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> Politik, Gesellschaft > Die Stille eines Lebens
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Politik, Gesellschaftskritik
Buch Leseprobe Die Stille eines Lebens, Yvonne Zündler
Yvonne Zündler

Die Stille eines Lebens


Starke Frauen

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Ich habe noch heute das laute Husten meines Vaters im Ohr. Er litt unter Schwindsucht, seit er an der Ostfront gegen die Russen gekämpft hatte. Obwohl er kaum kriechen konnte, wurde er kurz vor Toresschluss, also kurz vor Kriegsende, noch einmal zu den Waffen gerufen, um den lang ersehnten Endsieg zu erreichen. Jetzt, Anfang 1945 war es kalt und ich hörte meine Mutter oft fragen, wann dieser Wahnsinn endlich ein Ende hätte. Er sollte noch ein paar unendlich lange Monate andauern, in denen wir nicht nur froren, sondern auch kaum etwas zu essen hatten. Obwohl ich gerade erst fünf Jahre alt geworden war, durchwühlte ich jeden Tag die Granattrichter oder schlich durch ausgebombte Häuser, um eine Decke oder Speisereste zu ergattern. Mutter predigte immer, wenn ich mal keine Lust hatte, dass jeder mit ran müsste. Nur gemeinsam könnten wir überleben. So hielten wir uns über Wasser. Kaum hatten wir einen Keller oder eine leere Wohnung entdeckt und uns etwas eingerichtet, brach der nächste Feuersturm über die Stadt herein und schon mussten wir uns erneut eine Bleibe suchen. Wir hatten zwar keinen direkten Feindkontakt, waren aber trotzdem dauernd auf der Flucht. Meine Mutter machte sich dauernd große Sorgen um meinen Vater. Sie hatte Angst, er könnte uns nicht wiederfinden oder käme an der Front ums Leben. Beides sollte eines Tages eintreten. Eines Abends stand er in unserem Kelleraufgang. Wir hatten ihn gar nicht kommen hören. Erst als ein schabendes Geräusch zu uns nach unten gedrungen war, war meine Mutter aufgestanden, um nach dem Rechten zu sehen. Auf der obersten Stufe der Treppe stand er. Ich hätte ihn fast nicht wiedererkannt. Er war noch nie wirklich dick gewesen, aber jetzt sah er völlig verhungert aus. Seine zerrissenen Kleider hingen an seinem mageren Körper herunter und Blut war auf seine Jacke getropft. Mutter rannte ihm sofort entgegen und half ihm in unseren Keller herunter. Er sprach kein Wort und setzte sich sofort auf einen der uns gebliebenen ramponierten Stühle. Mutter holte eine Schüssel herbei, goss Wasser hinein und wusch ihm das Gesicht, das vor Dreck und Blut nur so starrte. „Was ist passiert?“ „Du kannst dich sicher erinnern, als ich meinen Einberufungsbefehl bekam. Ich bin also hin und fand mich auf einem Haufen mit lauter alten und kranken Männern wieder. Ich dachte, was sollen wir denn wohl noch retten? Wir konnten uns ja kaum selbst auf den Beinen halten. Es war doch längst alles kaputt ringsum. So ein SS-Idiot hat dann rumgeschrien, wir sollten in Reih und Glied strammstehen. Dann hat er uns eine Rede über Führer, Volk und Vaterland gehalten und uns weißmachen wollen, wir würden den Feind aus Frankfurt heraustreiben. Wenn es nicht so traurig gewesen wäre, hätte ich laut gelacht. Aber ich habe mich zusammengerissen. Schließlich wollte ich nicht, wie ein paar andere, am nächsten Baum hängen. Von denen habe ich einige zu sehen gekriegt. Die hatten ein Schild mit der Aufschrift „Verräter“ oder „Drückeberger“ um den langen Hals hängen. Also dachte ich mir, halt lieber deine Klappe. Dann kamen zwei Soldaten und hoben ein paar Kisten von einem LKW. Wir mussten einzeln vortreten und uns je ein Gewehr, zwei Handgranaten und eine Panzerfaust daraus nehmen. Ein paar unserer Krieger hatten nur einen Arm und waren nicht in der Lage, ein Gewehr oder eine Panzerfaust zu tragen. Die bekamen dann zwei oder drei Handgranaten an ihre Gürtel gehängt und eine Pistole in die Hand gedrückt. So hochgerüstet würden wir die jüdische Weltrevolution schnell aufhalten. Allein diese Situation war der reinste Horror. Der SS-Idiot schien den Müll, den er da von sich gab, wirklich zu glauben. Dann bekamen wir alle einen Schlag Erbsensuppe aus der Gulaschkanone und zwei Flaschen Bier. Nach einer halben Stunde brachen wir auf, um die Welt zu retten. Wir