Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern

zurück zum Buch

Der Fluss meiner Träume


Lebensreise eines Wanderers

von Hidir Eren Celik

politik_gesellschaft
ISBN10-Nummer:
3938114371
ISBN13-Nummer:
9783938114377
Ausstattung:
233 Seiten, Einband - fest (Hardcover)
Preis:
16,90 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
freepen-Verlag
Kontakt zum Autor oder Verlag:
bimev@netscape.net
Leseprobe
Ich durchquere die tiefen Täler und Berge Singe meine Lieder in den Wäldern und lass meine Tränen den Fluss meiner Träume werden. Aus dem Traum erwacht hoffnungsvoll Singe ich ein neues Lied Dersim Ein Lied, in dem die Vögel sich zur Sonne strecken Papa, wer sind die Alewiten? Der Wanderer wird von seinen Kindern öfters gefragt: »Papa, wer sind die Alewiten?«, »Woher stammt ihr?« Um diese Fragen seiner Kinder zu beantworten, zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück. Er begann zu schreiben. Eine Nacht folgte der anderen. Er schreibt die Geschichte der Alewiten für seine Kinder, damit sie verstehen können, wer sie sind. Das Alewitentum, eine unbekannte Religionsgemeinschaft Das Alewitentum wird von vielen Seiten, sowohl von deutschen Religionswissenschaftlern als auch von vielen christlichen Theologen, dem Islam untergeordnet und als reformierter Islam angesehen. Diese Ansicht konnte ich nie teilen, ich ärgere mich sogar darüber, dass heute noch in intellektuellen Kreisen der europäischen Staaten von vielen Wissenschaftlern und Soziologen die Alewiten ohne historisch-theologische Grundlagen dem Islam untergeordnet werden. Die Mehrheit der Alewiten distanziert sich vom Islam. Denn sie sehen sich nicht als Muslime. Das Alewitentum ist auch historisch nicht aus dem Islam hervorgegangen. Eine Ausnahme bildet das Bektasi-Alivitentum, dessen Anhänger ursprünglich aus Protest gegenüber dem Islam zum Alewitentum übergetreten sind. Auch der überwiegende Teil der Muslime sehen die Alewiten als nicht zum Islam gehörig an. Der Begriff »Alew« stammt aus der persischen Sprache und heißt »Feuer«. Es ist nicht so, wie von Muslimen sunnitischen Glaubens behauptet wird, dass das Wort »Alewiten« »die das Feuer Anbetenden« bedeutet. Es handelt sich hierbei um eine Überlieferung aus sunnitisch-islamischen Kreisen, die die Alewiten schlecht darstellen, ja sogar als Ketzer brandmarken wollten. Da bei den Alewiten Kerzenentzündung und Kerzenfeuer eine rituelle Bedeutung haben und sie von Donnerstag auf Freitag Kerzen an heiligen Orten und Stätten anzuzünden pflegten und beteten, wurden sie als »Feueranbetende« beschimpft und diskriminiert. Die Alewiten wurden seit dem Mittelalter durch die Osmanen und auch später in der Türkei verfolgt und regelrecht niedergemetzelt.(...) Abschied Es ist Herbst. Die Sonne scheint immer noch über die Munzur Berge. Der Fluss Munzur fließt schlangenförmig in ferne Länder, die für viele Dersimer im Exil Heimat geworden sind. Die Menschen eilen einzeln und in Gruppen über die Schulallee in Richtung Gymnasium. Es ist mein letzter Tag in Dersim (Tunceli). Ich muss dabei sein, zumindest ein Stück mitlaufen, damit ich ohne schlechtes Gewissen ein letztes Mal in Solidarität mit meinen Genossen die Stadt meiner Träume verlassen kann. Es sind wieder Tausende, die sich auf dem Vorplatz des Mädchengymnasiums versammeln. Ich bin inmitten der Genossen und wir rufen Parolen: »Das Recht auf Wasser und Brot wird man keinem von uns nehmen« und »Tod dem Faschismus, Freiheit dem Volk.