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Ratgeberbücher
Buch Leseprobe Lebensreisen. Praxis der Hypnoanalyse, Katharina Hille
Katharina Hille

Lebensreisen. Praxis der Hypnoanalyse



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Einleitung


Reisen!

Wer möchte das nicht?

Auf zu neuen Ufern! Neue, unbekannte Länder entdecken. Aufregende Abenteuer. Oder auch einfach in Ruhe, sich Zeit nehmend, die Dinge betrachten, aus einem anderen Blickwinkel vielleicht? Mit neuen Einsichten? Aus dem Alltag heraus treten. Die Entscheidung, sich auf die Reise zu begeben. Das richtige Ziel auswählen. Dann all die Dinge die vor Antritt einer Reise geplant und überlegt werden müssen. Den oder die passenden Begleiter oder Begleiterin finden. Die Aufregung, ob man auch alles richtig entschieden hat? Ob alles gut gehen wird? Welche unerwarteten Dinge einem begegnen werden? Manchmal ein bisschen Angst vor dem Unbekannten. Und auch Angst vor dem was danach kommt. Wie werde ich mich fühlen nach dieser Reise? Nach all diesen neuen Erfahrungen? Wie werde ich danach mit dem Alltag klar kommen? Werde ich dann ein anderer sein? Oder wird schon bald wieder alles so sein wie zuvor und die Erinnerungen allzu schnell verblassen?

All dies gilt nicht nur für Reisen in ferne Länder, sondern auch für Lebensreisen, wie ich die Reise eines Menschen in seine eigene Vergangenheit bezeichne, die Klienten im Rahmen einer hypnoanalytischen Therapie bei mir unternehmen.

Reisen um Neues zu entdecken, Probleme zu lösen und Fragen zu klären. Aufregende Reisen. Manchmal beängstigende Reisen. Aber auch Reisen, auf denen die KlientInnen nicht allein sind. Denn meine Aufgabe ist, sie dabei zu begleiten. Sie auf Neues oder Wichtiges hinzuweisen. Sie zu halten und zu unterstützen wenn es nötig ist. Sie schließlich wieder zurück in den Alltag zu geleiten und - falls nötig - einige Zeit später mit etwas Abstand noch offene Fragen zu klären und neue Erkenntnisse festigen zu helfen.

Aber wie soll das funktionieren? Mit Hypnose? Hypnoanalyse? Was ist das überhaupt genau?

Genau darum geht es in diesem Buch. Die Hypnoanalyse oder analytische Hypnosetherapie ist bislang vor allem in den englischsprachigen Ländern verbreitet, auch die gesamte Fachliteratur zu diesem Thema liegt bislang leider fast ausschließlich in englischer Sprache vor. Daher soll nun auch der deutschsprachigen Leserschaft ein lebendiger Einblick in diese erstaunliche und effektive Therapieform gegeben werden. Den Schwerpunkt des Buches bildet daher Darstellung der Prinzipien, Grundannahmen und Vorgehensweisen im Rahmen einer Hypnoanalyse, die vor allem durch interessante und überraschende Fallgeschichten lebendig erklärt und beschrieben werden. Diese „Lebensreisen" genannten Berichte ermöglichen einen Blick auf die Reise dieser Menschen in ihre eigene Vergangenheit und erzählen auf ehrliche, eindringliche, teilweise anrührende Weise die Geschichten von Klienten, ihren Symp­tomen und den oft ganz erstaunlichen Lösungen dazu.



Im ersten Kapitel gebe ich einen kurzen Überblick darüber, was Hypnose ist, wie dieser Zustand wirkt, welche verschiedenen therapeutischen Möglichkeiten der Anwendung dieser Zustand bietet, sowie eine Beschreibung der hypnoanalytischen Therapie und wie sich diese von anderen Formen der Hypnosetherapie unterscheidet. Nicht eingehen werde ich darauf, wie man eine hypnotische Trance induziert und vertieft. Denn dieses Buch ist kein Lehrbuch über Hypnose, viel eher soll allen Interessierten - TherapeutInnen wie auch potentiellen KlientInnen - ein erster Einblick darüber gegeben werden, auf welche Weise und wie effektiv die analytische Form der Hypnosetherapie eingesetzt werden kann. Wer sich tiefer in die grundlegenden Techniken der Hypnoseeinleitung und -vertiefung einlesen möchte, findet in der nach Themen sortierten Literaturliste zahlreiche Empfehlungen hierfür.

