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Reiseberichte
Buch Leseprobe Gartenzwerg trifft Dachreiter, Stephanie Vonwiller
Stephanie Vonwiller

Gartenzwerg trifft Dachreiter



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Aus: "Call me"


Zu den optisch sehr beeindruckenden Erlebnissen der Anfangszeit fügten sich nach und nach Hintergründe, die aus Erzähltem oder aus von Büchern und Tageszeitungen Angelesenem bestanden. Natürlich bleibt das Bild letztlich subjektiv. Jedem Leser hier und jedem Besucher in China bleibt es nicht erspart, sich seine eigenen Ansichten zu bilden. Aus dieser meiner persönlichen Betrachtung heraus möchte ich ein paar Erlebnisse erzählen, die sowohl verwunderlich als oft auch gleichzeitig höchst amüsant waren.


Mein Telefon


 Wie so oft in unserer Zeit hier versagte eines Tages unser Telefon. Soll heißen, es war tot, gab keinen Ton mehr von sich. „Ach, verdammt!“, dachte ich und machte mich auf den Weg zum Management unseres abgeschlossenen Wohngebietes. Dieses liegt zentral und ist die Anlaufstelle schlechthin, wenn es Probleme im und ums Haus herum gibt. Wie immer begegnete man mir überaus freundlich und zuvorkommend mit einem mir schon wohl vertrautem Lächeln und versprach, dieses Problem selbstverständlich sofort zu beheben. Ja, ja, darauf fiel ich mittlerweile nicht mehr herein und machte mich gleich auf größere Komplikationen gefasst. Ich war unruhig. Denn aus irgendwelchen Gründen hat man hier selten mit großartigen Problemen zu kämpfen, sondern eigentlich nur mit den kleinen Alltäglichen. Ärgerlich natürlich, dass zu dem Ausfall unseres Telefons der Ausfall unseres Internets hinzukam. Sie werden nun verwirrt versucht haben, den Ausfall des Telefons mit meiner aufkommenden Panik, die Ihnen sicher beim Lesen der Zeilen nicht entgangen ist, in Verbindung zu bringen. Das kann ich Ihnen schnell mal abnehmen! In Peking gibt es zwei deutsche Magazine, den Spiegel und den Stern. Die Kosten dafür liegen meines Erachtens weit über dem Nutzen des Inhalts. Tageszeitungen gibt es in Englisch, aber um Tage verspätet, und natürlich gibt es auch englische Magazine. Diese lesen sich eher wie Regenbogenpresse. Eine Verbindung zur Außenwelt ist also am besten über Telefon und Internet möglich, wobei es natürlich bei der Nutzung vom Internet so seine Tücken gibt. Darauf gehe ich etwas später ein. Die Vorstellung, mehrere Tage lang ohne Verbindung zur Außenwelt zu sein, und darauf machte ich mich durchaus gefasst, behagte mir demnach überhaupt nicht. Im Laufe des Tages fanden sich dann auch verschiedene Handwerker bei mir ein, wobei die Verschiedenheit sich nur in Kleinigkeiten zeigte. Allesamt haben sie blaue Arbeitsanzüge an, Leinenbeutel als Werkszeugtasche auf der Schulter, alte Schuhe und meist kaputte Socken. Von den kaputten Socken weiß ich wegen der chinesischen Höflichkeit. Sie ziehen grundsätzlich ihre Schuhe aus, meist noch auf dem Treppenabsatz vor der Haustür, um auf keinen Fall den Straßendreck mit nach innen zu schleppen. Das machen sie im Übrigen nicht nur in ausländischen Haushalten, sondern immer. Die Arbeiter leben in sehr ärmlichen Verhältnissen. Sie verdienen gerade genug, um ihre Familien zu ernähren, die Miete zu bezahlen und das nötigste an Kleidung zu kaufen. Ein Handy zum Beispiel ist ein Luxus, den sich Arbeiter in der Regel nicht leisten können. Die Schuhe sind von minderer Qualität, werden buchstäblich so lange getragen, bis sie auseinander fallen, und meist besitzen diese Menschen nur ein Paar. Ähnlich verhält es sich mit den Socken, auch wenn davon ein paar mehr vorhanden sind. Sie können sich vorstellen, dass die Füße der Arbeiter in solchen Schuhen und dann noch im Sommer einen für uns Europäer ungewohnten Geruch verströmen. Deshalb muss nach dem Besuch eines Arbeiters gelüftet werden – von mir aus könnten sie die Schuhe gerne anlassen. Die Arbeiter unterschieden sich nur darin, dass jeder etwas anderes in seiner Tasche mit sich herumträgt: Ist es ein Schraubenzieher oder gar eine Zange, deutet dies auf einen Mechaniker hin. Meist haben die Mechaniker im Schlepptau ihren Capo, der zwar genauso aussieht, aber in seiner Tasche ein Sprechfunkgerät trägt. Werkzeug braucht der natürlich nicht. Ganz selten hat ein Arbeiter einen Kreuzschlitzschraubenzieher oder einen Hammer bei sich, überhaupt niemals findet sich eine Bohrmaschine. Macht nichts, denn ich habe alles zu Hause. Nur mit Telefonleitungen kenne ich mich nicht aus. Zu erwähnen ist vielleicht noch, dass der Besuch eines Arbeiters Zeit kostet - viel Zeit. Die werden nämlich immer gleich schlecht bezahlt, egal, wie schnell sie arbeiten. Aber, Oh Wunder! Am Abend klingelte mein Telefon. „Reife Leistung“, bemerkte ich zum Telefon schlurfend. Ich hob den Hörer ab und meldete mich. Am anderen Ende vernahm ich die Stimme eines Mitarbeiters aus dem Management. Dieser fragte mich gleich unumwunden, ob denn mein Telefon wieder funktionieren würde. Nein, wir sprechen telepathisch miteinander und halten nur aus Gewohnheit den Hörer ans Ohr. Warum mein Telefon nicht ging, blieb im Dunkeln, und warum es so schnell wieder funktionierte, auch. Nun hatte ich wieder einmal die Erfahrung gemacht, dass man hier niemals mit dem rechnen kann, was man sich vorab vorgestellt hat.


