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> Politik, Gesellschaft > Vera, die Moorfrau
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Politik, Gesellschaftskritik
Buch Leseprobe Vera, die Moorfrau, Viktoria Grantz
Viktoria Grantz

Vera, die Moorfrau


Starke Frauen

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„Drücken! Drücken! Drücken! Nein, nicht nachlassen! Pressen! Ja, so ist es gut! Und weiter pressen! Pressen! Pressen!“ Meine Mutter erzählte mir viele Jahre später, dass es für sie eine wahre Tortur gewesen war, mich zur Welt zu bringen. Ich war nicht nur ziemlich groß und schwer, nein, ich lag auch noch verkehrtherum in ihrem Bauch. Gleich zwei Hebammen mussten ihr Bestes geben, um mir den Weg in die große, weite Welt zu ermöglichen. Das war 1936 in Kleinmoorsode nordöstlich von Bremen. Kleinmoorsode hatte damals achtundachtzig Einwohner. Na ja, nun gab es eine mehr, nämlich mich. Alle nun neunundachtzig Einwohner lebten vom Moor, oder besser gesagt, vom Torfstechen. Torfstechen war eine schwere Arbeit. Frühmorgens zogen die meisten Kleinmoorsoder, mit Moorkarre und Moorspaten ausgerüstet, ins nahe Moor. Zuerst musste die Oberschicht entfernt werden. Erst darunter fand man den Torf, der einerseits als Dünger, andererseits als Brenntorf Verwendung finden sollte. Nur bestimmte Torfarten eigneten sich zum Brennen oder Düngen. Ich war wohl drei Jahre alt, als ich zum ersten Mal auf eigenen Füßen ins Moor marschierte. Zuvor war ich immer getragen worden. Meine Mutter hatte keine Zeit, um mich zu Haus aufzuziehen. Sie war voll eingeplant und hatte ihre Arbeit genauso zu verrichten, wie alle anderen auch. Natürlich gab es auch andere Kinder, die mit ins Moor mussten. Die Größeren passten auf die Kleineren auf, wenn Eltern und Großeltern und der Rest der Verwandtschaft, im Moor herumgruben. Dabei herrschte ein strenges Regiment vor. Da das Moor gefährlich war, durfte niemand aus der Reihe tanzen. Nicht nur einmal sind Torfstecher nicht zurückgekommen. Manche fand man Jahrzehnte später beim Abtorfen wieder, andere nie mehr. Im Grunde genommen war das Leben im Moor damals sehr brutal. Man konnte nur bei bestimmtem Wetter graben. Das Moor durfte nicht zu nass sein. Manchmal fiel die Ausbeute um ein Vielfaches geringer aus, als gedacht. Der Torf wurde nicht nur ausgegraben und in Torfsodengröße aufgestapelt, nein, der Torf musste auch noch trocknen. Ungetrockneter Torf war viel zu schwer, um ihn über eine längere Strecke transportieren zu können. Obendrein brannte er nicht, sondern glomm nur, was mit einer unglaublichen Rauchentwicklung einherging. Solch einen Torf konnte man den Kunden nicht anbieten. Schließlich musste man auf gute Qualität achten. Lieferte man einmal schlechten Torf, hieß das, dass der Kunde beim nächsten Mal von einem anderen Torfstecher kaufen würde. War ein Kunde erst einmal verloren, konnte man davon ausgehen, dass er nicht zurückkehren würde. In einigen Liedern wird die Verbundenheit der Torfstecher untereinander besungen. In der Realität, war sich jeder selbst der Nächste. Jeder versuchte auf mehr oder weniger legale Art und Weise, den meisten Torf an den Mann oder die Frau zu bringen. Es kam mehr als einmal vor, dass sich Torfstecher aus diesem Grund gegenseitig an die Gurgel gingen. Manche Kollegen waren dermaßen niederträchtig, dass sie schon mal nachts loszogen, um die mit großer Mühe aufgestapelten Torfsodenhaufen umzuwerfen oder mithilfe einer Axt dafür sorgten, dass ein Torfkahn so sehr beschädigt wurde, dass man mit ihm höchstens noch das Feuer anheizen konnte. Es ging ums blanke Überleben. Nur wer Torf verkaufen konnte, hatte sein kärgliches Auskommen. Alle anderen hungerten und froren in den armseligen Moorkaten. Von Zentralheizungen, fließendem Wasser oder isolierten Fenstern konnten wir Kleinmoorsode nur träumen. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass meine Eltern immer wieder Ärger mit dem Leiter der Grundschule in Großmoorsode bekamen. Der gute Mann hatte zwar studiert, aber trotzdem keine Ahnung vom Leben im Moor. Hin und wieder kam er mit einem Pferdegespann bei uns in Kleinmoorsode vorbei, um nach uns Kindern zu sehen. Ihm passte es gar nicht, dass viele Kinder nicht in seine Schule gingen und stattdessen ihren Eltern beim Torfstechen behilflich sein mussten. Er konnte einfach nicht verstehen, dass im Moor jede Hand, auch wenn sie noch so klein war, gebraucht wurde. Nur die Kinder der reichen Torfstecher oder der Bauern, die Ländereien auf einem im Moor gelegenen Sandberg besaßen, gingen mehr oder weniger regelmäßig zur Schule. Leider gehörte unsere Familie nicht zu den reichen Torfstechern. Mein Großvater war als erster unserer Sippe ins Moor gekommen, während andere Familien schon seit Generationen hier lebten. Das hieß, er musste ganz von vorn anfangen. Anfangs grub er für sich allein. Er war arm und hatte daher kaum eine Chance, eine Frau zu finden. Da sich aber bald herumsprach, dass er nicht nur groß, stark und gutaussehend war, sondern auch unglaublich schnell Torf stechen konnte, wurde ein Mädchen aus einer anderen armen Familie schwach, und ließ sich von ihm heiraten. Diese Moorehen wurden nicht im Himmel geschlossen. Diese Moorehen waren reine Zweckgemeinschaften, die die Überlebenschance erhöhten. Manchmal verliebten sich die zwei Eheleute im Laufe der Jahre ineinander, meistens eher nicht. Der Mann war der Stärkere und hatte somit das Sagen. Die Ehefrau durfte Kinder zur Welt bringen und arbeiten bis zum Umfallen. Für alle Moorbewohner war das Leben schwer, für uns Frauen war es die Hölle. Ich weiß nicht, ob mein Großvater meine Großmutter geschlagen hat. Mein Vater jedenfalls hatte in meinem Beisein mehrmals ausgeholt und meiner Mutter eine Ohrfeige gegeben. Er sagte dann stets zu meinem sechs Jahre älteren Bruder Bernd: „Du darfst als Mann keine Schwäche zeigen, sonst tanzen dir die Weiber auf dem Kopf rum. Nicht lange fackeln, zuschlagen. Was anderes versteh´ n die Weiber sowieso nicht.“


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