylonwurst hoch, ich ging ans Ruder, und Therese versuchte, den Strumpf dieses Segels mit seiner Leine hochzuziehen, auf dass sich die Pracht entfalte. Ob es denn so schwer gehen müsse, rief sie. „Nein, um Gottes Willen, das muss ganz leicht laufen!“ Nix leicht, informierte sie. Ich ging nach vorne, wir entwirrten dieses und jenes. Nach dem dritten oder vierten Versuch gaben wir es entnervt auf. Irgendetwas schien im Inneren des „Strumpfes“ zu klemmen, wir werden also das ganze Riesentuch an einem windstillen Tag auspacken müssen. Ich vermute, dass die Führungsleine im Strumpfinneren um das Segel gewickelt ist.

Das Anlegen in Marbella hingegen war reine Routine. John in Aguadulce empfahl uns die Marina la Bajadilla. Im ehemaligen Fischerhafen sind neuerdings Yachten willkommen – wohl weil im Gegensatz zu den viel zu großen Fischereiflotten die zwar ebenfalls viel zu großen Yacht-flotten ohne EU-Subvention funktionieren. Wie der letzte Schrei der elektronischen Türsicherungen funktioniert, war allerdings eine andere Geschichte. Ratlos standen wir vor der Klotüre und wussten nicht, wohin wir das Plastikkärtchen stecken sollen. Als am nächsten Tag auch Rico angekommen ist, konnten wir ihn aber aufklären: Man muss die Karte einer blauen Fläche „zeigen“, dann klickt das Schloss diskret und leise. Schöne neue Welt; ohne Elektronik kann man nicht einmal mehr scheißen. Wobei ich hinzufügen muss, dass nicht nur die Duschen und Toiletten, sondern auch die Stege mit der gleichen Karte gesichert sind. Ob da allerdings Glastüren sinnvoll sind, bei den Winterstürmen und nicht immer sehr sorgfältigen „Sportsfreunden“, wird die Zeit weisen müssen.

Unser erster Spaziergang in Marbella war eine angenehme Überra-schung: Im Gegensatz zu vielen anderen Ferienorten an der Küste ist es eine recht hübsche Stadt, selbst die modernen Gebäude dürften durch bessere als die üblichen Katastrophenarchitekten gezeichnet worden sein, es dursten auch nicht nur die üblichen neuen Palmen vor sich hin, sondern es gibt überall Blumen und Sträucher, alles sehr gepflegt. Es gibt auch viele einladende Restaurants, statt der üblichen Billigtouristenfutterstellen, die Läden bieten viele schöne Sachen an, nicht nur unnützen Plastikramsch. Wir sahen sogar die phantastischste Bougainvillea unseres Lebens, die Fassade eines dreistöckigen Hauses war vollkommen mit der violetten Pracht verkleidet. Wobei dies kaum auch der Ver-dienst des skandalumwitterten Bürgermeisters sein dürfte, so schnell wachsen diese Pflanzen nicht. Er – der skandalumwitterte – kandidiert übrigens wieder, Therese erkannte ihn auf Wahlplakaten. Sieht aus wie ein Juniorboss jener ehrenwerten Gesellschaft, die es eigentlich gar nicht gibt, wie jeder Sizilianer bestätigen wird – man soll aber keine falschen Schlüsse ziehen auf Grund von Äußerlichkeiten. Zumindest äußerlich hat er ja sein Marbella prächtig hingekriegt.

92. Warten auf günstigen Wind in Duquesa östlich von Gibraltar
Ein Dauerthema unter Yachties ist die Mehrwertsteuer, die nachträglich für alle Yachten an den EU-Küsten entrichtet werden soll – oder lieber nicht und wenn nicht, dann wie nicht? Den genauen Wortlaut der entsprechenden Beschlüsse oder Gesetze scheint niemand zu kennen, weder Opfer noch Täter. Vielleicht ist er aber gar nicht so wichtig, weil es viel mehr darauf ankommt, wie die einzelnen Beamten eines jeden Landes oder sogar Hafens ihn interpretieren und handhaben. Darüber gibt es als logische Folge unzählige Informationen, Gerüchte, Vermutungen. Eine nicht versteuerte Yacht mit einer Flagge eines Drittstaates darf maximal achtzehn Monate in EU-Gewässern verbleiben, dann muss sie ausreisen. Was unklar ist: für wie lang? oder wie weit? Reicht eine Stunde in Gibraltar? Die Franzosen scheinen der Meinung zu sein, dass ja. Spanier und/oder Portugiesen: nein. Es wäre also sicher besser, von Gibraltar noch nach Marokko zu fahren. Somit kam aber ein weiterer Faktor ins Spiel: Reicht in Marokko die Identitätskarte oder ist ein gültiger Pass erforderlich? Unsere Nachforschungen ergaben, dass für Gruppenreisen die ID genügt, Individualreisende hingegen einen mindestens noch sechs Monate gültigen Pass brauchen. Also beschloss Therese, ihren Pass doch noch verlängern zu lassen – und nachdem sie dies be-schloss, wollte sie es umgehend erledigen und nahm am gleichen Abend den Nachtbus nach Madrid. Am nächsten Abend sei sie bereits zurück, sagte sie.