Das zweite Kapitel beschreibt die klassischen psychoanalytischen Techniken der freien Assoziation sowie der Analyse von Übertragung, Widerstand und Träumen und wie diese Methoden auch im hypnoanalytischen Setting genutzt werden können. Das dritte Kapitel beschreibt weitere, moderne aufdeckende Techniken wie Altersregression, ideomotorische Fingerbewegungen, Ego-State-Therapie und andere. Außerdem wird gezeigt, wie der Einsatz moderner, computergestützter Biofeedback-Verfahren alle eingesetzten aufdeckenden Methoden unterstützen kann.

Der vierte Abschnitt beschreibt den praktischen Ablauf einer Hypnoanalyse: wie bereitet man die Therapie und die Klienten am besten vor? Wie kann das Grundgerüst der Sitzungsplanung aussehen? Was geschieht, wenn der Konflikt erkannt und aufgezeigt wurde? Was bedeutet Abreaktion und Katharsis?



Das fünfte Kapitel enthält zahlreiche Fallbeschreibungen aus meiner Praxis in denen gezeigt wird, wie vielfältig die beschriebenen Methoden und Techniken eingesetzt werden können und auf welch überraschenden und kreativen Wegen diese Dinge oftmals von den KlientInnen genutzt werden.



Dieses Buch ist kein Lehrbuch und beschreibt auch keine vollständige Theorie. Somit kann es nicht ausbleiben dass manche Kapitel dem einen oder anderen Leser zu kurz oder zu oberflächlich gefasst scheinen, andere Kapitel dagegen für manchen zu ausführlich oder zu detailliert sein mögen. Ich habe mich jedoch bemüht, die Auswahl so zu treffen, dass möglichst viele Leser und Leserinnen von diesem Buch profitieren können: interessierte Laien, genauso wie neugierige TherapeutInnen, die vielleicht durch die Lektüre dieses Buches dazu angeregt werden, ihre Arbeit durch diesen vielversprechenden Ansatz zu bereichern.

Um dem interessierten Leser die Möglichkeit zu geben, sich intensiver mit den Themen Hypnose und Hypnosetherapie zu beschäftigen, habe ich diesem Buch auch eine umfassende Bibliographie zum Thema beigefügt, die zum einen alphabetisch, zum anderen aber auch thematisch sortiert ist.



Hypnoanalyse wird derzeit in Deutschland leider noch zu wenig angeboten, auch deswegen weil es bislang noch kaum qualifizierte Ausbildungsmöglichkeiten dazu gibt. Dieses Buch möchte einen Beitrag dazu leisten dies zu ändern, indem es dabei hilft, das Wissen um und das Interesse an dieser Behandlungsform bei Therapeuten wie auch bei ratsuchenden Patienten zu vergrößern.

1. Hypnose, Hypnosetherapie und Hypnoanalyse
1.1 Hypnose - uraltes Heilverfahren und neue Erkenntnisse


Schon oft wurde versucht, das Phänomen „Hypnose" zu erklären, darum gibt es unzählige verschiedene Definitionen von Hypnose. Fragen Sie 200 Experten danach, was Hypnose eigentlich ist, ich bin sicher, Sie werden 200 verschiedene Antworten bekommen.

Fakt ist jedoch, dass Hypnose zu den ältesten uns bekannten Heilverfahren gehört, erste Berichte über hypnoseähnliche Phänomene lassen sich fast über viertausend Jahre in der Geschichte zurückverfolgen.

