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> Politik, Gesellschaft > Sprengstoff in der Küche
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Politik, Gesellschaftskritik
Buch Leseprobe Sprengstoff in der Küche, Kirk Kirchhofer
Kirk Kirchhofer

Sprengstoff in der Küche



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Er arbeitet an einem Projekt im Maghreb. Das Team, dem Fabian angehört, hat den Auftrag, das Land zu vermessen um topographische Karten zu erstellen. Zur Verfügung steht eine Caravelle, mit der das Terrain in einem dichten Rastersystem überflogen wird. Spannend und langweilig zugleich. Das Team versteht sich glänzend und die Arbeit wäre plangemäss gut fortgeschritten, wenn nicht Probleme aufgetreten wären, weder personeller noch technischer Art, Probleme mit der einheimischen Bevölkerung. Genauer gesagt mit den Stämmen der Eingeborenen. Natürlich war dies für den Auftraggeber, die Regierung, voraussehbar, aber diese befand, dies sei die Angelegenheit des Auftragnehmers.

Brütende Hitze über der Wüste. In zwanzig Minuten würden sie ihr Tagesziel erreichen: ein kleines Flugfeld, 280km von der nächsten grösseren Siedlung entfernt. Piste in Sicht, Klappen raus, Anflug zur Landung, alles Routine. Die Caravelle setzt auf, hält, das Team steigt aus, um sofort das Zeltlager zu errichten. Der Chef nimmt Fabian zur Seite:

„Heute ist ein wichtiger Tag für uns. Der Häuptling des Stammes, der diese Region kontrolliert, wird sein Zeltlager direkt neben unserem Camp errichten.“

„Ja und? Musik und Tanz?“

Der Boss lacht nicht.

„Die Lage ist sehr angespannt. Diese Leute können unser gesamtes Projekt zum Scheitern bringen. Wir müssen sie überzeugen, dass wir nichts Böses im Schilde führen, wir benötigen ihre Unterstützung.“

„Und? Wie fangen wir das an?“

„Ich bin heute Abend beim Chief zum Tee eingeladen, was eine grosse Ehre bedeutet. Du wirst mich als mein Adjutant begleiten, nur wir zwei werden da hingehen.“

Fabian fühlt sich geschmeichelt, dass sein Chef ihn ausgewählt hat.

„Ich komme gerne. Das kann interessant werden.“

Die Zelte stehen und sind eingerichtet. Die Crew hat sich verpflegt. Es ist noch zu früh, um ein Feuer zu machen, man sucht den Schatten, die Sonne steht noch zwei Finger breit über dem Horizont. Fabian schielt Richtung Osten, wo die Beduinen ihr Lager errichten. Lautes Geplapper, unverständlich, alle scheinen durcheinander zu quasseln. Dort brennt bereits ein Feuer. Die Kamele lagern nahe bei den Zelten. Die Abendsonne spiegelt sich im glitzernden Rumpf der Caravelle, welche zirka fünfzig Meter vom Camp steht.

Jetzt ist die Sonne verschwunden. In einer Stunde schon wird es angenehm kühl sein, in ein paar Stunden empfindlich kalt.

Ein Beduine nähert sich langsam dem Camp. Welch ein Anblick, er geht nicht, er schreitet. Gross gewachsen, trägt er ein langes dunkelblaues oder dunkelviolettes Gewand, eine weisse lange Hose ist sichtbar, barfuss. Im Gurt steckt der Jambiya, der arabische Krummdolch, Silber, reich verziert. Aber am eindrücklichsten ist seine Kopfbedeckung: eine Art Turban, der Schesch. Dies ist eine sechs bis zehn Meter lange, schwarze Stoffbahn, die kunstvoll um den Kopf gewickelt wird und nur die Augen frei lässt. Der Schesch schützt vor Sonne, Wind und Sand. Einige Meter vor den Zelten bleibt er abwartend stehen. Fabians Boss begibt sich sofort zu ihm, verneigt sich leicht. Der Beduine sagt etwas, sein Gegenüber kann ihn offensichtlich nicht verstehen. Dieser dreht sich um und ruft nach Fabian:

„Komm hilf. Er spricht französisch.“ Fabian eilt zu den beiden. Der Beduine wiederholt:

„Mein Chief möchte Euren Chief zum Tee einladen. Nicht mehr als drei Personen. Kommt bevor es dunkel wird“, dreht sich um und lässt die beiden, ohne eine Antwort abzuwarten, stehen.

„Na denn, machen wir uns auf den Weg.“ Er geht zurück zum Zelt und holt ein Präsent, welches er dem Häuptling übergeben will: eine Teakholzschatulle mit einem Set kleiner Teegläser, kitschig mit Gold verziert.

