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> Politik, Gesellschaft > Der süße Herbst des Lebens
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Politik, Gesellschaftskritik
Buch Leseprobe Der süße Herbst des Lebens, Simone Petzold
Simone Petzold

Der süße Herbst des Lebens


Starke Frauen

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Kurz nach der Feier verspürte ich plötzlich einen stechenden Schmerz in der Schulter. Ach, dachte ich, der wird schon wieder verschwinden. Leider tat er das nicht. Von Tag zu Tag nahm er an Intensität zu und ich verbrachte mehrere Nächte in einem Sessel im Wohnzimmer, da ich vor Schmerzen nicht schlafen konnte. Heiner redete dann so lange auf mich ein, bis ich endlich einen Arzt aufsuchte. „Sind Sie sicher, dass Sie erst zweiundvierzig Jahre alt sind?“ Ich war empört. Wie konnte der Mann eine solche Frage stellen? „Sie müssen kürzer treten. Sie sehen verbraucht und abgespannt aus. An der Schulter kann ich nichts feststellen.“ „Mir geht es gut.“ „Wenn Sie meinen. Ich schreibe Ihnen ein Schmerzmittel auf. Dann wird das schon wieder.“ Es wurde nicht schon wieder. Es wurde schlimmer und schlimmer. Also suchte ich den Arzt noch einmal auf. „Gehen Sie mal zur Masseuse. Die wird das ein bisschen massieren und dann wird es bestimmt gut.“ Die Massage tat mir wirklich gut. Endlich hatte mal jemand Zeit für mich. Endlich konnte mal ich meine Geschichte erzählen. Die Frau hörte mir zu, ohne mich zu unterbrechen. „Sie sollten kürzer treten und mal an sich selbst denken. Wenn sie so weitermachen, kippen Sie irgendwann um.“ Ich und umkippen? Niemals. Ich konnte mir ein Umkippen gar nicht erlauben. Okay, meine Kinder waren aus dem Gröbsten raus. Aber das hieß doch nicht, dass sie mich nicht mehr brauchten. Wer sollte denn die Wäsche für sie waschen, das Essen kochen, das Haus putzen. „Hören Sie mit dem Unsinn auf. Ihre Kinder sind alt genug, um auf eigenen Beinen stehen zu können. Sie lassen sich ausnutzen, um geliebt zu werden. Sie ballern sich mit Arbeit zu, um nicht über ihre eigenen Wünsche nachdenken zu müssen. Ich sage Ihnen aus eigener Erfahrung: Sie werden dabei auf der Strecke bleiben.“ Die konnte mir viel erzählen. Das reinste Chaos würde ausbrechen, wenn ich nicht dauernd alles im Lot hielte. Kurz nachdem meine Massageserie, die mir wirklich etwas Erleichterung im Schulterbereich gebracht hatte, ausgelaufen war, stand ich eines Morgens auf, um mich plötzlich vor dem Bett liegend wiederzufinden. Was war passiert? Ich rappelte mich mühsam hoch und musste mich auf die Bettkante setzen. Ein unglaublicher Schwindel hatte mich ergriffen und ich brauchte fast eine halbe Stunde, um endgültig aufstehen zu können. Ich taumelte durch den Flur dem Badezimmer entgegen. Dauernd musste ich mich an den Wänden abstützen, um nicht hinzufallen. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Nachdem ich mich auf der Toilette erleichtert hatte, taumelte ich die Treppe hinunter. Meine beiden Jüngsten, beide in der Oberstufe, saßen zornbebend am Küchentisch. „Wo bleibst du denn so lange? Wir haben Hunger und müssen gleich zur Schule.“ „Warum habt ihr euch nicht selbst ein Brot geschmiert?“ „Weil du das immer machst.“ In dem Moment fiel mir auf, dass die Masseuse absolut Recht gehabt hatte. Ich hatte diese Gören bis an die Schmerzgrenze verwöhnt. Keines meiner Kinder hatte nach dem Grund meines Ausbleibens gefragt. Beide hatten nur gesehen, dass ich nicht, wie gewohnt, funktionierte. Ich drehte mich um und ließ sie einfach sitzen. Sollten sie doch zusehen, wie sie etwas in ihre verwöhnten Mägen bekamen. Ich war ab jetzt nicht mehr zuständig. Ich taumelte nach oben und legte mich wieder ins Bett. Obwohl ich noch keine halbe Stunde wachgewesen war, überfiel mich jetzt eine bleierne Müdigkeit. Plötzlich rüttelte jemand an meinem Arm. Ich schreckte hoch. Konnten diese Gören mich nicht einfach mal nur für fünf Minuten in Ruhe lassen. Als ich die schweren Augenlider endlich aufgequält hatte, blickte ich in Heiners erstaunte Augen. „Was ist los mit dir?