Und der modernen Wissenschaft gelang mit dem Nachweis, dass eine hypnotische Tranceinduktion tatsächlich zu erkennbaren, plastischen Veränderungen im menschlichen Gehirn führt, ein wesentlicher Durchbruch in der Erforschung der physiologischen Grundlagen der Hypnose. Unter Neurowissenschaftlern besteht heute weitgehend Übereinstimmung darüber, dass eine hypnotische Tranceinduktion neurobiologisch erfassbare Veränderungen in den Hirnfunktion zeigt, die klar auf einen veränderten Bewusstseinszustand hinweisen (vgl. hierzu Halsband und Herfort, in Schulz-Stübner 2007, S. 7 ff.). So ist der Hypnosezustand im EEG (Elektroenzephalogramm) deutlich vom Schlafzustand abgrenzbar. Dominieren im Zustand einer hypnotischen Trance vor allem Alpha-Wellen mit kurzer Amplitude die Gehirnaktivität, so ist Schlaf durch vor allem langwellige Delta- und Theta-Wellen charakterisiert.

Auch durch Verfahren funktioneller Bildgebung (MRT u.a.) konnte gezeigt werden, dass eine hypnotische Induktion zu plastischen Veränderungen im menschlichen Gehirn führt. So kann beispielsweise mit diesen Verfahren ein intensiviertes Farb- und Bilderleben im Zustand einer hypnotischen Trance nachgewiesen werden.

Somit lernen wir zwar mithilfe modernster technischer Untersuchungsmethoden mehr und mehr über diesen „anderen" Zustand, dennoch ist bis heute, trotz aller wissenschaftlichen Untersuchungen und Erkenntnisse und auch nach über 4000jähriger Anwendung der Hypnose noch immer nicht endgültig geklärt, was dieser Zustand nun genau ist, wie genau er erzeugt wird und vor allem, worauf genau nun die in diesem Zustand möglichen, oft sehr erstaunlichen Veränderungen im menschlichen Denken, Fühlen und Verhalten nun eigentlich genau zurückzuführen sind.



Worüber wir allerdings mehr und mehr lernen, sind die erstaunlich vielfältigen Möglichkeiten, welche die therapeutische Anwendung der Hypnose bietet. Immer häufiger liest, sieht oder hört man auch in den Medien etwas über Hypnose und Hypnotherapie. Anfangs wurde dabei vor allem über gute Erfolge bei der Raucherentwöhnung oder Gewichtsreduktion berichtet. Inzwischen gibt es ebenso ermutigende Erfolgsmeldungen in dem immer bedeutsamer werdenden Bereich der Schmerztherapie. Ein großes Einsatzgebiet für Hypnose ist der Bereich der Psychosomatik, also körperliche Symptome, die ihre Ursache in emotionalem Stress oder Konflikten haben. Dazu gehören zum Beispiel Asthma, Neurodermitis oder chronische Kopfschmerzen. Hypnose kann auch sehr gut im Bereich der somatischen Medizin eingesetzt werden, z.B. in der Krebstherapie, dabei vor allem zur psychologischen Unterstützung der Patienten und auch, um die Nebenwirkungen einer chemotherapeutischen Behandlung abzuschwächen. Oder auch zur Vorbereitung auf schwere Operationen, was vor allem bei Kindern häufig eingesetzt wird. Hypnose wird auch immer häufiger zur sehr effektiven Unterstützung einer Kinderwunsch-Behandlung, sowie zur Schwangerschaftsbegleitung und Geburtsvorbereitung eingesetzt. Und schließlich tauchen die Begriffe Hypnose, Trance und Hypnotherapie auch zunehmend im psychotherapeutischen Bereich in Verbindung mit Themen wie Depressionen, Ängsten und Panikattacken auf. Hypnose scheint also in ganz unterschiedlichen Themengebieten Anwendung zu finden.

Aber was ist das denn nun eigentlich genau, diese Hypnose?

Allheilmittel? Wundermittel? Etwas Magisches?

Oder nur wieder eines dieser Modethemen, die kommen und gehen, erfunden von irgendwelchen Pseudo-Heilern auf der Suche nach dem schnellen Geld?