Sie erreichen das Lager, das Zelt des Chiefs ist nicht zu übersehen, es ist mit farbigen Bändern geschmückt. Die umstehenden Beduinen mustern sie wortlos, bewegungslos stehen sie da. Feindselig? Vielleicht. Ein süsser Duft hängt in der Luft, vermutlich vom Tee.

Der Chief tritt vor sein Zelt, den Schesch hat er durch einen kleineren schwarzen Turban ersetzt. Mit seinem ausdruckslosen Gesicht ist sein Alter schwer zu schätzen. Fünfundvierzig? Fünfzig? Gelassen betrachtet er seine beiden Gäste und bedeutet ihnen einzutreten. Das Zelt ist ausgelegt mit einem typischen Orientteppich, der Zeltwand entlang liegen Kissen. Drei alte Männer sitzen bereits im Zelt, nicken den beiden kurz zu. Der Chief gibt ihnen ein Zeichen, sich zu setzen. Sie überreichen dem Gastgeber die Teakholzkassette, er nimmt sie wortlos entgegen, öffnet sie, betrachtet kurz die Gläser, klappt den Deckel zu und legt sie neben sein Kissen. Im Zelt und auch draussen herrscht Ruhe.

Ein junger Mann mit einem Tablett mit Gläsern in der einen und einer grossen Metallkanne in der anderen Hand, betritt das Zelt. Mit einer gewissen Eleganz giesst er Tee in die kleinen Gläser, die er auf dem Tablett den Anwesenden anbietet. Nachdem alle gekostet haben, ergreift der Chief das Wort, in bestem Englisch. Ein Gespräch entwickelt sich, nur selten äussern sich die alten Männer, ihre Sprache unverständlich für die Gäste. Die Unterhaltung verläuft friedlich, wird zunehmend freundlich. Der Chief und seine Stammesältesten scheinen zu erkennen, dass die Truppe mit ihrem Flugzeug ein wichtiges Projekt verfolgt, das ihrem Land Nutzen bringt. Nach vielen weiteren Gläschen Tee neigt sich der Besuch dem Ende zu. Der Chief winkt den Jungen zu sich und flüstert ihm etwas ins Ohr, er verschwindet. Der Chief steht auf, alle erheben sich. Der Junge erscheint mit einem silbernen Tablett, darauf drei eiförmige Objekte, welche Fabian nicht identifizieren kann. Der Chief hält das Tablett, ihm gegenüber stehen Fabian und sein Boss, die alten Männer im Hintergrund. Der Gastgeber hebt an:

„Ich freue mich, euch als Freunde in meinem Land willkommen zu heissen. Diese Gabe hier ist das Zeichen unserer höchsten Wertschätzung.“

Jetzt erkennt Fabian, was vor ihm auf dem Tablett liegt: drei Schafsaugen! Der Häuptling ergreift eines und führt es zum Mund, Fabian dreht sich der Magen.

Er wendet sich seinem Boss zu und raunt diesem ins Ohr:

„Du, ich kann das nicht, das ist ja eklig!“

Dieser wird ungehalten und flüstert befehlend zurück:

„Du isst das, Basta! Das wäre die grösste Beleidigung!“ Ende der Diskussion. Sein Boss verneigt sich leicht zum Häuptling, lächelt und isst das zweite Auge. Fabian, mit einem verzerrten Lächeln, ergreift das übrig gebliebene Schafsauge, es ist glitschig, er hat Mühe es zu halten. Er steckt es in den Mund. Es hat keinen Geschmack, fühlt sich auf der Zunge wie ein hart gesottenes Ei, etwas kleiner, aber kalt und schlüpfrig. Spontan entscheidet er sich, nicht in den grauslichen Körper zu beissen, sondern diesen als ganzes zu schlucken, was ihm auch gelingt.

Zufrieden schütteln sich die drei Männer die Hände, das Zeremoniell ist vorbei. Sie kehren zum Camp zurück.

„Das hast du bestimmt gewusst oder geahnt, dass wir ein Schafsauge verschlingen müssen“, Fabians Stimme bebt vor Wut.

Sein Boss lächelt amüsiert: „When in Rome, do as the Romans do.” “Schon, aber wer isst denn Augen! War das überhaupt gekocht oder war es roh?“ „Nicht roh, es war leicht gesotten.“ „O.K., das war mein erstes und letztes Auge.“ „Du darfst das nicht so eng sehen. Ungewöhnliche Situationen fordern ungewöhnliche Taten. Ich danke dir auf jeden Fall, dass du mitgemacht hast.“Wie gesagt, Fabian isst eigentlich alles, Augen ausgenommen.

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