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Reiseberichte
Buch Leseprobe Fern ab, Ilona Kromer
Ilona Kromer

Fern ab



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Tropenträume



Der Atitlán-See

Die Sommerzeit beginnt. Bergketten bilden ein natürliches Becken, wie geschaffen für den See, sich hinein zu betten. Am frühen Morgen liegt er still und friedlich da. Die Wolken spiegeln sich in seiner klaren Oberfläche. Seine Ausläufer erreichen steinige bis samtig grüne Ufer, die Füße der Berge, an die sich ringsum kleine Dörfer schmiegen. Sie bieten Zuflucht für er­schöpfte, gehetzte, europäische Seelen, wie sie einladend ihre Bootsstege zum Willkommensgruß ausstrecken. Die morgendliche Wärme steigert sich zu einer beinahe unerträglichen, atemlosen Hitze um die späte Mittagszeit. Danach ziehen schwere Wolken auf, die helle Haut vor der Höhensonne schützen und die Berggipfel schicken kühlende Winde auf Seehöhe. Die Oberfläche des Sees beginnt sich zu kräuseln. Die Überfahrt wird turbulenter. Wenn ein Boot die Fahrrinne eines anderen kreuzt, springt es leicht in die Höhe und kommt mit einem Klatschen wieder auf dem wirbelnden Wasser auf. Am Abend und in der Nacht breitet sich eine stille, dunkle Kühle wie eine Wohltat für erhitzte Körper aus. Spektakulär werden die Nächte, wenn der Regen kommt. Kein einfacher Nieder­schlag, sondern donnerndes Trommeln begleitet von Strom­ausfall prasselt auf den dankbaren Boden nieder. Er legt sich wie ein Mantel um jedes Leben in den Dörfern und schützt es wie ein großer Bruder vor eindringenden Geräuschen in seiner Nachtruhe. Am nächsten Morgen erwacht das Leben zu einer neuen Runde im gleich­för­migen Rhythmus der Subtropen. Die Luft ist erfüllt von einer unglaublichen Süße. Mögen es die Früchte sein, die ihren Duft freigiebig verströmen. Der Kaffee ist gesüßt. Auch dem frisch gepressten Saft wird Zucker beigemischt. Der Rauch von verbranntem Holz steigt süßlich in Richtung Himmel. Gegen Nachmittag verwandelt sich die Süße in eine abgestandene Fäulnis, die erst in der Nacht davon getragen wird.