Ich schlief schlecht ohne sie, aß wenig und las viel. Dass ich sie am Busbahnhof abholen wollte, wusste sie nicht – umso besser. Unsere Marina lag am südöstlichen Stadtrand, die Estacion de Autobuses am nordwestlichen. Ich hielt also die Abendsonne backbord voraus und musste so nur hie und da einen Kontrollblick auf den Stadtplan werfen. Ich kam an einem Sportstadion vorbei; aha, leichte Kurskorrektur. Innerhalb des modernen Marbella gibt es immer wieder fast dörfliche Vier-tel mit älteren niedrigen Häusern, Kinder spielen auf den Straßen, die Älteren sitzen vor den Häusern und plaudern; aber auch diese alten Häuser sind renoviert, nirgends sieht man den sonst so verbreiteten „südlichen Verfall“ oder neuere Bauruinen; und überall blüht und grünt es. Ich marschierte über eine Brücke, darunter lag ein schöner, länglicher Park mit Teichen und als Navigationshilfe das Bonsai Museum. Eine weitere Brücke führte über die Autobahn, und dann war ich fast schon da.

Auf der elektronischen Anzeigetafel fand ich den richtigen Bus, Ankunft 22 Uhr. Ich hatte keine Ahnung, wie lang ich brauchen würde, war lieber zu früh losmarschiert; ich habe aber meinen schwedischen Krimi mitgenommen. Ein Mörder wird am Tage seiner Haftentlassung ermordet, die Leiche erst acht Monate später gefunden, Kopf, Hände und Füße fehlen. Der Pathologe ist nicht gerade begeistert von seiner Aufgabe. Vom Bar-Restaurant neben dem Busbahnhof war ich nicht begeistert, so trank ich nur una caña (Bier vom Fass). Ich las zuerst vor der Bar, aber als immer mehr Leute kamen für ihren Feierabendtrunk, gab ich Tisch und Stuhl frei und setzte meine Lektüre unbequemer fort. Der Bus hatte mehr als eine halbe Stunde Verspätung, aber Thereses Freude, dass sie abgeholt wurde, entschädigte mich für das lange Warten. Wir fuhren mit dem Taxi in die Altstadt und fanden schnell jenes Restaurant, das uns beim ersten Spaziergang durch seine originelle Speisekarte aufgefallen war. Betrieben wird es durch eine Anzahl Brüder aus Schweden; einmal mehr aßen wir überdurchschnittlich gut, und weibliche Gäste wurden mit Küsschen verabschiedet. Die hübsche spanische Kellnerin war leider zurückhaltender.

Der Pass wurde bis Ende 2005 verlängert, und zwar wegen den an-scheinend immer noch nicht ganz behobenen Pannen mit der neuen Passmaschine kostenlos. Pannen gibt es aber auch in Spanien: Therese geriet an eine der wenigen nicht bedienten U-Bahnstationen und der Automat verschlang zwei Euros und fünf Cents ohne Gegenleistung. Sie entdeckte aber eine Taste, die man nicht zögern solle zu drücken, wenn irgendein Problem auftauche. Es meldete sich tatsächlich eine Frauen-stimme, die Therese zu einem anderen Eingang bat und den Betrag anstandslos erstattete, nachdem sie ein Formular ausgefüllt hatte. Begeistert war mein Täubchen aber von der spanischen Spätfrühlingslandschaft; sie sei von einer sagenhaften Schönheit mit all den Blüten und dem saftigen Grün; den tiefblauen Himmel mit einer Reihe blendend weißer Cumuli fand sie schon fast übertrieben.

Nachdem sie sich ausgeschlafen hatte, schafften wir unseren Blister auf den – hier zum Glück recht sauberen – Steg, zogen ihm den „Strumpf“ aus, lösten die Führungsleine, legten alles schön parallel aus und verhüllten wieder alles ordentlich. Nun sind wir gespannt auf den nächsten Versuch.

Wolle man richtig schöne Luxusyachten sehen, solle man nach Banús, vernahmen wir aus verschiedenen Quellen. Da dieser sagenumwobene Hafen ganz in der Nähe lag, wollten wir es uns nicht entgehen lassen. Es war eine Enttäuschung. Es lagen kaum Segelyachten da und schon gar keine irgendwie bemerkenswerte, nur ein Haufen hässliche größere Serien-Motoryachten. Als kleine Entschädigung parkten immerhin ein Rolls Royce, ein Bentley und drei Ferraris neben den Stegen. Dass der Schalthebel des einen Ferrari ein kleines Computerpimmelchen von wenigen Zentimetern war, machte meinem Täubchen aber ebenfalls nicht den geringsten Eindruck. Das anschließend besuchte Bonsai-Museum in Marbella war aber schön, auch wenn wir ein gestörtes Verhältnis zu solcher Vergewaltigung der Natur haben. Die Bäumchen, manche an-geblich einige hundert Jahre alt, sahen aber recht gesund aus.

