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> Politik, Gesellschaft > Betroffene kommen zu Wort
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Politik, Gesellschaftskritik
Buch Leseprobe Betroffene kommen zu Wort, Marion Waade
Marion Waade

Betroffene kommen zu Wort


Wie geht es betroffenen Menschen nach dem ...

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Diese betroffenen Menschen werden nicht ernst genommen und sie werden abgestempelt und ausgegrenzt. Betroffene erleben einen Teufelskreis der Schuldzuweisungen, an denen sie zu zerbrechen drohen. Ständige Retraumatisierungen sind vorprogrammiert und zerstören ganze Familien.


 


Dieses Verhalten inkompetenter Behörden und Helfer ist als eine besondere Form des Angriffs auf einen momentan psychisch schwächeren Menschen zu sehen, der aus meiner Sicht bestraft werden sollte.


Besonders erwähnens- und überlegenswert in solchen Fällen sind Schuldzuweisungen – sie sind besonders schwerwiegend, wenn sie von Behörden begangen werden, die eine gewisse Fürsorgepflicht gegenüber den hilfebedürftigen Menschen haben.


Das bedeutet genauer gesagt – Verletzungen der Ebenbürtigkeit, Herabsetzung der Grundbedürfnisse eines Menschen, die gleichberechtigt eine Verletzung der Menschenrechte ausmachen und Verletzung der Fürsorgepflicht.


 


Das eigene Selbstbild bei Betroffenen ist sowieso schon sehr geschwächt, und jetzt wird genau dieser Mensch, der unter einem massiven Leidensdruck nach dem Mord an seinem Kind oder anderem nahen Angehörigen steht, für eine Sache angeklagt, die er nicht begangen hat…, er soll ja eine Mitschuld haben, dass derjenige getötet wurde…, hätte er sich so oder so verhalten, wäre das alles nicht passiert. Der Rest der Würde dieser betroffenen Angehörigen wird zu Boden getreten, zerstört.


 


Viele betroffenen Angehörigen geben spätestens hier auf:


 


-        man schämt sich, dass man ggf. versagt hat


-        man versteht nicht, warum man jetzt als Schuldiger da steht


-        man zweifelt an Recht und Ordnung


-        man verliert den letzten Respekt vor Behörden


-        man zweifelt an sich selbst


-        man hat keine Kraft mehr zu kämpfen und sich zu rechtfertigen


-        es taucht erstmalig die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens auf


 


Es gibt aber auch Menschen, die völlig anders reagieren. Menschen wie z.B. ich, die eine Hilfsorganisation gegründet haben oder sich in solchen aktiv beteiligen. Aber auch hier warten „Abwertungen“. Wie oft habe ich zu hören bekommen:


 


„… Sie können als Therapeutin nie wieder arbeiten, sie haben nicht mehr den nötigen Abstand…“


„… Betroffene sind nicht mehr realistisch …“


„… Traumatisierte kann man nicht ernst nehmen… wenn Sie sich in ihrer Organisation ausgetobt haben, dann geben Sie sowieso auf… Sie machen das nur, weil Sie depressiv sind…“


 


Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben mit solch inkompetenten Äußerungen von angeblichen Fachleuten konfrontiert worden und war entsetzt. Menschen - Fachleute, die mit Menschen arbeiten, die Hilfen brauchen, erkennen nicht die Möglichkeit der Selbstheilung durch eigene Ressourcen.


Hier ist dringender Schulungsbedarf angeraten!!!


 





Ich verstehe ihn nicht, ich sehe den Satz in großen fetten Lettern gedruckt vor mir, aber ich weiß nicht, was er bedeutet. Immer wieder leuchten diese Lettern wie Reklame vor mir auf, aber, verdammt noch mal, ich weiß nicht was das heißt. Das hat doch sicher nichts mir dir zu tun… das geht doch gar nicht. Dann bleibt mir die Luft weg…


 


Dies ist einige Zeit her und doch ist es präsent in jeder Sekunde meines Lebens!


 


Damals ist mit dem Anruf mitten in meinem Haus eine Bombe explodiert. Unser Leben ist zerstört worden. Wir sind in eine andere Welt katapultiert worden, ohne dass unser Verstand das fassen konnte. Ja, ich bin fassungslos, es ist einfach nicht zu fassen.