Die Erklärung ist zunächst so einfach, dass es fast schon wieder enttäuschend ist: Hypnose ist eigentlich überhaupt nichts Besonderes! Hypnose ist ein völlig natürlicher Zustand und jeder erlebt diesen Zustand täglich in seinem Alltag, meist ohne überhaupt zu erkennen, dass es Hypnose ist. Zum Beispiel wenn man morgens aufwacht und sich noch in diesem Zwischenstadium zwischen Schlafen und Wachen befindet, indem man manchmal nicht sicher sagen kann, ob man wach ist oder nicht. Oder wenn man ein faszinierendes Buch liest, einen spannenden Film sieht, völlig versunken ist in die Betrachtung eines beeindruckenden Kunstwerks oder fasziniert und vollkommen „drin" in der Bearbeitung eines kniffligen Computerproblems. Wenn man Kinder genau beobachtet, wenn sie Zeichentrickfilme anschauen oder ein spannendes Spiel spielen, dann kann man deutlich erkennen, dass diese Kinder irgendwie in einem „anderen" Zustand sind, in dem sie zum Beispiel auch elterlichen Ermahnungen gegenüber äußerst immun sind. Genau genommen sind diese Kinder in einer hypnotischen Trance. Denn für Kinder ist dieser Zustand noch etwas völlig natürliches. Man kann sogar sagen, dass Kinder bis ungefähr zu ihrem 5. oder 6. Lebensjahr in einer „Dauer-Trance" leben, sich also ständig in einem hoch-suggestiblen Zustand befinden. Dies ist auch der Grund dafür, warum gerade in diesem Alter ein unbedachtes Wort oder eine gedankenlose Äußerung oft einen sehr tiefen Eindruck auf ein Kind machen kann, der im schlimmsten Fall sogar zur Entstehung von negativen Glaubenssätzen oder einem negativ gefärbten Selbstbild führen können.

Roy Hunter beschrieb die Auswirkungen von Hypnose sehr anschaulich, indem er als Beispiel den Kinofilm „E.T - Der Außerirdische" heranzog (vgl. Hunter 1994, S. 16f.): erinnern Sie sich noch an die Szene des Films, in der alle dachten, E.T. müsse nun sterben? Nun, als ich diesen Film das erste Mal im Kino sah, wurden während dieser Szene sehr viele Taschentücher gezückt, und wenn ich den Film heute mit meiner Tochter ansehe, bekomme ich noch immer feuchte Augen. Dabei weiß ich natürlich, dass es ja nur ein Film ist, dass es nur um eine 100cm hohe Kunststoff-Figur geht und ich weiß inzwischen ja sogar, dass E.T. gar nicht sterben wird. Dennoch bringt einen diese Szene zum Weinen. Und warum? Weil damit direkt unser Unterbewusstsein angesprochen wird. Unser Unterbewusstsein denkt nicht logisch, nicht vernünftig. Sondern es denkt in Bildern, es nimmt Gefühle auf und reagiert entsprechend. Und darum müssen wir weinen, ganz egal wie oft unser erwachsener Verstand uns auslacht und uns wieder und wieder erklärt, dass es überhaupt keinen Grund zum Weinen gibt. So kann man also sagen, dass dieser Film mich hypnotisiert hat, denn er wirkt direkt auf mein Unterbewusstsein ein und lässt mich mit Tränen reagieren, ob ich will oder nicht.

Manche dieser hypnotischen Phänomene, können inzwischen vermutlich auch neurobiologisch erklärt werden: seit der Entdeckung der so genannten „Spiegelneurone" durch Vittorio Gallese und Giacomo Rizzolatti von der Universität Parma, die im Jahre im Januar 2001 in der Fachzeitschrift „New Scientist" veröffentlicht wurde, wird z.B. immer klarer, warum wir, wenn wir etwas nur beobachten oft genauso reagieren, als ob wir es in dem Moment wirklich tun oder erleben würden. Die Forscher beobachteten eher zufällig, dass die gleichen Neuronen, die bei der Planung und Durchführung zielorientierter Bewegungen benötigt werden, ebenso in Erregung geraten wenn eine solche Bewegung nur beobachtet wird. Bei diesen Untersuchungen an Primaten - später auch bei Menschen - wurde auch erkannt, das diese Neuronen sogar schon in Erregung gerieten, wenn der Versuchsleiter bestimmte Gegenstände mit denen eine Aufgabe verbunden war, nur in die Hand nahm. Lagen diese Gegenstände dagegen bewegungslos auf dem Tisch, blieben auch die entsprechenden Nervenzellen ruhig. Somit war klar, dass die Versuchstiere hier die Absicht des Versuchsleiters schon erahnen konnten, wenn er die entsprechenden Gegenstände nur in die Hand nahm.

