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Reiseberichte
Buch Leseprobe Nix wie weg..., Katharina Bachman
Katharina Bachman

Nix wie weg...



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Nix wie weg ... von Fernweh und Wehen in der Ferne von Katharina Bachman Vorwort Wer jetzt vielleicht denkt, dies ist ein Ratgeber für Menschen die auswandern wollen, dem sei an dieser Stelle schon mal verraten: „Nein, leider nicht.“ Ob ein Ratgeber für Auswanderer auch tatsächlich geschrieben werden sollte, ist meines Erachtens eher fraglich. Denn die Beweggründe auszuwandern sind komplex und jeder Mensch ist individuell. Wir modernen Auswanderer haben gegenüber den Emigranten der Vergangenheit einen großen Vorteil, der die „Verbindung“ zur Heimat nie abbrechen lässt: nämlich die brillante technologische Errungenschaft des Internets. Dadurch ist es für uns auch wesentlich einfacher, jederzeit wieder in die Heimat zurückzukehren. Auswandern ist nichts für jedermann bzw. -frau. Den „geborenen“ Auswanderer gibt es daher nicht. Vielleicht werde auch ich eines Tages zurückkehren - in meine Heimat. Wer weiß. Doch noch gefällt es mir ausgesprochen gut in der „fremden Heimat“. Das Leben im Ausland ist spannend und täglich voller Überraschungen: guter und weniger guter. Und genau davon erzählt ? mit einem kleinen Augenzwinkern ? dieses Buch. Los geht’s. Ach nein. Halt. Noch etwas. Ich habe auf ausführliche „Reiseberichte“ und „Landschaftsbeschreibungen“ bewusst verzichtet, da man diese ohnehin in jedem guten Reiseführer nachlesen kann. Katharina Bachman
Im April 2007, Dubai (Vereinigte Arabische Emirate)


Ende Dezember 2001 Draußen war es bitterkalt und der nächtliche Frost hatte die Straßen in gefährliche Rutschbah­nen verwandelt. Obwohl ich die Heizung in jedem Zimmer auf Höchststufe gestellt hatte, wollte keine richtige Gemütlichkeit aufkommen. In meiner 130qm großen Mietwohnung stapelten sich Umzugskisten bis unter die Decke. In allen Räumen. Gardinen hingen auch keine mehr an den Fenstern. Ich schälte mich etwas zermürbt aus dem Bett und jonglierte meinen Körper gekonnt zwischen den rechts und links aufgetürmten Reihen Kartons entlang, wie durch einen Irrgarten, in die Küche.Sechs Tage lang hatten Packer einer Berliner Umzugsfirma nun schon kräftig Hand angelegt. Bis auf ein paar wenige Gebrauchsgegenstände, die ich noch für die letzten drei Tage benötigte, war mein ganzes „Leben“ in Kisten verpackt. Seetauglich, wie der Verpackungsfachmann dazu sagt. Alles wird drei Mal eingemummt. Zuerst kommt ein cremefarbenes Seidenpapier zum Einsatz, danach eine Noppenfolie oder auch Luftpolsterfolie genannt und danach wird alles fein säuberlich in einen Karton gelegt, der jedoch vorher nochmals mit besagter Noppenfolie ausge­kleidet wurde. Nachdem der Karton verschlossen ist, klebt man sämtliche Löcher und Ver­schlussstellen mit einem Klebeband zu – luftdicht verschlossen also. Diese besondere Art der Verpackung dient dazu, dass ? aufgrund der salzhaltigen Luft ? während der Überfahrt auf See kein Tröpfchen Meerwasser an das Hab und Gut gelangen kann. Ansonsten könnte man nach der Ankunft des Containers gleich alles auf den Müll schmeißen. Sechs Wochen Salzwasser hält die auch noch so widerstandsfähigste, von deutschen Ingenieuren präzise gebaute Waschmaschine, einfach nicht aus.Ich stand also irgendwo in der Küche, zwischen 287 Kartons und spätestens jetzt bemerkte ich auffallend scharf, was