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Reiseberichte
Buch Leseprobe Der schwarze Horizont, Günter Claas
Günter Claas

Der schwarze Horizont



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Die Sonne stand bereits hoch am Himmel und würde in kaum mehr als einer Stunde ihren höchsten Stand erreicht haben. Vom Meer wehte ein leichter Wind in das Land hinein und vermischte dort den typischen Geruch salzigen Wassers mit dem betäubenden Duft der weiß und gelb leuchtenden Blüten der Frangipani-Bäume, dem von Akazien, verschiedenfarbigen Hibiskus Sträuchern, Oleander, Mangobäumen und dem vieler anderer tropischer Gewächse. Wie schon seit Urzeiten hatte das Wasser des Indischen Ozeans auch heute wieder den Kampf gegen die unbekannten Mächte verloren, die es für viele Stunden an einen fernen Ort riefen. Vergeblich hatten die vom Horizont in unendlicher Folge heran rollenden Wellen versucht, sich am Rand des Ufers und den schroffen Korallenfelsen des Riffs festzukrallen, um dem Sog zu entgehen. Doch sie mussten dem Ruf der Mächtigen gehorchen.


Widerwillig gaben sie zunächst den Strand und damit den herrlich weißen Sand frei. Gluckernd, rauschend und murrend hatten sie sich dann langsam von dem vorgelagerten Riff zurückgezogen. Danach dauerte es nicht mehr lange; ihr Widerstand war gebrochen. Die tiefblaue Oberfläche des Ozeans bestand nur noch aus ruhig dahin fließendem Wasser. Nur einige kleine, plätschernde Wellen zeugten davon, dass sich nicht alle dem Zwang der Mächtigen beugen wollten. Doch auch sie würden auf die Stunde warten müssen, in der die Mächtigen sie wieder an den heimatlichen Strand zurückführen würden.


Er hockte auf dem Platz, der ihm schon seit sehr vielen Jahren als Ausguck diente. Vor ihm lagen der gleißend weiße, nun von allem Wasser verlassene Strand und die unbedeckten, großen Flächen des Korallenriffs. Nur noch wenige verbliebene Tümpel zeugten davon, dass sich dieses noch vor kurzem in einiger Tiefe unter dem Wasserspiegel befunden hatte.


 


Sein Blick glitt zu der Stelle hinüber, an der sich das Meer und der Himmel zu einer gemeinsamen Linie zusammenfanden. Dann drehte er sich herum und sah über die Ebene hinweg bis hin zu den in der Ferne liegenden Shimba Hills. Wo immer er auch hinschaute, überall gab es Ansiedlungen, zerschnitten Straßen und Wege das Land. Sie hatten sich wie Narben in das Gesicht dieser Natur eingegraben. In eine Landschaft, die vor vielen Jahren von üppig wachsenden Urwäldern bedeckt war. Die unendliche Anzahl riesiger Hartholzbäume, der Schirmakazien, der Raphie- und Doumpalmen, der Wildfeigen, der Bäume und Böden bewachsenden Orchideen und vieler anderer Gattungen war dem Landhunger der Menschen zum Opfer gefallen. Die weiten Kurz- und Langgrassavannen waren verschwunden und damit auch die Artenvielfalt der Tierwelt. Längst hatten Nutzpflanzen aus Europa Einzug gehalten und einheimische Gewächse verdrängt. Auf den früher von dichtem Busch bewachsenen Flächen wurden nun Mais, Zuckerrohr, Weizen, Bananen, Orangen, Cashewnüsse, Baumwolle und anderes angebaut und geerntet. Mit den Urwäldern waren auch die heiligen Stätten des Digo Volkes, die Kayas, verschwunden; die entlang der Küste lebenden Elefanten, Nashörner, Giraffen, Löwen, Leoparden, Hyänen und viele der anderen Tierarten ausgestorben.


 


Rechts vor ihm lagen - wie zwei Inseln aus der Vorzeit - die Reste des Diani- und des Jadini-Urwaldes. Nur hier gibt es noch wenige Tierarten, die bis jetzt überlebt haben, dachte er.


Darunter sind seltene Vogelarten wie der Uluguru- und der Olivennektarvogel. Auch Hörner tragende Blauducker, die kleinen, sich nur in Wäldern aufhaltenden Antilopen, sind hier zu finden. Paviane, wenige Buschschweine, Wasserböcke, Zibet- und Ginsterkatzen, Stachelschweine, Mangusten, Warane, Grüne Meerkatzen, viele Vogelarten, darunter Webervögel und Glanzstare sowie einige Schmetterlingsarten leben dort noch weitgehend ungestört in den Verstecken, die der Dschungel ihnen bietet. Doch er war sicher, dass auch dieses Refugium der Tiere irgendwann dem unersättlichen Landhunger und der Unbedachtsamkeit der Menschen gegenüber der Natur zum Opfer fallen würde.