Über Puerto de la Duquesa haben wir von mehreren Seglern Positives gehört. Wir müssen also annehmen, dass wir hier nur Pech hatten. Es fing schon bei der Anmeldung im Büro an, wo stur behauptet wurde, unser Schiff sei länger als zwölf Meter, obwohl im Flaggenschein 11,95 steht und diese Zahl in allen Häfen immer anstandslos akzeptiert wurde. Hier gelte halt Länge über alles. Okay, sollen wir das Schlauchboot und die Davits an Deck nehmen? No Problem – aber wir zahlen nicht mehr als für zwölf Meter. Sie schicke einen Marinero vorbei, sagte die Señora. Therese war im Büro, ich wartete an Bord. Kein Marinero kam vorbei. Er ging vielleicht ein Bier trinken oder eine Zigarette rauchen, nach einer Weile erschien er jedenfalls wieder im Büro und meldete, es sei in Ordnung. Ob dem das Affentheater auch gestunken hat? Als Therese endlich kam, sagte sie, wir hätten Platz Nummer 705, der Marinero warte dort. Es war der Platz direkt neben dem Kran. Kaum waren wir da, fing man an, eine Super Maramu zu kranen, womit alle zu tun hatten. Einer kam dann aber doch, nahm unsere Backbordbugleine an, tunkte sie zuerst in Salzwasser, panierte sie anschließend mit Sand, führte sie endlich durch einen Ring weit an Steuerbord (!) und gab uns die falsche Mooringleine. Er sei halt kein Marinero, hieß es zum Abschluss. Na ja... Irgendwann kam dann doch ein „echter“ und half beim Beheben des Chaos. Die zweite Steckdose, die wir probierten, gab sogar Strom von sich.

Kurz nach sieben war der Zubehörladen bereits geschlossen; ungewöhnlich in Spanien. Da wir auch das Schiff abspritzen wollten, beschlossen wir, eine zweite Nacht zu bleiben. Am nächsten Morgen kletterte Therese mit dem Schlauchende und dem Anschlussstück an Land. Das Ding, das sonst fast überall passt, passte hier nicht. Ich sage, fast überall, denn in einigen Häfen, die für Wasser eine Extragebühr kassieren, gibt es irgendwelche exotischen Anschlussstücke, die man aber automatisch bei der Anmeldung bekommt. Ich stöberte noch jene Tüten durch, in denen wir Einschlägiges aufzubewahren pflegen, fand aber nichts Passendes. Therese sagte, ach, hauen wir einfach ab, der Kapitän, inzwischen recht sauer, meinte aber, njet! Sie solle bitte im Büro sagen – sie wollte sowieso noch hin, um für die zweite Nacht zu bezahlen –, dass sie uns entweder ein passendes Anschlussstück geben oder den Extrapreis für das Wasser zurückzahlen sollen. Was sie auch tat, jedenfalls erschien bald ein verärgerter Mann, zeigte, dass aus dem Hahn Wasser komme; wie wir unseren Schlauch anschließen, sei allerdings nicht sein Problem, im Laden gäbe es das Passende – soweit natürlich mein Spanisch reichte, Handzeichen schafften aber Klarheit. Wir werden also nun bis zum Ende aller Zeiten ein Anschlussstück im Werte von 1,70 Euro mitführen, das in Duquesa – und nur in Duquesa – an den beschissenen Wasserhahn passt. Billig ist es hier übrigens auch nicht – sie hätten halt schon seit dem 1. April Hochsaison, was in anderen Häfen erst in Juni beginnt. Die guten Nachrichten sind, dass wir gestern sogar ein bisschen Segeln konnten und der Sommer plötzlich ausbrach.

„Ich freue mich so, dass wir einen neuen Bilgenschlauch haben!“ sagte plötzlich mein Täubchen. „Du hast aber seltsame Freuden für eine Frau.“ Sie lachte. Es sei schon so, aber sie habe schon ganz am Anfang gesagt, entweder werde dieses Leben zu ihrem Projekt, oder sie könne es nicht machen – allein mir zu liebe, quasi als mein Anhängsel, das wollte und könnte sie nicht. Der freudige Ausruf kostete ein paar Stunden Mühsal: Wir ersetzten den Saugschlauch der elektrischen Bilgenpumpe, vor allem, damit sein Filter an eine besser zugängliche Stelle kam. ANEKI hat eine sehr tiefe Bilge, was an sich gut ist, nur ist sie extrem schlecht zugänglich. Ganz einfach war es also nicht, den alten Schlauch raus- und den neuen rein zu bekommen, Therese plagte sich im Maschinenraum, ich versuchte auf dem Salonboden liegend „Geburtshilfe“ zu leisten. Außerdem – eine alte Sünde von Monsieur Amel – ist die Motorenbilge nicht getrennt, es kommt also immer etwas Fett und Öl, ein bisschen abblätternde Farbe, Abrieb von diversen Antriebsriemen, hinein. Für eine wenigstens notdürftige Reinigung bewegte Therese zuerst einen Schwamm und dann Windeln mit der langen Greifzange. Wir benutzen auch beim Ölwechsel Windeln. Es gibt zwar spezielle Ölabsaugtücher, die sind aber extrem teuer. Scheißende Babys stellen offensichtlich ein wesentlich breiteres Marktpotential dar als öltriefende Yachtdiesel.

