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Lyrikbücher
Buch Leseprobe Komm in meine Welt , Melanie Dauer
Melanie Dauer

Komm in meine Welt



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Der Feueralarm ertönte nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit, allmählich schmerzte es in meinen Ohren. Und noch immer strömten die Schüler aus dem Schulgebäude, in dem ich als Physiklehrer tätig war. Schüler redeten durcheinander, liefen nicht richtig in der Reihe, die Lehrer versuchten mit lauten Stimmen und hektischen Handgesten, für ein wenig Ordnung in dem Chaos zu sorgen. Eine der Schülerinnen fiel auf dem Schulflur auf den Boden, nachdem sie grob von einem Jungen angerempelt worden war. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt sie sich das Knie. Ihre Freundin blieb stehen, um ihr wieder auf die Beine zu helfen. Schuld an dem ganzen Chaos war ich, weil ich derjenige war, der den Alarm ausgelöst hatte. Wie es dazu gekommen war? In der ersten Pause war ich im Aufenthaltsraum gesessen, wo ich wie jeden Tag meinen gesunden Apfel gegessen hatte. Während draußen im Pausenhof die Stimmen der Schüler durch das geöffnete Fenster gedrungen waren, hatte ich im Zimmer dem Ticken der Wanduhr gelauscht. Irgendwann war dieses Geräusch lauter geworden, wie mir schien. Ich war etwa bei der Hälfte meines Apfels angelangt, als ich neben dem Zeiger-Geräusch der Wanduhr plötzlich ein anderes Ticken gehört hatte. Es war lauter gewesen und aus einer anderen Richtung gekommen. Mir war auf einmal das Wort “Bombe“ durch den Kopf gegangen. Erschrocken hatte ich den Rest meines Apfels in meine dunkelblaue Brotbox gelegt und anschließend an dem alten Schrank hinter dem Tisch gelauscht. Von dort hatte ich das Ticken deutlich hören können. Panisch war ich aus dem Zimmer geeilt, um nach einem Feueralarmmelder zu suchen, den ich auch sofort betätigt hatte. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass dies nur wieder eine meiner Wahnvorstellungen gewesen ist, die ich seit einiger Zeit hatte, hätte ich mir das ganze Theater sparen können. Wie es zu diesen Wahnvorstellungen gekommen ist, werde ich später genauer erläutern. Sogar das Bombeneinsatzkommando war gekommen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Das Problem war gewesen, dass sie weder eine Bombe hatten finden können, noch irgendein Ticken zu hören gewesen war. Eine Sache, die nur in meinem Kopf stattgefunden hatte, was wirklich ziemlich peinlich gewesen war. Und ich hatte schon gedacht, ich hätte eine Heldentat vollbracht und vielen Menschen das Leben gerettet. Doch das war nicht der erste und auch nicht der letzte Streich von meinem Gehirn gewesen. Aber dazu später mehr.


 Mein Name ist Taylor Parker, ich bin 35 Jahre alt und lebe in New York. Eigentlich führe ich ein ziemlich normales Leben, bin ein Durchschnittsbürger, würde ich mal sagen. Ich bin verheiratet mit einer schönen Frau, mit welcher ich in einer gemütlichen Dreizimmer Wohnung lebe, mit einem kleinen Garten davor, und wie bereits erwähnt unterrichte ich Physik in der achten Klasse einer Hauptschule. Kinder haben wir noch keine, aber dieser Gedanke steht bereits des öfteren im Raum. Wahrscheinlich sieht es jetzt so aus, als wäre ich von einem Durchschnittsbürger zu einem Irren geworden. Irgendwie bin ich aber tatsächlich manchmal nicht mehr weit davon entfernt. Am besten beginne ich von ganz von vorne. Es ist Ende Oktober gewesen, als ich mit meinem besten Freund Brad, der drei Jahre jünger ist wie ich, in unserer Stammkneipe etwas trinken war. Wir waren öfter dort, was nicht bedeutet, dass ich ein Alkoholiker bin. Wir fühlten uns dort einfach wohl. Es gab auch Billardtische, Musikboxen, Kicker und viele nette Menschen, die einfach nur nach der Arbeit ein bisschen abschalten wollten. Billard war eine kleine Leidenschaft von uns. Oft veranstalteten wir richtige Turniere, wobei man auch Geld gewinnen konnte. Die meisten Spiele gewannen ich und mein Partner. Auch er hatte eine Frau, aber erst seit drei Monaten. Und natürlich gehörte es dazu, dass unsere Frauen regelmäßig darüber schimpften, wie man so oft in einer Kneipe rumhängen und dämliches Billard spielen kann, aber wir ließen es uns nicht vermiesen. Würden unsere Frauen dieses Spiel wenigstens einmal versuchen, könnten sie vielleicht ein klein wenig nachvollziehen, warum es uns so viel Freude bereitete, aber sie hatten natürlich keine Lust, sich unter die „Säufer“ zu begeben, wie meine Frau Christine es manchmal zu sagen pflegte. Ab und zu waren auch Frauen dort, doch das war eher selten der Fall. Meist waren es ältere Frauen. Und selbst wenn es jüngere waren, interessierte es uns nicht wirklich. Ein paar Blicke vielleicht, mehr war nicht drin. Ich würde mal sagen, Brad und ich waren ziemlich treue Seelen. Für mich wäre es auch sinnlos, geheiratet zu haben, wenn ich dann eine Frau nach der anderen flachlege. Das klingt vielleicht für manche Frauen unwirklich, so etwas von einem Mann zu hören, doch es ist so. Und ich bin stolz darauf, in den fünf Jahren meiner Ehe stets treu gewesen zu sein.