Der riesige Baobab-Baum, auf dem er saß, war einer der wenigen Überlebenden aus früherer Zeit. Seit mehr als sechshundert Jahren hatte er allen Stürmen, Dürren und Feuersbrünsten widerstanden. Es bedurfte schon der Arme von sechzehn Männern, um seinen riesigen Stamm zu umfassen. Der uralte, knorrige Baumriese stand inmitten einer weitläufigen Hotelanlage, die hier vor wenigen Jahren erbaut worden war und ständig Besucher aus aller Welt beherbergte.


Aus großer Höhe herabblickend, sah der einsame Beobachter auf den großen Swimmingpool und die diesen umgebenden Liegen hinab, die den Gästen zur Entspannung dienten. Es war erst Anfang November und zu diesem Zeitpunkt hielt sich das Gewirr der Stimmen, die zu ihm hinauf drangen, noch in Grenzen. In wenigen Wochen würde sich dies ändern. Dann würden die Tage vom endlosen Lärm spielender Kinder und den Gesprächen der Erwachsenen geprägt sein.


 


Er wusste, niemand konnte ihn hier oben entdecken. Keiner würde es sehen oder bemerken, wenn er von diesem Baum herabstiege, zu einem anderen Ort ginge oder sich zu den Menschen unter ihm begäbe. Denn er war körperlos. Er war einer der ausgesuchten Verstorbenen, deren Seele es gestattet war, im Land der Väter, Ahnen und Urahnen zu verbleiben.


 



Es war sein Baobab, auf dem er saß. Er selbst hatte diesen Baum als Schössling an dieser Stelle eingepflanzt als er sechzehn Jahre alt war. Es war das Land seiner Vorfahren, auf das er blickte.




Sein Dorf hatte sich nur wenige hundert Meter landeinwärts von hier befunden. Es war von einer Dorfgemeinschaft, der mehr als sechshundert Krieger, Frauen, Kinder und Alte angehört hatten, bewohnt. Zu seiner Zeit hatte man ihn Kariuki genannt. Er war der älteste von sieben Brüdern. Nachdem sein Vater verstorben und seine Seele zu Ngai, dem Gott vieler Völker, gegangen war, bestimmten ihn die Ältesten des Dorfes zu seinem Nachfolger. Kariuki war dreiunddreißig Jahre alt, als ihn die Mitglieder seines Volkes zu ihrem König erhoben. Unter seiner Führung gelang es seinen Kriegern, die mit anderen Dörfern geführten Streitigkeiten zu beenden und die verschiedenen Stämme dauerhaft zu vereinen. Mit fast sechstausend Kriegern verfügte er über eine der größten Streitmächte, die es zu dieser Zeit in diesem Küstenstreifen je gegeben hatte. Dies hielt jeden fremden Stamm davon ab, Kriege gegen seine Dörfer auszurufen.


Sein Volk gehörte zu jenen Bantu-Stämmen, deren Ursprung in den Mijikenda Völkern zu finden ist und die noch heute von der Grenze zu Somalia im Norden und entlang der Küste Kenias bis zur Grenze von Tansania im Süden leben. Zu den neun ethnischen Gruppen zählen die Ribe, Digo, Kauma, Kamba, Chonyi, Rabai, Jibana und die Giriama. Einst nannte man sie Nyika oder Nika, die Busch Menschen. Ihre Männer waren tapfere Krieger und Jäger. Es hieß, dass sie in Vorzeiten lange Jahre dem Willen ihrer kinderlosen Frauen unterworfen waren und deren Befehlen gehorchen mussten. Eines Tages hatten sie die Macht der Frauen dadurch beendet, dass sie diese alle zur gleichen Zeit schwängerten. Nachdem die Frauen ihre Kinder geboren hatten und nun auf diese achten mussten, verloren sie ihre Herrschaft an die Männer und mussten sich von dieser Zeit  an mit dem Führen ihrer Haushalte und der Bearbeitung der Gärten und Felder begnügen.


 


Schon lange bevor Kariuki zum Häuptling berufen wurde, waren Fremde in den Küstenstreifen entlang des Indischen Ozeans eingewandert und hatten dort gesiedelt. Sie waren Händler aus Arabien und dem Oman. Sie gründeten mehr als einhundert Handelsstationen und schlossen Verträge mit den kriegerischen Bantus. Zur Festigung dieser so entstandenen


Beziehungen heirateten sie Bantu-Frauen. Im Verlauf der Jahre waren so neue Volksgruppen entstanden. Die Küstenregion wurde von den Arabern Zandsch, das Land der Schwarzen, genannt.


 



 


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