sich so im Laufe der Zeit alles für Plunder ansammelt. Musste man das wirklich alles zum Leben haben? Ehrlich gesagt – NEIN !Ich brühte mir Kaffee auf und schaltete das Radio ein. 6:00 Uhr, Nachrichten. Draußen war es noch stockfinster. In einer Stunde würden sechs Packer zum letzten Mal in meine Wohnung stürmen und den kläglichen Rest der Spuren meines Lebens in Deutschland, zuerst in cremefarbenes Seidenpapier einwickeln, danach mit Noppenfolie umwickeln und dann fein säuberlich in einen Karton legen, der dann luftdicht verschlossen zugeklebt würde.Zwischen hohen Türmen Umzugskartons, die im Wohnzimmer standen, lugte unser alter Fern­seher hervor. Den hatten die netten Herren von der Umzugsfirma freundlicher Weise noch nicht verpackt. Sie hatten mir einen „Sehweg“ auf den Fernseher freigehalten, damit ich mir bis zum Schluss - bevor unser ganzes Hab und Gut auf einen Schiffs-Container verladen würde - mein spärliches Dasein wenigstens noch mit etwas Abwechslung aus der Flimmerkiste verschönen konnte. Aber für Fernsehen hatte ich eigentlich gar keine Nerven mehr. Ich wollte jetzt nur noch weg. Ständig überprüfte ich all meine Dokumente: Ticket, Impfbuch und Ausfuhrgenehmigung für unsere Hundedame Lissy, Abmeldebescheinigung des Einwohnermeldeamtes, Reisepass, usw. Die letzten drei Tage meines Lebens in Deutschland vergingen wie im Fluge. Hier eine Einla­dung, dort ein letztes Treffen mit Freunden, das musste noch besorgt werden, dieses musste noch erledigt werden und dann ... ein allerletztes Treffen mit der engsten Freundin, das jedoch tränenreich endete. Aber das Schlimmste stand mir noch bevor. Die Verabschiedung von meiner Tochter Marina. Abschied Es war Silvester 2001. Die Nacht hatte ich mit unserer Hundedame Lissy in einem Hotel ver­bracht. Das Schiff auf dem sich mittlerweile unser Hab und Gut befand, ordentlich in Kartons verpackt, war schon auf dem Weg nach Malaysia. Genauer gesagt nach Kuala Lumpur, Hafen Port Klang. Man hatte uns gesagt, es dauert etwa sechs Wochen, bis der Container sein Ziel erreicht hätte – vorausgesetzt es gehe nichts schief. Wie, schief? Manchmal fallen Container einfach vom Schiff oder das ganze Container-Schiff kann sinken ? und dann liegt alles auf dem Meeresboden. Für immer! Na toll! ? Alles? Ja!Mein Flug ging am 1. Januar 2002 morgens um 6:30 Uhr. Den Jahreswechsel wollte ich am Brandenburger Tor verbringen. Danach zurück ins Hotel, ein paar Stunden schlafen und um 4:00 Uhr früh sollten meine letzten Stunden die ich – als ordentliche Deutsche Steuerzahlerin – auf deutschem Boden verbrachte, enden. Das war übrigens an diesem Tag eine wunderbare Empfindung keine Steuern mehr zahlen zu müssen. Ansonsten schlich sich allmählich ein mulmiges Gefühl in meine Magengegend.Die Heimat verlassen! Obwohl mich nichts mehr hielt, zumal meine Probleme immer größer zu werden schienen, da der pedantische Nachbar gegen mich klagte; die Polizei meinen Führerschein einkassiert hatte; ich meinen Job los geworden war; das Wetter meistens schlecht; die Mieten ständig stiegen; die Lebenshaltungskosten auch; mein Toaster, der Eierkocher, die Spülmaschine und der Trockner gleichzeitig ihren elektrischen Geist aufgegeben hatten; meine komplette Garderobe zwei Nummern zu klein und der Billig-Frisör um die Ecke aus meiner Frisur ein Desaster gezaubert hatte. Ganz zu schweigen von den politischen und wirtschaftlichen Kapriolen, die einem das Gefühl gaben, man befinde sich auf