Aus: "Mei you" - "Haben wir nicht"


Zweifellos sind wir Menschen so gestrickt, dass uns immer irgendetwas stört. Wenn nicht an uns selbst, dann wenigstens an anderen. In unserer globalen Gesellschaft gibt es dafür reichlich Gelegenheit und ich gestehe, ich bin weit davon entfernt, mich nicht über dies und das aufzuregen oder zumindest meine Meinung kund zu tun. Das werden Sie sich sicher schon gedacht haben, oder? Oft hört man von Chinesen, wenn man etwas möchte: „Mei you“ – Haben wir nicht. Dieser Satz belustigte mich anfangs. Allerdings musste ich leidvoll erfahren, dass dieser Ausspruch auch dann angewendet wird, wenn Ihr Gegenüber keine Lust hat, etwas für Sie zu tun oder er Sie einfach schlichtweg nicht leiden kann. In der chinesischen Kultur ist es nicht vorgesehen und vor allem nicht erwünscht, seine Meinung über andere öffentlich herauszuposaunen. So haben sich die Menschen hier einen eigenen Weg gesucht, Unangenehmes zu umgehen, ohne direkt zu sagen, was sie gerade denken. Hier wird sozusagen permanent indirekte Rede verwendet. Lebt man nun eine gewisse Zeit in China, kann man gut auseinander halten, wann etwas wirklich nicht zu haben ist oder ob der Händler aus anderen Gründen mit diesem Satz reagiert. Neulinge fallen zu 100 % darauf herein. Gerade im Geschäftsleben entstehen ausländischen Firmen dadurch viele Kosten und Unannehmlichkeiten. Hier hört man etwa von chinesischen Partnern etwas wie, dass kein Budget vorhanden wäre. Sie wollen also etwas, aber Ihr Partner möchte es nicht geben. Das kann verschiedene Gründe haben. Haben Sie dieses System durchschaut, werden Sie Ihr Gegenüber ebenfalls mit indirekten Reden - etwas anderes würde ein Chinese nicht wirklich akzeptieren - zu überzeugen wissen. Funktioniert nicht immer, aber es wird wahrscheinlicher, je intensiver die Bemühungen sind. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass nur diejenigen Menschen mit den Chinesen klar kommen, die ihre Regeln befolgen. Ärgern Sie sich, müssen Sie lernen, sich nicht lautstark aufzuregen, sondern mit einem freundlichen Lächeln Ihre Meinung mit Tricks kundzutun. Das ist keinesfalls verwerflich, nicht in China. Es ist dort Gesprächskultur und die muss man lernen. Beispielsweise ist es viel wert zu wissen, dass Chinesen in der Regel nichts tun würden, was Kindern schadet. Sie können nun bei der Hälfte Ihrer Probleme mit Ihrem Gegenüber etliche Fakten aufzählen, die angeblich oder auch wirklich deren oder Ihren Kindern schaden. Ich habe keinen Chinesen erlebt, der daraufhin nicht versucht hätte, mir meinen Wunsch zu ermöglichen oder zumindest entgegen zu kommen. Dabei ist es völlig unerheblich, ob Ihr Gegenüber Ihren