Im Fernsehen und in den Nachrichten sehe und höre ich, was über dich berichtet wird. Ich sehe dein Bild – du wolltest doch nie ins Fernsehen und Auftritte in der Öffentlichkeit konntest du nicht leiden – jetzt darf jeder über dich und dein Leben spekulieren. Na klar, jeder, egal ob er dich kannte oder nicht hat eine Meinung dazu. Du bist auf allen Titelblättern, eine Freundin ruft mich aus Sri Lanka an, sie hat davon im Internet gelesen …


 


Die Welt in der ich jetzt lebe ist mir fremd. Darin gibt es die Kriminalpolizei, die auf einmal mit mir an meinem Esstisch sitzt. Ich werde über meine Rechte belehrt, gebe eine Speichelprobe ab und schaue zu, wie auch meine Kinder Proben abgeben. Das kann doch nicht die Wirklichkeit sein, wo bin ich???


 


In der Welt, in der ich jetzt lebe gibt es das Word „M o r d“. Du bist   e r m o r d e t  worden.


Es gelingt mir fast nicht, diese Buchstaben aufzuschreiben. Wie können sie etwas mit dir zu tun haben. Die Polizei drückt es in einer Vernehmung drastischer aus:


Du bist   g e s c h l a c h t e t   worden. Es müssen wohl mehrere Täter gewesen sein, denn einer allein hätte dich gar nicht „herumwuchten“ können. Mit diesem Bild  in meinem Kopf lässt sie mich allein…


 


In der Welt, in der ich jetzt lebe, mache ich mir Gedanken, was den Täter zu dieser Tat bewogen haben könnte. Nein, nein, nein, das verbiete ich mir! Ich denke nicht wie der Täter. Es gibt keinen Grund für eine solche Tat. Ich leihe ihm meine Gedanken nicht!!!


 


In der Welt, in der ich jetzt lebe, schlage ich morgens die Tageszeitung auf und lese zwei Jahre nach dem Tod, wie dein Mageninhalt ausgesehen hat. Jeder Mensch in Deutschland weiß jetzt, was du gefrühstückt hast und wie du verdaut hast. Tja, das ist eben das öffentliche Interesse. Hat sich jemals jemand dafür interessiert, wie dein Stoffwechsel ist, als du noch gelebt hast? Aber du wurdest ja ermordet, deshalb interessiert sich jetzt jeder für dich, deshalb hat die Öffentlichkeit ein Interesse an dir und du hast keine Rechte mehr. Kein Recht auf Würde …


 


In der Welt, in der ich jetzt lebe, erfahre ich kurz vor Mitternacht beim rumzappen in einer Unterhaltungstalkshow davon, dass die Polizei leider keine heiße Spur hat. Die Gäste der Sendung, „Stars“ aus dem Showbusiness, schauen betroffen und finden deinen Fall tragisch und berührend. Ach ja, übrigens -  du bist jetzt ein Fall, ein Mordfall! Nach einem kurzen Moment der öffentlichen Betroffenheit leitet der Moderator zum nächsten Thema über. Ich bleibe auf meinem Sofa zurück – allein, wütend, traurig, hilflos, sprachlos …


 


In der Welt, in der ich jetzt lebe, darf die Polizei mein Telefon abhören. Nein, ich bilde mir das nicht ein, wie viele Freunde mit das lange Zeit eingeredet haben. Ich habe die schriftliche Bestätigung der Staatsanwaltschaft (nachträglich natürlich). „Ich weiß nicht wer“ darf mithören, wie ich mit meiner Familie, mit Freunden spreche, intime Gedanken der Trauer, der Wut, des Verlassenseins an vertraute Personen weitergeben. „Ich weiß nicht wer“ hört mit, gibt weiter, macht sich lustig darüber? Nach einem sehr bewegenden Telefonat mit einem engen Familienangehörigen erhalte ich innerhalb von Minuten einen Anruf der Kripo. Der ermittelnde Beamte beschwert sich bitterlich über meine Äußerungen. Und wieder – nach dem Ende des Gesprächs bleibe ich alleine zurück in meiner Küche, allein – ich kann jetzt nicht einmal mehr telefonieren, um meine Angst und meine Wut loszuwerden – ganz allein!!!


 


In der Welt, in der ich jetzt lebe, ist die Angst mein Taktgeber. Sie bestimmt wann ich aus dem Hause gehe, wo ich mein Auto parke, ob ich Türen und Fenster zum Lüften öffne. An manchen Tagen beherrscht sie mich völlig, an anderen Tagen versuche ich sie zu beherrschen. Und doch, in scheinbar ruhigen Momenten, überfällt sie mich: Ich stehe auf meiner Kellertreppe und mir fällt ein, dass die Terrassentür offen steht. Ich bin bewegungsunfähig, bleibe auf meiner Treppe sitzen und horche voller Panik in das leere Haus hinein. Erst mein Mann kann mich beim Nachhause kommen erlösen.