San Pedro

San Pedro ist ein 11.000 Seelen zählendes Dorf, das am See beginnt und sich den Hügel hinauf windet. Kommt man bei Tageslicht am Dock von Panajachel, San Marcos oder San Pablo an, sieht man die Cafés am Dock und beigefarbene, halbfertige Häuser sich zwischen Grün er­strecken. Nicht wirklich einladend. In nächtlicher Dunkel­heit tanzen bunte Lichter dem Auge Irrspiele vor. Die Wirklichkeit bleibt im Schwarz der Nacht verborgen. Ein schmaler, holpriger Pfad führt vom Bootssteg aus direkt den Berg hinauf ins Zentrum des Geschehens. Das größte Gebäude ist die unschuldsweiße, katholische Kirche, in der zu jeder Tageszeit betende Frauen in Mayatracht mit Decken über dem Kopf anzutreffen sind. Von der Mitte des gewölbten Daches an die Seiten der Kirche, sind Gardinenbahnen gespannt als hingen sie Spalier für die Gläubigen. Im umzäunten Garten vor der Kirche steht eine große Statue von einem Künstler aus San Pedro: der Heilige Petrus und ein Hahn. Dreimal wirst du vor Tages­anbruch den Herrn verleugnen. Dreimal wird ein Hahn krähen. Die Skulptur hat Witz. Eine fast grotesk dicke Nase hat der Künstler dem Heiligen Petrus geschenkt und ein schelmisches Lächeln. Einen dicken Schlüsselbund hält er in der Hand. Neben der Kirche befindet sich ein Baseballplatz, der sonntags ganz vom angrenzenden Markt eingenommen wird. Lebensnotwendigkeiten und Nippes sind dort erhältlich: kleine Haarklammern, die bei Sonnen­einstrahlung von transparent zu rosa, gelb oder hellblau wechseln und ein kleines Kätzchen tragen. Obst und Gemüse gibt es, vieles davon dem europäischen Auge unbekannt. Gewürze in frischer und getrockneter Form. Hibiskusblüten für den so beliebten Rosa de Jamaica Tee. Töpfe, Tassen, Teller in schillernden Perlmuttfarben. Fleisch und Würste, Kaffee und allerlei unbekannte Pül­verchen. Über eine Straßenseite gelangt man zur anderen Seite von San Pedro, zum Santiagodock. Hier befinden sich Sprachschulen, ein Reitplatz, Cafés, Kioske, Apothe­ken, Lebensmittelgeschäfte, eine Galerie, in der man dem Künstler bei der Arbeit zusehen kann und eines oder mehrere der zahlreichen Bilder und Bildchen an der Wand kaufen kann. San Pedro ist ein gesegnetes Dorf. Ein spanisches Ärztepaar versorgt die Kranken für einen verschwindend geringen Unkostenbeitrag. Ein Projekt der spanischen Kirche. Sie bauen ein Krankenhaus, das größer sein wird und modernere Apparate haben wird als die Klinik in Solola, der Bezirkshauptstadt. Auch einen ein­hei­mischen Arzt gibt es, der für 25 Centavos Kranke heilt, Rezepte ausschreibt, die kostenlos eingelöst werden kön­nen. Die Frau des Präsidenten hat das neue Heim für geis­tig und körperlich behinderte Kinder eröffnet. Man gibt sich Mühe. Ein gläubiges Völkchen lebt hier. An jeder zwei­ten Hauswand steht geschrieben, dass nur Jesus dein Leben ändern kann, dass Christus der Herr von San Pedro sei, dass Christus komme, dass Christus dich liebe. Neben einem kommunalen Radiosender, der nachmittags auf Sendung geht und von Lehrern geführt wird, gibt es noch zwei christliche Radiostationen.

An verschiedenen Ecken verkaufen Männer und Frauen frisch gepressten Orangen- Ananas- Erdbeer- oder Honig­melonensaft. Zum Mitnehmen in kleinen Plastikbeuteln, durch deren Öffnung ein Strohhalm gesteckt wird. Es gibt keine Mülleimer in San Pedro. Dementsprechend über­laden sind Straßenseiten und Grünflächen. Ein buntes Sammelsurium aus Plastik, Aluminium, Metall und Papier zeugt von der Konsumfreudigkeit der Bewohner und Besucher.





Clarissa

An einem Morgen am Bootssteg stellt eine junge Frau einen Fuß auf die Kante eines der Boote, um gleich darauf mit Schwung ihren zweiten Fuß auf den festen, sicheren Steg aus Holz aufzusetzen. Auf dem Rücken trägt sie einen Rucksack, dessen Größe auf eine lange Reise schließen lässt. Erleichtert, sicheren Boden unter den Füßen zu haben, blickt sie sich um. Ihr Gesicht wirkt müde wie nach einer erschöpfenden Reise. Im Nacken haben sich einige Strähnen ihres Pferdeschwanzes gelöst und fallen locker auf ihre Schulter. Ihr Blick fällt auf den steilen Weg, der ins Innere des Dorfes führt. Ein holpriger Weg mit losen Steinen, abgebrochenen Treppenstufen, unachtsam zum Stol­pern verstreut.

Einen letzten Blick wirft sie in Richtung Panajachel, woher sie gekommen ist - woher sie alle kommen - bevor sie sich umdreht, um den Anstieg ins Dorf zu meistern. Drei Jugendliche springen in ihren Weg.

„Welcome to San Pedro. You need room? Cheap room? Only USD 1,50."

