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Ratgeberbücher
Buch Leseprobe Die Rauchgiftfalle, Franz Wilhelm Bauer
Franz Wilhelm Bauer

Die Rauchgiftfalle



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Auszug aus dem Kapitel "Mein heiteres Raucherleben"

Ungefähr sechzehntausendfünfhundert Tage lang rauchte ich dann immer zum Kaffee, immer zum Alkohol, nie im Auto (na ja, fast nie), niemals am Schreibtisch in meinem Büro (mit wenigen Ausnahmen, die die Regel bestätigten) und ich rauchte täglich durchschnittlich fünf Zigaretten. Manchmal auch fünf bis zehn. Allerhöchstens hie und da fünfzehn bis zwanzig, um ehrlich zu sein. Manchmal, im Kreis aufgeschlossener, intelligent und witzig kommunizierender Freundinnen und Freunde, wurden es auch ein wenig mehr. Da konnte ich schon einmal an einem Abend eine Packung kettenrauchend verpuffen. Aber die amüsante und Energie verbrauchende geistige Betätigung verlangte den stimulierenden Rauch und es blieb, nicht viel öfter als vielleicht zwei-, dreimal die Woche, bei dieser Ausnahme.

Ich war selbstverständlich nicht so ein süchtiger Raucher, wie die meisten anderen. Ich rauchte wirklich bloß, wenn ich wollte. Ich wollte, wie gesagt, zu jedem Kaffee, meistens zu jedem Getränk, zum Alkohol jedenfalls immer, und so weiter. Ich konnte dazwischen stundenlang nicht rauchen, völlig ohne Schwierigkeiten. Ich war ein richtiger Genussraucher - eigentlich so etwas wie ein rauchender Nichtraucher. Jedenfalls war ich niemals in Gefahr, physischen oder gar psychischen Schaden zu nehmen durch dieses bisschen Rauch. Das wäre doch gelacht gewesen!

Die teuersten Zigaretten kaufte ich mir, um mich für irgend etwas zu belohnen und um mir etwas besonders Edles zu gönnen. Es machte schon Eindruck, zum Beispiel WALDORF ASTORIA zu rauchen statt eines billigen Krauts. Wir rauchten uns durch alle Sorten durch. Was rauche ich heute? JOHNNY mit oder ohne Filter, LUCKY STRIKE, HB oder PALL MALL? Oder doch eher CHESTERFIELD, MEMPHIS, CAMEL oder MARLBORO? Tolle Auswahl! So ein vielfältiger Reichtum! - He, man bietet uns was! Hast du schon gesehen? Eine neue Zigarettensorte! Toll! Muss ich gleich probieren!

Hie und da überlegte ich, mit dem Rauchen aufzuhören, bloß so, um Abwechslung in mein Leben zu bringen. Ich dachte: "Heute kaufe ich mir keine Zigaretten. Das Geld ist knapp und ich rauche einfach nicht mehr". Nichts leichter als das! Ein paar Stunden später dachte ich: "So, jetzt rauche ich wieder". Und dann rauchte ich wieder, völlig freiwillig. Ich überwand dann auch mit Leichtigkeit das manchmal in mir aufkeimende Gefühl, ich hätte gestern vielleicht ein wenig zu viel geraucht - der pelzige, bittere Geschmack im Mund und ein bisschen Husten machte mir aber nicht wirklich etwas aus.

Schuld an einem hie und da auftauchenden unguten Gefühl waren eher die Warnungen vor der angeblichen Schädlichkeit des Rauchens, an denen in Wahrheit aber sicher nicht wirklich etwas Ernsthaftes dran ist. Man stirbt doch nicht gleich wegen ein paar Zigaretten, die man an einem Abend zu viel geraucht hat. Schließlich kann man es auch so sehen: Auf Jahrzehnte verteilt sind sogar ein paar Millionen Lungenzüge leicht verkraftbar. Der schlagende Beweis sind die Kettenraucher, die so viel mehr rauchen, dadurch sogar eine interessant aussehende Haut und eine erotische Stimme bekommen und noch dazu schlank bleiben. Was soll's! So lange man raucht, lebt man - und zu Tode gefürchtet ist auch gestorben!

Die aufdringlichen und voll übertriebenen Meldungen von wegen einer angeblichen Gesundheitsgefahr sind doch bloß lästig. "Gesundheitsschädlich"! Wenn ich das schon lese oder höre! Das ist doch alles bloße Angstmacherei fanatischer Gesundheitsapostel. Es betrifft, wenn schon, sicherlich nur diejenigen, die mit einer ohnehin schon schwachen Konstitution leben müssen oder irgendwelche psychosomatische Leiden haben, die dann zusätzlich noch Krebs hervorrufen oder Asthma oder so genannte Raucherbeine, die meistens sowieso nichts anderes sind als das Ergebnis einer angeborenen Gefäßschwäche. Mich betrifft das natürlich nicht, und so lange ich das Rauchen genieße, rauche ich eben und meine Lebensqualität lass ich mir von nichts und niemandem vermiesen. - Na gut, Sie kennen das ja.