Ausführungen glauben schenkt oder überhaupt versteht, wovon Sie reden. Wichtig ist nur, dass Sie überzeugt klingen und er das Gefühl hat, Sie handeln einzig im Interesse der Kinder. Nun ist dieses Beispiel eher für den privaten Bereich geeignet. Eine ebenfalls gängige Praxis unter Eingeweihten besteht darin, bereits im Vorfeld, also vor dem Auftreten von Problemen, Komplimente zu machen und Leistungen zu loben. Dies unabhängig davon, wie die Leistung tatsächlich bewertet wird. Auch kleinere Aufmerksamkeiten sind sehr hilfreich. Nun schuldet er Ihnen etwas und wird sich hüten, Ihr Anliegen zu ignorieren. Ob der Ausgang allerdings so ausfällt, wie es Ihr Wunsch ist, wissen Sie erst später. Hier ist Flexibilität im eigenen Denken gefragt und die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen. Aber Obacht! Chinesen verhandeln immer. Auch in Fällen, wenn eine Glühbirne ausgetauscht werden soll. Stehen Sie am Ende auf der Leiter, drehen die Birne ein und er hält die Leiter, hat er besser verhandelt. Wenn Sie eine Einladung zum Essen aussprechen und Ihrem Gast die Wahl zwischen zwei Lokalen lassen, wird er Sie fragen, welches Sie bevorzugen. Er wird das andere wählen. Nicht um Sie zu ärgern, er kann nicht anders. Als Europäer ist es Ihnen im Prinzip egal und Sie fügen sich. Das wiederum finden Chinesen langweilig. Ein Punkt Abzug für Sie. Chinesen spielen weiter, sie lassen sich dann von Ihnen die ungeheureren Vorteile des Lokals Ihrer Wahl aufzählen. Lassen Sie sich darauf ein, wird Ihr Gegenüber am Ende Ihrem Lokal den Vorzug geben. Sie sind nun zufrieden, haben Sie sich doch gerade völlig verausgabt. Er nicht! Sie haben etwas Wesentliches vergessen: Auf keinen Fall dürfen Sie versäumen, ihm auch noch die Vorteile des anderen Lokals gegenüber zu stellen. Ansonsten glaubt er, Sie dächten, er hätte keine Ahnung, um welche beiden Lokale es sich handelt. Wiederum ist irrelevant, ob dem tatsächlich so ist oder nicht. Sie schließen jedenfalls mit dem Satz: „Mein lieber Freund, ich vertraue Ihnen und bin mir sicher, dass beide Lokale hervorragend sind. Ich freue mich auf einen Besuch mit Ihnen in dem von Ihnen gewählten Lokal. Bei einem nächsten Treffen können wir dann das andere ausprobieren.“ So zeigen Sie ihm, dass Sie an einer längerfristigen Beziehung interessiert sind, in die es lohnt, dass auch er investiert. So geht das im Prinzip den ganzen Tag und in jeder Lebenssituation. Das finden Sie anstrengend? Man gewöhnt sich daran und die Erfolge geben einem Recht, dass es so und nur so für beide Seiten zufrieden stellend läuft. Eine Umstellung fürwahr, aber eine Kostbare, um so mehr, wenn Sie in China Geschäfte machen wollen.


