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> Politik, Gesellschaft > Ohne Liebe herrscht nur Trauer
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Politik, Gesellschaftskritik
Buch Leseprobe Ohne Liebe herrscht nur Trauer, Jan Moewes
Jan Moewes

Ohne Liebe herrscht nur Trauer



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14. Wachsen und Erblühen


 


Vögel fliegen und Kinder lernen. Man braucht sie nicht dazu zu zwingen. (Jan Edel)


 


Jeder Keim, so winzig er auch ist, birgt die Gestalt und das Wesen des ausgewachsenen und fortpflanzungsfähigen Exemplars seiner Gattung in sich. Nur Katastrophen oder mangelhaft erfüllte Grundbedürfnisse können den Keim daran hindern, „alles aus sich heraus zu holen“, wie man so schön sagt, obwohl die wachsenden Lebewesen, wohin man auch schaut, zuerst einmal alles in sich hinein stopfen wollen. Irgendwo muss die Materie ja herkommen, mit der unser kleiner Keim die große Gestalt schafft, die in ihm steckt. Außer der materiellen Nahrung brauchen alle Keime nur noch Wärme und Wasser, und natürlich Schutz oder eine gute Portion Glück, um sich perfekt zu entwickeln. Aus Sonne, Erde und Wasser schafft ein Weizenkorn einen Halm mit dicker Ähre, ein ausgebrütetes Hühnerei macht aus Körnern und Wasser ein legefreudiges Huhn, und ab und zu ein Ei hilft dem halbwegs entwickelten Menschenkeim, im besten Fall ein Einstein oder Mozart zu werden. Ach, das Wichtigste von allem, was der Keim braucht, haben wir noch gar nicht erwähnt! Das liegt wohl daran, daß wir die ganze Zeit von nichts anderem reden. Das alles kann der Keim nur schaffen, solange er im Einklang sein darf. Bei befriedigten vitalen Grundbedürfnissen, zu denen der Einklang unbedingt gehört, holt jeder Keim alles aus sich heraus, das ist sein oberstes Ziel. Jeder Keim will das Beste aus sich machen, das heißt, dass kein Bäumchen freiwillig ein Bonsai wird, und kein Embryo vorhat, ein Arschloch zu werden. Dieses alles aus sich heraus holen kehrt sozusagen das Innere nach außen. Deshalb wird es auch Entfaltung genannt, freie Entfaltung im schönsten aller Fälle. Diese gehört zu den von der Verfassung garantierten Menschenrechten, und da sie ernst genommen alles andere beinhaltet, würde sie die ganzen weiteren Rechte überflüssig machen, wenn unser erstes, angeborenes Menschenrecht nicht überall mit Füßen getreten würde. Diese Entwicklung einer verborgenen, als Vorstellung schon vorhandenen Gestalt, ist eines der größten Wunder des Lebens. Die Wissenschaft muss es hinnehmen und kann allenfalls winzige Teilaspekte beschreiben, nie begründen. Wir nehmen es gerne hin, aber da es so alltäglich ist, nehmen wir es kaum noch wahr. Deshalb wollen wir es uns an einem kleinen, aber wunderschönen Beispiel einmal in Ruhe anschauen, am Wachstum des Falters, der, wie wir sehen werden, eigentlich Entfalter heißen müßte. Schon der Hochzeitsflug der Falter ist beeindruckend. Nur durch beider Geschlecht vereint hängt sie passiv empfangend an ihm, der flatternd die doppelte Last durch die Luft schleppen muss, obendrein bedrängt von anderen erregten Männchen. Und die Ehe ist nach der sehr unzutreffend "Hochzeitsflug" genannten Befruchtung vorbei. Das Männchen stirbt meist sehr schnell, aber auch das Weibchen muss meist nur noch ein paar Eier legen oder besser gesagt ankleben und wird nicht viel älter. Die Eier sind so winzig, daß man sie kaum sieht. Und die kleine Raupe, die nach ein paar Tagen ausschlüpft, ist keinen Deut größer - wie sollte sie