Lächelnde, freundlich gespannte Gesichter, deren Körper in Sportkleidung stecken. Keine armen Waisenkinder, son­dern gelangweilte Jungs, die neue Touristen begrüßen, um sich den Tag zu vertreiben. Clarissa nimmt die Sonnen­brille ab. Sie überlegt bedächtig. Vorsichtig erklärt sie, dass sie zum Sprachkurs gekommen sei, jetzt dorthin müsse, um sich einzuschreiben und alles weitere zu klären.

„We show you the way. Come with us. Not far."

Was will sie machen. Ergeben hebt und senkt sie die Schultern und folgt den Kindern den holprigen Weg hinauf. Sie strauchelt, als sie auf einen losen Steinbrocken tritt.

„O.K.?"

„Everything s o.k.."

Nach einer mühsamen Runde auf staubigen Straßen, durch schmale Gassen, an Häuserwänden entlang streifend durch das Dorf, bei der Clarissa bewusst wird, dass Fotos lügen und wohl auch die Sprachschule nicht das Idyll sein wird, das sie im Internet gesehen hat, erreicht sie mit ihren Begleitern eine weitere Baustelle. „Mayab Spanish School". Sie erkennt die Strohhüte aus dem Internet. Das halbfertige Haus war dort nicht zu sehen gewesen. Sie ist erschöpft, unterschreibt, bezahlt und lässt sich zu ihrer Gastfamilie führen. Zurück in Richtung Bootssteg, an den gleichen Baustellen und verbrannten Wiesen, schläfrigen Hunden, Ketten- und Bändchenverkäufern vorbei.

Sie streckt sich auf ihrem Bett aus, das aus einer Schaum­stoffmatratze, einem bunten Laken, einem weiteren Laken, das als Decke dient, und einem harten rechteckigen Kissen mit dem gleichen Bezug besteht. Unruhig streift ihr Blick durch das kahle Zimmer. Die Wände sind rosafarben gestrichen. An der Wand neben dem Bett hängt ein Bild, das Jesus in Mitte seiner Jünger beim letzten Abendmahl zeigt. Als einziges weiteres Einrichtungsstück befindet sich ein kleiner Tisch mit einer Decke mit Blumenmuster im Zimmer. Ein Fenster, das sich weder richtig öffnen noch schließen lässt, führt auf den Hinterhof hinaus. Davor hängt ein Vorhang mit einem anderen Blumenmuster. Sie erhebt sich, stellt ihren Rucksack auf das Bett, legt einige Gegenstände auf die Matratze, dreht sich in Richtung Tisch, nimmt einige Bücher und stapelt sie in eine Ecke. Sie ordnet ihre Unterwäsche, sortiert ihre Kleidungsstücke nach Ober- und Unterteilen. Sie versucht für alles einen Platz auf dem Tisch zu finden, möchte sich häuslich einrichten. Hier wird sie die nächsten Monate ihres Lebens verbringen.

Zum Abendessen gibt es Bohnen mit Spiegelei. Die Familie lächelt sie freundlich an. Sie versteht kein Wort. In der Nacht beginnt ihr Magen sonderbare Geräusche von sich zu geben.