Nach dem dritten Spiel, das wir gewonnen hatten, und einigen Bierchen saßen wir am Tresen, um noch ein weiteres Glas Bier zu genießen. Da sagte Brad plötzlich, er wüsste, wie wir an sehr viel Geld kommen könnten. Mein erster Gedanke war ein Banküberfall, was mich in ein Grinsen verfallen ließ, während ich es mir vorgestellt habe. Brad sprach stellenweise nicht mehr allzu deutlich durch den Alkohol, doch ich kenne ihn seit Ewigkeiten und verstand ihn trotzdem noch.


„Ich habe da etwas gelesen Taylor“, sagte er geheimnisvoll, wobei er sich kurz umdrehte, um zu schauen, ob uns jemand zuhörte. Dann widmete er sich wieder seinem Glas.


„Und was hast Du gelesen?“, wollte ich wissen, wobei ich mich auch automatisch kurz umsah. Brad schaffte es immer wieder, mich mit Sachen neugierig zu machen, mich mitzureißen, wenn er etwas vorhatte.


„Es gibt da eine Organisation...“ Er stoppte, überlegte, was er erzählen wollte. Ich beobachtete ihn, war gespannt, was nun wieder kam. Manchmal hatte er wirklich merkwürdige Ideen und Geschichten, wodurch es nie langweilig wurde mit ihm. Er ging nicht oft weg, blieb meist Zuhause und las, informierte sich über neue Projekte, sah sich alle möglichen Videos im Internet an. Ja, er hätte ein Forscher oder so etwas in der Art werden sollen, wie ich oft sagte.


„Was für eine Organisation?“, hakte ich nach, als ich merkte, dass er anscheinend den Faden verloren hatte.


„Eine Geheimorganisation für Sicherheit.“ Stolz darüber, mir diese Information gegeben zu haben, nahm er einen weiteren Schluck von seinem Getränk, während ich kurz darüber nachdachte.


„Aber wenn es eine Geheimorganisation ist, wieso weißt Du dann davon?“ Ich bin derjenige, der ständig Dinge hinterfragt, alles genau wissen will, nicht sofort alles glaubt, während er jemand ist, der Informationen einfach aufnimmt, sie akzeptiert und sich somit dauernd in blöde Situationen bringen würde, wäre ich nicht da, um ihn davon abzuhalten. Auf diese Weise ergänzten wir uns perfekt, wie ich finde. Er fand Sachen, machte Pläne, erzählte sie mir und ich musste es einschätzen und entscheiden, was wir damit anfingen. Mit ihm habe ich schon viele Abenteuer erlebt.


„Es stand im Internet. Es wird ja nicht alles preisgegeben.“


„Okay. Und was ist mit dieser Organisation?“


„Diese Organisation bildet Leute aus, die im Sicherheitsdienst arbeiten wollen, die dafür sorgen wollen, dass die Menschen in der Stadt geschützt sind.“ Wieder brach er ab, suchte in seinem Gehirn nach weiteren Informationen.


„Und Du willst dort arbeiten?“ Ich wusste, dass Brad seit längerem verzweifelt nach Arbeit suchte, nachdem er bei der Autowerkstatt rausgeworfen worden war, weil er es nie geschafft hatte, sich an die Zeiten zu halten. Er war gekommen und gegangen, wann er wollte, was natürlich von Anfang an keinen guten Eindruck hinterlassen und somit nach mehreren ignorierten Abmahnungen zur Kündigung geführt hatte. Dauernd redete er davon, er wolle einen aufregenden Job finden, etwas nicht gewöhnliches. Anscheinend hatte er nun etwas gefunden.


„Es ist keine gewöhnliche Ausbildung. Das ganze wird zusammen mit neuen Medikamenten durchgeführt, die gerade erst erforscht werden. Es werden Testpersonen gesucht, die bereit sind, für eine sehr hohe Summe Geld bei dem Projekt mitzumachen.“ Er sah mich an mit diesem besonderen Blick, den er immer hat, wenn er von etwas vollkommen überzeugt ist, mit einer Entschlossenheit, die ihm nur schwer wieder auszureden ist. Ich kenne diesen Blick nur zu gut. Oft steht mir dann eine schwere Zeit bevor, weil ich ständig darauf achten muss, dass er keine Dummheiten macht.


„Mit Medikamenten, die noch nicht richtig getestet worden sind? Ich weiß nicht, Brad.“ Skeptisch schaute ich ihm in die glasigen braunen Augen, während er sich sicher schon weitere Pläne ausmalte von seiner neuen bevorstehenden Karriere als mit Medikamenten zugedröhnter Sicherheitsbeamter oder so etwas in der Art.


„Natürlich bist Du dabei, um auf mich aufzupassen“, sagte er grinsend, total davon überzeugt, dass ich ihn nicht im Stich lassen würde. Ich zog eine Augenbraue nach oben, sah ihn immer noch an. Gerne würde ich manchmal in die Köpfe der Menschen um mich herum sehen können, um zu erfahren, was in ihnen so vorgeht, aber leider ist mir das nicht möglich.


„Ich soll da auch mitmachen? Vergiss es, man! Erstens habe ich bereits einen Job und zweitens möchte ich kein Versuchskaninchen sein“, lautete meine deutliche Antwort. Ich bin kein Spießer oder Spielverderber, und das obwohl ich Lehrer bin, aber es sollte auch Grenzen geben und eine gewisse Vorsicht ist gesund, wie ich finde.


„Ach komm schon. Hast Du etwa Angst?“ Herausfordernd sah er mich an, obwohl er eigentlich wissen müsste, dass ich auf so etwas nicht wirklich eingehe.


„Das hat nichts mit Angst zu tun. Hast Du schon mal daran gedacht, dass es erhebliche Nebenwirkungen geben kann?“ Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr, die ich von meiner Frau zum letzten Geburtstag geschenkt bekommen habe und gab dem Wirt ein Zeichen, dass ich zahlen wollte. Es war an der Zeit gewesen, nach Hause zu gehen.


„So schlimm kann es doch nicht werden, oder? Du könntest es Dir wenigstens einmal ansehen.“ Etwas bedrückt starrte er in sein fast leeres Bierglas, wahrscheinlich um Mitleid zu erregen.