auch. Als erstes verschlingt sie das Frühstücksbrot, das Mami ihr mit auf den Weg gegeben hat: die hauchdünne Eierschale. Dann frißt sie eigentlich nur noch, den ganzen Tag, so viel sie findet. Irgendwann, im Fall des großen Monarchen nach etwa zehn Tagen, ist sie dann eine wirklich fette Raupe, die man kaum übersehen kann. Sie hat aber noch keinerlei Ähnlichkeit mit einem Schmetterling, vielleicht ahnt sie noch nicht einmal, dass sie auf dem besten Weg ist, einer zu werden. Doch sie weiß ganz genau, was sie als nächstes zu tun hat. Sie hat sich mit dem hinteren Ende an einen Ast zu kleben, und dann hat sie loszulassen, mehr nicht. Am nächsten Morgen hängt sie, scheinbar leblos, an der gleichen Stelle, die bunte Haut verblaßt, die Fühler fast verwittert. Sie ist völlig wehrlos und bewegt sich allenfalls mit dem Wind. Doch plötzlich beginnt der schlaffe Wurm zu zucken und zieht sich wie unter Krämpfen ein ums andere mal zusammen. Dabei wird er kürzer und dicker, so daß die alte Haut schließlich aufreißt. Heraus kommt ein scheinbar neuer, bleicher Wurm, der sich dreht und windet, bis er die alte Haut ganz abstreift. Der neue dicke Wurm beruhigt sich langsam, seine frische Haut wird dunkler und härter, und nach einer Stunde ist er zu einer leuchtend grünen Puppe geworden, auf deren Chitinpanzer ein paar goldene Punkte auffallen. Das Einzige, was sich nicht verändert hat, ist die Klebe, an der alles hängt. Nun passiert ganz lange -scheinbar- gar nichts. In Wirklichkeit findet das eigentliche Wunder statt. Zuerst zersetzt sich innerhalb des Chitinpanzers die vorherige Raupe zu einem gleichförmigen Brei. Dann wächst langsam von außen nach innen aus diesem Brei ein zusammengepresster Schmetterling mit eng zusammengeknüllten Flügeln nach einem Bauplan, der auf dem Chitinpanzer angedeutet ist. Augen und Fühler entstehen hinter den goldenen Punkten. Doch von all dem sieht man nichts. Erst am zehnten Tag verfärbt sich die leuchtend grüne Puppe schwärzlich, und die zweite Haut wird immer durchsichtiger, bis die schönen Orangetöne des Monarchenflügels herauszuleuchten beginnen. Bald platzt dann die hauchdünne Chitinhülle und ein kleiner fetter Falter plumpst heraus, der sich anklammert, wo er kann. Meist ist das seine alte Hülle. Die Flügel hat er auf dem Rücken etwa so eng zusammengelegt wie ein Fallschirmspringer seinen Schirm im Rucksack. In den nächsten zwei Stunden müsste der Falter eigentlich eher Hänger heißen. Er tut nichts anderes. Aber dabei sammelt er Kräfte und sein kurzer dicker Leib hängt sich aus, bis er rank und schlank ist. Auch die Flügel werden vom Hängen glatter und glatter; wie eine zusammengeprummelte Luftmatratze glatt wird, wenn man sie nur aufhängt. Richtig Luftmatratze ist sie natürlich erst im aufgeblasenen Zustand, genau wie die Schmetterlingsflügel, die nun die Körpersäfte straffen. Jetzt wird nur noch der Rüssel geputzt, ein paarmal Probe geflattert, und schon geht es ab ins pralle Falterleben, bis kurz nach dem sogenannten Hochzeitsflug. Obwohl der Mensch keine bunten Flügel hat und bei ihm der erste Teil seiner Entfaltung wenig spektakulär ist, da er sich ja tief im Dunkel des mütterlichen Leibes vollzieht, wird wohl niemand annehmen, dass sein Wachsen ein geringeres Wunder ist, eher im Gegenteil. Auch ohne Flügel ist der Mensch sicher das komplexere Wesen. Doch auch sein Wachstum folgt einem unsichtbaren Plan und auch er weiß in jedem Moment genau, was er zu tun hat.


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