gingen etwa zwei Kilometer nach Norden und standen vor einem riesigen Ruinenfeld. Dort überreichten sie uns Spaten und Hacken. Hier sollten wir uns eingraben und auf den Feind warten. Kaum jemand von uns war in der Lage, ein Loch zu graben, geschweige denn einen Schützengraben auszuheben. Der SS-Idiot schrie uns dauernd an. Wir sollten schneller graben. Mehrmals wurden einige von uns verhöhnt, einer sogar geschlagen. Aber was sollten wir tun? Was sollten Männer mit Schwindsucht, wie ich, oder Kriegsversehrte mit nur einem Arm oder Alte über siebzig mit einem Boden anfangen, der halb schlammig, halb gefroren war? Der Blödmann schrie herum, dass uns dann eben die Ami-Panzer überrollen würden, wenn wir zu faul wären, einen reellen Schützengraben auszuheben. Zu faul ist gut! Der Irre hätte doch selbst nichts zustande gebracht. Der hatte doch auch eine Schussverletzung. Hätte ja mithelfen können. Mehr als eine Rinne haben wir nicht geschafft. Wir waren so am Ende, dass nichts mehr möglich war. Der SS-Idiot hat uns dann befohlen, uns in die Rinne zu legen und die Waffen im Anschlag zu halten. Drei Tage haben wir da rumgefroren. Nur einmal am Tag gab´s ein paar Scheiben trockenes Brot, sonst nichts. Dann hörten wir das Geräusch von Panzerketten. Kaum war das erste dieser Ungetüme in unsere Straße eingebogen, als auch der SS-Idiot schon darauf schoss. Natürlich haben die Amis uns sofort ausgemacht und zurückgeschossen. Der SS-Idiot hat dann dauernd rumgeschrien. Wir wären alles Feiglinge und nicht wert, den Heldentod zu sterben. Als er sein Gewehr auf uns richtete und uns damit zum Schießen auf den Feind zwingen wollte, drückte ein Einarmiger ab. Im selben Augenblick explodierte eine Granate ganz in unserer Nähe. Ob der Einarmige nun den SS-Idioten erschossen hat oder der von der Granate zerrissen wurde, weiß ich nicht. Ich habe nur den Kopf eingezogen, bin durch den Graben gerobbt und abgehauen. Keiner von uns hat einen Schuss abgegeben. Alle sind getürmt. Ich musste meine letzte Energie aufwenden, um weit genug wegzukommen. Dann habe ich mich durch die Straßen bis zu unserer letzten Adresse durchgeschlagen. Aber ihr wart nicht mehr da. Das Haus war total zertrümmert. Vier Tage habe ich euch gesucht und nun sitzt ihr hier in diesem lausigen Keller und draußen geht die Welt unter.“ Mehrmals musste er seinen Bericht unterbrechen, da er immer wieder von Hustenattacken heimgesucht wurde. Mutter wusch weiter sein Gesicht. Das Wasser in der Schale hatte sich inzwischen rotbraun gefärbt. Mutter holte ein Stück Kohlrabi aus unserer Notrationskiste und drückte es ihm in die Hand. „Nein, esst ihr es lieber. Ich werde nicht mehr lange machen. Ich wollte euch nur noch mal sehen.“ Mutter konnte ihn nicht dazu überreden, das Stück Kohlrabi zu essen. Wir waren den Tränen nahe und mochten doch nicht heulen. Mein Vater hatte sich wirklich krummgelegt, um uns ein lebbares Leben zu ermöglichen. Obwohl er mit schwerer Schwindsucht von der Front zurückgekehrt war, hatte er viel gearbeitet, um uns Lebensmittel bringen zu können. Er hatte uns wirklich geliebt. Zwei Tage später war er tot. Er war morgens einfach nicht mehr aufgewacht. Mutter war wie betäubt und rannte nur noch kopflos im Keller herum. Einerseits mussten wir die Leiche irgendwie loswerden. Andererseits konnte sie sich nicht von ihm trennen. Es dauerte volle zwei Tage bis sie wieder einigermaßen klar denken konnte. Da unsere letzten Lebensmittel aufgebraucht waren, mussten wir nach oben. Wir konnten ja schlecht neben der Leiche meines Vaters verhungern. Als wir zum ersten Mal wieder ans Tageslicht kamen, bot sich uns ein wirklich schlimmes Bild. Auch zuvor hatte es hier und da Bombenschäden gegeben, aber nun war fast alles einfach platt. In einem weiten Umkreis standen nur noch Grundmauern. Wo sollten wir hier noch etwas Essbares finden? Mutter und ich marschierten los. Ringsum war es gespenstisch still. Nach ein paar Minuten kamen wir in eine Straße, in der noch ein paar höhere Wände standen. Vor einem Kellereingang hatte sich eine kleine Menschenmenge versammelt. Wir hielten darauf zu.


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