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(un)zeitgemäß


anderswo ist schon da

von Anthologie FREEdrichshagener KleeBLATT 7

lyrik
ISBN13-Nummer:
9783752950038
Ausstattung:
Paperback, 120 Seiten mit Illustrationen von Dorothy Siegl und Regine Wendt
Preis:
12.00 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Epubli GmbH Berlin
Leseprobe

Wolfgang Endler

FALTER

Endlich finde ich

mit dir – eine Ebene

wir falten sie auf

zu einem Gebirge

den Ausblick genießend

Rubrik: Liebe und (Um-)Triebe

 

Monika Jarju

HUMBUG

A: „Das stimmt nicht!“

B: „Doch!“

A: „Ich war dabei, ich muss es wissen.“

B: „Du warst gar nicht dabei.“

A: „Aber ich kann mich genau erinnern,

du wolltest erst keinen.“

B: „Das bildest du dir bloß ein.“

A: „Nein, ich musste dich lange überreden.“

B: „Pfff!“

A: „Dann haben wir ihn gemeinsam ausgesucht.

B: „Nein, ich habe den Bleistiftanspitzer ganz

alleine gekauft!“

A: „Bleistiftanspitzer?“

 

Marion Kannen

SCHNEIDERLEI

mit lautem knall

schere vom tisch

alles verschnitten

mit leisem klick

im kaleidoskop

alles am platz

 

Lena Kelm

WANN HAT DAS ANGEFANGEN

Alles ist gut, rede ich mir gut zu, du bewegst dich an der frischen Luft, das ist wichtig für deine Gesundheit. Achte nicht auf den Lärm, heute ist es ruhiger als sonst. Die Sonne scheint, die Menschen strahlen, wenn du es auch nicht bemerkst. Schon bereue ich den Spaziergang durch die überfüllten Straßen. Es ist wie immer: Rasende Autofahrer, farbenblinde Passanten, die rot von grün nicht unterscheiden können. Ich werde geschubst, mit leeren Blicken angesehen, wenn überhaupt. Die Blicke sind auf iPhones gerichtet. Mutig überquere ich die Karl-Marx-Straße ohne überfahren zu werden, egal, ob vom Auto, Fahrrad oder Kinderwagen, die auf dem Gehweg meistens im Doppel-pack fahren. Die verstöpselten Mütter reden nicht mit den Kindern, sondern nur untereinander oder sprechen in ihre iPhones. …

 

Johanna Krüger-Bandt

FEBRUAR

im februar

sind die felder ringsum

nebelschwer

und

sogar

winterleer

 

Regine Wendt

MAGISCHER WALD

Baum an Baum

Dickicht

undurchdringliches

Efeu, Farn

dicht bemoost

zieht er hinein

die Lust

und die Last

verschlingt

Natur

das sorgsam

gehütete Leben

manchmal

 

Harald Werdowski

EINSICHTEN

einfach sein

ist schon schwierig

einfach nur sein

fast unmöglich

nichts wollen

verlangt können

großes wollen

und nichts können

schließen

einander nicht aus

 

Klappentext

 

Zur (UN) Zeit dabei bleiben, auch wenn ANDERSwo alles gut ist; alles ist gut, ist gut, sagen sie, und fallen aus der Zeit, fassen JETZT im Sturz gestern und morgen, überraschend, absurd wahrhaftig, seltsam sanft & brutal, verbauen Gebrauchtes neu und sind woanders längst schon da.

Die 7 Autor*innen von ARTschreibwerkstatt und FREEdrichshagener KleeBLATT kehren UN-Sinn in SINN und finden SINN im UN – im kleinsten Bleistiftanspitzer, auf weißen Pferden, inmitten von Flohfirlefanz.

Fremd verkleidet fragt 7*Ident. den richtigen Weg, lotet den Raum Dazwischen aus – beim Tango, im Zugabteil voller Wodka oder Hamster. Denn da und nur da lauert das Leise & Zarte.  

» lese WERT! «

 

Rezension

WO LITERATUR EINEN HINTRAGEN KANN

von Wolfgang Firmenich, Köln, Juli 2020   

Die kleine Gedicht- und Prosaanthologie »(un)zeitgemäß – anderswo ist schon da« erreichte mich als Geschenk meiner Freundin Marion, eine der Autorinnen. Die Sammlung gefällt mir sehr gut, sie lädt zum Schmökern ein und man kann so schön auf Entdeckungsreise gehen. Allerdings sollte man sich Zeit nehmen, bei den Texten länger verweilen, sie stellen oft eine echte Herausforderung dar, inhaltlich wie auch von der Form her. Nicht alles erschloss sich mir, wie das mit Literatur nun mal so ist. Aber: die Lektüre lohnt sich.