„Okay, ich komme morgen Abend zu Dir, dann kannst Du mir die Internetseite zeigen.“ Ich gab nach. Der Wirt kam zu mir und ich bezahlte meine Rechnung und die von Brad gleich mit, anschließend verließen wir die Kneipe. An der nächsten Ecke verabschiedeten wir uns und gingen zu Fuß nach Hause zu unseren Frauen, die natürlich schon schliefen. Obwohl ich immer versuchte, mich leise zu verhalten, während ich in die Wohnung und ins Schlafzimmer kam, wachte Christine meistens auf. Auch in dieser Nacht wachte sie auf. Sie schmiegte sich an meinen Rücken, gab mir einen Kuss auf die nackte Schulter. Ich griff nach ihrer Hand, um sie zu halten. Ich mochte es, ihre Hand zu halten. Es gab mir ein warmes Gefühl, ein Gefühl von Geborgenheit. Als ich dann merkte, wie ihre schlanken Finger langsam nach unten glitten, um sich an meine Boxershort zu tasten, wusste ich gleich, was sie wollte. Grinsend drehte ich mich um, packte sie, um sie auf mich zu legen und zu küssen. Nach dem Kuss grinste sie ebenfalls, was ich im Dunkeln zwar nicht sehen konnte, aber ich fühlte es. Es gibt nichts schöneres als dieses vertraute Gefühl zwischen Partnern, zu spüren, dass man geliebt und begehrt wird. Es war mir bei ihr von Anfang an so vorgekommen, als würden wir uns schon seit vielen Jahren kennen. Und mir war von Anfang an klar gewesen, dass sie die Frau ist, die ich einmal heiraten wollte. Und so ist es ja schließlich auch gekommen.


„Hast Du auf mich gewartet?“, fragte ich sie lächelnd, während ich über ihre Schultern streichelte. Sie hatte unglaublich weiche Haut.


„Du warst weg?“, scherzte sie und lachte. Wie ich ihr Lachen liebte. Es war ein ehrliches Lachen, das mir immer durchs Herz ging. Ich lachte auch, dann warf ich sie sanft neben mich und kitzelte sie. Als ich auf ihr lag, wurden wir wieder ernst und ich küsste sie erneut. Meine Finger streiften die Träger ihres helllila Seidennachthemdes von den Schultern. Ich atmete den Duft ihrer Haut ein, sie roch nach dem Honig-Duschgel, das ich so mochte. Anschließend verwöhnte und küsste ich ihren ganzen Körper und wir hatten schönen Sex. Ja, man könnte sagen alles war perfekt.


Am nächsten Abend fuhr ich mit meinem blauen BMW, der nach meiner Frau das wertvollste Schmuckstück war, das ich besaß, bei meinem Freund vorbei, um mir einmal diese Internetseite anzusehen, von der er mir erzählt hatte. Meine Neugier war schon etwas gestiegen im Laufe des Tages, muss ich zugeben. Freudig empfing er mich in seiner Zweizimmer-Wohnung, die meistens nicht wirklich aufgeräumt war, was aber gut zu ihm passte. Zwar hatte er eine Frau, aber Grace hatte von Anfang keine Lust gehabt, ihm ständig seine Sachen hinterher zu räumen, also hatten sie sich darauf geeinigt, dass jeder seinen eigenen Kram aufräumt. Und so konnte man eigentlich immer gut sehen, was alles ihm gehörte, weil diese Sachen oft in der Wohnung verstreut herumlagen, während seine Frau die Erfindungen namens Schrank oder Kommode benutzte. Ich ging mit ihm durch den kleinen Flur zum Wohnzimmer durch, das der größte Raum der Wohnung war. In der ganzen Wohnung war ein heller Parkettboden verlegt worden. Nur im Flur lag zusätzlich noch ein schwarz-roter Teppich. Seine Frau saß auf der schwarzen Ledercouch und sah fern. Sie grüßte mich freundlich und ging in die Küche, um mir etwas zum Trinken zu holen. Zwar war Grace immer sehr höflich zu mir, aber dennoch hatte ich manchmal den Eindruck, dass sie mich irgendwie nicht leiden konnte. Ich weiß nicht, warum. Es war nur so ein Gefühl. Vielleicht, weil ich oft mit Brad unterwegs war. Aber vielleicht täuschte ich mich auch. Jedenfalls stellte sie mir ein Glas Saft auf den schwarzen Wohnzimmertisch. Viele der Möbel hier waren schwarz. Soweit ich weiß, hat Brad sie mitgenommen aus seiner alten Wohnung, als sie zusammengezogen waren. Ich und Christine mochten eher helle Möbel. Bei uns waren die Wände alle weiß, viele Möbel waren weiß und der Boden war mit hellen Teppichen ausgelegt. Es sah einfach freundlicher aus, fanden wir. Wir unterhielten uns kurz über meinen Arbeitstag und kamen ziemlich schnell auf das Thema Geheimorganisation. Als dieses Wort fiel, verdrehte Grace kurz die Augen und strich sich eine Strähne ihrer kurzen braunen Haare aus dem Gesicht. Anscheinend hatte er sie bereits eingeweiht und ihrem Gesichtsausdruck zufolge war sie nicht gerade begeistert von dieser Idee. Manchmal dachte ich mir, es musste schwer sein, ständig auf irgendwelche Ideen zu kommen, die niemand unterstützen möchte. Vielleicht war das einer der Gründe, warum ich am Ende oft nachgab, während alle anderen sich genervt abwendeten.


„Lass uns an den Computer gehen“, sagte Brad und machte sich auf den Weg ins Schlafzimmer, das sich gleich nebenan befand.


