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Reiseberichte
Buch Leseprobe Ich lenke, also fahre ich! , Alfred M. Bach
Alfred M. Bach

Ich lenke, also fahre ich!



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Yahaminchen stellt sich vor Mein Name ist Yahaminchen, und ich bin ein acht Jahre altes Motorrad der Marke Yamaha mit der formal-sachlich und unromantisch-nüchternen Bezeichnung Yamaha XJ S/N 600 Diversion. Meine Farbe ist schwarz mit weißen Yamaha-Schriftzügen. Hubraummäßig bin ich mit 598 cm³ unterwegs. Meine 61 PS reißen zwar keine Bäume aus, garantieren mir und meinem Fahrer allerdings einen ganz ordentlichen Vortrieb. Mit vollem Beutel wiege ich 215 kg, die ich auf ebener Strecke auf 182 km/h beschleunigen kann. Mein Jockey sitzt 78 cm über dem Asphalt auf einem untadeligen Sitzmöbel, und anstelle der Sporen kann er mit meinem 6-Gang-Getriebe hantieren. Die Power meines 4-Zylinder-Viertakt-Reihenmotors, 2 Ventile pro Zylinder, wird von einer Kette auf meinen Hinterhuf übertragen. Eine hydraulische Doppelscheibenbremse, 298 mm vorne, und eine hydraulische Einzelscheibenbremse, 245 mm hinten, verzögern meine Geschwindigkeit bei Bedarf ganz ordentlich. Da ich im wahrsten Sinne des Wortes hinlänglich sanft und bescheiden bin, gehe ich mit der Aufzählung meiner Stärken und Talente äußerst restriktiv um. Zu den mir unterstellten Ei-genschaften zählen: Genügsam und zufrieden, zurückhaltend und brav, sparsam und glück-lich, bedürfnislos und domestiziert, gutmütig und ökonomisch, natürlich und apart, liebens-würdig und schlicht, fürsorglich, höflich und viele andere Eigenschaften mehr. Allerdings ver-bietet mir meine Bescheidenheit, all diese Attribute aufzuzählen. Beim gemütlichen Cruisen hält sich mein Durst in Grenzen. So verbrauche ich beispielsweise von Koblenz nach Köln (115 km) gerademal 4 Liter Ottokraftstoff E10. Mein Erstbesitzer hat mich irgendwie äußerst stiefmütterlich behandelt und bedauerlicher-weise sehr vernachlässigt, denn in den fünf Jahren in seinem Besitz war er gerademal ganze 5.882 km mit mir unterwegs. Danach hat er mich auch noch über eine komische Internet-Fahrzeugplattform abgeschoben. Mein neuer Besitzer ist ein etwas älterer Herr, der mich sah, sich in mich verliebte und kur-zerhand kaufte. Dieser ältere Herr mit dem Aussehen eines „Späthippie“, zumindest lassen das seine äußeren Merkmale, wie lange Haare, Bart und Blumenkinderoutfit vermuten, baute gleich am ersten Tag ein gewisses Vertrauensverhältnis zu mir auf, denn er gab mir zunächst mal einen Namen und in Anlehnung des Herstellers Yamaha nannte er mich schlicht und einfach Yahaminchen Diese Verniedlichung des Firmennamens in Yahaminchen schmeichelte mir doch arg, und sie gefällt mir außerordentlich gut. Mein Vorbesitzer hatte noch einen anstehenden Gesund-heitscheck, die Abnahme beim TÜV, machen lassen, und da ich ohne Fehl und Tadel, also absolut topfit war bzw. bin, hatte man mir zwei weitere Jahre freie Fahrt auf öffentlichen Straßen sozusagen amtlich genehmigt. Mein neuer Besitzer erwägte bereits am zweiten Tag, eine erste Tour mit mir zu unterneh-men. Mir war das recht, denn das oftmalige Herumstehen in einer alten und gleichfalls kalten, zugigen Scheune in den vergangenen fünf Jahren war meinen Gelenken und Lagern zutiefst abträglich bekommen. Ich war gespannt, wo mich die erste Tour hinführen sollte. Michael, mein neuer Besitzer, kam am zweiten Tag zu mir und sagte: „So, Yahaminchen, dann wollen wir mal. Heute geht’s los. Ich hoffe und wünsche mir ein gutes und unfallfreies Miteinander sowie eine große Anzahl gemeinsamer Abenteuer, Ausfahrten und Spritztouren. Wo möchtest du denn am liebsten mal hin?