« Bevor der Demonstrationsmarsch beginnt, muss ich wieder zurück ins Stadtzentrum, damit ich meinen Bus nach Istanbul nicht verpasse. Ich weiß nicht, ob ich traurig bin oder ob ich mich freue, dass ich nach Deutschland zu meinen Eltern ziehe. Ich umarme einige meiner Freunde und begebe mich zurück ins Zentrum. Im Busterminal schreien die Kinder: »Frisches Wasser, frisches Wasser«, und um den Bus drängeln sich Menschen. Ich habe noch eine dreiviertel Stunde Zeit, bevor ich abfahre. Ich schließe mich den Menschen an, die sich um den Bus scharen. Vor Langeweile kreisen meine Gedanken um verschiedene Dinge. Einen Augenblick denke ich, ob ich nicht doch darauf verzichten soll, nach Deutschland zu gehen. Verzweifelt kämpfe ich mit mir. Ich fühle mich alleingelassen, wie ein kleines Kind, das von seiner Mutter verlassen wurde. Die Gedanken verselbstständigen sich, bringen mich schnell in die Vergangenheit zurück. Denn ich wurde schon einmal als Kind von meiner Mutter verlassen. Sie verließ uns, um mit meinem Vater in Deutschland zusammenzuleben. Im Nachhinein habe ich volles Verständnis dafür, dass sie meinem Vater gefolgt ist. Denn sie hatte keine andere Wahl. Diesmal habe ich das Gefühl, dass ich meine Genossen verlasse, um vor der beginnenden Revolution davon zu laufen. Ich spiele in Gedanken mit dem Begriff »Verrat«. Ja, ich verrate meine Genossen. Ich verlasse sie, um mir in Deutschland eine sichere Zukunft zu suchen. Nur wenige Sekunden später widerspreche ich mir selber. Ich verrate doch niemanden und außerdem bin ich mit vollem Herzen bei meinen Genossen. Noch nicht einmal meine Geschwister sind am Busterminal, um sich von mir zu verabschieden. Aber sie haben wichtigere Aufgaben. Sie sollen und müssen sogar für die Revolution marschieren. Ja, es ist wichtiger dabei zu sein, bei denen zu sein, die für die Zukunft kämpfen, ohne zu wissen, was die erträumte Zukunft ihnen bringen wird. Ich nehme den Platz im Bus ein und beginne zu träumen. Ich träume von der Revolution und bin so tief in meine Träume versunken, dass ich nicht merke, dass der Bus bereits das Terminal verlassen hat. Adieu. Adieu, Fluss meiner Träume. Adieu, Stadt meiner Sehnsucht, Adieu. Aber ich verspreche dir, ich komme sobald wie möglich zurück und werde dabei sein, deine Freiheit zu feiern. Woher sollte ich wissen, dass es dieses Mal ein langer Abschied sein würde, ein Abschied von den Träumen meiner Stadt. Ein Abschied von meinen Träumen, der schon ein Jahr vorher, nach meinem Abitur, begonnen hatte, als ich für einen Sprachkurs nach Deutschland ging. Nach fast zwanzig Stunden Fahrt erreichte unser Bus das größte Busterminal der Türkei, den Istanbuler »Topkapi Otogari«. Ich nahm ein Taxi und fuhr zum Hotel Oscar im Istanbuler Stadtteil Aksaray/Beyazit, dessen Besitzer ein bekannter Dersimer ist. Ich blieb eine Woche in Istanbul, bis ich nach Deutschland flog. Während meines Aufenthaltes in Istanbul besuchte ich fast jeden Tag die sozialistischen Jugendorganisationen in Aksaray und traf mich mit Studenten aus Dersim, die an Istanbuler Universitäten studierten. Die Woche verstrich sehr schnell, und ich verließ am 28. Oktober 1978 die Türkei. Am Köln/Bonner Flughafen warteten meine Eltern auf mich, in der Hoffnung, mich aus dem Revolutionstraum gerettet zu haben. Ich war noch nicht einmal richtig in Deutschland angekommen, da musste ich schon anfangen zu arbeiten....
Klappentext
