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> Politik, Gesellschaft > Papa kommt fast täglich
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Politik, Gesellschaftskritik
Buch Leseprobe Papa kommt fast täglich, Hans Georg van Herste
Hans Georg van Herste

Papa kommt fast täglich


Herstes Liste des ganz alltäglichen Wahnsinns

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Um das ganze Ausmaß der Verbreitung von sexuellem Kindesmissbrauch zu dokumentieren, habe ich es für sinnvoll erachtet, einige Opfer, die mich ich im Laufe der letzten vier Jahrzehnte aufsuchten, mich um Rat fragten oder einfach nur ihre Geschichte erzählen wollten oder von denen ich durch Dritte Kenntnis erhielt, stellvertretend für die Milliarden Opfer weltweit, aufzulisten. Natürlich wurden alle Betroffenen anonymisiert. Einige hatten nach Rücksprache zwar nichts dagegen, namentlich genannt zu werden, wurden aber dennoch unkenntlich gemacht, da mich die Erfahrung lehrte, dass Täter eine weitaus größere Lobby haben als Opfer. Obwohl die immense Verbreitung des sexuellen Kindesmissbrauchs seit vielen Jahren bekannt ist, wird weiterhin geschwiegen. Kaum ein Täter wird angezeigt, geschweige denn angeklagt. Nur jeder 1000. Täter landet überhaupt vor Gericht und die meisten kommen mit einer lächerlichen Bewährungsstrafe davon. Selbst der Strafrahmen wird äußerst selten ausgeschöpft – obwohl das häufig möglich wäre. Während die Täter großes Medieninteresse auslösen, kümmert sich kaum jemand um die Opfer, deren Leben oftmals nachhaltig zerstört wurde. Während von den Medien hoch gepuschte Promis auf Schritt und Tritt beleuchtet werden, und es sogar als wichtig erachtet wird, wann und mit wem so eine Person Stuhlgang hatte, wird über Missbrauchsfälle selten berichtet. Stirbt ein Popstar, geht ein Aufschrei um die Welt – auch in den Medien. Wird ein kleines Mädchen vergewaltigt, wird eine Frau erst vom Vater, später vom Ehemann verprügelt, kümmert sich niemand darum. Um eine Berichterstattung auszulösen, muss es schon ganz dicke kommen. Am liebsten wird ein dem Opfer unbekannter Täter genommen. Vater, Opa, Onkel, Mutter, Oma, Bruder, Schwester, andere Verwandte, Nachbarn oder Lehrer, die über 95 % der Täter ausmachen, werden nicht gern behelligt. Dem Leser wird auf diese Weise vorgegaukelt, der „böse, schwarze Mann“ aus einer entfernten Region führe mit dem Auto weitab seiner Heimat durch die Gegend, um kleine Kinder zu fangen und zu missbrauchen. Mütter bewachen ihre Kinder auf dem Schulweg, obwohl der Täter meistens mit im eigenen Haus wohnt. Jedes Dorfschützenfest, jedes Straßenfest wird mehrfach in der Presse kommentiert und mit Bildern unterlegt und bis ins Detail ausgeschlachtet. Über das am weitesten verbreitete Verbrechen weltweit wird kaum eine Zeile verschwendet. Ein Reporter sagte mir einmal: „Das wollen die Leute nicht lesen. Das ist vielen zu dicht und wird lieber verdrängt. Ich wollte mal über einen Fall berichten. Da wurde mir gesagt, ich würde das ganze Dorf durcheinander bringen und so schlimm wäre das auch wieder nicht.“ Der Mann hat aus Angst um seinen Arbeitsplatz nichts veröffentlicht. Einer Kindergärtnerin, die einem Missbrauchsfall in ihrem Kindergarten auf die Spur gekommen war, wurde mehrfach bedroht, sodass auch sie sich nicht traute, etwas zu unternehmen. Opfer, die ich zur Polizei begleitete, wurden dort von teilweise völlig unwissenden Beamtinnen und Beamten angehört, die mehr Zeit mit ihren Uraltcomputern verbrachten, als mit der genauen Befragung der Opfer. Durch diese Ablenkung kam es mehrfach zu Verwechslungen und ich hatte große Mühe, die Opfer bei der Stange zu halten. Mehrmals kam es vor, dass Opfer entnervt aufstehen und gehen wollten Obwohl in mehreren Fällen Täter, Orte und Daten genannt werden konnten, wurde kein Täter angeklagt. Entweder sei keine körperliche Gewalt im Spiel gewesen – ich frage mich, wie ein Mann eine