Außerdem hatte ich erst kürzlich wieder von einem Onkel eines Freundes von mir gehört, der fast hundert Jahre alt wurde, obwohl er sein Leben lang rauchte. Und mein armer Vater, der niemals rauchte, starb bereits mit fünfundfünfzig. Aber was soll's, niemand lebt ewig! Alle Menschen sterben an irgend etwas und Raucher sterben auch aus irgend einem Grund. Ich ließ mich nicht negativ beeinflussen und hielt mich lieber an ein altes, lustiges Sprichwort: Rauchst, stirbst. Rauchst nicht, stirbst auch. Also rauchst.

In der Ausstellung "Körperwelten" sah ich im Vorbeigehen eine etwas dunkel gefärbte Raucherlunge. Sicher ist, dass meine Lunge ganz bestimmt nicht gar so schlecht ausschaut. Ist doch mein Zigarettenkonsum schlichtweg vernachlässigbar! Sogar mein Hausarzt hatte einmal rein theoretische Bedenken mit einer Handbewegung weggewischt. Fünf bis zehn Zigaretten täglich - keine Gefahr! Das beruhigte und erleichterte mich, vor allem, weil der freundliche Arzt selber rauchte und augenscheinlich auch noch nicht gestorben war.

Als die EU, die mit der Gurkenkrümmungsverordnung nicht mehr genügend ausgelastet war, sämtliche der so exquisit geschmackvoll gestalteten Zigarettenpackungen mit "Warnhinweisen" verunstaltete, war ich ziemlich sauer. Was denken sich diese überbezahlten Schreibtischtäter, wenn sie auf die Zigarettenschachteln ihre suggestive Botschaft von der Tödlichkeit des Tabakgenusses dick, fett und schwarz umrandet draufmalen lassen? Haben denn die noch nichts von der Macht negativer Gedanken gehört? Später einmal wird man sich wundern, wenn teure Studien beweisen werden, dass der Satz: "Rauchen verursacht Krebs" tatsächlich Krebs verursacht!

Glücklicherweise haben kreative Köpfe dann diese praktischen Zigarettenschachtel-Präservative erfunden, die die Verpackung der edlen Produkte zwar nicht verschönern, aber deren Anblick doch wieder halbwegs erträglich machen. Manche Raucherinnen und Raucher schaffen es zwar meisterlich, die negativ ausstrahlenden Aufdrucke unter Anwendung einer gewissen Schlauheit einfach aus ihrem Gesichtsfeld auszublenden, mir persönlich waren aber die blickdichten Verhüllungen lieber. Es gab zwar dann auch noch diese Aufkleber mit lustigen Sprüchen wie "Rauchen kann Ihre Zigarette verkürzen" oder "Diese Zigaretten enthalten Tabak" - echt lustig, nicht? - aber es war mir zu anstrengend, täglich neue Sprüche kleben zu müssen.

Ich rauchte also, wie gesagt, weil ich es wollte und weil es mir schmeckte. Das bisschen Luftknappheit, das sich im Lauf der Zeit bemerkbar machte, war sicher altersbedingt und störte mich nicht wirklich. Man muss ja nicht jeder Straßenbahn nachlaufen, und Stiegen steigen kann man sich in der Großstadt sparen, wo es doch überall Rolltreppen und Lifte gibt. Wenn der Aufzug zu meiner Wohnung wieder einmal festsaß und ich sechsundneunzig Stufen hochklettern musste, verschnaufte ich eben gemütlich in jedem Stockwerk. Stress ist ohnedies sowas von ungesund!

Aber was erzähle ich da! Sie sind ja mitten drin in Ihrer eigenen Raucherkarriere und kennen sicher vieles ohnehin aus eigener Erfahrung. Stimmt's?

Mein Jugendfreund Paul, dem ich vor vier Jahren die letzte Ehre erwies, war im Gegensatz zu mir ein starker Raucher. Ob der Lungenkrebs, an dem er letztlich starb, vom Rauchen kam, muss bezweifelt werden. Ich besuchte ihn zwei Tage vor seinem Lebensende und brachte ihm ein paar Dosen Bier - feste Nahrung konnte er nicht mehr zu sich nehmen. Man hatte ihm nämlich nach langwierigen und erfolglosen medikamentösen Behandlungen die halbe Lunge samt den davor liegenden Rippen entfernt. Das schwächte ihn natürlich sehr. Er war dadurch sogar zu schwach geworden, richtig zu kauen und wurde dann auch sehr schlank. Mit 35 Kilogramm etwas untergewichtig, würde ich sagen. Aber als echter Genussraucher hielt er bis zum letzten Augenblick die glühende Zigarette zwischen den leider schon etwas zittrigen, aber wunderbar männlich-gelbbraun gegerbten Fingern und presste, voll Schmerz zusammengekrümmt, die vorletzten Worte hervor, die ich von ihm hörte. Er sagte, mit seinem Kinn auf die Zigarette deutend, mit bebender, schwacher Stimme: "Das ist das Einzige, was ich noch habe".