Jako

Im Hostal sitzt ein junger Mann an einem Tisch vor seinem Laptop. Die Finger liegen kurz über der Tastatur als warte­ten sie nur auf den Befehl loszulegen. Jako löst seinen Blick vom Monitor, löst eine seiner Hände aus ihrer erstarrten Position und schiebt den weißen Spitzenvorhang zur Seite. Ein bisschen Berg sieht er, vor dem sich ein weißes Gebäude, auf das in grellblauen Buchstaben „Cole­gio" gepinselt ist, abhebt. Seit zwei Tagen hat er sich nicht aus seinem Zimmer bewegt. Dafür hat er sich mit Wasser, Mirinda, Brot, Käse und einigen Tüten Chips eingedeckt. Draußen scheint die Sonne. Ein paar Touristen wandern den Pfad vor seiner Herberge entlang. Vermutlich suchen sie den Strand. Nebenan streitet sich ein Paar. Es könnten Italiener sein. Er versteht kein Wort. Wasser strömt durch die Leitungen des Hauses. Ein lautes Rauschen, das immer unendlich anzudauern scheint. Er lässt den weißen Vor­hang wieder an seinen angestammten Platz zurückfallen. Staubpartikel fallen durch die klare, sonnendurchströmte Luft. Erschöpft lässt er sich auf seinen Stuhl zurücksinken. Seine Finger trommeln einen Rhythmus auf der Holztisch­platte. Er lässt den Kopf in den Nacken gleiten, sodass sei­ne Augen den braun-grünlichen Schimmelfleck treffen, der sich über seinem Arbeitsplatz ausgebreitet hat. Hinter ihm ist eine der beiden dunklen Schranktüren geöffnet und gibt den Blick frei auf seine wenigen Habseligkeiten, die ihn begleiten. Rechts daneben steht ein breites Bett, auf dem zwei Matratzen übereinandergestapelt liegen. Die Bett­wäsche ist in einem undefinierbaren Grau gehalten. Über dem Bett hängt ein Holzkreuz, an dem ein vergoldeter Rosenkranz baumelt. Die morgendliche Wärme staut sich im Zimmer. Das Fenster bleibt ungeöffnet.

Gustav

„Verflucht! Warum geht diese verdammte Türe nicht auf!" Ein junger Mann steht schwankend im schwach beleuch­te­ten Flur eines Hotels und versucht angestrengt, den Schlüs­sel im Schloss einer Türe zu drehen. Wie so oft lehnt sich Gustav matt an den Türrahmen und begreift, dass er zum wiederholten Male die Zimmertüre abgeschlossen hat, statt sie aufzuschließen. Wie immer zu dieser dunklen Stunde richtet er sich auf, klopft sich innerlich auf die Schulter, dass er zumindest das Schlüsselloch getroffen hat und macht sich erneut an die Arbeit. Als die Türe schließlich aufspringt, stolpert er über die Schwelle, kann sich nicht auf den Beinen halten und fällt auf den Steinboden, auf dem ein gewebter, bunter Teppich liegt. „Verdammt", er rappelt sich auf, tastet sich zur Wand und erreicht mit einiger Mühe den Lichtschalter. Der Strahl der unge­schützten Glühbirne erfüllt den Raum und lässt ihn irritiert seine Umgebung anblinzeln, als nähme er sie zum ersten Mal wahr. Entmutigt lehnt er an der Wand und schubst mit einigen unbeholfenen Versuchen die Türe zu. Er atmet tief durch, bereitet sich mental auf den Weg in sein liebevoll gemachtes Bett vor. Unberührt liegt das rote Kissen in der Mitte, von einer roten Decke mit Stickereien am oberen Ende halb bedeckt seit dem späten Vormittag. Einladend, da einziges Möbelstück in dem ansonsten rosafarben ge­strichenen Zimmer. Durch das halbgeöffnete Fenster dringt ein kühler Nachtwind, der den rot-rosa-grün gemusterten Vorhang kleine Tanzbewegungen ausführen lässt. Mühe­voll erhebt sich Gustav und wankt in Richtung Bett, auf das er sich voll bekleidet fallen lässt. Seine Füße hängen an der einen Seite in der freien Luft. Mit einem Seufzen rollt er sich auf die Seite, schafft es noch die Schnallen seiner Trekkingsandalen zu lösen und von sich und dem Bett zu kicken, bevor er wie ein ans Kreuz genagelter Jesus zurück auf das frisch gemachte Bett fällt. Völlig unbeirrt ob seines Alkoholatems schwirren Insekten um die nackte, immer noch brennende Glühbirne an der Zimmerdecke.