“, fragte er mich höflich. Obwohl ich nichts sagte, meinte er: „Na gut, wenn du unbedingt an die Mosel möchtest, dann fahren wir auch tatsächlich dort hin!“ Ob er es wohl geahnt hatte, dass ich wahrhaftig die Mosel, die ich bis dato noch nie zu Gesicht bekommen hatte, einmal sehen möchte, kann ich nicht sagen. Egal, ich freute mich jedenfalls, denn Michael, mein neuer Partner, scheint mir ein klasse Typ zu sein. Moseltour: Beilstein, Bernkastel/Kues und Zell Von meinem neuen Zuhause im schönsten Bundesland der Welt, dem Saarland, ging`s los, und wir fuhren durch den wunderschönen Hunsrück über die Hunsrückhöhenstrasse - die B 327 - bis Morbach. Hier bogen wir ab in Richtung Bernkastel/Kues an der Mosel. In Longkamp kam dann für Michael und mich richtig Freude auf, denn es ging von hier in herrlichen Serpentinen hinunter an die Mosel. In Bernkastel angekommen, parkte mich Michael direkt auf einem riesigen Parkplatz direkt an der Mosel. Es war Hochsommer im Monat Juli, wo-chentags an einem Mittwoch. Hunderte meiner Artgenossen parkten auf diesem riesigen großen Platz. Ein Indiz dafür, dass Bernkastel/Kues sehr stark von Mopedfahrern frequentiert wird. Michael parkte mich zwischen einer Suzuki LS 650 Savage, einem typischen Frauenchopper, und einer Kawasaki ER 5. Beides keine wirkliche Konkurrenz für mich. Anschließend schlenderte Michael in die idyllische Altstadt von Bernkastel mit ihren eindrucksvollen Fach-werkhäusern und romantischen Gassen, um dort seinen obligatorischen Cappuccino zu trin-ken. Es war ein warmer, strahlender Sommertag mit circa 26 Grad im Schatten und Petrus Kawasaki, der Wettergott der Moped-Enthusiasten, bescherte uns an diesem Tag einen wol-kenlosen, blauen Himmel. Es war einfach nur wunderschön. Grandios war der Blick auf die Mosel mit den vielen Lastkähnen und Ausflugsdampfern. Ein Bild, wie von Caspar David Friedrich gemalt. Als Michael zurückkam, fuhren wir rechtsufrig weiter an diesem bezaubernden Fluss mosel-abwärts bis Beilstein an der Mosel. Dieser Ort mit dem sehr gut erhaltenen historischen, pit-toresken Ortsbild wird auch das „Dornröschen“ der Mosel genannt. Neben dem historischen Ortsbild hat Beilstein eine weitere geschichtsträchtige Sehenswürdigkeit, nämlich die alte Burgruine Metternich, die hoch droben in den Weinbergen über Beilstein sich Ruhe gönnend, königlich-majestätisch residiert. Stolz genießt sie von hier oben ihr malerisches Dörfchen und den apart anmutsvollen Liebreiz der so oft und viel besungenen Mosel. Auch mit Biker-Bekleidung sollte man den Aufstieg zur Burgruine wagen, denn der traumhaft schöne Aus-blick von hier oben entschädigt absolut für den etwas beschwerlichen 15minütigen Aufstieg. Auch kann man hier oben den obligatorischen Cappuccino bzw. eine andere Erfrischung erhalten und sich wunderbar vom Aufstieg erholen. Die Karmeliterkirche St. Josef mit der schwarzen Madonna sollte man ebenfalls besichtigen. Die steinerne Kirchentreppe als auch der romantische Ort selbst dienten schon oftmals als Kulisse für Mantel- und Degenfilme, aber auch für schnulzige Heimatfilme, z. B. in den 60er Jahren. Michael, mein Partner, besuchte auch heute wieder die Kirche St Josef. Als er am Beichtstuhl auf der rechten Seite vorbei ging, obgleich älterer Herr, wurde das Kind im Manne hellwach, und er setzte sich in den leeren Beichtstuhl. Eine etwas