„Okay.“ Ich nahm noch einen Schluck von meinem Getränk, warf einen flüchtigen Blick auf Grace, die nichts dazu zu sagen hatte, danach folgte ich ihm. Aufgeregt suchte er nach der Seite. Irgendwie hatte er immer so eine innere Unruhe, die man sogar oft nach außen hin bemerkte. Ich fragte mich dann immer, wie man es wohl aushalten sollte, mit ihm zusammen zu leben. Das müsste ein tägliches Abenteuer sein, schätzte ich. Stolz zeigte er mir nach kurzer Zeit die Anzeige dieser Organisation. Ich nahm auf dem schwarzen Drehstuhl Platz und begann zu lesen. Als erstes stand dort in dicken Druckbuchstaben „Ihre Chance“ geschrieben. Die ganze Anzeige war in einem Kasten eingerahmt. Ich fragte mich, die Chance für was? Dafür, an irgendwelchen ungeprüften Medikamenten zu sterben? Auch die hohe Summe Geld, die man bekommen sollte, wenn man bereit war, mitzumachen, stand dort. Es waren nur ein paar kurze Sätze, viel war nicht zu erfahren. Oben links in der Ecke stand in großen Buchstaben „OFS“ (Organisation für Sicherheit) und in der rechten Ecke war eine Schlange abgedruckt, sah aus wie eine Kobra, umgeben von einem großen und einem kleineren Kreis. Ich las fertig, danach sah ich nach oben zu Brad, der mich erwartungsvoll beobachtete, als hätte er auf einen Freudensprung von mir gewartet.


„Und?“, fragte er nervös, während er selbst die Sätze noch einmal kurz überflog.


„Was und?“ Ich wusste nicht recht, was ich davon zu halten hatte, geschweige denn, wie ich höflich meine Absage formulieren könnte. Ich meine, das ganze sah einfach ziemlich unseriös und merkwürdig aus.


„Bist Du dabei?“


„Du willst das doch nicht wirklich machen, oder?“ Ich fragte mich, ob er in Geldnot war, oder ob er einfach nur nach einem Abenteuer suchte.


„Natürlich! So viel Kohle, man. Und da steht auch, man hat die Chance, viel zu lernen im Bereich Sicherheit.“ Er schloss die Seite, dann schaltete er den Computer ab, während ich den Kopf schüttelte.


„Aber was bringt Dir das Geld, wenn Du am Ende draufgehst wegen dem Zeug?“ Da kam wieder meine Lehrerseite zum Vorschein. Immer diskutieren, alle Möglichkeiten durchgehen, die eintreten könnten, alles anzweifeln, um nach weiteren Wegen zu forschen.


„Das wird doch alles überwacht. Wir könnten es wenigstens versuchen.“ Er strich sich durch sein schwarzes nach hinten gekämmtes Haar und sah mich mit einem Hundeblick an. Dieser Blick wirkte vielleicht bei den Frauen, aber nicht bei mir.


„Ich denke, das ist keine gute Idee, Brad.“ Mir war bewusst, dass er wahrscheinlich bereits bei einem Punkt angelangt war, an dem es kein Zurück mehr geben würde, dennoch versuchte ich, es ihm auszureden. So konnte ich wenigstens sagen, ich habe es versucht, was mein Gewissen erleichtern würde.


„Okay, dann mache ich es eben alleine“, entgegnete er beleidigt, danach bat er mich, zu gehen. Da ich keine Lust auf Stress hatte, ging ich der Aufforderung nach und bat ihn an der Tür, noch einmal darüber nachzudenken. Er meinte, er habe bereits genug darüber nachgedacht, dann verabschiedete er sich knapp von mir. Ich kannte diese Reaktion nur zu gut von ihm, machte mir da weiter keinen Kopf darüber. Er würde sich schon wieder beruhigen und es hoffentlich bald selbst einsehen, dass das der reine Wahnsinn wäre. Doch dieses Mal blieb er stur. In den nächsten Tagen nahm er nicht einmal mehr meine Anrufe an, er meldete sich nicht mehr, wenn ich bei ihm Zuhause vorbei schaute, richtete seine Frau mir aus, dass er nicht mit mir sprechen wollte, es sei denn, ich wäre bereit, die Sache mit ihm durchzuziehen. Und da ich das nicht war, ging ich wieder. Etwas genervt von diesem trotzigen Kinderverhalten ging ich von ihm aus zu Fuß nach Hause. Es wurde mit jedem Tag kälter, der Winter stand vor der Tür. Als ich am Haus der Nachbarin vorbeikam, sah ich die alte Dame an ihrem Briefkasten, der sich draußen befand. Die gute Miss Gordon. Eine 75 Jahre alte Frau, die seit dem Tod ihres Mannes vor einem Jahr völlig alleine lebte. Sie war wirklich eine gutherzige Frau, die ich und Christine sehr mochten. Sie war uns ans Herz gewachsen. Wir waren schon seit mindestens sechs Jahren Nachbarn, vielleicht auch sieben. Oft erledigten wir Einkäufe für sie, wenn sie nicht so gut zu Fuß unterwegs sein konnte, oder wir verbrachten harmonische Abende bei ihr, wenn wir nichts vorhatten und Miss Gordon zu einsam war. Sie konnte sehr gute Kuchen backen. Miss Gordon hatte zwei Enkelkinder, wir haben sie ein paarmal gesehen, als diese zu Besuch waren, doch das war schon sehr lange her. Wir wussten nicht, warum sie nicht mehr kamen, fragen wollten wir auch nie, vielleicht würde es ihr nur wehtun. Auf jeden Fall war es schön, zu sehen, wie sie aufblühte, wenn wir bei ihr waren. Es tat gut, einem Menschen einen Gefallen zu tun.