einer Achterbahn. Der Preis dafür war die schlechte Stimmung im Land, die hinter jeder Ecke lauerte und sekündlich zuschlagen konnte. Den allerletzten Rest hatte mir kürzlich mein Vermieter gegeben. Er hatte mir nämlich gekündigt.Kurzum, mein Leben war gerade dabei sich in einen Müllhaufen zu verwandeln. Also – weshalb sollte ich traurig sein? Ich freute mich diebisch auf das Auswandern; auf den Neuanfang in einem fernen Land; auf eine fremde exotische Kultur, in die ich eintauchen beziehungsweise abtauchen konnte. Die wirklich emotional nagende Frage war:Wann werde ich die Familie wiedersehen? Die Eltern? Die Freunde? Das einzige Kind? Sie kam am späten Nachmittag in mein Hotel um sich zu verabschieden, meine Tochter. Am Abend war sie mit Freunden auf eine Silvesterparty eingeladen. Gott sei Dank. Ich glaube, ich hätte das nicht ausgehalten. Es war ja so schon schwer genug. Wir saßen uns gegenüber und versuchten so normal wie möglich zu sein. „Mama, hab ich Dir schon erzählt, dass ich mir eine neue Kaffeemaschine gekauft habe?“ „Ja, Schatz. Hast Du.“Pause„Mama? Wann genau geht Dein Flug?“„Morgen früh um halb sieben.“Pause„Möchtest Du noch Kaffee, meine Süße?“„Nein – ich bin schon nervös genug.“„Ich auch.“Pause„Ach Mama, Tobi hat mich gestern angerufen.“„So?!“„Er wollte mich moralisch unterstützen, wenn ich heute zu Dir komme.“„Ach wie nett.“Pause„Und wo ist Tobi?“„Ich habe gesagt, dass ich alleine zu Dir gehe.“Pause„Schatz? Wer ist Tobi?“ Das Silvesterfeuerwerk am Brandenburger Tor war ein Kracher. Ich stellte mich inmitten von tausend und aber tausend Menschen und betrachtete entrückt das bunt glitzernde Treiben am nachtschwarzen Himmel. Es kam mir so vor, als wolle sich meine Heimat noch einmal auf ganz besondere Weise von mir verabschieden. So a`la „behalte mich trotz allem in guter Erinnerung.“Als die letzten funkelnden Fontänen erloschen waren, sagte ich leise: „Bye, bye Berlin. Bye, bye Good Old Germany.“ Ich dachte an meine Eltern und ich dachte an meine Tochter. Dann spürte ich, dass ich es nicht mehr zurück halten konnte, das feuchte Nass, dass sich unaufhaltsam in meinen Augen breit machte. Ich ließ es einfach geschehen.
Bye-bye Good Old Germany Gegen 06:00 Uhr früh am 01.01.2002, Berlin lag noch in tiefem Schlummer, irgendwo da draußen feierten sicher ein paar Hartgesottene noch immer den Jahreswechsel, bestieg ich nervös und aufgeregt aber voller Erwartungen, mit einem „one way Ticket“ in der Hand, einen Düsenjet der Austrian Airlines, der mich über Wien Richtung Kuala Lumpur International Airport bringen sollte. Dort wurde ich nämlich sehnsüchtig von meinem Mann erwartet. Er lebte schon seit eineinhalb Jahren in Malaysia und seitdem führten wir eine Holiday-Ehe. Entweder war er in seinem Urlaub für zwei Wochen nach Deutschland gekommen oder ich für vier Wochen nach Malaysia gereist. Zuerst sollte sein Auslandsaufenthalt nur für drei Monate sein, als Projektleiter für die Digitali­sierung der Malaysischen TV- und Radiostation. Aus den drei Monaten wurden Sechs, dann Acht und danach machte man ihm ein Angebot, dass hätte niemand abgelehnt: ein unbefristeter Arbeitsvertrag, inklusive Übernahme aller Kosten für eine Umsiedlung von Deutschland nach Malaysia samt Hund und Ehefrau.Das Flugzeug setzte sich in Bewegung und rollte Richtung Startbahn. Es war 06:43 Uhr. Nervös saß ich in meinem Sitz. Kurz darauf heulten die Motoren auf. Nie zuvor war mir das Geräusch so laut und