betagte Touristin, die sich ebenfalls in der Kirche befand, sah, dass der Beichtstuhl nun besetzt war, ging dort hin, kniete nieder und begann bei Michael zu beichten. Wieso sie Michael für einen Pastor oder Priester hielt, könnte vielleicht an dessen leicht pastoralem Biker-Outfit gelegen haben, weil dieses einer schwarzen Priestersoutane irgendwie ähnlich sah. Sie sei am Vorabend, beichtete die ältere Dame, mit ihrer besten Freundin auf einem Fir-menfest gewesen und hätte dort im leicht beschwipsten Zustand ein zärtliches „Tête a Tête“ mit einem jungen Kollegen gehabt. Da sie verheiratet sei, möchte sie ihr Gewissen nun er-leichtern. Michael fragte sie, ob es denn zum Äußersten gekommen sei. „Ja“, lautete ihre kurze, prägnante Antwort. „Ok“, antwortete Michael genauso lapidar, „dann beten sie zur Buße zwei Vaterunser und gut ist´s!“ Daraufhin gab ihr Michael noch die Absolution, die sak-ramentale Lossprechung mit den lateinischen Worten: „Ego te absolvo a peccatis tuis in no-mine Patris et Filii et Spiritus Sancti, Amen!“ Glückselig und erleichtert verließ die ältere Da-me, nachdem sie ihre zwei Vaterunser gebetet hatte, mit Ihrer Freundin die Kirche. Nach diesem kleinen katholischen Intermezzo kam Michael zu mir zurück, und wir fuhren wieder gemeinsam auf der linken Uferstraße die Mosel aufwärts bis in das vom Weinbau geprägte Zell an der Mosel. Zell ist eine Kleinstadt in Rheinland-Pfalz mit 4.100 Einwohnern und wurde 70 n. Chr. von den Römern gegründet. Weit- und weltbekannt ist hier wohl die Weingroßlage „Schwarze Katz“, die auf eine Legende eines früheren Winzers und seiner schwarzen Hauskatze zurückgeht. Symbolische Hinweise auf diese „Schwarze Katz“ findet man an einem Verkehrskreisel am Stadteingang sowie an einem Brunnen in Zell. Von Zell aus brachte ich Michael durch tolle Zickzackkurven auf der Hunsrückhöhenstraße wieder hoch auf die B 327, um anschließend Richtung Heimat zu fahren. Auf diesem motorrad-freundlichen Highway ging es zurück ins schönste Bundesland der Welt. Zurück ins Saarland. Diese Tagestour, Ausgangspunkt der Schmelzer Ortsteil Limbach, ist etwa 240 km lang und in fünf bis sechs Stunden gemütlich zu fahren. Ich fand diese erste Tour mit Michael schon mal ganz prickelnd und hoffe, dass es so weiter geht. Ein Hoch auf viele noch folgende amü-sante und unterhaltsame Touren an der Seite von Michael. Natürlich auch mit ihm im Sattel. Michael aus der Sicht von Yahaminchen Michael ist Anfang 60 und ein relativ rüstiger, pensionierter Beamter, der recht spät zum Mo-torradfahren gefunden hat. Er musste, wie er mir glaubhaft versicherte, erst seine Kinder erziehen, seinen Beruf ausüben, Häusle bauen, Gitarre in einer Oldie-Band spielen und sich zumindest einmal eine Uni von innen ansehen. Ergo, immatrikulierte er sich nach seiner Pensionierung an einer solchen mit damals 55 Jahren. Allerdings blieb es mehr oder weniger bei dieser Imma-trikulation, denn er entdeckte - zwar spät, aber nicht zu spät -, dass das Mopedfahren ungeheuren Spaß bereiten kann, respektive dass man(n) auch im Sattel eines Motorrades durchaus akademische Weihen (Moped-Diplom) erlangen kann. Nach dieser Erkenntnis war der Hörsaal nur noch sporadisch ein Thema für ihn. Eines Tages war auch dieses Thema keines mehr, denn spätestens als er seine Regelstudi-enzeit im Motorrollerstudium mit dem ersten akademischen Grad, dem Vespa-Bachelor, ab-schloss, schrieb er sich zur Erweiterung des Motorrollerstudiums zum viersemestrigen Mas-ter-Studiengang auf einer 1100er Yamaha