Freundlich lächelnd hob ich die Hand zum Gruß, als die alte Frau mich bemerkte, wie ich am Haus vorbeiging. Sie erwiderte mein Lächeln und grüßte zurück. Der Briefkasten schien leer zu sein, wie meistens. Am liebsten hätte ich ihr einen Brief geschrieben. Ich rief kurz zu ihr rüber, erkundigte mich, wie es ihr ging, doch natürlich verstand sie mich trotz ihrer Hörgeräte nicht, was hieß, dass ich zu ihr hin musste. Aber da ich einfach nur nach Hause wollte, hielt ich die Unterhaltung kurz, was meist schwierig war, weil Miss Gordon immer wirklich sehr viel zu erzählen hatte. Das lag auch daran, dass sie bereits ausgesprochene Sätze oft wiederholte. Ich versprach ihr noch, dass wir die nächsten Tage bei ihr vorbeischauen würden, dann ging ich weiter. Ich riet ihr auch, das nächste Mal lieber nicht im Kleid nach draußen zu gehen, da es jetzt ziemlich kalt wurde am Abend. Zuhause schlüpfte ich schnell aus meiner schwarzen Lederjacke, anschließend zog ich mich bis auf die Boxershort aus und lief mit nackten Füßen über die kalten weißen Fliesen des Badezimmers, um mir die Zähne zu putzen. Die Heizung funktionierte mal wieder nicht, wie so oft in letzter Zeit. Ich sollte endlich mal jemanden kommen lassen, der sich das ansieht.


Es verging eine ganze Woche, in der Brad keinen Kontakt zu mir hatte. So lange hatte er es noch nie durchgezogen, er schien es also sehr ernst zu meinen mit dieser Sache. Nach der Arbeit parkte ich mein Auto vor seinem Haus und ging hoch zum zweiten Stock, in dem er wohnte. Ich konnte Musik hören, als ich vor der Tür stand. Nachdem ich nochmal tief durchgeatmet hatte, klingelte ich. Die dunkelbraune Tür ging kurz darauf auf und es stand nicht wie erwartet Grace vor mir, sondern mein bester Freund persönlich. Er schien also alleine zu sein, sonst hätte er sie vorgeschickt. Ich öffnete meinen Mund, wollte etwas sagen, doch da flog die Tür schon wieder zu. Genervt schüttelte ich den Kopf, dann klingelte ich erneut. Und ich hatte vor, dies so lange zu tun, bis er mit mir reden würde. Nach dem zehnten Klingeln schien er dann zu merken, dass ich nicht eher gehen würde und riss die Tür auf.


„Was willst Du?“, fragte er in gereiztem Ton.


„Ich will mit Dir reden.“


„Über was?“ Manchmal konnte er so kalt sein, doch ich wusste, dass das nur eine Masche von ihm war, um das zu bekommen, was er wollte. In Wirklichkeit war er überhaupt nicht so kalt wie er tat. Wie sagt man doch gleich, „Harte Schale, weicher Kern“?


„Du hast jetzt seit einer Woche nicht mehr mit mir geredet.“


„Weil Du meine Ideen albern findest und weil Du mich als bester Freund nicht unterstützt.“ Beleidigt sah er weg. Manchmal muss ich mir ein Schmunzeln verkneifen, wenn er so ist. Ich fragte mich, ob er es bei seiner Frau auch immer so machte, wenn er etwas erreichen wollte. Vermutlich schon. Und dann fragte ich mich, ob die Ehe so wohl lange halten würde, denn das konnte auf Dauer ziemlich anstrengend werden. Ab und zu war mir schon der Gedanke gekommen, dass er vielleicht an ADS litt und er deswegen so sehr nach Aufmerksamkeit schrie.


„Und deswegen würdest Du unsere Freundschaft wegwerfen?“, fragte ich ihn, wobei ich meine Arme vor der Brust verschränkte.


„Natürlich nicht!“


„Gut. Dann lass uns reden.“ Entschlossen, nicht eher zu gehen, sah ich ihn an.


„Okay.“ Er trat zur Seite und bat mich herein. Grace war wirklich nicht Zuhause, sie war mit Freundinnen unterwegs. Vielleicht war Brad auch ihr gegenüber unausstehlich gewesen, vermutete ich, während ich mich auf dem Sofa niederließ.


„Denkst Du immer noch über dieses Projekt nach?“, wollte ich von ihm wissen. Zwar hoffte ich, dass er in der Zwischenzeit etwas anderes gefunden hatte, dem er nachging, aber irgendwie rechnete ich nicht wirklich damit.


„Ja, ich möchte es machen. Am Montag werde ich dort hingehen.“ Er nahm auf dem Sessel gegenüber von mir Platz und sah in den Fernseher, von aus die Musik kam, die ich von draußen gehört hatte. Ich hatte also recht behalten. Dieser Sturkopf.


„Wenn Du es unbedingt tun willst...“ Ich hatte nicht mehr vor, zu versuchen, ihn davon abzuhalten, mitmachen wollte ich dabei aber trotzdem nicht. Und genau das machte ich ihm nochmal klar, bevor ich ein wenig später wieder ging, weil die Stimmung ziemlich angespannt und im Keller war. Ich konnte ihm die Enttäuschung über meine Entscheidung förmlich ansehen, doch ich dachte da eben anders darüber wie er. Was sollten unsere Frauen machen, wenn uns was passieren würde? Vielleicht verursachte eines der Medikamente Krebs. Oder Impotenz. Ich wollte mit Christine unbedingt ein Kind haben. Oder vielleicht auch zwei. Von Brad wusste ich, dass er noch nicht bereit war, Kinder zu haben, doch wenn etwas schief gehen würde, würde er trotzdem immerhin eine einsame Witwe hinterlassen, die sicher davon träumte, mit ihm den Rest ihres Lebens zu verbringen.


Als ich kurz vor unserem Haus war, hörte ich, wie Miss Gordon nach mir rief. Sie war wohl aus der Tür gekommen als sie mich hatte kommen sehen. Ich habe sie schon öfter dabei erwischt, wie sie hinter dem geschlossenen Fenster Ausschau nach einem von uns hielt. Vermutlich fühlte sie sich einfach einsam. Während ich ihr entgegenlief sah ich, dass sie etwas in den Händen hielt.


„Guten Tag, Mister Parker“, begrüßte sie mich lächelnd, als ich vor ihr stand. Wir befanden uns auf der Veranda, die sich vor dem Eingangsbereich erstreckte.