Es wird vermutet, dass solche - in den beschriebenen Versuchsanordnungen im prämotorischen Cortex angesiedelten - Spiegelneurone auch in anderen Gehirnregionen vorhanden sind und dadurch verschiedene Sinneswahrnehmungen zu erklären sind. So wird diskutiert ob diese Spiegelneurone der Schlüssel zum Verständnis von Empathie und Intuition sind.

Möglicherweise liegt hierin aber auch eine Erklärung für die Wirkung von Suggestionen sowie einigen anderen hypnotischen Phänomenen: wenn wir uns in Hypnose die suggerierten Bilder und Handlungen deutlich vorstellen, aktivieren wir dann entsprechende Spiegelneurone? Gerade so als würden wir das, was wir uns gerade vorstellen, genau jetzt selbst tun und erleben? Ist das die neurobiologische Grundlage für das, was viele Hypnosetherapeuten schon lange wissen und sich dies auch zunutze machen: dass bestimmte Teile des Gehirns nicht zwischen Vorstellung und Realität unterscheiden können? Und ist das der Grund dafür, dass so viele Mental-Techniken (ob Hypnose-, NLP- oder andere Techniken) die „nur" mit geistigen Vorstellungen arbeiten, so überraschend gut funktionieren?

Aber ob nun Spiegelneurone hierbei eine Rolle spielen oder etwas anderes, ob die Wirkung bzw. Aktivität von Spiegelneuronen in einer Trance möglicherweise stärker ist als sonst, oder nicht, was ist denn nun das therapeutisch Bedeutsame an diesem hypnotischen Zustand? An diesem Zustand, der offenbar nichts anderes ist, als eine zeitweilige Verschiebung unseres Bewusstseins, eine Veränderung des Fokus unserer Aufmerksamkeit? Dieser Zustand der selbst, ebenso wie seine Auswirkungen auf unser Denken und Fühlen möglicherweise durch bestimmte neuronale Gegebenheiten erklärt werden kann?

Die Frage nach den Auswirkungen und Möglichkeiten dieses Zustands, ist nämlich die im Grunde viel spannendere Frage, als die nach den eigentlichen physiologischen Grundlagen und Ursachen dieses Zustandes.

Denn tatsächlich ist es außerordentlich abenteuerlich und eindrucksvoll, was alles erreicht werden kann, wenn dieser Zustand therapeutisch genutzt wird.



Fassen wir also noch einmal kurz zusammen: Hypnose ist tatsächlich einerseits ein völlig normaler Zustand den wir regelmäßig alle in unserem Alltag erleben, meist ohne dies überhaupt wahrzunehmen. Auf der anderen Seite ist Hypnose oder eine hypnotische Trance aber auch ein äußerst effektives Hilfsmittel bei der Behandlung der unterschiedlichsten Krankheiten und Störungen, eine Tatsache die durch zahlreiche wissenschaftliche Studien bestätigt wurde und die inzwischen auch zur offiziellen Anerkennung der Hypnosetherapie als wissenschaftliches Verfahren durch den wissenschaftlichen Beirat für Psychotherapie geführt hat, zumindest für bestimmte Anwendungsbereiche. Eine Einschränkung, die aber sicherlich noch aufgehoben wird, sobald mehr korrekt durchgeführte Studien dazu vorgelegt werden.

(www.wbpsychotherapie.de, Gutachten v. 27. März 2006).



1.2. Wie wirkt Hypnose?


Wenn wir uns nun ansehen wollen, wie Hypnose wirkt, erinnern wir uns doch noch einmal an Roy Hunters E.T.-Beispiel: was geschieht in uns, wenn wir diese traurige Szene im Film anschauen und weinen müssen, obwohl wir wissen, dass es „nur ein Film" ist?