“ „Ich glaube, ich bin total am Ende. Als ich heute Morgen zu mir kam, lag ich vor dem Bett. Obendrein war mir furchtbar schwindlig. Danach habe ich mich wieder hingelegt.“ „Wie geht es dir?“ „Ich weiß noch nicht. Ich muss erstmal aufstehen.“ Ich setzte mich auf und schon spürte ich den Schwindel erneut. Ich versuchte, den Schwindel zu ignorieren. Allerdings blieb der hartnäckig in meinem Kopf sitzen. Ich stand auf, um sofort gegen die Wand zu taumeln. „Das sieht nicht gut aus. Leg dich wieder hin. Ich hole den Doktor.“ „Mach nicht so ein Theater. Ich brauche keinen Doktor. Lass mich einfach ein paar Stunden liegen. Dann wird das schon wieder.“ „Ein paar Stunden liegen? Guck mal auf die Uhr.“ Als ich auf den Wecker blickte, erschrak ich fast zu Tode. Die Zeiger teilten mir mit, dass es bereits dreiundzwanzig Uhr zehn war. „Es ist schon zehn nach elf?“ „Ja, ich habe heute mal wieder Überstunden gemacht und anschließend hat uns der Chef noch zu einem Feierabendbier eingeladen. Sorry, wenn ich so spät komme. Aber es ging nicht anders, weil uns der Chef noch die nächsten Baustellen erklärt hat. Da konnte ich schlecht weg.“ Und wieder war ich geschockt. Ich hatte den ganzen Tag verschlafen. „Komm ins Bett. Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“ „Wenn du meinst.“ Am nächsten Morgen sah die Welt kein bisschen anders aus und nach drei Tagen auch noch nicht. Obwohl ich noch immer einen Arztbesuch ablehnte, stand der Herr Doktor plötzlich vor meinem Bett. „Das sieht nicht gut aus. Ich habe es Ihnen ja gleich gesagt: Sie müssen kürzer treten.“ „Was bilden Sie sich ein, mir Vorschriften zu machen? Haben Sie mal ein Haus voller Kinder und einen Mann, der versorgt werden will.“ „Ihre Kinder brauchen Sie nicht mehr wirklich. Hören Sie auf, jede Arbeit an sich zu reißen, die die Kinder, na ja, wohl eher die Jugendlichen, auch selbst erledigen könnten. Haben Sie es wirklich nötig, sich die Liebe Ihrer Kinder kaufen zu müssen? Wenn ja, dann haben Sie in Ihrer Erziehung was richtig falsch gemacht.“ „Erzählen Sie mir hier keinen Müll. Die Kinder brauchen mich und basta!“ „Regen Sie sich nur kräftig auf. Das wird Ihrer Genesung bestimmt gut tun. Aber, sagen Sie doch mal ehrlich, wie viele Ihrer Kleinkinder sind denn schon an Ihrem Krankenbett gewesen, um Ihnen eine gute Besserung zu wünschen?“ Das saß. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass keines meiner Kinder wirklich Mitleid gezeigt hatte. Die Gespräche an meinem Krankenbett hatten eigentlich immer einen leicht vorwurfsvollen Charakter gehabt. In Wirklichkeit war es meiner Familie nie um mich gegangen, sondern nur um die Arbeiten, die jetzt von anderen erledigt werden mussten. Obwohl mir langsam dämmerte, dass mich der Arzt nicht angelogen hatte, drehte ich ihm demonstrativ den Rücken zu und bat ihn, den Raum zu verlassen. Kaum hörte ich unten die Haustür schlagen, überkam mich der große Jammer. Ich weinte und weinte und selbst Heiner schaffte es nicht, mich zu beruhigen. Irgendwann schlief ich ein. Mitten in der Nacht war plötzlich Heiner über mir. Er saß auf meinem Bauch und drückte meine Arme nach oben gegen das Kopfkissen. Das Licht brannte und schaute ihn irritiert an. „Was machst du da? Geh von mir runter. Du bist sauschwer.“ „Du hast plötzlich angefangen zu reden und dann hast du auch noch um dich geschlagen. Ich wusste mir keinen anderen Rat, als dich festzuhalten. Ich wollte verhindern, dass du dich und mich verletzt.“ „Ich habe um mich geschlagen? Ich kann mich nicht erinnern.“ Er rutschte von meinem Bauch herunter und legte sich neben mich. „Was ist los mit dir? Erzähl mir endlich, was dich so aus der Bahn geworfen hat.“ „Ob du es glaubst oder nicht, ich weiß es selbst nicht. Vielleicht hat der Arzt ja Recht und ich bin einfach nur ein bisschen überarbeitet. Jahrelang habe ich euch alles vor den Hintern getragen. Ich denke, ich bin einfach ausgelaugt. Lass mir ein paar Tage. Dann bin ich wieder fit.“


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