Kopien Plagiate!


 Dieses Wort ist spätestens seit der Öffnung Chinas in aller Munde. Früher nannte man es Fälschungen oder billige Kopien. Das, was sich dahinter verbirgt, ist gleich geblieben. Die Anzahl der Plagiate, die uns überschwemmt, nicht. Darf man sich jedoch nicht mit selbigen erwischen lassen. Ein Tourist streicht verunsichert durch die vielen Läden in Chinas Metropolen. Aber woher wissen, was echt und was gefälscht ist? Sind es doch ganz normale, auch in Deutschland übliche Ladengeschäfte und nicht etwa Straßenhändler mit Bauchläden und dem nervösen Blick, den wir aus Filmen kennen. Vorweg sei gesagt, die chinesische Regierung lässt immer wieder verlauten, dass sie sich bemüht, der Produktpiraterie Herr zu werden. Nehmen wir die sicherlich schon bekannten CD und DVD Shops. In ihnen finden sich Regale mit nach Genre sortierter Musik und Filmen. In uns durchaus gebräuchlichen Packungen, aber auch in einfachen Hüllen. Selbstverständlich werden wir beruhigt ob der Frage nach evtl. Fälschungen. Alles echt! Gut, der Preis von einem Euro pro DVD macht uns stutzig, aber kann man dies nicht durch die niedrigen Löhne und Materialkosten in China erklären? Im Ernst liebe Leser! Es gibt kaum einen Laden in Peking, der teurere DVDs und Musik CDs führt. Und die - es sind nicht mehr, als ich Finger an einer Hand habe - sind spezielle Touristenläden, in denen alles um ein Vielfaches teurer ist als woanders in der Stadt. Das gilt auch für einheimische Handarbeiten. Das lässt durchaus den Schluss zu, dass es sich eben in diesen besonderen Läden nicht um Fälschungen handelt, sondern um normal bepreiste Ware. Oder wie würden Sie das interpretieren? Unter den billig angebotenen Waren existieren feine Unterschiede, die unser Tourist unmöglich erkennen kann. Zum einen erhält man einfache Kopien. Sie sind in der Qualität deutlich schlechter und meist gerade den Preis wert, der verlangt wird. Ein T-Shirt für 2 Euro hält in der Regel auch nur fünf bis zehn Wäschen aus. Zum anderen gibt es Artikel, die in China hergestellt wurden und von denen aus unerfindlichen Gründen ein paar Hunderttausend aus den Fabriken verschwinden und auf dem Markt landen. Wenn Sie solche Artikel erwischen, dürfen sie mit Recht von einem Schnäppchen sprechen, sieht man davon ab, dass Sie sozusagen von einem Diebstahl profitieren. Sie haben dann Originalware von hoher Qualität zu einem sensationellen Preis erworben. Ich habe mir sagen lassen, dass diese Praxis weit verbreitet ist und erklärt, warum es von bekannten Kleidungsmarken so gute Qualität günstig in China gibt. Aber aufpassen! Das gilt nur für Firmen, die tatsächlich in China fertigen. Auch folgende Praxis ist angeblich kein Einzelfall: Eine ausländische Firma ordert z.B. 50.000 T-Shirts von ihrem Partner in China. Mitarbeiter der chinesischen Firma fertigen einfach das Doppelte oder Dreifache und verkaufen den Überschuss im eigenen Land. Lustig, nicht wahr? Wenn ich ab und an die Berichte ausländischer Firmen verfolge, die sich über die Produktpiraterie aufregen und nicht in der Lage sind, ihre Produktion besser zu verfolgen - selber schuld, kann ich da nur sagen.


Aus: Leben und lieben die Chinesen ihre Alte Kultur?