 


In der Welt, in der ich jetzt lebe, gibt es keinen Schutz, keine sichere Zeit, keinen sicheren Ort. Schließlich kam der Täter an einem ganz normalen, unauffälligen Wochentag, mitten am Tag, an deinem sichersten Ort zu dir. Du warst ihm alleine ausgeliefert, niemand konnte dir helfen. Bei mir gibt es den Gedanken „Ach es wird schon nichts passieren!“ nicht mehr, bei mir bleibt der Gedanke „Es kann immer und überall das Schlimmste passieren!“.


 


In der Welt, in der ich jetzt lebe, bin ich fremdbestimmt. Wenn ein Anruf von der Polizei kommt – wenn ein Medienvertreter im Vorgarten steht – wenn enge Familienangehörige drohen, nicht mehr mit den Umständen leben zu können – wenn Ermittlungsergebnisse oder Spekulationen im Internet oder in der Presse auftauchen – mir bleibt nur  „ a u s h a l t e n“. Alle Pläne für den Tag verlieren ihre Gültigkeit. Alles Alltägliche wird nebensächlich, ich bin dann wieder gefangen in der Tat, die dir passiert ist!


 


In der Welt, in der ich jetzt lebe, bin ich oft sprachlos – „mundtot“ gemacht. Vieles was ich von deinen letzten Stunden oder der Tat weiß, ist zu schwer um es jemanden zu erzählen. Vieles darf nicht erzählt werden, weil es womöglich „Täterwissen“ sein könnte und nicht an die Öffentlichkeit darf. Das „sich nicht mit-teilen dürfen oder können“ isoliert mich von meiner Umwelt. Wieder einmal nach einer schlaflosen Nacht (wegen eines abendlichen Telefonats mit schweren Inhalten) fragt mich meine Arbeitskollegin: „Na, hast heute Nacht wohl gefeiert?!“ Was soll ich antworten?


 


In der Welt, in der ich jetzt lebe, sind langjährige Freunde Fremde geworden. Zu schwer war es für sie, zu hören, was ich erzählt habe. Und fast jeder, der die Möglichkeit dazu hatte, hat sich aus dieser bedrohlichen Situation verabschiedet und sich nicht mehr gemeldet. Ich kann sie verstehen. Vielleicht wäre ich auch geflüchtet, wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte. Aber ich muss bleiben, ich kann nicht weggehen aus diesen Tagen. Und egal wo ich hingehe, ich habe meinen „Rucksack“ dabei.


 


In der Welt, in der ich jetzt lebe, haben sich die Familien verändert. Der enge Familienkreis geht vorsichtig miteinander um. Keiner will den anderen noch mehr belasten und nimmt Rücksicht, Rücksicht und nochmals Rücksicht, auch auf Kosten der jeweils eigenen physischen und psychischen Gesundheit. Vieles bleibt unausgesprochen um sich gegenseitig zu schonen.


Im weiteren Familienkreis ist der Abstand untereinander größer geworden. Wir, die direkter Betroffenen, sind für die anderen zu un – begreif – lich, was wir zu sagen haben ist zu un – glaub – lich. Wir sind nicht mehr die richtigen Gäste für fröhliche Familienfeiern, wir sind für spontane, witzige Unternehmungen nicht mehr die richtigen Ansprechpartner. Wir sind anstrengend für andere geworden. Oft fühlt es sich an, als hätten wir eine ansteckende Krankheit, vor der sich die anderen schützen möchten. Mir fehlt die Kraft, diese immer tiefer werdenden Gräben überbrücken zu wollen. Dann verabschiede ich mich lieber aus diesen Familienbanden…


 


In der Welt, in der ich jetzt lebe, ist „Vertrauen“ schwierig geworden, manchmal unmöglich. Wem kann ich vertrauen? Ist jemand freundlich zu mir, um Neuigkeiten zu erfahren oder nimmt er wirklich Anteil? Versucht der andere mich auszuhorchen, um für sich einen Vorteil herauszuschlagen. Wenn ich jemandem meine Verwundbarkeit eingestehe, nutzt er dies aus, um mich noch mehr zu schwächen? Ich habe kein Vertrauen mehr in die Polizei, ich habe kein Vertrauen mehr zu scheinbar hilfsbereiten Menschen, ich habe kein Vertrauen mehr zu Teilen meiner Familie, ich habe kein Vertrauen mehr in das Leben…


 


Die Welt in der ich jetzt lebe, sieht für Außenstehende wieder normal aus. Ich wohne im gleichen Haus wie vor deinem Tod, ich fahre das gleiche Auto, ich gehe dem gleichen Beruf nach usw.