Nico

In der Gewissheit, dass es sich um das Zimmer handelt, das ihr eben an der Rezeption zugewiesen worden war, boxt die junge Frau mit einem Rucksack auf der Brust und auf dem Rücken, sowie einer Plastiktüte in jeder Hand, die Zimmertüre mit einem leisen Knarren auf, das in einem lauten Knallen an der Wand endet. Vor ihr steht ein Bett, in dem ein zerwühlter, zusammengekauerter, vollständig bekleideter, junger Mann liegt, der in eben dem Moment, als sie ihren Irrtum bemerkt, die Augen öffnet und einige unverständliche Worte vor sich hin grunzt. Die junge Frau stammelt eine Entschuldigung, versucht die Klinke der weit offenen Türe zu greifen, wobei ihr eine ihrer Plastik­tüten mit einem für die Stille des Raumes ohrenbe­täu­ben­den Knistern zu Boden fällt. Nach einer weiteren Entschul­di­gung gelingt es ihr, die Tüte aufzuraffen und die Türe hinter sich zu zuziehen. Der junge Mann hat inzwischen die Augen geschlossen und wird den kurzen Vorfall hof­fent­lich als eine albtraumähnliche Störung seines Schlafes vergessen. Tief durchatmend untersucht Nico die stark ver­blasste Nummer, die einmal in strahlendem Weiß an die graue Türe gemalt worden sein musste. 28 nicht 20. Sie tapst weiter den Flur entlang, den Kopf über die Anord­nung der Zimmernummern schüttelnd und findet schließ­lich die Türe, auf der in leuchtend roten Ziffern die Zahl 20 gepinselt ist. Sie lässt sich nicht von alleine öffnen. Unge­schickt fischt sie den Schlüssel aus der Tasche ihrer Jeans­hose und entdeckt nach zweimaliger Verwunderung, dass sie abschließt und versucht die ungewohnte Drehung Rich­tung Türschloss mit Erfolg. Die Türe springt auf. Sie steht in einem ebenso rosafarbenem, kargen Zimmer wie dem, das sie eben fälschlicherweise betreten hatte. Erschöpft, aber glücklich am Ziel zu sein, lässt sie ihre Plastiktüten auf den Boden sinken, legt den vorderen Rucksack ab und lässt den anderen mit zusammen gebissenen Zähnen von ihren sonnenverbrannten Schultern gleiten. Neugierig dreht sie sich im Kreis. Ihr Bett ist mit einem blau-weiß gestreif­ten Sträflingsstoff bezogen. Über dem Bett hängt eine kleine Reagenzglasvase, in der eine vereinzelte, kummer­voll wirkende, orangefarbene Plastikblume steckt. Sie tritt ans Fenster, schiebt den dunkeltürkisfarbenen Stoff mit den Blumenstickereien am unteren Ende beiseite, öffnet die beiden Flügel mit einem ungesunden Quietschen und wird mit einem Ausblick auf den glänzend blauen See, an dessen Ufern sich die Berge im hellen Licht des Vormit­tags bis in die Wolken strecken, belohnt.



Francesco

Zurückgelehnt in einem Sessel vor einer Staffelei mit einem halbfertigen Bild, einer Zigarette in der einen Hand, einer Tasse mit dampfendem, schwarzen Kaffee in der an­de­ren, in einem Raum, der zur Hälfte aus Fenstern besteht und einen idyllischen Blick auf den See bietet, sitzt ein junger Mann mit unzufriedenem Gesichtsausdruck. Unwil­lig dreht er den Kopf zur Seite, um den Aschenbecher auf dem Beistelltisch neben seinem Sessel zu treffen. Er erhebt sich, wirft einen verächtlichen Blick auf sein Bild, das ihm nicht gelingen möchte, drückt den Rest seiner Zigarette in den Aschenbecher, umklammert die Kaffeetasse mit beiden Händen und schlendert durch den Raum an die Fenster­front, an der er stehen bleibt, um den See zu betrachten. Boote kreuzen ihre Wege. Kajakfahrer wiegen sich nahe des Ufers. Die Mittagshitze knallt ihnen unbarmherzig auf Kopf und Schultern. „Malerisch", denkt der junge Mann und verzieht angewidert das Gesicht. Er wendet seinen Kopf nach links, sodass er den holprigen Steinweg, der sich den Berg hinauf an seinem Haus vorbei schlängelt, überblicken kann. Zwei junge Mädchen in Mayatracht mühen sich mit Körben auf dem Kopf, in denen sich ent­we­der Schokokuchen, Bananen- Kokos- oder Zimtbrot, Spiel­zeugpuppen oder Armbänder befinden, über die Steine. „Malerisch", entfährt es dem jungen Mann.