Virago ein. Angefangen mit dem Mopedfahren hat es bei Michael mit einem 25er Mofa-Roller, den sein damals 15jähriger Sohn unbedingt haben musste. Seit Michael geschieden war, entdeckte er zum ersten Mal sein Faible, seine Faszination fürs motorisierte Zweiradfahren. Auf dem Mo-faroller seines Sohnes machte er seine ersten Geh-/Fahrversuche. Sehr schnell hatte er sich infiziert, und fuhr alsbald einen 50er Kleinroller von Italjet. Kaum ein halbes Jahr später kam die Steigerung, nämlich ein 125er Hexagon Roller von Piaggio. Ein sogenannter Sofaroller mit nunmehr 15 PS und 108 km/h, den er mit seinem Autoführerschein zur damaligen Zeit fahren durfte. Mit diesem Teil konnte man schon richtige Touren unternehmen, und die Zwei-radinfizierung bekam neue Nahrung bzw. wurde noch stärker intensiviert. Wieder ein Jahr später erreichte er die nächste Stufe. Der Motorradführerschein musste her. Kurzer Anlauf, einige Fahrstunden, ein Tag lang Theorie gebüffelt, Prüfung bestanden!  Natürlich musste jetzt auch ein adäquates Motorrad her. Michael entschied sich damals für die Konkurrenz von Yamaha und erstand eine nagelneue Kawasaki W650, ein äußerst tolles Retrobike. Diese Kawasaki W650 mit 50 PS und 680 cm³ Hubraum war geradezu prädesti-niert, um größere Touren anzugehen und so kam unverhofft etwas ganz Neues hinzu, näm-lich die unvorstellbar schönen, die unbeschreiblich herrlichen Alpentouren. Pässe befahren und Passhöhen erklimmen und sich am Alpenpanorama total ergötzen bedeutete einen puren Adrenalinrausch für Michael, und der Moped-Virus hatte ihn nun endgültig im Griff. Dazu aber später noch mehr. Mir jedenfalls scheint, dass ich mit meinem neuen Besitzer Michael auf jeden Fall einen richtig guten Fang gemacht habe. Yahaminchen an der Lahn 14 Tage waren Michael und ich bereits ein Gespann. An einem Freitagmorgen sagte Michael: „Heute am frühen Nachmittag geht’s wieder los liebes Yahaminchen, denn wir fahren - du, ich und eine liebe Bekannte von mir - übers Wochenende ins Lahntal.“ Michael verpasste mir das gepackte 50 Liter-Topcase und stellte mir seine Bekannte Petra vor, die im Grunde ge-nommen ein Leichtgewicht und als Sozia nicht wirklich spürbar war. Ich war noch nie in mei-nem mittlerweile 7.850 km langen Leben an der Lahn gewesen, freute mich riesig und war total gespannt, was mich denn dort alles erwarten würde. Die Lahn kannte ich bisher nur aus einem obszön-schlüpfrigen Lied: „Es steht ein Wirtshaus an der Lahn“, in dem man der Wirtin allerhand erotische bzw. sexistische Abenteuer unter-stellte. Wir fuhren in Schmelz los und bei Hermeskeil ging es auf die Hunsrückhöhenstraße, eine unter Bikern sehr beliebte und gut ausgebaute Motorradstraße, auf der wir bis zum Flughafen Frankfurt/Hahn fuhren. Dort angekommen legten wir eine kleine Cappuccino-Pause ein, um dem geschäftigen Treiben dieses Billigflieger-Flughafens zuzusehen. An-schließend fuhren wir auf der B 327 weiter über Kastellaun bis Emmelshausen, bogen dort rechts ab und fuhren in unübertrefflich gekrümmten und geschwungenen Serpentinen hinun-ter an den Rhein bis Sankt Goar. Hier in Sankt Goar ging es zum Wellenschaukeln auf die Fähre zur anderen Rheinseite, in die Loreleystadt Sankt Goarshausen. Dort besuchten wir – natürlich ein absolutes Muss - den sagenumwobenen, sagenhaften Schieferfelsen LORELEY im UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal. Die Aussicht vom Loreleyplateau ist exorbitant schön. Wenn man unter dem Einfluss der vielen Loreleysagen seiner Fantasie freien Lauf