intensiv vorgekommen, wie an diesem Morgen. Es ging los. Langsam und mit voller Schubkraft hob die Maschine vom Boden ab und verschwand Minuten später in den Wolken.Als wir schon fast eine Stunde in der Luft waren, legte sich meine Nervosität und ich spürte sogar etwas Stolz in mir aufkommen. Ich stand auf und ging durch die Reihen. Ob die Leute hier drinnen alle wissen, dass ich soeben ausgewandert bin? Ein Lächeln legte sich auf mein Gesicht. Sie müssen! Das steht doch bestimmt auf meiner Stirn geschrieben?! Hallo?! Ich bin eine Auswandererin!Lissy, unsere weiße Pudeldame, durfte mit in die Kabine. Sie wog unter fünf Kilo und da ist das erlaubt. Der Tierarzt hatte mir ein Schlafmittel mit dazugehörigen Instruktionen gegeben. Auf der Hälfte der Strecke, also nach etwa sieben Stunden, sollte ich ihr eine zweite Dosis verpassen. Friedlich lag sie in ihrer Transporttasche vor meinem Sitz und schlummerte.Unser „Lottchen“, so nannten wir sie manchmal, war der Inbegriff eines echten Familienmitgliedes und dazu noch eine richtige Persönlichkeit. Wenn uns Freunde eine Post­karte aus dem Urlaub schickten, war auch immer ein Gruß für Lissy mit dabei. Gaben wir ein Abendessen, kam niemand ohne ein Lecker’chen für Lissy. Dieser kleine Hund war schon mit uns über den halben Globus gereist. Ohne „Lottchen“ ging nichts. Sie war sogar mit uns in Las Vegas, am Hoover Damm. Auf der Mauer zum Damm-Eingang steht ein großes Schild mit der Aufschrift „No Pet on Damm allowed“. Genau vor dieses Schild, auf die Mauer, stellten wir Lissy. In Null Komma nix bauten sich drei Asiaten hinter uns auf und fragten: „Foto? Foto? Foto?“ Seit dieser Zeit ist sie höchstwahrscheinlich auch in Japan oder China berühmt.Nun sollte „Lottchen“ in ihrem hohen Alter, sie war damals 13 Jahre alt, noch einmal eine neue Heimat bekommen.Das Einreisen von Tieren ist in Malaysia zwar erlaubt, es bedarf aber hunderte von Dokumenten und Papieren, sowie Impfungen und Bestimmungen. Die Quarantänezeit beträgt ein bis drei Wochen. Je nach „Stimmung“ des gerade diensthabenden Veterinärs. Auf alle Fälle war ich unter gar keinen Umständen bereit, mein „Lottchen“ in eine 80 Kilometer entfernt liegende Quarantänestation in Kuala Lumpur, nahe F1 Circuit, zu verfrachten. Auch nicht für ein paar Tage. Nicht mal für einen einzigen Tag. Ich war mir ziemlich sicher, den diensthabenden Veterinär mit einem ordentlich ausgestatteten „Handgeld“ davon zu überzeugen: „Lissy kommt direkt und stehenden Fußes, beziehungsweise stehender Pfoten, mit mir in unser neues Zuhause“. Punkt. Aus. Basta. Jedenfalls hoffte ich das sehr. Allerdings gab es auch noch eine andere Möglichkeit. Ich würde damit zwar einen kriminellen Weg einschlagen, aber ... sollte ich auffliegen, würde ich die Naive spielen. Mir würde schon irgendetwas einfallen. Da war ich mir absolut sicher. Die andere Möglichkeit sah nämlich so aus: Lissy ganz einfach ins Land zu schmuggeln.Eine Stunde vor der Ankunft am International Airport in Kuala Lumpur, verspürte ich jedoch eine gewisse, um nicht zu sagen, gigantische Nervosität in mir aufsteigen.Ich betete zu all’ meinen Schutzengeln, sie mögen Lissy zu einem Stofftier werden lassen. Natürlich nur für die Zeit, bis ich endlich das Flughafengebäude verlassen konnte. „Selamat Datang“ - Ankunft in Kuala Lumpur Die Maschine setzte zur Landung an. Aus dem Fenster sah ich schon das Terminal. Lissys Körperchen hatte inzwischen auch die zweite Dosis