In diesem Moment betritt eine junge Frau, ebenfalls tradi­tionell gekleidet, das Zimmer. Sie sieht das halbfertige Bild und Francesco an der Fensterfront stehen.

„Es will nicht klappen", bemerkt sie. Von ihrem leisen Eintreten überrascht, dreht sich Francesco um und lächelt. „Nein, Süße. Kein Glück heute." Sie durchquert den Raum, tritt zu ihm ans Fenster und küsst ihn zur Begrüßung. „Ich sehe ihn ununterbrochen vor mir. Aber ich kann ihn nicht malen. Oder vielleicht könnte ich ihn malen, dürfte ich ihn mit meinen Augen sehen und müsste nicht aus dem schmei­chelnd idealisierenden Blickwinkel des US-Touris­ten sehen, an den ich das Bild zu verkaufen gedenke." „Mach eine Pause und male, was in deinem Kopf vorgeht", liebevoll streicht sie ihm über die Stirn. „Genau das mache ich seit drei Wochen, aber auch das will mir nicht mehr gelingen, weil ich ständig im Hinterkopf habe, dass ich etwas produzieren muss, mit dem ich Geld verdie­nen kann", niedergeschlagen legt er seinen Kopf an ihre Schulter. Sanft zieht sie ihn an sich. „Aber ich verdiene auch Geld. Davon können wir doch ganz gut leben." Mit blassem, leeren Gesicht sieht er sie an. „Weißt du noch, wie unglücklich deine Familie über unsere Hochzeit war, Cony? Und dass ich versprochen habe für dich zu sorgen." „Aber das tust du doch. In deiner Gegenwart fühle ich mich wohl. Mit dir kann ich frei sein. Du brauchst einfach nur Ablenkung. Triff neue Menschen. Sei nicht so ver­krampft, dann fällt es dir leichter unsinnige Bilder für anspruchslose Touristen zu malen. Und deine eigentliche Arbeit, die dir am Herzen liegt, wird auch wieder bessere Fortschritte machen." Sie hält sein Gesicht zwischen ihren Händen und sieht ihn eindringlich an. „Du kannst nicht aufgeben. Ich brauche dich auch."



Gustav

Mit einem schlechten, abgestandenen Geschmack, trotz mehrmaligem Zähneputzens, sitzt Gustav in einem Café vor einem Bier und einer Riesenportion Nachos mit Guaca­mole, Käse und roter Salsa. Müde und gelangweilt schau­felt er ein Maisdreieck nach dem anderen in den Mund und spült zwischendurch mit der 1 Liter Flasche Gallo nach. Ein weiterer Tag ohne Ereignisse, ein weiterer Tag in ei­nem heißen, lärmenden Bergnest, in dem er gefangen ist. Sein Kopf dröhnt wie ein Hornissennest. In ein paar Stun­den werden neue, feierbereite Ankömmlinge die Szenerie betreten, deren „bester Freund" er binnen einiger Stunden und einiger Gläser Wodka & Orange sein wird. Wenn er nicht allzu viele Drinks vernichtet haben wird und sich eine willige Rucksacktouristin finden lässt - und das ist eher selten das Problem - wird er sie abschleppen können. Wahr­scheinlich wird sie sogar froh sein, dass sie für die Nacht kein Hotelzimmer bezahlen muss. Ein Guacamole-Salsa-Gemisch tropft von dem Nacho, den er gerade in seinen Mund schieben möchte, auf sein Kinn. „Verflucht", ärgerlich wischt er den Tropfen mit seinem Handrücken ab, entdeckt, dass die Masse doch größer war, als erwartet und muss zur Serviette greifen. Mit dem Handrücken fasst er an seine Stirn. Ihm ist heiß. Seine Haut brennt. Er sitzt unge­schützt in der erbarmungslosen Sommersonne.


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