„Hallo, Miss Gordon.“ Wenn man sie so sah, konnte man denken, sie sei eine alte verwirrte Frau, die bald ins Altersheim musste, aber wenn man sie erst richtig kannte, wusste man, dass sie eine sehr kluge Frau war, die ganz sicher nicht senil oder verrückt war. Wenn sie uns ihre Geschichten von früher erzählte, konnte man sehen, an was sie sich alles erinnerte und wie genau. Ich dachte mir dann immer, wenn ich einmal so alt sein würde, würde ich wahrscheinlich nicht einmal mehr meinen eigenen Namen kennen.


„Ich habe hier etwas für Sie und Ihre reizende Frau“, sagte sie strahlend, dann drückte sie mir eine große Schachtel Pralinen in die Hände.


„Oh, Miss Gordon, das wäre doch nicht nötig gewesen. Danke.“ Lächelnd hielt ich die Verpackung der Pralinen fest. Es ruft oft ein Gefühl von Scham in mir hervor, wenn ich von jemandem etwas geschenkt bekomme, ich weiß auch nicht, warum. Auch wenn meine Frau mir etwas schenkt, komme ich mir dabei blöd vor. Ich bin ein Mensch, der eher gibt als zu nehmen, würde ich mal sagen.


„Sie sind so nette Nachbarn, Sie haben es verdient.“ Sie hatte immer noch ihre Hände auf meinen. Und mir fiel auf, dass sie wieder nur ein dünnes Kleid trug, worauf ich sie dann noch freundlich hinwies, bevor ich mich verabschiedete und ging.


Als meine Frau am Abend von der Arbeit nach Hause kam, hatte ich ein romantisches Abendessen vorbereitet, mit Rotwein und Kerzen. Und den Pralinen von Miss Gordon zum Nachtisch. Ich war schon immer ein romantischer Kerl gewesen, wahrscheinlich mochten mich deswegen so viele Frauen. Doch all diese Frauen würden mich niemals bekommen, denn mein Herz gehörte nur einer. Christine freute sich riesig über das Dinner. Nach dem Essen lehnte sie am Küchentisch aus Marmor und aß von den Pralinen.


„Miss Gordon ist so eine nette Frau“, stellte sie fest, während sie mich mit ihren blauen Augen liebevoll ansah. Ich mag ihre Augen, ich mag ihre Blicke, egal ob es nun liebe Blicke sind, böse oder erotische. Ich mag ihre schulterlangen hellblonden Haare, ihren Duft, ihre schlanke Figur, die Art wie sie sich bewegt. Einfach alles.


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


Kapitel 3


 


 


Währenddessen lief es für jemand anderen nicht so gut. Ein junger Mann saß in Los Angeles in einem Doppelbett, die Decke mit dem weißen Bezug bis zu seiner Brust hochgezogen, und beobachtete, wie seine Freundin gerade stürmisch vom Bett aufstand.


„Das geht jetzt schon seit Wochen so“, sagte sie wütend, dann fing sie an, ihre Klamotten vom Boden aufzusammeln und sich anzuziehen.


„Komm bitte wieder ins Bett, Mary. Lass es uns nochmal versuchen“, bat er sie mit leiser Stimme und klopfte auf den leeren Platz neben sich. Sie hatte gerade ihre schwarze Unterwäsche wieder angezogen, wollte sich den Pullover überziehen. Mit Verachtung im Blick sah sie ihn an und setzte sich an die Bettkante.


„Das war jetzt der dritte Versuch. Wie viele Versuche brauchst Du, bis Du mal scharf wirst?“ Hektisch stand sie auf, schlüpfte in ihren Wollpullover, den sie von ihrer Mutter bekommen hatte, während der junge Mann beschämt seinen Kopf senkte.


„Seit Wochen haben wir keinen Sex“, schimpfte sie weiter, ohne dass er antwortete. Jayden Price war ratlos. Seit einiger Zeit klappte es bei dem 33-Jährigen einfach nicht mehr im Bett, er bekam keine Erektion mehr, obwohl er seine Freundin scharf fand. Wenn es nicht an seinem Alter lag und auch nicht an ihr, was war es dann? Jede intime Begegnung zwischen dem Paar, das seit einem halben Jahr zusammen war, ist zu einer anstrengenden Aktion geworden, die jedes Mal in Enttäuschung und Streit endete. Am Anfang war es noch nicht allzu schlimm gewesen, seine Freundin hatte noch Verständnis gehabt, hatte ihm gut zugeredet und es immer wieder versucht. Doch die Geduld war nun am Ende.


„Ich weiß doch auch nicht, w...“, fing er erneut mit kleinlauter Stimme an, doch Mary, die mittlerweile wieder komplett angezogen war, hörte ihm nicht zu, verließ einfach das Schlafzimmer. Er erhob sich und zog sich ebenfalls an, danach folgte er seiner Freundin ins Wohnzimmer, das gleich gegenüber an den Flur grenzte. Mary saß auf dem grauen Sessel und rauchte eine Zigarette. Ihre blonden Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Jayden blieb kurz an der Wohnzimmertür stehen, er sah wie ein hilfloser Junge aus. Er war ein eher zurückgezogener, stiller Mensch, der Streitereien meist aus dem Weg ging. Als er kurz darauf auf dem Sofa gegenüber von ihr Platz nahm, fing er wieder ihren kalten, wütenden Blick auf. Einen Blick, den er in letzter Zeit immer öfter ertragen musste. Er fragte sich dann immer, wo ihr Lächeln geblieben war. Wie immer sah er weg, er konnte es nicht ertragen, so angesehen zu werden. Und wie immer hatte er nicht viel zu sagen. Das war eines der Dinge, die Mary am Ende noch wütender machten. Dieses Schweigen, diese Kampflosigkeit. Sie drückte die gerade mal halb gerauchte Zigarette im Aschenbecher auf dem Glastisch aus, danach sagte sie „Ich verlasse Dich.“ Ohne ihn anzusehen erhob sie sich.