Im Übrigen verbringen wir die Tage einmal mehr mit Warten auf halbwegs vernünftigen Wind. Die Prognosen für Gibraltar berichten hartnäckig von Windstärken sechs bis acht Beaufort, Wellenhöhen zwei bis drei Metern – nein, danke. Das – um es mal salopp auszudrücken – gestörte Verhältnis der Spanier zu Gibraltar spiegelt sich übrigens auch darin, dass im recht fein gegliederten spanischen Seewetterbericht die Prognosen für Tarifa, Algeciras, Ceuta und Malaga erscheinen, nicht jedoch Gibraltar. Bekanntlich ist Spanien der Meinung, dieser berühmte Felsen gehörte eigentlich ihnen, aber weder Großbritannien noch die Einwohner Gibraltars können sich mit dieser Idee befreunden. Dass Spanien wiederum eine Enklave in Marokko, Ceuta, besitzt, erscheint hierzulande eigenartigerweise niemandem als Unrecht. Mein E-Lexikon nennt für Ceuta unter anderem Schmuggel als Haupterwerbszweig – das sah ich so „offiziell“ noch von keinem Gebiet erwähnt....
In der Marina Vila Real de San Antonio bekamen wir einen Platz direkt hinter DALILA; wir begrüßten uns, wie wenn wir uns seit Jahren nicht mehr gesehen hätten. Da sowohl im Kühlschrank als auch im Getränke-keller bedenklich viele Freiräume herrschten, besuchten wir als erstes wieder mal einen richtigen Supermarkt, kauften acht Flaschen Wein, ein ganzes Kaninchen ohne Kopf, Fell und Gedärme, das linke Hinterbein eines Lammes und vieles mehr. Gegen Abend machten wir einen kurzen Besuch bei Peter und Christine, um uns zu verabschieden; Töchterchen Nicole weilte auch zum Besuch da. Sie wollen wieder ostwärts fahren, vielleicht nach Aguadulce zurück, vielleicht aber bis nach Griechen-land oder die Türkei – wir verstehen nicht so recht, wie es bei ihnen weitergehen soll, irgendwie scheinen sie nicht mit der richtigen Einstellung diese Lebensart anzugehen. Unser Problem ist das zwar nicht, wir finden es dennoch traurig. Danach suchten wir ein Restaurant – ich weiß nicht, warum ich das immer wieder versuchen muss, es ist ganz selten so gut wie zu Hause, nur teurer. Neben uns saßen an einem langen Tisch etwa zwanzig Jugendliche. Normalerweise wäre das also ein recht lauter Abend geworden, da hörten wir aber nur ab und zu ein paar leise, wenn auch seltsame Töne – es waren Taubstumme.

Nach einer Nacht in der Marina ging’s bereits weiter. Die Marina ist nur durch einen Schwimmsteg vom Fluss getrennt, es herrscht also der gleiche Strom. Zuerst legten Rico und Silvia ab – sie lagen vor uns strom-abwärts – und zwar so elegant und problemlos, dass wir es ihnen eilig nachmachen wollten, ohne vorher dieses zu kontrollieren und jenes zu beachten; was sich natürlich sofort als Fehler erwiesen hat. Na ja – wir kamen weg, kaputt ging nichts, nur fragte ich mich, wie viele Jahre wir eigentlich noch Anfänger bleiben?

Der Tagestörn entsprach dem, was wir heuer fast ausnahmslos erlebten: Ein bisschen segeln, viel motoren. Als wir uns wieder der Küste näherten, sahen wir viele Kilometer Sandstrand, aber weder Hotels noch sonstige Spuren vom Massentourismus. Statt lange hierüber philosophieren zu können, mussten wir aber bald schauen, dass wir die weder sehr tiefe noch sehr breite Fahrrinne in den Canal de Olhao treffen, was uns dank meines Täubchens sorgfältiger Navigation auch gelungen ist. Vom Schiff aus sieht das Wasser eben genau gleich aus, ob es fünf oder nur ein Meter tief ist, es fehlen eindeutig die für Autofahrer so hilfreichen weißen Striche auf unseren „Straßen“.

Es ist eine etwas verzweigte Lagunenlandschaft hier in der Nähe der Städte Faro und Olhao. Der Ankerplatz ist gut geschützt und recht weiträumig mit großen Abständen von Schiff zu Schiff; das finden wir sehr angenehm. DALILA ist etwa eine Stunde vor uns angekommen, Rico kam bald mit dem Schlauchboot vorbei, um uns willkommen zu heißen.