lässt, vermischen sich die tatsächlich wahrgenommenen Schönheiten dieses Schieferfelsenstandortes mit den imagi-nären Empfindungen der Fantasie zu einem gigantischen, einem gewaltigen und monumen-talen Sinnesorgasmus. In solchen Augenblicken wird ein ganz gewöhnlich geschlürfter Cap-puccino, oder aber ein einfaches Mineralwasser zu einem wahren sinnesanregenden Götter-trunk. Veranstaltungsplakate kündigten den Auftritt der Gruppe Barclay James Harvest auf der O-pen-Air-Bühne Loreley in 14 Tagen an. Michael, ein leidenschaftlicher Oldie-Musiker, hatte hier auf der Loreley-Bühne einst ein wunderschönes Erlebnis, wie er mir mal in einer mittei-lungsfreudigen Minute erzählte. Seine Intension als Musiker war es immer schon gewesen, einmal auf der Loreley oder Burg Waldeck auf einer Open-Air-Veranstaltung zu spielen. Als er einmal mit einer früheren Lebenspartnerin die Loreley besuchte, hatte diese präventiv eine Akustikgitarre im Kofferraum ihres Autos deponiert. Als beide die offenstehende Freilicht-bühne besichtigten, entschuldigte sich seine Freundin, weil sie unbedingt mal zur Toilette musste, ging aber stattdessen zu ihrem Wagen, um gleich darauf mit der zwölfsaitigen Akus-tikgitarre zurückzukommen und Michael zu bitten, für sie einige Songs auf der leeren Bühne zu spielen. Michael ließ sich nicht zweimal bitten und spielte für sie Songs der legendären Band Cree-dence Clearwater Revival, wie z. B. „Proud Mary“, „Have you ever seen the rain“, “Who will stop the rain“ und weitere Songs aus dem reichhaltigen Schaffen des CCR-Kopfes und Leadsängers John Fogerty. Als Schlusssong brachte er die Ballade „Hymn“ von Barclay Ja-mes Harvest auf der Bühne der Loreley zu Gehör, wo sich mittlerweile um die 30 Zuhörer eingefunden hatten, um Michael ganz interessiert zuzuhören. Sie applaudierten reichlich und einige ganz beherzte Zuhörer verlangten sogar lautstark nach einer Zugabe, die Michael mit dem Johnny Cash-Song „Ring of fire“ und dem Kinks-Titel „Death of a clown“ auch erfüllte. Wir indes fuhren weiter auf der B 274 bis Nastätten im Taunus und daran anschließend auf der B 260 bis Nassau an der Lahn. Von hier aus ging es weiter ins nahe Bad Ems. Bad Ems ist ein staatlich anerkanntes Heilbad, in dem schon Kaiser Wilhelm I. gekurt hatte, aber auch seine russischen Pendants, die Zaren Nikolaus I. und Alexander II. sowie zahlrei-che berühmte und bekannte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte. Die Liste der VIP´s ist lang, beinhaltet sogar den ein und anderen Weltstar und verleiht somit der kleinen Stadt an der Lahn einen Hauch, ein Faszinosum an Glamour. Noch immer kann man Bad Ems als einen mondänen Kurort bezeichnen, auch wenn von der früheren Herrlichkeit dieser kleinen Kurstadt einiges im Laufe der Zeit die Lahn hinunter ging. Michael parkte mich in Bad Ems direkt an der Lahn, die ja bekanntlich hier die Grenze zwi-schen Taunus und Westerwald bildet. Er stellte mich neben einen roten Kawasaki-Chopper EN-500 mit Hamburger Kennzeichen. Komischerweise hatte ich plötzlich überhaupt keine Augen mehr für die Lahn, die hier sehr träge, geradezu viskos auf dem Weg zum Rhein fließt. Ich schaute unentwegt den roten Kawa-Chopper an, und schlagartig bemerkte ich bei mir ein heftiges Ventilrasseln. „Oh mein Gott“, dachte ich, „bei Menschen nennt man das wohl Liebe auf den ersten Blick!