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Reiseberichte
Buch Leseprobe Bin ich Segler, oder was?, Claus Beese
Claus Beese

Bin ich Segler, oder was?



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»Henry wollte eigentlich gar nicht mitsegeln, der Termin passte ihm überhaupt nicht!«, erzählte Wolfgang mehr beiläufig und Andreas lachte kurz.

»Stimmt, ist ja Spargelsaison! Wenn Henry frischen Spargel wittert, lässt er alles andere dafür sausen! Würde mich nicht wundern, wenn der ein paar Zentner davon gebunkert hat!«, bestätigte er.

»Das kann passieren! Passt mal auf, heute Abend sitzen alle beim Spargelschälen in der Plicht!!«

»Mann, was hat Henry das mal wieder eilig! Guck mal, der ist schon vor der Schleuse!«

»Vor der Schleuse ist nicht in der Schleuse.«, stellte Manfred trocken fest und deutet auf das sich öffnende Schleusentor, welches einen Schwarm von Sportbooten entließ. Wir kreuzten die Einfahrt zur ersten, der großen Schleusenkammer, durch welche die Seeschifffahrt ihren Weg nahm. Während der Saison diente die alte und wesentlich kleinere Kammer fast ausschließlich der Sportschifffahrt, und wenn man einmal zusammen mit einem Gebirge aus Stahl in der neuen Kammer geschleust worden war, wusste man diesen Service auch zu schätzen.

Henry und seine Mannschaft waren bereits über die Einfahrt zur kleineren Schleuse hinaus, hatten gewendet und hielten von der einen, wir von der anderen Seite auf die leere Schleuse zu, bekamen aber noch keine Einfahrt. Mit verkniffenen Gesichtern standen die beiden Skipper an Pinne und Ruder, als sich beide Boote begegneten. Das weiße Blinklicht, welches die Einfahrt frei gab, war im ersten Takt noch nicht erloschen, als die Skipper die Boote herumrissen und die Hebel auf Vollgas drückten.

Jeder wollte der erste sein. Henry hatte die günstigere Position gehabt, und seine MEDEMSAND schob sich an uns vorbei in die Schleuse. Wolfgang gab sofort nach und fuhr als zweiter Sieger ein. Mit wenigen Handgriffen waren die Schiffe an den Schlengeln innerhalb der Kammer fest, und Henry tauchte mit einem Tablett voller Gläser aus den Tiefen seiner Hornett auf.

»Manöverschluck!«, ordnete er an. Er verteilte die Gläser, hielt auch mir das Tablett hin und lachte breit.

»Ist das dein Extraballast, Wolfgang? Du, mit dem Zusatzgewicht kommt deine Phantom nie in Fahrt! Los, Jung, komm ran und hau wech! Aber schön die Reihenfolge beachten!«

Der olle Mettwurstskipper war um einiges älter als ich, dafür war ich besser erzogen. Ich schwieg, nahm mir aber vor, es ihm bei passender Gelegenheit zurückzuzahlen.

Und was meinte der überhaupt mit „Reihenfolge beachten“? Ging etwa auch hier Alter vor Schönheit?

Die Crews der beiden Schiffe standen mit Verschwörermine an Deck und auf dem Schlengel, und dann taten sie etwas völlig verrücktes. Sie gossen doch tatsächlich die Hälfte des Glasinhaltes in das Schleusenwasser und murmelten beschwörend: »Rasmus!«. Dann erst kippten sie sich den Rest des Aquavits hinter den eigenen Knorpel.

Ach so! Der also! Von dem hatte ich schon mal gehört. Sollte wohl in Seglerkreisen so etwas sein, wie Petrus für die Angler. Schutzpatron und Gott der Winde. Pah! Alles Aberglaube! Ein echter Seefahrer, der was auf sich hält, ruft Njörd an, den alten Wikingergott, der über Land und Wasser, Reichtum und Wohlstand herrschte. Dem sollten sie opfern, nicht dem ollen Ramses, oder wie der Knilch hieß. Alles in allem war ich kurz davor dem heftigen Verlangen nachzugeben, mich an die Stirn zu tippen und ein befreiendes: »Die spinnen, die Segler!« in die Welt zu schmettern. Allerdings hielten mich nach kurzer Überlegung denn doch die muskelbepackten Oberarme dieser sechs eigenartigen Gesellen davon ab.