Schlafmittel absorbiert und hechelte dem­entsprechend quietsch vergnügt aus ihrer Hundetasche. Oh mein Gott. Bitte steh mir bei.Der Pilot setzte die Maschine sanft auf die Landebahn auf. Das quietschende Geräusch der Reifen war zu hören. Die Motoren heulten tosend auf und ich war einem Nervenzusammen­bruch nahe. Mein Herzklopfen erschien mir so laut, als würde man über riesige Lautsprecher mit den Pochgeräuschen das Innere der Maschine beschallen.Der Pilot schaltete den Umkehrschub ein und trat kräftig auf die Bremsen. Langsam rollte das Flugzeug zum Haltepunkt. Wenige Minuten später kamen wir zum Stehen. Wie aus Minuten Stunden werden können, das empfindet jemand äußerst ausgeprägt, der einen kleinen Hund in ein fremdes Land einschmuggeln will. Ich würde in etwa 20 Minuten wissen, ob ich ins Gefängnis wandere oder nicht. Meine Anspannung war so groß, dass mir das mittlerweile völlig egal war. Hauptsache Lissy darf mit in den Knast. Halb benommen vor Nervosität steuerte ich auf die Immigration zu. Mein Mund war so trocken wie ein versiegtes Flussbett.Hoffentlich bekomme ich keinen Ohnmachtsanfall. Passkontrolle! Ich trug die Hundetasche mit dem „Schmuggelobjekt“ in der linken Hand, wie ein Bordgepäck. Damit „Lottchen“ auch ja keinen Ton von sich geben würde, wippte ich mit der Tasche immer auf und ab, während ich brav die Fragen des Beamten beantwortete. Keine einfache Sache, wenn die Zunge am Gaumen fest klebt. Das „the“ entfaltete sich dadurch auch mehr zu einer Art „Schnapp-Atmung“. Ich gebe zu, dass dies auf den Beamten einen eigenartigen Eindruck gemacht haben mag. Eine wippende Blondine mit „Schnapp-Atmung“ kommt ja nun auch nicht alle Tage in Kuala Lumpur an. Vermutlich hat er gedacht: Die Lady muss offensichtlich ganz dringend aufs Klo. Anders kann ich mir nämlich nicht erklären, weshalb alles so schnell ging. In Malaysia geht nämlich nichts schnell. Gar nichts.Ich bekam meinen Stempel in den Pass und konnte gehen. Jetzt nur noch die Koffer holen und dann ... stand mir die Zollkontrolle bevor. Eindringlich stieß ich noch einmal ein Gebet an meine Schutzengel aus.Kann sich die Zollkontrolle nicht einfach in Luft auflösen?Es war früh um 04:45 Uhr. Da ist in der Regel auf dem Flughafen in Kuala Lumpur nicht viel los. Und genau das machte mir besonders viel Angst. Von weitem sah ich sie schon ? die Zollkontrolle! Ein kleiner, dicker Mann in Uniform stand bereit und erwartete die Ankömmlinge.Er wird sicher jeden einzelnen checken, mit besonderer Akribie, um sich die Langeweile zu vertreiben. Meine Gedanken schlugen Kapriolen.Wahrscheinlich reibt er sich schon die Hände und hofft auf einen ganz „dicken Fisch“. Da könnte er sich Lorbeeren verdienen. Bravo. Gut gemacht. Die Regierung würde ihm einen Orden verleihen. Er käme in die Zeitung und würde als Held gefeiert.Alles ging so schnell, dass ich kaum zum Luftholen kam, geschweige denn zum in Ohnmacht fallen. Ratz-Fatz war ich durch die Zollkontrolle. Der überaus nette Beamte rief mir ein „Selamat Datang“ zu, was „Herzlich Willkommen“ bedeutet, winkte mich durch und ich zischte mit meinem „Doggy-Bag“ an ihm vorbei.Ich konnte es gar nicht fassen. Hatte ich es tatsächlich geschafft?Ja! Ich hatte! Es war vorbei. Ich war durch, ohne Kontrolle. So ganz traute ich dem Frieden aber nicht. Es war zu einfach gewesen.Vielleicht warten sie ja draußen, in der Wartehalle, die Beamten von der Veterinärabteilung. Sozusagen als Empfangskomitee. Zwischen