Nach einer langen ruhigen Nacht erledigten wir zuerst Tagesroutinen und machten dann Fifi fahrbereit. Am Nachmittag fuhren wir an Land. Zwischen dem offenen Meer und unserem Ankerplatz liegt eine große Sanddüne. Es soll Naturschutzgebiet sein, es gibt aber viele kleine Häuschen – wir konnten nicht mit Sicherheit herausfinden, ob es Ferienhäuser oder ständig bewohnte sind –, Bars und Restaurants, sogar ei-nen Minisupermarkt. Am Strand liegen kleine Fischerboote, teils im Wasser, teils im Sand, davor Knäuel von Fischernetzen, im Hintergrund die ankernden Yachten; ein recht malerischer Anblick. Auf der anderen Seite der Düne sahen wir auch einige Masten. Es hat uns natürlich interessiert, wie man da liegt, wir gingen also hin und sahen etwas für uns völlig Neues: Etwa ein Dutzend Segelyachten, die meisten Katamarane, liegen da am Land. Nicht aufgebockt wie in einer Werft, sondern auf dem Sand. Hingefahren sind sie wohl bei der höchsten Springtide, bis sie aufgelaufen sind, liegen also die meiste Zeit trocken. Sowohl Richtung Wasser als auch Richtung Land sind sie mit vielen verwitterten Tauen und rostigen Ketten gesichert und machen meistens einen bewohnten aber nicht mehr seetüchtigen Eindruck. Einer hat sogar eine richtige Hütte gebaut an einem kleinen Hügel, über und über kunstvoll bemalt und verziert mit einem bunten fliegenden Fisch, dessen Blechflügel durch den Wind gedreht werden; sie trägt den stolzen Namen Moulin Rouge. Die ganze „Siedlung“ wirkt recht melancholisch, war dennoch ein Erlebnis ganz eigener Art. In einer Bar tranken wir Weißwein und traten dann den Rückweg an, gerade rechtzeitig, ehe Fifi von der Flut weggespült wurde. Wir fuhren einen Bogen zur DALILA, um Silvia und Rico zu sagen, dass wir vorläufig auch hier bleiben, gelegentlich Olhao besuchen, vielleicht mal zum Segeln hinausfahren wollen. Am nächsten Morgen nahmen wir endlich ein erstes Bad im Atlantikwasser, einem eindeutig kühleren Element als seine mediterrane Entsprechung; echt belebend!

Nun frönen wir unserer Hauptbeschäftigung vor Anker: Besanbaum, Sonnentuch, sogar den Backstag immer wieder so zu verstellen, dass die Solarpaneele möglichst keinen Quadratzentimeter Schatten haben. Voll besonnt bringen sie 4,5 bis 5 Ampere, schon der kleinste Schatten, nur auf einem der zwei Paneele, lässt aber die Ausbeute auf die Hälfte oder darunter absacken. Ich war also nicht gerade begeistert, als Rico mit der stromfressenden Idee ankam, Therese habe doch eine elektrische Nähmaschine, an seiner Persenning wäre eine Naht aufgegangen. Mein Versuch, die Skepsis zu verbergen, wurde auch haarscharf durch-schaut, so fragte er, ob er Therese samt Nähmaschine ausleihen dürfte (er hat einen Dieselgenerator und somit keinerlei Stromprobleme). Also wurden Nähmaschine und Näherin ins Schlauchboot verladen und Rico tuckerte ganz vorsichtig zur DALILA.

Nach einer Stunde, vielleicht auch zwei – ich hatte gar nichts gegen die Ruhe und guckte nicht auf die Uhr – kam Ilario mit folgenden Mitteilungen: Es soll eine Grillparty stattfinden, Therese würde schuurig gerne hingehen und wenn ich einverstanden bin, dann soll ich Fleisch oder Poulet kaufen, er bringe mich in den Laden. Wenn nun mein Täubchen etwas schuurig gerne möchte, ist das für mich Befehl, ich suchte also eine Tasche, Geld, Schuhe, und schon waren wir unterwegs. Das Fleischangebot hat mich nicht überzeugt, also kaufte ich ein frisches Hähnchen, was portugiesisch nicht pollo sondern frango heißt, was ich aber erst Stunden später erfuhr.

Irgendwann brachte Rico Therese samt Ausrüstung wieder heim. Während sie den Vogel zerlegte und marinierte, versuchte ich Näheres über das bevorstehende Ereignis zu erfahren – sie wusste aber auch nicht mehr. Nichtsdestotrotz packten wir alles – Huhn, Salat, Wein, Geschirr, Pullover, Taschenlampe, den kleinen Anker, Luftpumpe, Besteck, Schuhe – in diverse Säcke und fuhren los. Weit links am Sandstrand sahen wir ein paar Beiboote und Menschen. Das wird’s wohl sein, dachten wir – wenn nicht, fahren wir zurück und braten die Dinger in der Pfanne. Was schade gewesen wäre – das Aroma, was die Holzglut jeder Art von Fleisch und Fisch verleiht, ist einzigartig. Es war aber auch sonst ein schöner Abend. Ein Arzt wusste Interessantes über die Karibik zu er-zählen, wenn auch nichts, was eine Revision unserer negativen Vorurteile bewirkt hätte. Er lebe jeweils sechs Monate auf seinem Boot und mache dann sechs Monate Urlaubsvertretungen in Deutschland. Außer Deutschen und Holländern gab es sogar ein paar weitere Schweizer. Obwohl Speise und Trank sandfrei zu halten nicht ganz einfach und das Sitzen am Boden für unsere alten Knochen etwas ungewohnt waren, blieben wir gerne lange bis nach Sonnenuntergang.

