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> Politik, Gesellschaft > Agnos Dickers Visionen
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Politik, Gesellschaftskritik
Buch Leseprobe Agnos Dickers Visionen, Vorschläge für eine bessere Welt
Vorschläge für eine bessere Welt

Agnos Dickers Visionen



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Emmental


Das Dorf



Die Transformation des tragischen Helden, für den sich Agnos später hielt,


war so grundlegend, dass er eines Tages nicht mehr Chris, wie er zu Beginn


des Zweiten Weltkrieges in einer christlich-fundamentalen Sekte eingesegnet


wurde, heißen mochte. Zu erwähnen ist, dass Einsegnen so etwas


Ähnliches, wenn nicht gar gleichwertig Unnötiges, wie Taufen ist. Es ist


die Aufnahme in eine Gemeinschaft, in der man sich ja beim ersten Schrei


auch ohne Taufe ungefragt bereits befindet. Beides sind stellvertretende,


teils vertraglich bindende Handlungen an Dritten, unmündigen Kindern.


Um das Tragische am Helden zu begreifen, was ihn vom Glauben zum


Denken trieb, darf man nicht darauf verzichten, seine spätere Ideologie


vorwegnehmend zu erwähnen, zumindest anzudeuten.


Ins Dorf seiner Kindheit war ein junger Lehrer berufen worden, zu dem


in die Schule zu gehen dem Knaben nicht vergönnt war. Dass der spätere


Agnos zu eben diesem Lehrer trotzdem eine ganz besondere Beziehung


hatte, war im Geigenspiel zu suchen. Das gedieh dann leider nicht sehr


weit, wodurch sich die beiden aus den Augen verloren. Dass sie Jahrzehnte


später wieder zusammenfanden, war einer besonderen Sache zuzuschreiben.


Dabei erinnerte sich Sebastian seines ehemaligen Schülers, von dem


er hoffte, er könnte ihm hierin behilflich sein. Sebastian hat Agnos ausfindig


gemacht und ihn angerufen.


Der Lehrer war mehr der Muse zugeneigt als den exakten Wissenschaften,


obwohl er die Muse eben auch akribisch exakt und vielseitig betrieb.


Er spezialisierte sich später zum Musikpädagogen. Das war wohl seine


größte Begabung, zumal er eine natürliche Begeisterungsfähigkeit besaß.


Er unterrichtete Schüler fast jeder Altersstufe, leitete den Dorfchor, und er


spielte Violine und Klavier. Die einzige Begabung, wo er sich leicht überschätzte,


war das Singen. Ab und zu wagte er allzu hohe Tonlagen, sodass


seine Stimme dann etwas gestresst tönte und die Weichheit im Klang


verlor. Der Intensität und Eindrücklichkeit seines Vortrags tat das keinen


Abbruch. Beethovens Adelaide passte in der Tonlage. Das Liebeslied hatte


in der Seele von Chris bleibende Eindrücke hinterlassen. Er durfte, wie


gesagt, im letzten Schuljahr völlig unerwartet zu diesem Lehrer in die Vio11


linstunde. Wir wollen hier nicht darauf eingehen, warum Chris zwar


talentiert war, das wäre vielleicht auch schwer herauszufinden. Auch der


Umstand, dass er charakterlich relativ schwach war, sei hier noch unerklärt.


Nur so viel, er hielt vom Aufgabenmachen nicht allzu viel, auch


nicht für die Geigenstunde. Seine Übungen waren in wenigen Minuten


vorgetragen, Fortschritte mäßig, wie gesagt, rein talentbedingt, nicht


weil er fleißig gewesen wäre. Aber das reichte nicht aus, um ein guter


Schüler zu sein, und für einen guten Pädagogen, was der Lehrer zweifellos


war, doch eher eine Zumutung. Nur, hier wusste dieser sich insofern


zu helfen, als er dem psychisch-geistig verwahrlosten Buben mit beschädigtem


Selbstbewusstsein, was man ihm allerdings nicht anmerkte,


nun schöne Musik vortrug. Er spielte ihm nicht eine Schallplatte ab,


sondern sang ihm die Adelaide, sich selber am Klavier begleitend. Der


auch christlich und dennoch ganz anders geprägte Herr Sebastian X,


wir nennen ihn Sebastian, war ein musikalisches Ausnahmetalent. Es


grüßten ihn alle ehrfurchtsvoll mit „guten Tag Herr X." Insbesondere


im Dirigieren vermochte er bei den Proben und Aufführungen diverser


Kantaten die Sänger zu Höchstleistungen anzuspornen.


Warum er sich später auch noch der Politik zuwandte, konnte Agnos leider


nicht mehr erfahren. Er wusste nur, dass sich Sebastian in der Politik


engagierte. Und die Politik war nun die eigentliche Ursache, dass sich


ihre Wege nach Jahrzehnten noch einmal kreuzten. Kreuze, wohin das


Auge reicht. Hunderttausende weiße Kreuze im blutroten Fahnentuch,


Millionen schwarze Kreuze auf anderen Flaggen, die etwa in „Arbeit


macht frei" vorkamen. Jetzt da und dort, wo nicht entsorgt, noch auf


Estrichen versteckt.


Sebastian X. war Mitglied einer schweizerischen Rechtsaußenpartei.


Agnos hat sich nie im Leben dort angeschlossen. Er war erstaunt, dass


ein vergeistigter Mensch wie Sebastian, der an das Gute in der Musik


glaubte wie ein Fundamentalist an die Erlösungstheorie, sich ausgerechnet


nach radikal rechts orientierte. Das war Agnos in Kenntnis des


wunderbaren Charakters von Sebastian sehr suspekt, irgendwie nicht


passend zu seinen persönlichen Erfahrungen mit ihm. Aber wir sind


alle Veränderungen unterworfen. Manche brauchen Jahre, wenn nicht


Jahrzehnte, andere wiederum verändern sich permanent nach der Windrichtung.