“ Währenddessen überquerten Petra und Michael die Lahn auf der Fußgängerbrücke, um auf der gegenüberliegenden Seite in dem hübschen Rundtempel das warme Bad Emser Heilwasser zu kosten. Anschließend gingen die beiden dann ihren irreversierten Cappuccino trinken. Als Petra und Michael zurück kamen, war ich immer noch auf den roten Kawa-Chopper fo-kussiert und hatte meine Erregung nach wie vor nicht gänzlich im Griff, denn als Michael mich starten wollte, verursachte ich ungewollt zwei bzw. drei Fehlzündungen. Als sich mein Ventilrasseln einigermaßen beruhigt hatte, fuhren wir gemächlich die Lahn weiter aufwärts bis Nassau, wo wir in einer Pension im Stadtteil Scheuern, direkt unterhalb der Burg Nassau-Oranien, zwei Übernachtungen gebucht hatten. Diese Burg ist der Stammsitz des Hauses Nassau-Oranien. Die royalen Herrscher von Luxembourg und den Niederlanden sind dem-nach Nachkommen aus dem Hause Nassau-Oranien. Michael parkte mich im Hofe der Pension und ging dann mit Petra zu den Zimmern. Eine halbe Stunde später, ob Zufall oder was auch immer, ertönte ein Motorradgeräusch im Hof. Bei mir setzte augenblicklich wieder Ventilrasseln ein, weil es der rote Kawasaki-Chopper mit Hamburger Kennzeichen war, den ich mittlerweile von Bad Ems her kannte. Das Pärchen parkte ihren Chopper direkt neben mir im Hof der Pension. „Oh mein Gott!“, dachte ich und war ganz aufgeregt. Durfte ich doch möglicherweise eine ganze Nacht neben dem roten Ka-wa-Chopper verbringen. Den Kawasaki-Chopper schien es ebenfalls zu freuen, dass wir uns wiedersahen, denn auch er begrüßte mich nach dem Abstellen des Motors mit einer Fehl-zündung und einem lauten Knall. Wie ich später erfuhr, machte das junge Hamburger Lie-bespaar einen einwöchigen Motorradurlaub an der Lahn. Am nächsten Morgen lernten Petra und Michael das junge Paar, Annette und Jan aus Ham-burg, beim Frühstück kennen und erfuhren, dass auch diese eine ähnliche Lahntour mit dem Moped von Nassau bis Marburg geplant hatten. Was lag da näher, dass von Seiten des jun-gen Paares der Vorschlag kam, doch die Tour gemeinsam zu unternehmen. Gesagt getan. Kurz nach dem Frühstück fuhr Michael mich vom Hof vor die Pension. Er erwähnte sein Vor-haben und bei mir setzte wieder das nun schon obligatorische Ventilrasseln ein. Der Gedanke, jetzt auch noch einen ganzen Tag lang in der Nähe des roten Kawa-Choppers zu verbringen, stimmte mich euphorisch und ausgesprochen heiter. Los ging es gegen 9 Uhr lahnaufwärts über Balduinstein bis Diez mit einem kurzen Abstecher in die Diezer Altstadt und danach weiter zur Dom- und Kreisstadt Limburg. Sämtliche Sehenswürdigkeiten von Limburg aufzuzählen, würde diesen Rahmen sprengen, zu viel Zeit in Anspruch nehmen und viel zu viel Platz beanspruchen. Unbedingt ansehen sollte man sich die wunderschöne Altstadt mit ihren tollen Fachwerkhäusern und den unzähligen Kneipen, Restaurants, Bistros und Boutiquen. In jedem Fall sollte man auch hoch zum Limburger Dom St. Georg mit seinen sieben Türmen, der auf einem Kalkfelsen weithin sichtbar über Limburg thront. Vom Dombesuch sollte man sich auch nicht von einem Bischof mit autoritärem Füh-rungsstil, respektive mit klerikalem Dünkel, Hochglanzkitsch und selbstverliebten Ritualen abhalten lassen. Dieser momentan suspendierte Bischof von Limburg wird wohl die längste Zeit in diesem Amte tätig gewesen sein. Gründe hierfür sind in den folgenden Versen darge-stellt: Mein Name ist Tebartz-van-Elst, Bischof Franz-Petrus. Ich bin mit meinem Häuschen mit 31 Millionen im Minus. Dabei haute ich doch nur mal für ´ne Wanne, kurz 15.000 Euronen in die Pfanne. Jetzt möchten meine unverschämten Christen auch noch Aufklärung über Rechnungen, Preise