den Unterlagen zur Einfuhr des Hundes hatte nämlich ein rotes Bändchen gelegen, dass ich ihr umbinden sollte – vor Antritt des Fluges. Ach wie niedlich, dachte ich damals noch. Eine sehr nette Geste.Aber nun wurde mir klar, es war ein Erkennungszeichen! Genau. Rot. Knallrot, damit man sie auf gar keinen Fall übersehen könnte.Zu früh gefreut! Was nun?Ich erreichte die große Wartehalle. Mein Blick hetzte umher, während ich schnellen Schrittes den Kofferwagen vor mir her schob und dabei immer schneller wurde.Dann erblickte ich meinen Mann. Er hielt einen wunderschönen Strauß Blumen in der Hand. Sein suchender Blick erhaschte mich in Bruchteilen von Sekunden. Wir hatten uns seit vier Monaten nicht mehr gesehen. Glücklich und fröhlich winkte er mir zu und ich ? raste, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, wie ein Blitz an ihm vorbei.Leider konnte ich nicht mehr sehen, wie komisch er wohl dreingeschaut haben mag. Aber es muss ziemlich bizarr gewesen sein. Als ich draußen endlich zum Stehen kam, schlotterten mir so heftig die Beine, als stünde ich auf einer Rüttelmaschine die auf Höchststufe eingestellt war.„Was ist denn mit DIR los?“, hörte ich wenige Minuten später aus dem Hinterhalt die Stimme meines Mannes. Überglücklich schloss ich ihn in meine Arme und sagte: „Ich habe fertig“. Verkehrte Welt In meiner neuen Heimat musste ich mich an Vieles erst noch gewöhnen. So zum Beispiel auch an den Linksverkehr. Es bedarf, gelinde gesagt, einiger sinnvoller Geschicklichkeitsübungen, an einer großen Kreuzung tangential abzubiegen oder von der linken Straßenseite, rechts in einen Weg einzu­biegen. Aber nach zwei Wochen war mir das „verkehrte“ Autofahren in Fleisch und Blut übergegangen. Immer seltener stieg ich von der falschen Seite ins Auto ein, um dann festzustellen zu müssen: ups, wo ist denn das Lenkrad?“Auch griff ich nur noch ab und zu mit der rechten Hand nach dem Schalthebel. Nur mit dem Setzen des Blinkers hatte ich noch lange Probleme. Ständig schaltete sich der Scheibenwischer ein, wenn ich rechts oder links abbiegen wollte. Aber das macht in Malaysia fast gar nichts. Da fährt ohnehin jeder wie er will und der Blinker scheint nur als überflüssige Attrappe seinen Dienst zu erfüllen. Umso mehr wundert man sich, dass es kaum größere Unfälle gibt. In der Regel sind es die tausend und aber tausend Mopedfahrer, die rechts oder links im Straßengraben liegen und ihre leichten Verletzungen kühlen. Diese kleinen, motorisierten Slalomkünstler stehen als riesiger Pulk an einer rot geschalteten Ampel. Natürlich als Erste, weil sie sich zuvor ohne Rücksicht auf Verluste an den wartenden Autos vorbeigedrängelt haben; dabei zehn bis zwölf Außenspiegel ins Jenseits beförderten; an mindestens der Hälfte der Autos wunderschöne, fette Kratzer hinterließen, da sie den auch noch so geringsten Abstand ? ich spreche hier von vielleicht 15 Zentimetern ? zwischen zwei wartenden Autos, vor und auch nebeneinander, zum Durchschlängeln ihrer fahrbaren Untersätze benutzen. Wenn sie es dann endlich geschafft haben in vorderster Front zu stehen, lassen sie ihre Mini­motoren intervallmäßig aufheulen, um dann – noch bevor es grün geworden ist – mit einem Affenzahn loszupreschen. Überhaupt scheint der Malaysische Mopedfahrer keine Angst vor dem Unfalltod zu haben. Bewundernswert. Mit ausgelatschten „Flip-Flops“, ohne Helm und nur mit einem Fetzen Stoff um den Körper, rasen sie auf ihren getunten Mopeds