„Was?!“ Jayden glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Entsetzt sah er sie an. Ihre Blicke trafen sich, der sonst so strahlende Glanz seiner hellblauen Augen verschwand und Schmerz war in ihnen zu erkennen.


„Es ist aus. Ich kann nicht mit so einem Schlappschwanz zusammen sein.“ Nach diesen Worten ging sie zurück ins Schlafzimmer, wo sie ihren roten Koffer unter dem Bett hervorholte und anfing, ihre Sachen zu packen. Jayden blieb kurz reglos sitzen, musste die Worte erstmal realisieren, danach folgte er ihr ins Schlafzimmer. Beim Gehen ging sein linker Fuß immer nach rechts, also nicht gerade, sondern zur Mitte, was ein Humpeln verursachte. Eine Fehlstellung, mit der er seit seiner Kindheit schon leben musste. Eine Fehlstellung, die ihm seine Kindheit, seine Jugend und das Erwachsenwerden zur Hölle gemacht, die ihm viel Spott bereitet hatte, viele Gehässigkeiten und sehr viel Einsamkeit.


„Nur weil ich gerade diese Phase habe? Lass uns doch noch ein bisschen Zeit“, versuchte er seine Freundin zu beruhigen, obwohl er wenig Hoffnung hatte, dass dies etwas bringen würde. Sie warf noch ein paar Klamotten in den Koffer, der auf dem Bett stand, dann sah sie ihn mit einem verachtenden Lächeln an.


„MICH lässt man nicht warten.“ Als der rote Koffer voll war, holte sie einen weiteren aus dem großen Kleiderschrank, den sie sich teilten. Mary war eine verwöhnte junge Frau, die meistens alles bekam, was sie wollte. Von ihren Eltern, von ihren Freunden, von Jayden hatte sie auch immer alles bekommen. Nur jetzt bekam sie etwas nicht mehr und das konnte sie unmöglich akzeptieren. Obwohl er sich wirklich alle Mühe gegeben hatte, um die Situation wieder zu ändern. Doch je mehr sie darauf aus gewesen waren, je größer die Angst geworden war, sie zu verlieren, desto verkrampfter ist er geworden, desto höher wurde jedes Mal der Druck, wenn sie sich näher kamen. Wortlos begab sich Jayden wieder ins Wohnzimmer, wo er aus dem zweiten Fach des Glastisches ein kleines schwarzes Buch holte, welches er dort aufschlug, wo ein schwarzer Kugelschreiber mit einem goldenen Ringchen in der Mitte lag. Nach kurzem Überlegen begann er, etwas hineinzuschreiben. Einige Zeit später kam Mary ins Wohnzimmer, mit dem roten Koffer, der Räder hatte, und einer Reisetasche. Kopfschüttelnd sah sie ihn an.


„Ja, schreib wieder in Dein blödes Buch, Du Trottel!“, schrie sie ihn an, anschließend holte sie den anderen Koffer aus dem Schlafzimmer. Als sie alles im Eingangsbereich abgestellt hatte, ging sie auf Jayden zu, riss ihm das Buch aus der Hand und schleuderte es quer durchs Wohnzimmer. Das Buch flog gegen den alten Wohnzimmerschrank, ein paar Seiten fielen heraus und segelten langsam auf den Boden. Mit einem Blick gemischt aus Leere und Schock beobachtete Jayden das Geschehene. Langsam schloss er die Augen, zählte bis fünf, dann stand er auf, um das Buch aufzuheben. Anschließend hob er noch die abgerissenen Seiten auf, um diese in das Buch hineinzulegen. Das alles machte er wortlos, mit Ruhe, keinerlei Anzeichen von Wut. So stand er neben dem Sofa, das Buch fest zwischen seinen Fingern, und sah sie an.


„Wo... Wo gehst Du jetzt hin?“, fragte er, ohne etwas zu dem Vorfall zu sagen. In all den Jahren hatte er gelernt, Schikanen und Beleidigungen der Menschen ihm gegenüber hinzunehmen, sie zu ignorieren. Er nahm das alles durchaus wahr, aber er war nicht mehr in der Lage, etwas dagegen zu tun, außer es in sich aufzunehmen und hineinzufressen. Während seiner Jugend war er anders gewesen, aufmüpfiger, mit einer kräftigen Gegenwehr, doch irgendwann hatte er gemerkt, dass er damit nicht weit kam, dass das alles nur noch schlimmer zu machen schien. Und so hatte er irgendwann resigniert. Sehr wohl empfand er Schmerz und Trauer wie jeder andere Mensch. Aber er zeigte es nicht mehr. Seine Mutter, die vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, hatte ihm immer gelehrt, nicht wütend auf die Menschen zu sein, die ihm wehtaten, sondern ihnen ihr Unrecht zu vergeben. Sie war eine sehr gläubige, kluge Frau gewesen und hatte ihm oft geholfen mit ihren Ratschlägen. Eigentlich war sie die einzige Person gewesen, die ihn je wirklich geliebt hatte, so war sein Eindruck immer.


„Ich werde zu meinem Freund ziehen“, war ihre Antwort. Er klappte sein Buch zu, starrte sie mit offenem Mund an.


„Aber... Aber ICH bin doch Dein Freund.“


„Du WARST mein Freund. Ich habe jemand Neuen kennengelernt. Er ist Sportlehrer und hat eine Ausdauer, das glaubst Du nicht“, berichtete sie grinsend. Anscheinend konnte sie es sich einfach nicht verkneifen, ihm noch mehr wehzutun, es schien wie eine Genugtuung für sie zu sein, sie mit Stolz zu erfüllen, nach einer Person zu treten, die bereits schon am Boden war. Durch falsche Erziehung und Freunde, die immer dumm genug gewesen waren, alles für sie zu tun, ihr alles zu geben, war sie zu einer hochnäsigen, kaltherzigen Frau geworden, die auf nichts mehr Rücksicht nahm. Auf diese Weise hatte sie Jayden die letzten Monate noch mehr gebrochen als er es schon gewesen war, ihm stets das Gefühl gegeben, dass er nichts wert war.