Um dies zu verstehen, muss man wissen wie unser Unterbewusstsein funktioniert. Denn das Unterbewusstsein denkt in Bildern, es nimmt Bilder und die damit verbundenen Gefühle und Empfindungen auf und reagiert entsprechend. Ganz egal ob unser bewusster Verstand quasi genervt daneben steht und immer wieder erklärt, dass es doch „nur ein Film" ist. Unserem Unterbewusstsein ist das vollkommen gleichgültig, denn es arbeitet nach bestimmten Regeln, wie zum Beispiel die durch Emile Coué (frz. Apotheker und Autor, Begründer der modernen Autosuggestion) bekannt gewordenen Sachverhalt, dass wenn unser Wille und unsere Vorstellungskraft in Konflikt zu einander stehen, es immer die Vorstellung ist, die gewinnt. Es ist sogar so, dass wann immer unser bewusster Wille sich bemüht, bestimmte innere Bilder, innere Vorstellungen von uns zu dominieren oder gar zu bekämpfen, werden all die Bemühungen des Willens in ihr komplettes Gegenteil verkehrt. Wenn wir also einerseits diese traurige Szene aus E.T. vor uns sehen, und unser Wille, unser bewusster Verstand auf der anderen Seite versucht diese Bilder zu bekämpfen, die damit verbunden Emotionen zu unterdrücken, werden die Bemühungen unseres Willens uns „cool" bleiben zu lassen sofort in ihr Gegenteil verkehrt und wir beginnen zu weinen. Genau das ist auch der Grund, warum so viele Diäten scheitern und warum so viele Versuche mit dem Rauchen aufzuhören dazu führen, dass anschließend nur noch mehr geraucht wird. Wenn ein offensichtlich schädliches Verhalten irgendwann einmal ausgelöst wurde, durch eine bestimmte innere Vorstellung, die wir von uns selbst haben wird jede bewusste, willentliche Anstrengung dieses Verhalten zu ändern über kurz oder lang dazu führen, dass wir sogar noch stärker dieses schädliche Verhalten zeigen. Der einzige Weg zum Erfolg führt hier über eine Änderung dieser inneren Vorstellung, einer Neu-Gestaltung unserer inneren Bilder und Vorstellungen.

Und genau das ist der Grund dafür, warum Suggestionen wirken. Suggestionen sind positiv formulierte Sätze und Aussagen, die man entweder selbst im Rahmen der Selbsthypnose formuliert, oder die von einem Therapeuten vorgegeben und immer wieder gegeben werden, sei es im Rahmen einer therapeutischen Sitzung oder auf einer Hypnose-CD. Ziel dieser Suggestionen ist es, genau diese inneren Bilder und Vorstellungen zu ändern, da nur dann auch auf Verhaltensebene eine Veränderung geschehen kann.

Sie können sich dies selbst sehr anschaulich verdeutlichen: Legen Sie ein einen Meter langes Brett auf den Boden, schließen Sie die Augen und mit Sicherheit können Sie problemlos über dieses Brett gehen. Aber stellen Sie sich nun mit geschlossenen Augen vor, dass das gleiche einen Meter lange Brett nur 300 Meter höher liegt, seien Sie versichert, Ihre Reaktion wird eine ganz andere sein. Denn allein schon die Vorstellung, dass Sie diesen tiefen Abgrund unter sich haben und das Gefühl bekommen, herunter fallen zu können, blockiert Ihren bewussten Willen über dieses Brett zu gehen. Obwohl es ja das gleiche Brett ist wie vorher. Aber jetzt können Sie möglicherweise nicht mehr entspannt darüber gehen, manchen Menschen ist dies mit einer solchen Vorstellung überhaupt nicht möglich. Weil die Vorstellung stärker ist als Ihr Wille. Und HypnosetherapeutInnen nutzen eben genau diese oft so beeindruckende Macht unserer eigenen Vorstellungskraft vor allem im Bereich der Hypnoseeinleitung und -vertiefung, sowie der (später noch genauer beschriebenen) Suggestivhypnose.