Ich hätte sie wohl schreien gehört, wenn sie von einem Hai angegriffen worden wäre, dachte ich, sie blieb aber selbst für ihre Verhältnisse un-gewöhnlich lange im Wasser, so ging ich sie suchen. Es ist nicht ganz einfach, ein Köpfchen irgendwo zwischen selbst kleinsten Wellen aus-zumachen, ich ließ mir also Zeit, bis ich sie aus der Ferne rufen hörte; sie stand an Deck der DALILA und winkte. Beruhigt ging ich unter Deck und las die unerwartet spannende Autobiographie von Yehudi Menuhin weiter. Bald klopfte es aber an der Bordwand, eine Vorstimmbruchstimme rief. Ich soll einsteigen, Therese habe gesagt, ich müsse kommen. Also schnappte ich gerade noch meine Brille und folgte dem Befehl. Die zwei Buben, auch der kleinere, gehen mit dem Beiboot um, wie ihre Altersgenossen mit irgendwelchen depperten Computerspielen, segeln auch mit dem Opti gekonnt herum, bekommen dabei eine traumwandlerische Sicherheit, die wir, die erst im reifen Alter aufs Wasser gingen, nie mehr erreichen können. Ilario fuhr wie immer genau im richtigen Bogen gegen Wind und Strom an die Bordwand, nahm keinen Meter zu früh, keinen Zentimeter zu spät Gas weg, die Leiter war genau neben mir, hochklettern musste ich allerdings selber. Therese durfte an Deck warm duschen, bekam ein Badetuch, Silvia lieh ihr sogar ein Kleid; danach gab es Kaffee und Kuchen. Dann kam eine Ketch, kuttergetakelt, mit Bugspriet, schwarzer Rumpf, schöne, traditionelle Form, mit Schweizerflag-ge. Enio sprang in das Schlauchboot, er gehe gucken, wer das sei. Bald kam er wieder; der Mann habe ihn gefragt, ob sein Vater Rico heiße. Wer könnte das sein? „Hast Du nicht gefragt, wie er heißt?“ - „Nee – hab‘ ich vergessen.“ Er fuhr wieder los, kam bald in Gesellschaft zurück. Er habe gedacht, statt langer Erklärungen könne er ja vorbeikommen, sagte der Mann; Rico und Silvia murmelten etwas ratlos, dass sie den gar nicht kennen; Therese rief: „Aber ich! Du bist doch der – Fritz?“ - „Nein, Rene.“ Wir trafen ihn in Ayamonte vor ein paar Wochen. Irgendein gemeinsamer Bekannter habe ihm von Rico erzählt. Sie wollten zusammen bis Lissabon hochfahren, kamen aber nur bis zum Cabo Sao Vicente, dem westlichsten Punkt des europäischen Kontinents, hätten dort aber Nord bis Nordwest bis zu Stärke sieben gehabt und es sei sau-kalt gewesen. So gemütlich draußen sitzen wäre unmöglich gewesen, zum Schlafen brauchten sie zwei Wolldecken. Das sei also kein Fehler gewesen, dass wir unseren Azorentörn aufs nächste Jahr verschoben haben, sagte Silvia. „Ja, gell“ antwortete ich, „sieben Tage mal zwei, das wären vierzehn Wolldecken gewesen – wo hätten wir die hernehmen sollen?“ Mein Täubchen fand diese Arithmetik total daneben, kochte trotz-dem einen wunderbaren Riz Casimir aus der Brust des gestrigen frangos, nachdem sie ihre eigene Brust mit diversen Salben behandelt hatte. Sie hat nach dem Schwimmen zwar nur einen Halm Seegras in ihrem Bikinioberteil gefunden, es muss aber irgendetwas von einer Qualle dran gewesen sein, es brannte höllisch, ohne, dass man viel gesehen hätte. Bis zum nächsten Morgen war es dann wieder gut.

Heute fand der schon seit Tagen geplante Marktbesuch im Städtchen Olhao statt. Ob der Markt am Samstag tatsächlich reichhaltiger ist als an anderen Tagen, wissen wir nicht, im Nachhinein glauben wir eher, dass dies eine der zahlreichen Fehlinformationen ist, die man von anderen Yachties auch mal bekommt. Hingefahren sind wir bei Ebbe, mussten uns also an das markierte Fahrwasser halten. Ein Schlauchboot braucht zwar weniger Wassertiefe als eine Kielyacht, über Land, selbst wenn es nur eine niedrige Sandbank ist, kann es trotzdem nicht fahren. Auch mit diesem Umweg waren wir in etwas mehr als einer halben Stunde da und fanden an einem Schwimmsteg Platz. Es gibt zwei Markthallen, in einer ist der Fischmarkt. Weil jemand behauptet hatte, nach elf Uhr bekäme man keinen Fisch mehr, gingen wir zuerst da hin und führten dann unseren Fisch die nächsten zwei Stunden an der Sonne spazieren. Es gehört zu den schwierigsten Sachen, zu entscheiden, welchen Informationen man Glauben schenken soll. Nichts zu glauben, mit niemandem zu reden wäre sicher total falsch, wir waren schon oft sehr froh, von Erfahrungen Anderer profitieren zu können – aber eben, manches stimmt über-haupt nicht. Mit nüchternem Magen in der Fischhalle war es mir bald nicht mehr sehr wohl, ich verlangte also als nächstes nach Fütterung. Da die Chefin ihre Mitarbeiter nach diesen vielen Jahren gut genug kennt, wurde dem Antrag ohne Streikandrohung stattgegeben. Kaum haben wir unsere Sandwiches vertilgt, kamen Silvia und Rico sonntäglich herausgeputzt des Weges, Rico frisch rasiert – sonst trägt er einen Fünf- bis Zehntagebart, Silvia in frisch gebügelter weißer Bluse – sie trägt sonst etwas Sackähnliches in Babybreigrün. Sie hatten aber auch eine vielköpfige Gefolgschaft, eine Familie aus ihrer Heimatstadt, die hier in den Ferien weilt, nicht ganz zufällig, da der Mann Portugiese ist. Therese fragte ihn prompt, wo man hier Reißverschlüsse kaufen könne. Nebst Richtungsangaben sagte er sogar, dass sie nach feischa – oder so ähnlich – fragen müsse. Ich fand das eine bemerkenswerte Leistung, habe ich selber doch in vielen verschiedenen Ortschaften einige oder viele Jahre gelebt, ohne eine Ahnung davon zu haben, wo man da Reißverschlüsse fände. Es hat sogar auf Anhieb geklappt, im Gegensatz zu dem ersten Geldautomaten den wir fanden, der außer unverständlichen Wörtern in einer Sprache, die der Programmierer irrtümlicherweise für Deutsch hielt, nichts von sich gab. Wir fanden aber bald einen anderen, so konnten wir also auch den Rest bei einem Metzger und diversen Obst- und Gemüsehändlern in der anderen Halle beschaffen.