Ich hatte in dieser Saison schon mein jährliches Bad genossen, und war nicht scharf auf ein zweites. Es war mal wieder typisch. Man wollte alles richtig machen und wurde dafür bestraft. Wir hatten mit unserer DODI im Oldenburger Stadthafen angelegt, als ich beim Inspizieren der Vertäuung feststellte, dass noch ein Fender mehr geradezu optimal gewesen wäre. Also hatte ich meinem Leichtmatrosen unvorsichtigerweise zugerufen: »Claudia, schmeiß mir mal ’nen Fender rüber!«

Ich hätte wissen müssen, dass mein eigen Fleisch und Blut die Angewohnheit hatte, meine Anordnungen auf das Genaueste zu befolgen. Na ja, meistens jedenfalls. Und natürlich auch gerade in diesem Moment. Ich sah das blaue Ding auf mich zufliegen, und war mir nicht sicher ob ein Fangversuch erfolgreicher sein würde als ein Ausweichmanöver. Da knallte mir das Bumskissen auch schon an den Latz, lupfte mich von den Füßen und schleuderte mich rückwärts von dem schaukelnden Stegausleger in das Hafenbecken. Während wenig später meine beiden Seejungfrauen zum shoppen in der Stadt waren und ich in Badehose auf dem Sonnendeck darauf wartete, dass meine Klamotten wieder trocken wurden, hatte ich in Ruhe darüber nachdenken können, woher diese halbe Portion wohl soviel Kraft hatte.



Ich verkniff mir also vorsichtshalber jeden Kommentar, kippte widerwillig die Hälfte des Feuerwassers in die Schleuse, grummelte ebenfalls: »Rasmus!« und schüttete den Rest in mich hinein. Oh, Hölle! War das ein Stoff! Ich war einiges gewohnt, aber wenn dieser Ramses dahinter kam, dass Henry mit dem Inhalt der Flasche seine Maschine zu putzen pflegte, wenn er nicht gerade versuchte den Gott des Windes damit zu vergiften, konnten wir uns auf eine stürmische Reise gefasst machen. Verstohlen wischte ich mir die Tränen aus den Augen und sah rundherum die grinsenden Gesichter der Skipper.

»Sei man nicht traurig!«, tröstete mich Günter, der an Bord von Henrys MEDEMSAND als Steuermann fungierte und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter. »Das lernst du auch noch!«

Die Tore glitten auf, und unsere beiden Segler schoben sich in das freie Fahrwasser des Nord-Ostsee-Kanals. Die am stärksten frequentierte Schifffahrtsstraße der Welt lag vor uns, und es herrschte ein geordnetes Gewusel von kleinen und großen Schiffen, die alle die Abkürzung zwischen Nord- und Ostsee passieren wollten.

»Wenn ihr Segler schon so viel Schiss vor diesem Ramses habt, wie ist das dann erst mit dem Klabautermann?« wollte ich wirklich interessiert wissen. Mir entging dabei, dass drei Gestalten aus ihrer relativ entspannten Sitz- Hock oder Liegehaltung hochschossen, als hätte jemand »Feuer! Feuer!« gerufen.

»Habt ihr für den etwa auch so einen niedlichen Namen?«, forschte ich weiter.

»Ja!«, kam es kurz und knapp und sehr gepresst zwischen Wolfgangs Zähnen hindurch. Allerdings machte er keine Anstalten, mir diesen Namen zu nennen. Auch die beiden anderen schienen kurz vor einem Schlaganfall zu stehen.

»Man nennt nicht seinen Namen an Bord eines in Fahrt befindlichen Schiffes. Oder willst du ihn rufen?«, raunte Manfred mir aufgeregt zu und ich schaute in sein leichenblasses Gesicht.

»Blödsinn! Ist doch alles Schnickschnack! Märchen! Sage! Hört mal, sind wir Männer oder was?«

Andreas schaute sich gehetzt um, als suche er irgendwas, womit man mir den Mund stopfen konnte. Schweißperlen standen auf seiner Stirn und seine Hände zitterten. Ich wandte mich ab. Memmen! Pah! Und mit so was sollte man nun raus auf See! Da waren doch die Wikinger und ihre Nachkommen ganz andere Kerle! Wir fürchteten nicht Tod noch Teufel, und schon gar nicht so ’nen Ramses, Rasputin oder wie der Kerl sonst noch hieß und so ein kleines Triefmonster wie den Klabautermann hielten wir uns zuhause im Aquarium!

Es dauerte fast eine halbe Minute, bis das gellende Pfeifen der Alarmsirene durch unsere Gedanken sickerte und unser Bewusstsein erreichte.

»Wat nu?«, fragte ich entgeistert, als Wolfgang den Diesel abwürgte und die BEERS weiter zum Ufer hin steuerte.

Drei Augenpaare schleuderten Blicke wie Dolche, Säbel und Blitze auf mich.

»Maschine ist überhitzt! So können wir nicht weiterfahren!«, stellte Wolfgang mühsam beherrscht fest, und ich machte mich ganz klein. Was sollte das? Warum guckten die mich so fünsch an? Was konnte ich denn dafür? Die glaubten doch nicht etwa, dass der Klabautermann...? Ich schwieg, denn ich ahnte, was passieren würde, wenn ich den Namen noch einmal aussprach. Ich vermutete, die drei würden mich über die Planke schicken, kielholen, vierteilen, ersäufen und den Rest zur Abschreckung in den Masttopp hängen!

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