Neben dieser Erhöhung der Suggestibilität im Zustand einer hypnotischen Trance ist aber noch etwas von großer Bedeutung: in Hypnose ist der Zugang zu unserem Unterbewusstsein leichter, denn das Wachbewusstsein, der logische Verstand ist in diesem Zustand in den Hintergrund gerückt, der Zugang zum Unterbewusstsein ist offener. Im Wachzustand wird der Zugang zu unserem unbewussten Denken blockiert durch unseren analytischen, ständig alles überprüfenden Verstand. Ähnlich wie beim Träumen tritt das Prinzip der Logik in einer Trance in den Hintergrund. Unser Verstand blockiert uns nicht mehr, sondern lässt alle Gefühle, Gedanken, Bilder und Symbole einfach auftauchen, ohne sie zu hinterfragen oder als unlogisch, phantasiert oder unaussprechbar zu verurteilen. So kann übrigens auch jegliche Form künstlerischen Schaffens als Trance definiert werden: dem Unterbewusstsein freien Lauf lassen, dem was von Innen kommt, in Form eines Textes, eines Gemäldes, einer Skulptur oder eines Songs Gestalt geben und so das innerste Erleben auch äußerlich wahrnehmbar machen. Das ist Kunst. Und das ist auch Trance. Und daher ähnelt eine Trance in vielen Dingen auch dem Zustand des Träumens, allerdings eines Träumens im Wachzustand. Denn obwohl der Begriff Hypnose sich von dem griechischen Wort „Hypnos" ableitet, welches „Schlaf" bedeutet, so ist eine Hypnose doch etwas vollkommen anderes als Schlaf, was ja - wie weiter oben schon beschrieben - auch an den völlig unterschiedlichen Gehirnwellen dieser beiden Zustände deutlich sichtbar ist.



Hypnose öffnet also den Zugang zum Unterbewusstsein, der Zustand einer hypnotischen Trance kann - genau wie die von Sigmund Freud als „Königsweg zum Unterbewusstsein" bezeichneten Träume - uns die Möglichkeit geben, tief in unser innerstes Denken und Fühlen hinein zu schauen.

Diese Kombination aus erhöhter Suggestibilität und geöffnetem Zugang zum Unterbewusstsein ermöglicht auch das, was gemeinhin als „hypnotische Phänomene" bezeichnet wird, die alle auf die eine oder andere Weise im Rahmen einer Therapie genutzt werden können. So zum Beispiel das Phänomen der Dissoziation, einer - zeitlich begrenzten - veränderten Wahrnehmung bei der der Mensch sich selbst quasi „aus sich heraus" betrachtet, in der eigene Gedanken, Emotionen oder auch bestimmte Körperteile als nicht zu sich selbst gehörig angesehen und wie von außen wahrgenommen werden.

Auch ist in Hypnose eine veränderte Zeitwahrnehmung, eine Zeitverzerrung möglich, so dass die Zeit viel kürzer oder länger zu sein scheint, als sie das wirklich ist. Oder das Phänomen der Amnesie/Hypermnesie, also einer eingeschränkten bzw. verstärkten Erinnerungsfähigkeit sind wichtige Bestandteile einer jeden Hypnosetherapie. Die Fähigkeit zur Zeitregression/-progression, also das deutliche Wahrnehmen und Erleben von Erlebnissen aus der Vergangenheit oder auch möglicher, imaginierter Zukunftserlebnisse. Vor allem im Bereich der medizinisch-zahnärztlichen Hypnose ist natürlich das Phänomen der Anästhesie/Analgesie von Bedeutung. Also der Fähigkeit, unter Hypnose Schmerzempfindungen auszuschalten oder deutlich zu reduzieren. Und schließlich ist auch das Phänomen der „Trancelogik" wichtig, eine im hypnotischen Zustand deutlich erhöhte Bereitschaft für flexibleres, offeneres Denken, welches nicht ständig durch unseren bewussten Verstand behindert oder blockiert wird.

All diese Phänomene, die im Rahmen einer hypnotischen Trance auftreten, können auf vielfältige Weise im therapeutischen Setting genutzt werden um einerseits Zugang zu verdrängten Erinnerungen sowie zu (bislang) verborgenen Ressourcen zu erhalten, sowie andererseits um negative, hinderliche innere Bilder und Vorstellungen durch kreative, positive und hilfreiche Bilder, Gedanken und Ideen ersetzt zu werden.

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