Unterwegs trafen wir verschiedene andere Yachties: Rene und Ruth, die uns gestern zu einigen Gläsern Sangria eingeladen hatten, den spindeldürren Holländer mit seiner Frau, den deutschen Arzt, der entweder Wal-ter oder Werner heißt und dessen Freundin – Ulla? – inzwischen auch da ist. Meine treuen Lastträgerdienste wurden noch mit einem Kaffee belohnt, und dann nahmen wir den Heimweg in Angriff, eine recht feuchte Angelegenheit, ich musste mich im Stillen mit Gedanken an die Aus-beute bei Laune halten. Auch Therese trug es diesmal mit stoischer Schicksalsergebenheit, scheint sie doch endlich erkannt zu haben, dass die Spritzerei nicht durch meine Unfähigkeit oder gar Boshaftigkeit, son-dern allein durch die Physik, Fifi gegen Wellen, verursacht und durch keinen Trick zu vermeiden ist. Immerhin war er kürzer als der Hinweg, da die Flut inzwischen ein Inselchen weggezaubert hatte.

Montag kam Rene mit seinem Schlauchboot. Das traf sich gut, Therese wollte ihn und Ruth sowieso fragen, was sie von der Idee hielten, bei uns zum Aperitif vorbeizukommen und anschließend gemeinsam ein Restaurant zu besuchen. Auch er meinte, das treffe sich gut, er kam nämlich, um uns zu fragen, ob wir nicht Lust hätten, in das vom Rico hoch gelobte Restaurant mitzugehen. Okay, abgemacht.

Rene ging, und der Wind kam und mit ihm auch die Wellen. Vom offenen Meer finden sie ihren Weg zwar nicht in diese Bucht oder Lagune rein, sie ist aber groß genug für ein eigenes Wellensystem, nichts Gefährliches, nicht einmal sehr unangenehm – außer im Schlauchboot. Da wird man bei solchen Verhältnissen in kürzester Zeit buchstäblich vom Scheitel bis zur Sohle klatschnass. Na, vielleicht flaut er wieder ab bis zum Abend, also abwarten und – statt Tee trinken – Strom erzeugen. Was mit einem unserer gelegentlichen Kommunikationspannen begann. Jemand blies nämlich ins Nebelhorn, und da es keinen Nebel gab, musste man annehmen, dass irgendwo Hilfe nötig sei. Therese wollte also, völlig korrekt, zuerst rausfinden, was los ist und ob wir etwas unternehmen können oder müssen. Nur war ich bis dahin schon etwas ungehalten, weil die Honda-Aktion zur zweit viel besser geht, sie auch sagte, dass sie dafür voll zur Verfügung stehe, aber alles Mögliche in Angriff nahm, mit Kissen, Wäschestücken, noch „schnell“ pinkeln gehen, dabei ein Dutzend Staubkörnchen entdeckend, deren sofortige Beseitigung sie für die Stromerzeugung mindestens für so wichtig hält wie ich überflüssig, und nun murmelt sie etwas vom Nebelhorn und rennt herum wie eine aufgescheuchte Henne... Ich sah bei einem kurzen Rundblick weder ein Schiff sinken noch brennen... Na ja... Sie schrieb auf einen Karton die Zahl 67 und zeigte sie herum, nachdem sie am Funk ebendiesen Kanal eingestellt hatte, was sicher nicht falsch war, Rico und Rene kommunizierten nämlich schon miteinander; so erfuhren wir also Folgendes: Das Schlauchboot des Trimarans da weiter hinten habe sich selbständig gemacht, jemand sei aber bereits unterwegs, es wieder einzufangen, ehe es an der marokkanischen Küste von irgendwelchen Arabern als Allahs Geschenk betrachtet wird. Er, Rene, sei der direkte Nachbar dieses Trimarans, er könne aber nicht von Bord, um auf Schlauchbootjagd zu gehen, weil der neu angekommene Norweger sei-nen Anker über Renes Kette geworfen und dabei seinen Anker ausgerissen habe; nun treiben beide Boote langsam ab, halten mit den Maschinen gegenan und warten auf bessere Zeiten, um bei ruhigeren Verhältnissen den angerichteten Kettensalat zu ordnen.

