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Nicht nur dein Tier stirbt


Geschichten und Forschungen zur Trauer um Hau

von Marion Schmitt, Peter Kunzmann (Hrsg.)

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ISBN13-Nummer:
9783957163271
Ausstattung:
208 Seiten, Hardcover
Preis:
18.90 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Verlag-Kern.de
Leseprobe

Die bagatellisierte Trauer
Dr. Marion Schmitt
Der Tod ist ein unbequemes Thema 
Wir sind ein Leben lang unsterblich. Wir wollen nicht an unsere Vergänglichkeit erinnert werden. Tod, Sterben und Trauer werden verschwiegen, verdrängt, ignoriert. Unser Verhalten ist Ausdruck unserer Einstellungen.
Das wiederum unterliegt zahlreichen Einflüssen – Genen, Veranlagung, Erziehung und Erwartungen unserer Gesellschaft, Kultur und sozialen Gruppe.
Emotionen wie Wehklagen und Trauer sind seit der Antike vor allem weiblich konnotiert und gelten immer noch als ein Ausdruck von Schwache. In einer männlich dominierten Gesellschaft sind sie nicht erwünscht. In unserem westlichen Kulturkreis entsprechen öffentliche Trauerbekundungen oder Gefühlsausbruche überhaupt nicht der gesellschaftlichen Norm. Tranen, Hilflosigkeit und Verzweiflung passen nicht zum Ideal von Schönheit, Starke und Erfolg.
Individualisierung und Globalisierung schaffen Flexibilität, Mobilität und Vernetzung. Der Ausbruch aus alten Strukturen und Lebensmodellen wird einerseits beruflich vorausgesetzt, andererseits individuell angestrebt. „Veraltete“ Religionen, Regeln und Gesetze, Traditionen und Brauche verlieren an Ansehen. Strukturverlust und Vereinsamung sind Folgen. Gänzlich frei zu sein bedeutet auch, frei von allen Wurzeln zu sein. Der Zusammenhalt zerbricht. Man ist immer mehr allein.
Die alltägliche Konfrontation mit dem Tod ist ausgestorben. Unsere Arbeits- und Lebenswelt zeichnet sich durch steigende Lebenserwartung und sinkende Kindersterblichkeit ebenso aus wie durch den Gedanken der „Nutzlosigkeit“ alter Menschen für ihre Familien und die Wirtschaft. In unserer Leistungs- und Konsumgesellschaft der Reichen und Schönen müssen Alten- und Pflegeheime anstelle der Familie die Fürsorge übernehmen – aufgrund der oftmals zwingend notwendigen Arbeitstätigkeit beider Partner, kann die Pflege oft unmöglich anders geleistet werden. Mit dieser „Abschiebung“ kommt es zu einer Entfremdung vom Sterben, dem Tod und dem Trauerprozess an sich.
Die Trauer ist uns fremd geworden Trauer ist keine Krankheit. Sie ist ein prinzipiell natürliches, gesundes Verhalten auf einen Verlust. Dabei kann es sich um Lebewesen ebenso handeln wie um Gegenstande (das Lieblingsbuch, Kleidungsstucke, das Zuhause) oder abstrakte Konstrukte (Ziele, Traume oder Wunsche). Trauer dient dem Begreifen der neuen Situation, dem adäquaten Umgang, der Neuorientierung und der Integration des Verlustes in die eigene Lebenswelt, um letztendlich gestärkt aus dieser Situation hervorgehen zu können. Die meisten Menschen der westlichen Gesellschaft machen ihre ersten Todeserfahrungen heute im Alter von über dreißig Jahren, teilweise noch später. Der Tod ist nicht mehr alltäglich.
Im Umgang mit Tod, Sterben und Trauer herrscht große Unsicherheit, sowohl bei den Trauernden selbst, als auch bei ihrem Umfeld. Trauernde befinden sich in einer Ausnahmesituation. Sie sind extrem belastet, oft nicht sie selbst und in der Regel heillos überfordert mit der Situation und ihren eigenen Reaktionen.
Ihrem Umfeld ergeht es nicht anders - selbst, wenn Hilfe angeboten wird, sind wenig hilfreiche Äußerungen und Reaktionen viel zu häufig. Während das „Trauerjahr“ in aller Regel noch zugestanden wird, sollen Betroffene danach möglichst schnell wieder „funktionieren“. So einfach ist das leider nicht. Denn die Trauer ist genauso individuell wie die Menschen selbst.
……
Die Entscheidung
„Plötzlich soll man über Leben und Tod entscheiden.“
„Die Entscheidung hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen.“
„Damals war ich sehr im Zweifel, ob ich das Richtige tue. Man wünscht sich nichts mehr, als dass das geliebte Tier einfach früh nicht mehr aufwacht und man diesen Schritt nicht gehen muss, aber dieser Wunsch erfüllt sich nur im seltensten Fall.“
„Man redet mit dem Tier und weiß doch nicht, ob alles richtig gemacht wurde. Heute erinnere ich mich gern zurück und habe keine Zweifel am Handeln damals.“ 
„Wenn man sich ein Tier nimmt, muss man damit rechnen, dass es einen nicht überlebt.“
„Natürlich weiß ich, dass sie höchstwahrscheinlich vor mir sterben, solange mir nichts passiert. Es ist besser auszuhalten, wenn sie alt geworden sind. Dann weiß wenigstens der Kopf, dass es der Lauf der Zeit ist. Das Herz kommt da nicht mit.“
 „Sein Tod war keine Überraschung. Es ist natürlich immer nicht leicht, etwas Liebgewonnenes abzugeben. Das gilt für alle Familienmitglieder.“
 „Ein Verlust ist immer traurig. Aber wenn man einem Lebewesen Qualen und Schmerzen ersparen kann, dann ist es eher eine Erleichterung. Alles andere ist Egoismus und das hat ein Familienmitglied nicht verdient.“
 „Ein Tier muss gehen dürfen. Auch wenn es einem das Herz bricht.“

Klappentext

Was bedeutet der Tod des Haustieres für die Besitzer? Wie haben sie den Tod ihrer Tiere erlebt? Wie sind sie mit ihrem Verlust umgegangen? Was hat ihnen in ihrer Trauer geholfen?

Die Arbeitsgruppe Ethik der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover hat sich im Rahmen eines Forschungsprojekts zwei Jahre lang mit eben diesen Fragen befasst.

Zahlreiche Halter*innen wurden befragt – zu ihren Erlebnissen und Erinnerungen, ihren Gedanken und Gefühlen, ihrer Trauer und ihrem Weiterleben.

Sie erzählen ihre Geschichten in Texten, Gedichten, Zitaten, persönlichen Fotos und Bildern. Außerdem haben Wissenschaler verschiedener Fachrichtungen einige weiterführende Artikel zur Bedeutung der Trauer um Tiere beigetragen. Dieses Buch erzählt die Geschichten über die Trauer um Haustiere. Vielleicht helfen sie Ihnen, zu verstehen.