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> Politik, Gesellschaft > Die Wende meines Lebens
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Politik, Gesellschaftskritik
Buch Leseprobe Die Wende meines Lebens, Simone Petzold
Simone Petzold

Die Wende meines Lebens


Starke Frauen

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Ich wuchs in einem streng katholischen Haushalt auf. Mein Vater achtete immer sehr darauf, dass ich nicht nur adrett angezogen war, sondern mindestens dreimal pro Woche die Heilige Messe besuchte. Mindestens einmal in der Woche wurde gebeichtet. Da mir selten etwas zum Beichten einfiel, saß ich manchmal nur mit dem Beichtvater im Beichtstuhl und unterhielt mich mit ihm über Schule oder Wetter. Aber einfach nicht hinzugehen, hätte ich mich im Leben nicht getraut. Auch hatte ich das Gefühl, dass der Beichtvater nicht wirklich an meinen Kindergeschichten interessiert war. Es war mehr als einmal vorgekommen, dass ich nur einen Schnarcher zur Antwort bekam. Als ich älter geworden war, hatte ich nicht mehr so viel Angst vor dem Beichtvater. Wenn ich mitbekam, dass er schlief, schlich ich mich einfach aus dem Beichtstuhl heraus und setzte mich in eine Kirchenbank. Die Kirche vor Ablauf meiner Beichtzeit zu verlassen, hätte ich mich nicht getraut, da mein Vater stets draußen wartete, um mich wieder mit nach Hause zu nehmen. So schaute ich mir die Kirche von innen an. Noch später traute ich mich sogar, in der Kirche hin und her zu laufen. Überall gab es etwas zu entdecken. Besonders Maria hatte es mir angetan. Die sah auf den Gemälden einfach toll aus. Einmal bekam ich richtig Ärger, da ich mich zur Orgel hochgeschlichen hatte. Wäre ich nur nach einem kurzen Blick auf die Tastaturen wieder nach unten gegangen. Aber nein, neugierig, wie ich nun einmal war, hatte ich mich auf die Orgelbank gesetzt und aus lauter Übermut eine Taste angeschlagen. Ein durchdringender Ton erklang und ließ die paar wenigen alten Frauen, die im Gebet versunken auf den Kirchenbänken saßen, zusammenzucken. Schnell eilte ein Priester herbei und hastete die Treppe zu mir hinauf. Als ich seiner ansichtig wurde, wollte ich schnell verschwinden. Dabei rutschte ich nach vorn von der Orgelbank und landete aus Versehen auf den Fußhebeln für die Bässe. Ich erschrak dermaßen über den tiefen Ton, den ich erzeugt hatte, dass ich noch mindestens fünf Bässe betätigte, bevor ich mich davonmachen konnte. Allerdings gab es nur einen einzigen Weg nach unten – und der führte am Priester vorbei. So war ein Entkommen nicht mehr möglich. Obwohl diese Männer mir immer wieder erklärt hatten, dass die katholische Kirche für Nächstenliebe einsteht, konnte ich in dem Augenblick nichts davon verspüren. Er ließ mich auf sich zukommen, packte mich und fasste nach meinem rechten Ohr. Das zog er in die Höhe und führte mich daran die ganze Treppe hinunter bis ins Kirchenschiff. Mir wurde vor Schmerz fast schwindelig. Unten angekommen, übergab er mich meinem Vater, der mich in die Sakristei zerrte und mir eine Ohrfeige verpasste, die mich taumeln ließ. Auf dem Nachhauseweg hielt er mir mal wieder eine seiner heiligen Reden über Gehorsam, Gottesfürchtigkeit, Frevel und Anstand. Das Wort Liebe wurde von ihm ausschließlich im kirchlichen Sinne benutzt. Zuneigung, Zärtlichkeit, miteinander reden oder gar Sex kamen in seinem Leben nicht vor. Der Mann wohnte seiner Frau bei, um für Nachwuchs zu sorgen. Ein Küsschen, eine Umarmung habe ich bei meinen Eltern nie gesehen. Meine Mutter war in der Richtung noch schlimmer. Kinder hatten zu parieren. Widerworte wurden