„Das heißt, Du hast...“ Den Gedanken, den er hatte, wollte er erst gar nicht aussprechen, die Bilder, die in seinem Kopf waren von ihr mit einem Sportler im Bett, gleich wieder löschen. Er schloss die Augen, drehte den Kopf zur Seite, schluckte die Tränen runter, die auszubrechen drohten.


„Ja, ich hab Dich schon eine Weile lang betrogen. Tut mir leid, dass es so gekommen ist.“ Die Entschuldigung war natürlich nicht ernst gemeint, was man deutlich hören konnte. Die Kraft schwand aus seinem Körper, seine Hand öffnete sich unwillkürlich, das Buch fiel zu Boden. Mit der anderen Hand stützte er sich am Sofa ab. Er hatte das Gefühl, zu ersticken. Es war ihm oft klar gewesen, dass er wohl nicht die Liebe ihres Lebens war, dass es nicht für immer sein würde, aber er hatte schon gedacht, dass es eine richtige Beziehung war. Eine richtige Beziehung bedeutete für ihn Ehrlichkeit, Vertrauen und vor allem Treue. Jedenfalls hatte er nie etwas mit einer anderen Frau gehabt während ihrer Zeit. Mary beobachtete ihn, kurz kam sogar etwas Sorge um ihn in ihr auf, als sie sah, wie er dort stand, blass und schwer atmend. Sie hatte nicht erwartet, dass es ihn so sehr treffen würde. Er setzte sich aufs Sofa, sah sie an, suchte nach Worten. Aber was sollte man in so einem Augenblick schon sagen?


„Ich wünsche Dir alles Gute für Deine Zukunft“, sagte er dann, wobei er nicht den Blick von ihr abwandte.


„Du bist so ein Loser.“ Sie umfasste den Griff des Koffers. Zwar hatte sie nicht wirklich erwartet, dass er kämpfen würde, doch sie hätte auch nicht erwartet, dass er sie so einfach gehen lassen würde. Wahrscheinlich war es für sie einfach nur ein blödes Gefühl, sich zu fühlen, nicht so viel wert zu sein, dass man sie nicht aufhielt, sich nicht vor sie auf die Knie warf, um sie anzuflehen, doch zu bleiben. Mit mehrmaligem Nicken zeigte er ihr, dass er ihre Beleidigung angenommen hatte, eine Antwort kam jedoch nicht mehr. Er sah keinen Sinn darin, ihr nun auch etwas böses zu erwidern, sodass sie ihn nochmals beleidigen würde, was dazu führen würde, dass er ihr wehtat und sie dann noch ausfallender werden würde, bis sie beide sich schließlich vielleicht gegenseitig an die Gurgel gingen. Oft genug hatte er während seiner Jugend Gegenwehr geleistet, am Ende aber nichts damit erreicht, außer noch mehr Ärger oder Schläge. Mary beschloss, es ihm gleichzutun. Still brachte sie ihre Koffer und die Tasche nach draußen, knallte die Tür hinter sich zu, danach holte sie ihr Handy aus der roten Handtasche, um sich ein Taxi zu rufen. Jayden blieb reglos zurück. Wenig später hörte er die Türen des Taxis zufallen und wie das Auto davonfuhr. Tränen stiegen ihm in die Augen, doch er ließ sie nicht raus. Er schluckte stark, als könne er damit den Schmerz hinunterschlucken, anschließend stand er auf, um sein Buch aufzuheben. Eine große Leere machte sich in ihm breit, es fühlte sich an, als hätte man ihm gerade eines seiner inneren Organe herausoperiert. Langsam setzte er sich wieder hin, das Buch fest in den Händen haltend, als wäre es das einzige, was ihm noch geblieben war in seinem Leben. Es sah schon ziemlich gebraucht aus, manche Ecken des schwarzen Einbandes waren leicht gespalten, manche Seiten waren locker und durch den Wurf von Mary waren nun auch noch ein paar Seiten herausgerissen. Nachdem er noch eine Weile vor sich hingestarrt hatte, öffnete er das Buch wie in Zeitlupe, legte sorgfältig die ausgefallenen Seiten neben sich auf der Sofalehne ab, dann nahm er den Stift und schrieb dort weiter, wo er vorhin aufgehört hatte. Kurz darauf kam ein großer Schäferhund ins Zimmer, sah sich kurz um, stellte er sich vor das Sofa, in dem Jayden saß und blickte zu ihm auf.


„Bobby“, sagte Jayden leise, wobei er dem Tier über den Kopf streichelte. Erinnerungen kamen in ihm auf, wie er Bobby zusammen mit Mary gekauft hatte. Der Hund war immer da gewesen, hatte ihm nie wehgetan. Er zog den Hund leicht zu sich her und drückte ihm sanft einen Kuss auf die Nase. Bobby hatte sich immer schnell versteckt, wenn die beiden angefangen hatten, sich zu streiten und er war erst wieder rausgekommen, als es vorbei gewesen war. Und er war danach immer zu Jayden gekommen, so als ob er ihn trösten wollte. Bobby hätte ihn nie verlassen, da war sich Jayden sicher. Selbst wenn er die Haustür offen gelassen hätte, der Hund wäre niemals von seiner Seite gewichen. Oft war Mary ziemlich genervt gewesen von dem engen Verhältnis zwischen den beiden. Während Jayden ihn weiter kraulte, erinnerte er sich daran, wie Mary ihn gefragt hatte „Wieso redest Du eigentlich mit diesem Vieh? Er kann Dich doch sowieso nicht verstehen.“ Darauf hatte er geantwortet „Er versteht alles, was ich sage.“


 


 


 


 


 


 


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