sogar auf dem Highway an einem vorbei.Vieles ist „verkehrt herum“ in Malaysia, auch eine Rolltreppenanlage. Die benutzt man ebenfalls von links. Also links befindet sich die Rolltreppe für rauf, und rechts die für runter. Anfänglich verursachte ich oft Stauungen oder Karambolagen. Aber auch diese Zeit ging schnell vorüber.Selbst für den Fußgänger ist auf dem Gehweg oder Zebrastreifen und in den Einkaufszentren, strikter Linksverkehr angesagt. Nur Geldscheine und Münzen gibt man mit der rechten Hand, weil die Linke die „unsaubere Hand“ ist. Man zeigt auch niemals mit dem Zeigefinger auf etwas, so wie wir es kennen. „Schau mal da ...!“ Dazu benutzt man den Daumen. Das mache ich übrigens heute noch so, aus Respekt.Während ich in Deutschland eine Heizung gegen die Kälte einschalten musste, benutzte ich in Malaysia eine Klimaanlage gegen die Hitze. Die neue Art meines Lebens war täglich voller Überraschungen. Da sich die Malaysische Bevöl­kerung zu etwa 40% aus Chinesen zusammensetzt - sie sind die heimliche Wirtschaftsmacht - ist auch vieles sehr chinesisch. Ich erlernte jedenfalls alles sehr schnell, so auch das Essen mit Stäbchen, die ich schon bald sogar zum Verzehren einer Nudelsuppe benutze. Gewusst wie.Ich stellte sehr bald fest, dass die Chinesen mit Zahlen allerlei Mystik verbinden. Da ich einen gewissen Hang zum Aberglauben nicht leugnen kann, ließ ich mich in diese Geheimlehre schleunigst einweisen. Mit anstrengendem Erfolg. Denn immer und ständig darauf zu achten die richtige Zahl anzuwenden, kann mehr als mühsam sein. Genau wie in Deutschland genießt die Zahl 13 einen schlechten Ruf. Besonders aber die Zahlen Vier und Sieben, sie gelten in der chinesischen Kultur als die Unglückszahlen schlechthin. Die Aussprache von Vier hört sich in der chinesischen Sprache ähnlich wie die Aussprache des Wortes Tod an, und das Wort sieben ähnlich wie "fortgegangen" – oder auch VERSCHWUNDEN. So eine böse, böse, böse Zahl, hatte sich offensichtlich irgendwo in die Umzugspapiere geschlichen. Denn ... Nur nicht verzweifeln Was war das nur für ein niederträchtiger Tag, der mir da an diesem Morgen mit voller Wucht entgegen schlug. Nein – so etwas gibt es doch nur in einem Film oder in einem Alptraum?! Bitte, lieber Gott, lass mich erwachen. Rüttle mich, schüttle mich, gib mir einen Kinnhacken, aber bitte lass mich nicht in diesem „nightmare“ zurück. Es war aber weder das Eine noch das Andere. Es war die nackte Tatsache, dass unser Container mit all’ unserem Hab und Gut – mit unserem ganzen Leben – in der Nacht vor der Auslieferung gemeingefährlichen, niederträchtigen, abscheulichen, brutalen und skrupellosen Dieben in die Hände gefallen war. Kann man sich so etwas wirklich und wahrhaftig vorstellen??? Es überstieg zunächst meine Vorstellungskraft und Phantasie bei weitem. Am Tag zuvor hatte die Umzugsfirma angerufen und mitgeteilt, dass der Container anstandslos durch den Zoll gegangen war und unsere Möbel morgen früh ausgeliefert würden. Wir freuten uns mächtig. Endlich. Endlich kommt unser „Leben“ an. Ich beglückte mich mit der Tatsache, dass ich nun unsere neue Wohnung einrichten konnte. Schon Wochen zuvor hatte ich genaueste Pläne gezeichnet, wo was seinen Platz finden sollte. Endlich könnte ich bald wieder an meinem geliebten Computer sitzen und schreiben. Meine Storys, all’ meine Fotos, die vielen Grafiken, alles wieder da! In ein paar Tagen würde ich auch wieder online sein und meiner