Ich hatte immer wieder ein Aha-Erlebnis, Denkanstöße, z.B. bei Texten von Wolfgang Endler, deren Grundton mal ironisch, mal böse, mal beides rüberkommt; herrlich, wie er seine Rubriken formuliert. „Zeitreise in Heimatkunde“ weckte in mir schöne Erinnerungen an Friedrichshagen – Bahnhof, Bölschestraße, Müggelpark, selbst mit dem erwähnten Maulbeerbaum und seiner Bedeutung für die Friedrichshagener Geschichte wusste ich etwas anzufangen. Ein gelungener Text.

Auch die (Traum-)Geschichten, mit welchen Monika Jarju den Band bereichert, lassen sich gut genießen. Vielleicht, weil sie eine große Bandbreite menschlicher Empfindungen und Bedürfnisse abbilden, den Grusel ebenso wie die Lust auf Albernes, Unsinn, den Spaß am Schabernack. „Saftladen“ macht einfach Spaß, ich habe mich wiedererkannt, d.h. ich kam vor – das ist viel, wenn Literatur das beim Leser schafft.

Wie sagte einst der große Poet und Musikus Bob Dylan: „Es ist egal, wo meine Stücke herkommen. Wichtig ist, wo sie dich hintragen.“ Ja, und dass sie einen überhaupt irgendwo hintragen. Dies gilt besonders für Marion Kannens „Aufs Meer zu“, ein Text, der in mir Wehmut und Sehnsucht auslöste – vielleicht ganz anders gedacht als poetische Beschreibung von Sterben, Tod und Übergang. So quer man das Buch halten muss, um ihn zu lesen, so quer sitzt er einem danach im Kopf. Anspruchsvoll ihre meist sehr kurzen Lyriktexte. Kein Wort verschwendet, die Sprache extrem verdichtet, wie es sich für Gedichte gehört, man versteht, wie viel Spaß die Autorin am Spiel mit der Form hat. Bei „$doch noch Umsatz kurz vor Ladenschluss$“ verwandelt sie den ersten und letzten Buchstaben in Dollarzeichen, in „Grinsekatze !“ fummelt sie in die Zeile darunter mittig ein „Ü“  –  fast ein Bild, sehr schön. „Was Bist“ handelt von Abgrenzung, Distanz zu einem Menschen, der zu viel Nähe will. Originell die Zeilen: „Was sollst du – von mir“. „Umgekippt“ – ein Prosatext über den Unfall der alten Mutter und was sich anschließend bei der medizinischen Versorgung abspielt, vor allem im Erleben, in der Gefühlswelt der Angehörigen. Dieser Beitrag – mitten aus dem Leben – verarbeitet wie schwierig selbiges sein kann. Das macht ihn in meinen Augen so wertvoll.

Auch die anderen AutorInnen, Lena Kelm, Johanna Krüger-Bandt, Regine Wendt und Harald Werdowski haben mir gut gefallen. Kelms „Sprechen Sie doch Menschen an!“ könnte auch „Dumm gelaufen“ heißen und bringt einen zum Lachen. Man möchte Mitleid haben mit dem Erzähler oder der Erzählerin.

Bei Krüger-Bandt gefällt mir, wie sie Jahreszeiten thematisiert – Sommerwind, Sommerhimmel, Februar – nebelschwer und winterleer, oder braunes Herbstgestrüpp, welches Rauhreifblüten weißeln. Wer Lust auf neue Wörter hat und auf Stabreim, wird diese Gedichte gerne lesen.

Wendt hat ihre Texte, Lyrik und Prosa mit Bildern – ich glaube, Aquarellzeichnungen – untermalt. Eine eindrucksvolle Mischung aus Traumwelten, Sehnsüchten und Motiven, die häufig der Natur entnommen sind.

Schließlich Werdowski: bei „tierische mitte“ musste ich herzhaft lachen, gerade als Hundebesitzer, ein sehr gelungenes Bonmot. „Vaterland“ ist genau richtig für jemanden, der NICHT aus der DDR stammt, den Zeitgeschichte interessiert, speziell das Aufwachsen in der DDR, den Wechsel nach „drüben“. Der Autor blieb hier wie dort ohne Vaterland und bedauert dies wohl. Ich frage mich jetzt, was Vaterland mir bedeutet, ob ich das habe oder brauche und was das eigentlich ist. – Insgesamt eine feine Sammlung.