und sonstige Unkostenlisten. Mir stinkt´s, ich flieg zu Papa nach Rom, mit Flug in der ersten Klasse und pfeif auf die Proletarier, diese undankbare Rasse ... äh … Klasse! Von Limburg fuhren wir weiter über die alte Lahnbrücke nach Runkel an der Lahn. Auch Runkel hat eine Menge Sehenswürdigkeiten, wie z. B. die steinerne Lahnbrücke, die Burg Runkel und die historische Altstadt, um nur einige zu nennen. Weiter ging es über Villmar (bekannt durch seinen Marmorabbau und dessen Export in die ganze Welt) nach Weilburg. In Weilburg, der ehemaligen Residenzstadt, wird der Lahn-Schiffsverkehr durch den 195 m langen, einzigen deutschen Schiffstunnel geleitet. An der höchsten Stelle von Weilburg steht das riesige herzogliche Schloss. Von Weilburg aus bewegten wir uns weiter in die nächste Stadt mit dem Buchstaben „W“, nämlich Wetzlar an der Lahn. Die Altstadt von Wetzlar zieht sich mit schönen, schmalen, kleinen Gassen und niedlichen Plätzen vom Dom aus terrassenförmig zur Lahn und zur alten Lahnbrücke hinab. Stellenweise ist noch die gut erhaltene Stadtmauer, deren Verlauf größ-tenteils von Parkanlagen gesäumt wird, zu sehen. Hier in Wetzlar schrieb Johann Wolfgang von Goethe, der alte Schwerenöter, Chauvinist und Kleistignorant, seinen Erstlingsroman „Die Leiden des jungen Werther“. Daran erinnert heute noch das „Lotte-Haus“. Natürlich vermarktet Wetzlar die Tatsache, dass Goethe hier eine kurze Zeit gelebt hat und nennt sich wie viele andere Städte auch aus diesem Grund Goethestadt. Absolut sehenswert ist die historische Altstadt mit ihren wunderschönen Fachwerkhäusern. Ebenso auch der Dom „Unserer Lieben Frau“, wohl eine der ältesten Simultankirchen Deutschlands, die von Katholiken und Protestanten gemeinsam genutzt wird. Hier in Wetzlar bot sich endlich die Gelegenheit, mit dem roten Kawa-Chopper für einen kurzen Moment mal unter sich zu sein, denn unsere „Sattelfurzer“ gingen zum Cappuccinotrinken in die Altstadt. Verschämt sah ich den Kawa-Chopper an und spürte, dass auch dieser irgendwie Feuer gefangen hatte, denn mir schien, dass sein Rot noch eine Spur röter geworden war. Als Petra und Michael, Annette und Jan, zurückkamen, es war mittlerweile schon nach 13 Uhr, fuhren wir die restlichen 50 km bis Marburg in einem Stück durch. In Marburg parkten wir unterhalb der herrlichen Altstadt, und ich durfte mich wieder eine Zeit-lang mit meinem Kawa-Chopper beschäftigen, denn Michael und Co fuhren mit dem Pano-rama-Aufzug hoch in die reizende, anmutige und attraktive Altstadt (Oberstadt) von Marburg. Die historische Altstadt von Marburg mit den vielen urigen, kleinen Kneipen, hippen Modege-schäften, Bistros, schicken Cafés und Eisdielen, mit den unzähligen Touristen und den vielen Studierenden aus aller Welt ist einmalig wunderschön, absolut großartig und überwältigend. In Marburg befindet sich die älteste protestantische Universität der Welt, die Philipps-Universität. Bedingt durch die vielen Studierenden aus aller Welt sowie das Aufeinandertreffen der verschiedenen Kulturen existiert hier in der Altstadt von Marburg schon lange eine funktionierende Multikulti-Gesellschaft. Petra, Michael und das Hamburger Pärchen z. B. saßen in einer italienischen Eisdiele, deren Besitzer ein Iraner mit deutschem Pass war. Seine Bedienung war eine Studentin aus Argen-tinien, die sich hier an der Philipps-Universität von Marburg eingeschrieben hatte und im Eis-café nebenjobmäßig ihren Lebensunterhalt aufbesserte.


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