An deinem zweiten Todestag (ist es dein Todestag? – der Täter hat uns kein Datum gelassen) möchte ich gerne ein riesiges Schild an meinem Haus anbringen mit der Aufschrift: „Hier lebt eine zerstörte Familie!“ Unsere Welt, in der wir aufgewachsen sind, in der wir gelebt haben, die mit Werten verbunden war gibt es nicht mehr!!!


 


Ja, in der Welt, in der ich jetzt lebe, ist alles anders: Einstellungen, Werte, Empfindlichkeiten, Lebenswege, Persönlichkeiten, Beziehungen, Überzeugungen, einfach alles – das Leben eben ist ein anderes.


 


Nach vielen, vielen Nächten bin ich enttäuscht aufgewacht: enttäuscht weil wieder ein neuer Morgen kam, enttäuscht weil ich immer noch weiteratmen muss. Ich habe keine Wahl, ich muss mich in dieser jetzt anderen Welt (ohne dich und mit alldem was geschehen ist) zurechtfinden. Ich gehe einen Schritt nach dem anderen, nicht gerne, es wurde mir aufgezwungen. Einzelne, wenige begleiten mich abschnittweise. Aber es ist so schwer. Ich muss meine körperliche und geistige Kraft zusammennehmen um weiter zu gehen. Nichts geht leicht, nichts geschieht einfach so. Dann kommen die Rückschläge. Nach drei ruhigen Tagen in einer Woche kommt immer wieder, auch jetzt noch, ein erneuter Hieb. Sei es durch die anhaltenden Ermittlungen, sei es durch Pressemitteilungen, sei es dadurch, dass liebe Familienmitglieder unter der Belastung zu zerbrechen drohen. Es hört nicht auf.


 


Also, wie kann es weitergehen? Was würde das Leben in dieser Welt erträglicher machen?


 


·         Menschen, die ehrlich mit mir sind. Die mich fragen, wenn sie Fragen haben. Die mir sagen, wenn es ihnen zu viel wird und sich nicht einfach zurückziehen.


 


·         Menschen, die mich annehmen, so wie ich jetzt bin und sich nicht immer wünschen, dass ich „ganz die Alte“ wäre.


 


·         Menschen (Polizisten), die Fehler ehrlich eingestehen. Fehler verschwinden nicht, wenn man sie einfach vertuscht. Sie bleiben trotzdem und werden durch Schweigen nur größer.


 


·         Menschen in meiner Umgebung, die wissen wovon ich spreche. Das Gefühl, auf einer einsamen Insel zu leben, würde schwächer werden, wenn Austausch mit anderen Betroffenen möglich wäre.


 


·         Menschen, die keine Angst vor mir und meinem Schicksal haben und nach der Frage „Wie geht es dir?“ gleich einen Schritt zurück treten. Die es aushalten können, wenn ich weine, die es aber auch aushalten können wenn ich lache.


 


·         Menschen, die feinfühlig sind und sich nicht neben mir über die interessantesten Fernsehkrimis unterhalten und mich auch noch nach meiner Meinung dazu fragen.


 


·         Menschen, die sich für die Schicksale aller Angehörigen interessieren, für die tatsächliche Umgehensweise mit Opfern und wie sich deren Lebenswege ohne ihr eigenes Zutun verändern.


 


·         Menschen, die Opfer schützen!!!


 


·         Das Gesicht des Menschen zu kennen, der dir und uns dies alles angetan hat. Ich weiß nicht, ob es das Leben wirklich erträglicher machen würde, aber ich wünsche mir so sehr, dass er mir einmal in die Augen sehen und meinem Blick standhalten muss.


 


Was macht dieses jetzige Leben lebenswert?


 


·         Das Teilen von echten Gefühlen: der Trauer, der Wut, der Verzweiflung, des Trostes, der Freude, der Hoffnung


 


·         Die Hoffnung, dass dieses Böse, welches dir und uns widerfahren ist, die Gewalt, die Verdächtigungen, die Verfolgungen, die Gerüchte, die Häme, die Verleumdungen nicht das letzte Wort haben.


 


·         Das Wissen, dass du in der Nähe bist und wir uns wiedersehen!


 


Deine Anna


 


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