»Der Fluss meiner Träume« ist die autobiographische Geschichte eines jungen Mannes, der sich auf die Suche nach seinen Vorfahren begibt. Die philosophisch-historisch angelegte Erzählung bietet dem Leser viel spannenden Stoff, um über andere Kulturen nachzudenken, sich in diese zu versetzen und die Wanderung des Protagonisten im eigenen Kopf nachzuvollziehen. Es ist eine Wanderung durch die Geschichte, die unsere Gegenwart mit einer märchenhaften Erzähltradition bereichert. Die Erzählung des aus der Türkei stammenden Autors Hidir Çelik ist zugleich Zeitkritik, geschrieben in einer einfühlsamen und humorvollen Sprache und mit dem Anspruch, Antworten auf drängende Fragen unserer Gegenwart zu geben. Çeliks Lebensreise ist nicht nur eine autobiographische Erzählung, sondern auch eine, die sich mit dem Genozid an Armeniern und Dersimern sowie der Religionsfreiheit in der Türkei kritisch auseinandersetzt. Hidir E. Çelik, 1960 in Tunceli/ Türkei geboren, ist Leiter der Evangelischen Migrations- und Flüchtlingsarbeit des Ev. Kirchenkreises Bonn und Vorsitzender des Bonner Institut für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM) e.V. Seit 1999 hat er als promovierter Politikwissenschaftler einen Lehrauftrag an der Universität zu Köln im Fachbereich Interkulturelle Pädagogik. Hidir Çelik schrieb schon als Schüler Gedichte und Prosatexte auf Türkisch. Seit 1990 schreibt und veröffentlicht er auf Deutsch: Lyrik, Satiren, Kurzgeschichten und Sachbücher. 2006 wurde er für seine Verdienste sowohl im kulturellen/literarischen Bereich als auch bei der Förderung des interkulturellen Zusammenlebens mit dem Kulturpreis Rheinlandtaler ausgezeichnet.
Rezension
Der Fluss meiner Träume- Lebensreise eines Wanderers „Der Fluss meiner Träume- Lebensreise eines Wanderers“ von Hidir Eren Çelik ist nicht nur eine Autobiographie sondern auch ein Sachbuch mit poetischen Elementen. Im Buch „Der Fluss meiner Träume“ ist der Wanderer ein junger Mann, der sich in der Fremde die Frage stellt, woher seine Ahnen stammen könnten. Seine Fragen an seine Eltern bleiben meistens unbeantwortet. Er begibt sich auf eine Lebensreise, auf der er sich auch mit politischen Auseinandersetzungen unserer Zeit aus der Perspektive eines Einwanderers beschäftigt. Nachdem das Kurzwarengeschäft seiner Eltern in der Türkei abgebrannt war, zog Celiks Vater 1965 nach Deutschland, um eine neue Zukunft aufzubauen. Seine Frau folgte 1970. Bis 1978 blieb Hidir Çelik in der Türkei bis er sein Abitur absolvierte. In Deutschland arbeitete er in einer Metallfabrik und nahm 1985 sein Studium der Politologie, Soziologie und Germanistik auf. 1995 promovierte er über „Migrationspolitik bundesdeutscher Parteien und Gewerkschaften“ mit einem Stipendium der Hans- Böckler-Stiftung. Heute ist Çelik Leiter der Migrations- und Flüchtlingsarbeit der Evangelischen Kirchenkreises Bonn und Vorsitzender des Bonner Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM e.V.). In seiner autobiographischen Erzählung gelingt es Çelik geschickt die kritische Auseinandersetzung mit dem Genozid an den Armeniern und Dersimern sowie mit der Religionsfreiheit in der Türkei ernst und spannend, von zahlreichen Metaphern unterstrichen, zu erzählen. „Der Fluss meiner Träume“ ist eine Antwort auf viele Fragen, die uns im Kontext von Migration beschäftigen. Seine Lebensreise ist nicht nur ein literarisches Buch, sondern auch ein Zeitzeugen-Dokument in unserem Jahrhundert. Eine philosophisch-historisch gefasste Erzählung, die dem Leser viel spannenden Stoff bietet, um über andere Kulturen nachzudenken, sie mitzuerleben und mitzuwandern. Eine Wanderung durch die Geschichte, die unser Gegenwart in einer märchenhaften Erzähltradition bereichert.