Und noch andere verändern sich irgendwo vor Damaskus, wie


12


vom Blitzschlag getroffen, obwohl zuvor vom Verfolgungsmachtrausch


voll besoffen.


Sebastians Engagement war so groß, dass er in der Partei sogar zum Präsidenten


einer Landsektion gewählt wurde.


Das Amt hatte er wieder abgegeben, aber Kontakte hatte er zur Partei


immer noch. Diese waren noch so eng, dass er das Bedürfnis hatte, vor


der Sektion der Jungpartei einen Vortrag über Hitler zu halten. Es interessierte


ihn persönlich, wie es möglich war, dass ein so roher Mensch


aus dem niederen Volk ein deutsches Kulturvolk verführen konnte, auf


das er so große Stücke hielt. Deshalb recherchierte er. An sich empfand


er, was über Jahre vorgefallen war, als Beleidigung für jeden geistig sensiblen


Menschen, zumal er für eben dieses Kulturvolk die höchstmöglichen


Gefühle hegte. Goethe, Nietzsche, Wagner, Bach usw., ihre Werke,


die sie prägende und durch sie geprägte Kultur, wurden durch den


Schreihals beleidigt. Und dennoch schien da trotz allem Leid, das dieser


Barbar verursacht hat, auch in Kenntnis dessen, was er bewirkt hat,


eine gewisse Bewunderung, zumindest Faszination für seine rhetorische


Begabung mitzuschwingen. Der Führer faszinierte in seiner abgrundtiefen


Bosheit dank seiner Redekunst, sodass man die Bosheit der Inhalte


quasi überbrüllt, betäubt nicht wahrnahm, davon aber unbemerkt und


immer mehr aufgegeilt wurde.


Sebastian wollte den jungen Mitgliedern, die für Hitler erneut gewisse


Sympathien aufbrachten, in seinem Vortrag nicht die Gräueltaten auflisten.


Das schien eh manche nicht sonderlich abzuschrecken, sondern


eben der Frage nachgehen, wie war das möglich. Seine Zuhörer nun


nicht mit der Geilheit der Bosheit konfrontieren, sondern dem Aufarbeiten


geschichtlicher Sachverhalte, ihrer Ursachen und ihrer Folgen.


Die Jungspunte der Partei standen dem längst toten Führer nicht mit


negativen Gefühlen gegenüber. So konnte Sebastian leicht missverstanden


werden. Er selber glaubte an das Gute im Menschen und hielt


Gewalt für Problemlösungen für unbrauchbar, auch für verwerflich.


Dass auch in seinen Kantaten Gewaltpotenzial steckt, so beispielsweise


in Bachs Weihnachtsoratorium, schien er zu unterdrücken. Oder im


Alten Testament, etwa im Buch Josua, wo der liebe Gott immer auf der


Seite der Sieger, also jener die töteten, stand. „Die physische Gewalt",

hat Sebastian präzisiert - „Dort hört für mich die Faszination auf." Aber


jenem gelang es, dieses Kulturvolk zu verführen, was für seine rhetori13


schen Fähigkeiten spricht, auch wenn letztlich dabei das Böse herausschaute.


Sebastian forschte, um dem Phänomen Hitler näherzukommen,


ihm aus seiner Entwicklungsgeschichte irgendwie gerecht zu werden.


Vielleicht auch Entlastendes zu finden, wo viele andere das Bedürfnis


haben, diesem Phänomen im besten Falle zu entfliehen, vor ihm die


Augen zu verschließen. Schlimmer, das Bestialische gar nicht mehr zu


sehen, zum Teil gar nicht mehr wahrhaben wollen, um es gerade selber


immer wieder zu fordern: Todesstrafe, hart durchgreifen, prügeln und all


die Gewaltanwendungen, die Gewalttätige für andere fordern. Aber doch


nicht etwa reziprok das verführte Volk zum Verführer zu machen, weil


das doch so abgrundtief falsch wäre. Aber war da nicht eine legale, demokratische


Wahl, die ihn an die Macht brachte? Könnte man da behaupten,


Demokratie sei immer heilig und Diktatur immer des Teufels, wenn


Bürgermehrheiten Diktatoren wählen?


Agnos, alias Chris, wurde nun genau mit dieser Sache konfrontiert,


genauer, mit diesem Vortrag. Es scheint, Sebastian habe sich seiner eines


Tages erinnert, als ihm seine Ehefrau seinen Vortrag aus nachvollziehbaren


Gründen nicht in die Maschine tippen wollte. Sebastian konnte


manches, das Maschinenschreiben war ihm zu beamtenhaft, dieses


Handwerk war nicht dem Musikus, sondern gemeinerem Volk vorbehalten,


nicht dem auserwählten Begabten, Begnadeten. So hatte er seinen


doch recht langen Vortrag in zügig starker Handschrift geschrieben, einer


Schrift, die unter einer Studierlampe gut zu lesen war, nicht aber sonderlich


leicht bei einem Vortrag. Und eben hier erinnerte er sich an jenen


Chris, der, wie er wusste, eine kaufmännische Lehre absolviert hatte und


folglich des Blindschreibens mächtig war.


Agnos hatte eingewilligt, das Manuskript abzuschreiben, und er schlug


Sebastian vor, dass er es ihm vorlese, das sei gewiss viel einfacher und


schneller, als wenn er seine Hieroglyphen mühsam entziffern müsse. So


saß er denn kerzengerade vor der Maschine und bretterte den von Sebastian


fortlaufend vorgelesenen Text hinein.


 



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