sogleich bestraft. Nur selten ließ sie sich mal gehen. Dann bröckelte ihre heilige Fassade und sie zog mich auf ihren Schoß, um mit mir zu schmusen. Hörte sie aber ein Geräusch im Haus oder von der Straße her, schubste sie mich sofort von sich weg. Aus diesem Verhalten schloss ich kristallklar, dass sie diese Heiligtuerei nur aufrechterhielt, um gut angesehen zu sein. Alle Nachbarn, die ich kannte, lebten ebenso und beäugten sich von morgens bis abends. Und wehe, einer tanzte aus der Reihe, dann wurde gelästert, dass es nur so rauchte. Wer total aus der Art schlug, wurde mit Missachtung gestraft. Kehrte er dann nicht reumütig zur Herde zurück, wurde er ausgeschlossen. Das hatte dazu geführt, dass eine Familie sogar weggezogen war, da sie diesen heiligen Druck nicht mehr hatte aushalten können oder wollen. Diese Eheleute hatten sich geweigert, ihre Kinder wegen jeder Nichtigkeit zu züchtigen, und jeden Blödsinn ihrem Beichtvater zu erzählen. Sie hatten es irgendwann satt, dauernd Strafrosenkränze beten zu müssen, nur weil der Mann seine Frau öffentlich geküsst hatte oder weil die Frau ihre Tochter nicht augenblicklich mit der Rute gezüchtigt hatte, die von einer Nonne im katholischen Kindergarten beim Onanieren „erwischt“ worden war. Da ich eine der Töchter vom Kindergarten her kannte und sie sehr mochte, versuchte ich mehrmals, sie nachmittags zu besuchen, um mit ihr zu spielen. Nach der Ächtung dieser Familie wurde mir jeglicher Umgang mit dem Mädchen verboten. Mein Vater erklärte mir, dass der Teufel in sie gefahren wäre und ich mich deswegen fernzuhalten hätte. Da diese Familie dann bald wegzog, hatte ich sowieso keine Möglichkeit mehr, das Mädchen zu sehen. Erst viele Jahre später traf ich Sonja wieder. Und das kam so: Ich gehörte zu den geburtenstarken Jahrgängen und das bedeutete, dass unser Gymnasium aus allen Nähten platzte. Man hatte sogar Priester dazu geholt, da es viel zu wenig Lehrer gab. Unsere Klassenräume waren ständig überfüllt und wir saßen mehr als einmal zu dritt an einem Tisch. Ich kam sehr gut mit und schrieb somit meistens gute Noten. Meine Eltern hätten gern gehabt, dass ich Priester geworden wäre. Da ich aber nun einmal ein Mädchen war, ging das natürlich nicht. Gleich nach dem Papst, den Kardinälen, Bischöfen und Priestern rangierte in der Vorstellung meiner Eltern der Arzt. Ich sollte also Ärztin werden, um dann zum Ruhme der eigenen Familie – und natürlich der Kirche – in Afrika armen Negerkindern Hilfe zu leisten und sie zum Christentum zu bekehren. So hatte ich die zehnte Klasse also gut hinter mich gebracht und startete nach den Ferien neu durch. Da nach der zehnten Klasse einige Schüler – meistens Schülerinnen – das Gymnasium verlassen hatten, war das Gedränge in unseren Klassenräumen nicht mehr ganz so groß. Da nun etliche fehlten, wurden die Klassen neu zusammengestellt. Viele meiner Schulkameradinnen waren leider nicht mehr dabei und so blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit den, für mich neuen Mädchen, anzufreunden. Allerdings war meine Auswahl arg zusammengeschrumpft, da wir nur noch zu dritt in der Klasse waren. Ein Mädchen war aus der Parallelklasse dazu gestoßen und ein anderes von der Realschule herübergewechselt. Während sich das Parallelklassenmädchen meistens mit Mädchen aus ihrer ehemaligen Klasse traf, freundete ich mich mit Sonja an. Sie war stets lustig und guter Dinge und somit völlig anders als ich selbst. Sie war locker und redete nicht nur über Gott und die Welt, sondern auch über Liebe, Sex und Frauenrechte.


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