Vor einigen Jahren wollte die Regierung in der unmöglichen Zeit von vier Monaten die Gebäude im chinesischen Regierungsviertel an der Chang’an Straße, samt selbiger renovieren und zum Teil neu erbauen. Irgendwie schaffte es die Regierung, Millionen von Menschen zu motivieren, sieben Tage die Woche neben ihrer eigentlichen Arbeit an dieser Baustelle mitzuarbeiten – freiwillig und ehrenamtlich! Und nach nur vier Monaten diese Baustelle ab zu schließen. Die von mir befragten Chinesen sind mit Recht heute noch mächtig Stolz auf diese Leistung. Stolz darauf, etwas schier Unmögliches schaffen zu können. Chinesen haben aber auch die Gewissheit aus der Vergangenheit, dass sie ein intelligentes Volk sind, das durchaus in der Lage ist, jedem anderen Volk das Wasser zu reichen. Es ist meiner Meinung nach nicht ganz utopisch zu behaupten, dass die Mehrheit der Chinesen mit der Zeit eine eher westliche Regierungsform fordern wird. Aber was wird aus der chinesischen Kultur? Die intensive Beschäftigung mit Chinas Kultur ist längst überfällig für westliche Regierungen. Ach, wie viele Besuche von ausländischen Journalisten, Regierungsvertretern und anderen offiziellen Persönlichkeiten gab es doch schon in der Vergangenheit! Wie viele Berichte über einzelne Themen wurden optimistisch unseren Augen in den westlichen Zeitungen vorgelegt! Da war doch jemand, der hat sich mit eigenen Augen und Ohren überzeugt. Hat mit Menschen aus dem Volk gesprochen. Die Regierung tut etwas! Ja aber was? Offizielle Besuche sind immer und ausnahmslos von der Regierung organisiert. Das bedeutet in China nicht wie in Deutschland den reinen Ablauf des Besuches. Die Regierung hat ein Talent, alles, wirklich alles, von der Landschaft, den Gebäuden bis hin zu den Menschen zu organisieren und dem Besuch anzupassen. Wie ein gutes Theaterstück eben. Sie versteht es, jedem Besucher das Gefühl zu geben, etwas Außergewöhnliches gesehen zu haben. Dies schließt durchaus nicht gerade rühmliche Praktiken der Regierung mit ein, wenn ihr bewusst ist, dass die westliche Welt mit etwas nicht einverstanden ist. Man gibt sich demütig und nicht fehlerfrei mit dem Willen, es in Zukunft besser zu machen. Kleine Teile werden verändert, aber nach meinem Eindruck eben nicht mit dem Willen, es flächendeckend durchzusetzen. Leider sind solche Sachen nicht zu beweisen. Natürlich stimmt das, was die westlichen Beobachter gezeigt bekommen, zumindest in der Inszenierung. Durch Weglassen wesentlicher Punkte entsteht bei westlichen Berichterstattern ein gekonnt beeinflusster Eindruck dessen, was die Regierung scheinbar beabsichtigt. Das Geniale an dieser Sache: Dem Vertreter aus dem Westen wird suggeriert, sich durch freies Denken seine Meinung gebildet zu haben. Sie kennen sicher diese Art von Fallbeispielen, bei denen durch Weglassen oder Zufügen eines Wortes ein Satz eine völlig andere Bedeutung erlangt. So ähnlich können Sie sich dies Vorstellen. Neidvoll anerkannt sind Chinesen Meister in ihrer Art, unbequeme Sachverhalte sprachlich abzuschwächen und sich nicht festzulegen. So, wie ein gemeiner Chinese die indirekte Art im Alltag verwendet, können auch die Regierenden nicht aus ihrer Kultur heraus. Die Händler- und Krämermentalität wird gnadenlos eingesetzt, um die westliche Welt auf die Leiter zu stellen, damit sie selbst nicht die Glühbirne in Chinas Wohnzimmer eindrehen müssen. Sätze wie: „Wir wissen um die bedrohliche Lage der Menschen am Ufer des Yangtse. Unser Anliegen ist es, dies nicht aus den Augen zu verlieren“, suggeriert, dass man das Problem ernst nimmt und nach Lösungen sucht. Die beiden Sätze an sich drücken dieses aber nicht aus. Um etwas zu wissen und es nicht aus den Augen zu verlieren, bedeutet jedoch keineswegs, etwas zu tun oder genug zu tun.


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