Familie, meinen Freunden und Bekannten, all’ den Zurückgelassenen, E-Mails schreiben können, wieder Kontakt zur Außenwelt haben. Und ich würde auch wieder meine zwar viel zu eng gewordene Garderobe in Besitz nehmen können, aber ich hatte mir ja vorgenommen, in Malaysia abzuspecken. Zehn Kilo. Die Wintergarderobe hatte ich zu meinen Eltern gebracht. So etwas braucht man bei einer jährlichen Durchschnittstemperatur von 30 Grad nun wirklich nicht.Für meinen Mann, der ein ausgezeichneter Weinkenner ist, war die Nachricht vom Eintreffen unseres Hausrates eher Nebensache. Er freute sich diebisch darüber, dass der Container anstandslos durch den Zoll gegangen war. Denn unter den 493 Umzugskartons, befanden sich sieben ganz Spezielle. Sie waren mit dem Wort „Houshold“ deklariert. Darin befanden sich allerdings keine Kochtöpfe, Bratpfannen oder Siebe. Sie waren mit seiner geliebten „Weinsammlung“, die so manch’ seltenes Tröpfchen enthielt, bestückt. Es ist offiziell nicht erlaubt, solche Mengen Alkohol in ein moslemisches Land einzuführen. Auch nicht aufgrund eines Umzuges. Deshalb hatte ich den Wein „sturzsicher“ in unauffällige Umzugskisten verpackt und als Tarnung, mit einem schwarzen Filzstift, „Household“ auf die Kisten geschrieben. Wein kostet in Kuala Lumpur übrigens ungefähr das Dreifache, was er in Deutschland kostet. Kein Wunder also, dass mein Mann der „wertvollen“ Fracht besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Und nun DAS !!! Ein ganzer Container geklaut. Das ging uns nicht in den Kopf.Drei Wochen lang habe ich ununterbrochen geweint, getobt, geschrien, Kanonaden von Beschimpfungen an die Umzugsfirma abgelassen und aufgehört zu essen. Aber es nutzte alles nichts. Der Container blieb verschollen und wir standen sozusagen vor einem Nichts.Inzwischen hatte ich 10 Kilo abgenommen und mein Mann die Nase gestrichen voll.„Hör’ endlich auf“, raunzte er mich an. „Wir gehen jetzt los und kaufen alles neu.“Mein letzter „Vulkanausbruch“ kam noch einmal zum Vorschein, als ein Schreiben des Anwalts der „Gegenseite“ bei uns eintrudelte. In verständlichem Deutsch stand da geschrieben, dass wir keinerlei Anspruch auf Schadenersatz haben. Der Container war zwar gegen Beschädigung, Verschwinden, Brand und Naturkatastrophen versichert, aber eben nicht gegen Diebstahl. Er sei ordnungsgemäß an seinem Zielort angekommen, ohne Beschädigung oder dergleichen und damit sei der Vertrag zwischen uns und der Umzugsfirma erfüllt worden. Zudem hätten wir ja auch nur das „Versicherungs-Standard-Paket“ abgeschlossen. Dass er dann in der Nacht vor der Auslieferung einem Diebstahl zum Opfer fiel, das sei eben Pech. Dafür sei von unserer Seite aus auch keine Versicherung abgeschlossen worden. Mit anderen Worten: wir hätten zusätzlich noch eine Versicherung mit der Auslieferfirma gegen Diebstahl abschließen müssen. Darauf muss man erstmal kommen. Wäre das Container-Schiff untergegangen und das Verschwinden dadurch entstanden, wäre der Versicherungsfall eingetreten. Aber so ? aus die Maus. Unser Anwalt aus Deutschland bestätigte noch einmal detailliert den Sachverhalt und warnte uns eindringlich vor einem teuren Prozess. „Sie haben keine Chance“, sagte er, nicht ohne die Spur seines tiefen Mitgefühls.DOCH! Wir hatten eine Chance. Wir fingen ganz von vorne an und nahmen uns vor, bei einem erneuten Umzug auf diese vertraglichen Details genauestens zu achten.

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