Fünfjährige ohne körperliche Gewalt vergewaltigen kann? – oder die Taten seien lange verjährt. Ich konnte mich in vielen Fällen des Eindrucks nicht erwehren, dass eine gewisse Lustlosigkeit seitens der Ermittlungsbehörden gerade bei diesem Thema an den Tag gelegt wurde. Um den Beamten die Arbeit zu erleichtern, protokollierte ich jeden Fall persönlich. In übersichtlicher Form und in chronologischer Reihenfolge schrieb ich die Erlebnisse und Erinnerungen der Opfer in aller Ruhe auf. Diese Protokolle wurden den Ermittlungsbehörden zur Verfügung gestellt, ohne dass daraus allerdings ein Erfolg erwachsen konnte. Wird – nach dem Gesetz – keine körperliche Gewalt angewandt, verjährt der sexuelle Missbrauch von Kindern zehn Jahre nach dem achtzehnten Lebensjahr, wird Gewalt angewandt, zwanzig Jahre nach dem achtzehnten Lebensjahr. Da viele Opfer für den Täter bei Erreichen der Pubertät uninteressant werden, da sie, wie es im Fachjargon heißt, hormonell verseucht werden, das Opfer anschließend durch Schule, Ausbildung, Familiengründung etc. geht, wird die Erinnerung, falls sie nicht sowieso längst verdrängt wurde, immer weiter in den Hintergrund geschoben und ist schließlich nicht mehr präsent. Mit Mitte dreißig oder Anfang vierzig hat sich das Opfer beruflich etabliert. Die Kinder werden flügge oder haben das Haus verlassen. Plötzlich kehrt eine gewisse Leere ein und die Erinnerungen haben nun eine Chance, sich ihren Weg an die Oberfläche zu bahnen. Es kann Jahre dauern, bis sich aus Erinnerungsbruchstücken ein komplettes Bild rekonstruiert hat. Spätestens jetzt wäre die Zeit reif, um reinen Tisch zu machen, um den Täter zur Rechenschaft zu ziehen, um weitere Übergriffe durch den Täter zu verhindern. Besser spät als nie. Leider ist es nun zu spät. Der Täter kann aufgrund der Verjährungsfristen nicht mehr belangt werden. Er hat sogar das Recht, gegen eine eventuelle Bezeichnung als Täter gerichtlich vorzugehen. Denn nur ein rechtmäßig verurteilter Täter ist vor dem Gesetz ein Täter. In Schulen habe ich eine ähnlich ablehnende Haltung erleben müssen. Während meine Vorträge zum Thema von mehreren Lehrerinnen gern in Anspruch genommen wurden, traf ich in vielen anderen Schulen auf Ablehnung. Ein Rektor erklärte mir, dass es in seiner Schule keine Missbrauchsfälle gäbe. Das wisse er genau. Als ich ihn fragte, wie er sich da so sicher sein könne, ob der großen Zahl der Opfer, antwortete er, ihm sei bisher noch keine Schülerin aufgefallen, die sich merkwürdig benehmen würde. Als ich ihm vorhielt, dass jedes dritte Mädchen und jeder fünfte Junge Opfer von sexuellem Missbrauch seien, antwortete er nicht, sondern verabschiedete mich. In den Klassen, in denen ich Vorträge hielt, stieß ich auf großes Interesse seitens der Schüler und Lehrerinnen. Auch die von mir erdachte „Insel-Methode“ zur Prävention stieß durchweg auf offene Ohren und viele Schüler erklärten, sie würden in Zukunft aufpassen und auf Auffälligkeiten achten. Mehrere Schülerinnen – so wurde mir im Nachhinein mitgeteilt – hatten sich nach meinem Vortrag an eine Lehrerin gewandt und von ihrem selbst erlebten Missbrauch berichtet. Ich sehe sowohl bei Lehrern und Erziehern, als auch bei der Polizei große Wissenslücken, was diese Thematik angeht, musste mir allerdings mehrmals anhören, dass kein Bedarf an Aufklärung besteht. Mehrmals wurde mir vorgehalten, eine derart große Zahl von Missbrauchsfällen könne man sich nicht vorstellen. Obendrein gäbe es viele Personen, die einen Missbrauch nur vortäuschen würden, um z. B. einen unliebsamen Menschen loszuwerden, zu erpressen oder sich selbst wichtig zu machen. Natürlich kommen solche Fälle vor, aber bei genauer Betrachtung bewegen wir uns von der Häufigkeit her im Promillebereich. Nur vereinzelte Personen aus dem von mir angesprochenen Kreis waren bereit, sich mit dem Thema intensiver zu beschäftigen.


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