Wie wahr! Die Zigarette war bis zum letzten rauchgefüllten Atemzug seine Freundin geblieben, immer treu, immer an seiner Seite. Immer hatte sie ihm das Leben erleichtert und verschönt, nie hatte sie ihn verlassen. Woran sonst hätte der Ärmste sich noch festhalten können, als ihm der Krebs die letzte Hoffnung raubte? Nirgends! Er war übrigens (und das ist jetzt genau so wirklich wahr, wie alles andere, was ich hier erzähle) überzeugt davon, dass er den extrem schwankenden Luftdruckunterschieden, die von der Klimaerwärmung ausgehen, zum Opfer gefallen sei.

Nach seiner Beerdigung war ich ein wenig mitgenommen, das muss ich gestehen. Als ich nach Haus kam, streikte wieder einmal der Lift. Sechsundneunzig Stufen - es muss wohl am Stress des Begräbnisses gelegen sein, dass ich an diesem Abend etwas mehr als an sonstigen Liftstreiktagen auf dem Weg hinauf zu meiner Wohnung anhalten und ein wenig verschnaufen musste. Irgend etwas schnürte mir die Luft ab und dann war da so ein eigenartig stechendes Ziehen in meiner linken Brusthälfte, weiter nicht der Rede wert, aber ...

Bloß sicherheitshalber ging ich sofort ein paar Wochen später zu einer Herzuntersuchung. Belastungs-EKG, Ultraschall. Das Ergebnis - wie hätte es anders sein können: Keine Anzeichen irgendeiner Schädigung. Unheilbar gesund! Na also. Beruhigt konnte ich weiter rauchen.

Bloß um meiner Frau einen Gefallen zu tun, besuchte ich gleich ein Jahr danach eine Lungenfachärztin. Ließ mich von der freundlichen Medizinfrau willig abhorchen, stellte mich für eine Durchleuchtung zur Verfügung und machte bei einer amüsanten Lungenfunktionsprüfung mit. Das Ergebnis überraschte mich dann aber doch etwas: COPD. Chronic obstructive pulmonary disease - was auch immer das heißen mag. Behauptet wird, dass das eine Krankheit sei, die durch langjähriges Rauchen verursacht wäre. Quasi eindeutig bewiesen wäre das. Angeblich nicht heilbar, aber in den Griff zu bekommen durch die tägliche Einatmung eines Medikaments zur Bronchienerweiterung. Ich weiß nicht, ob man das so ohne Weiteres glauben kann. Zu allem Überfluss flüsterte die junge, attraktive Ärztin mir nach der Mitteilung der eigenartigen Diagnose auch noch übertrieben freundlich zu: "Lieber Herr Bauer, sie sollten zu rauchen aufhören!".

Ich verließ die Ordination mit einem leichten Schwindelgefühl in meinem Kopf. Etwas in Gedanken verloren ging ich zur nächsten Straßenbahnhaltestelle. Mehr als fünfundvierzig Jahre hatte ich genussgeraucht, und nun sollte ich aufhören? Wie sollte das gehen - einfach aufhören und nie, nie mehr rauchen? Unvorstellbar! Das Schwindelgefühl verstärkte sich und einige Sekunden lang fühlte ich mich wie betäubt. Nun gut, dachte ich, vielleicht würde ich ja wirklich einmal zu Rauchen aufhören. Jetzt aber hatte ich noch ein paar Zigaretten bei mir, und die wegzuwerfen, wäre doch zu schade.

Kalte, scharfe Luft reizte meine Bronchien und ich musste kurz husten. Eine Zigarette würde mir jetzt sicher gut tun. Also schlenderte ich die Straße entlang und zündete mir zur Beruhigung des Hustenreizes und meiner etwas mitgenommenen Nerven ein kleines Zigarettchen an. Wie gut das doch immer wieder tut! Gleich spürt sich meine Lunge wieder vertraut an - zwei, drei tiefe Atemzüge aromatischen Rauches und -schwuppdiwupp - ist meine Befindlichkeit wieder auf voller Höhe.

Nichtraucher begreifen nichts vom Nikotingenuss. Raucherinnen und Raucher, die meine Schilderungen hier lesen, wissen, wie das Inhalieren von Rauch angenehm ist, wie es beruhigt, wie es jeden Stress mindert und gleichzeitig das Leben mit Kreativität und Freude würzt. Wohl mag Rauchen irgendwie auch eine Sucht sein. Aber gar kein Laster soll man sich gönnen? Dann wäre das Leben doch wirklich zu langweilig, nicht wahr?

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