Rico antwortete, er müsse sowieso seine Buben am Strand abholen, und wenn er dadurch eh schon nass sei, gehe er dann schauen, was man machen könne. Was er auch tat. Wir sahen ihn mal auf Renes Boot, mal beim Norweger, während Ilario mit ihrem Schlauchboot herumkurvte, wir sahen von Renes Bug ein Tau, dann sogar zwei runterhängen, dann war Rico wieder auf dem norwegischen Boot... Was genau vor sich ging, erfuhren wir erst nachher: Er ließ die ganze Kette des Norwegers ausrauschen, natürlich mit einem Tau am Ende gesichert und bat ihn, sich eine Weile abseits zu halten. Ilario im Schlauchboot musste die ganze Zeit das Tauende halten; nicht gerade angenehm bei den Wellen, der Bub ist aber echt gut. So lag die norwegische Kette zwar immer noch über der schweizerischen, aber ohne Zugkraft, Rene konnte also seinen Anker einholen und neu ankern. Rico brachte des Norwegers Kettenende wieder seinem Eigentümer zurück, und wenn er schon da und nass war, half er ihm auch beim Ankern; der Norweger besitzt nämlich zwar zwei Arme, aber nur einen brauchbaren, der andere sei kaputt, und auch seine Frau sei irgendwie behindert.

Da Schlauchbootfahren nach wie vor mit Salzwasserdauerdusche gleichzusetzen war, wurden Aperitif und Restaurantbesuch verständlicherweise verschoben. Die diesbezügliche Kommunikation wurde auf der DALILA von Silvia geführt, derweil Rico unter der heißen Süßwasserdusche stand. Schön für ihn: DALILA hat Wassermacher und eine separate Duschkabine.

Am nächsten Morgen hatten wir weniger Wind, noch weniger Brot, dafür ziemlich viel Müll; die klassische Kombination für einen Landgang. Der Laden hatte allerdings zwar alles Mögliche, aber kein Brot; so gingen wir ins Restaurant. Nach längeren Verhandlungen bestellten wir eine Scheibe eines größeren Fisches unbekannter Rasse. Dann kam Rico, erzählte das bereits Geschilderte, wollte keinen Wein und wir vereinbarten den verschobenen Restaurantbesuch mit vorangehendem Aperitif. Dann kamen auch Rene und Ruth, letztere nahm etwas Weißwein an, von dem wir ohnehin zu viel hatten, weil Therese eigentlich keinen wollte und vereinbarten auch mit ihnen das mit Rico bereits vereinbarte. Bis das alles erledigt, der Fisch und Tomatensalat gegessen und die Rechnung bezahlt waren, kam der Wind wieder. An Bord waren also erst mal Striptease und Entsalzung von Leibern und Klamotten angesagt. An-schließend verkündete ich, dass, wenn der Wind nicht merklich nachließe, führe ich nicht an Land, Reservation hin oder her.

Nach sechs waren die Wellen eine Spur harmloser. Um halb sieben rief eine Bubenstimme Rene am Funk, was denn los sei, sie hätten’s doch auf ANEKI abgemacht. Ja schon, antwortete Rene hörbar verlegen, es wäre aber eine etwas feuchte Angelegenheit, er wolle bis halb sieben abwarten. „Aber es ist schon halb sieben!“ sagte der Bub. Ach, tatsächlich, jetzt wo er es sage... Ich schaltete mich ein und teilte mit, dass wir mitgehört hätten und in der bequemen Lage seien, jederzeit ganz trocken ein Gläschen trinken zu können; alle Mutigen seien herzlich will-kommen. Bald konnten wir tatsächlich beobachten, wie Ricos mutige Crew das Schlauchboot bestieg; er brachte zuerst die zwei Buben und den Hund, dann ging er auch Silvia holen. Nun wollte Rene auch nicht als Feigling gelten, sie kamen also auch. Mit acht Menschen, einem Hund, Gläsern und Schälchen war ANEKIs Cockpit sehr voll, was Therese zu der rhetorischen Frage Anlass bot, was sich Monsieur Amel wohl gedacht habe, acht Kojen auf diesem Schiff vorzusehen – was für ein Stündchen im Cockpit, vor Anker, ganz lustig war, wäre nur nach einem Tag der reinste Horror. Nach allgemeiner Zustimmung bestiegen wir die Schlauchboote und fuhren an Land, zogen uns um und aßen zwei bis drei wunderbare Seezungen pro Person...
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...Der Höhepunkt des Tages war aber ein Anruf von unserem alten Freund Beat. Ihn trifft keine geringe Schuld daran, dass wir nun im Exil auf dem Boot leben. Er war nämlich Skipper an meinem allerersten Segeltörn und das war so schön, dass ich mich danach jahrelang gefragt habe, verdammt noch mal, wieso kann man nicht immer so leben?
Endlich weiß ich es: Man kann.


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