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Kultur Bücher
Buch Leseprobe Wolkenhände, Ulrich Gottlieb
Ulrich Gottlieb

Wolkenhände


Taiji durch Erfahrung

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Wolkenhände - Taiji durch Erfahrung


 


Im Park


 


Dunkle Wolken ziehen auf, Wind kommt, Blätter von den Bäumen und Zeitungsblätter wehen uns zwischen die Füße, während wir Bewegungen aus der Form als kleines Qigong laufen. Da oben braut sich was zusammen. Bewegung fühlen - Qi wahrnehmen. „Wolkenhände", „Stoßen", „Qi wecken", „Abwehren", „Mähne teilen". ...ein intuitives Bewegen, eine Bewegungsimpro mit Figuren aus der Form, im Stand. Master Lim spielt mit einem Basketball vor dem Körper, dreht ihn mit den Händen, und diese bewegen sich geschmeidig um den Ball. So sollen sich die Hände bei der Taiji Form mitbewegen, als wäre ein Ball dazwischen. Wir beginnen das Pushhands mit einfachen Übungen wie Push von der Seite an die Schulter, Schulter rollen lassen, Energie so ableiten. Push frontal an beiden Schultern, beide Schultern rollen lassen. Als alle da sind, Pushhands mit verschiedenen Partnern. Es sind viele da. Jeder hat einen anderen Stil. Mr Chew, ein großer, stämmiger Chinese, ist sehr gut im Fühlen. Es ist mir nicht möglich zu pushen, selbst das Ausweichen ist schwer. Es ist trotzdem etwas seltsam, dass er ziemlich außer Atem kommt und schwitzt. Zu seiner Stärke des Fühlens wendet er sehr viel äußere Kraft an. Er spricht von zwei Punkten, die zu einer Linie verbunden werden müssten, im Körper des Gegners. Ein dritter Punkt komme von ihm dazu. Mit der Linie im Gegner bildete sich ein Dreieck. Dieses Dreieck müsse in Übereinstimmung mit der eigenen Mittelachse sein. Dann sei der richtige Moment zu pushen. Es ist ein riesiges, schnaufendes Goliath Stahlgetüm, mit dem ich es da zu tun habe. Der kleine L, der Sohn eines Nachbarns von Master Lim ist beim Taiji dabei. Er ist außerordentlich weich und flexibel, bewegt sich wie Gummi. Er macht oft gerne seine eigene Performance, setzt Fußkicks an einen Baum und duckt sich überrascht. Hält sich dabei die Hand über dem schnell eingezogenen Kopf, als es daraufhin Blüten auf ihn regnet. Worauf das Spiel beginnt, den Baum zu kicken und dann möglichst schnell aus der Reichweite des Baums zu kommen. Master Lim und wir anderen sehen belustigt zu. Der Kleine folgt seinen eigenen, stark kindlichen Impulsen, vollführt mit einem Mal seltsame Sprünge, läuft in breiten Schritten mit krummen Armen wie ein fremdes Wesen.


 


 


Die Küche


 


"The best teaching you get in the kitchen". Immer wieder kommt es vor, dass Master Lim uns für nachmittags zu sich nach Hause einlädt. Dann gibt es eine Taiji Stunde in seiner Küche. Dort ist allerdings wenig Platz zwischen Tisch, Spüle und Kühlschrank. Er beginnt gleich wieder mit den Anwendungen im Pushhands. Ich versuche also immer beim Gedrückt oder Geschoben Werden, gleich mit einem Fuß wieder auf den Boden zu kommen, um wieder stabil zu stehen. Master Lim geht ganz im Taiji auf. Er lehnt an der Spüle, wenn einer von uns einen Push an ihm versucht und wird vor Begeisterung ganz laut. "Öffnen", "Schließen", "Yin!", "Yang!","Eine Seite kommt, die andere geht...", "Loslassen!" wiederholt er wieder und wieder. Taiji sei schließlich wie Billard spielen. Stoße mit dem Stock, aber mit dem ganzen Körper. Der ganze Körper ist die Hand, die den Stock führt. Der Körper ist dabei elastisch wie Gummi. Master Lim nimmt ein Gummiband, zieht es auseinander und lässt es wieder zusammen kommen. Dann macht er die Bewegung in groß mit dem ganzen Körper. Die Arme, die sich vom Zentrum ausgehend auseinanderziehen wie ein Gummi. Der ganze Körper bewegt sich dabei wie ein Gummiband. Zum Vergleich reißt er ein Stück Papier ab. Entspanntheit soll nicht schlaff wie Papier sein sondern vielmehr wie die Elastizität eines Gummibands. Im Taiji spricht man meistens von „Entspannung". In Wirklichkeit geht es aber darum, einen Ausgleich von Entspannung und Spannung zu finden. Würde man nur entspannen, dann wäre man wie dieses zerrissene Papier. Um aufrecht stehen und sich bewegen zu können, braucht es eine gewisse gesunde Grundspannung. Diese Grundspannung setzt sich aus dem Wechselspiel von Spannung und Entspannung zusammen. Nun präsentiert er eine lose Plastikschnur. Diese ist schlaff, hat keine Spannung oder wie er sagt, keinen „Spring", jene elastische Bewegungsqualität des Spannens und Loslassens einer Bogensaite, die einen Pfeil abschießt. Dann zeigt er nochmals das Gummiband und zieht es. Dieses hat Spannung und geht in die Entspannung, lässt er es wieder los. Man solle nicht anspannen und starre, harte Kraft verwenden, sondern den Bogen spannen und entspannen lassen. Das Gummiband zieht sich durch den ganzen Körper. Als wäre man von Fuß bis Kopf durch ein Gummiband verbunden. Vor allem das Rückgrat ist Hauptbestandteil des Gummibands. Bei jeder Bewegung, wie von einem Fuß ausgehend, bewegt sich immer der ganze Körper mit, da alle Teile des Körpers miteinander elastisch verbunden sind. Die Vorstellung des Gummibands oder auch einer Sprungfeder, durch den ganzen Körper laufend, unterstützt das Fühlen des Unterschiedes von Grundspannung und Entspannung. Der Fahrradschlauch ist für mich dazu ein weiteres, sehr eindrückliches Bild. Wenn ein Fahrradschlauch leer ist, so ist sein Zustand schlaff und leblos. Wird nun Luft in den Fahrradschlauch gepumpt, ändert sich sein Zustand, als wäre er belebt. Ich stelle mir vor, wie der Fahrradschlauch also beatmet wird und so zu seiner Spannkraft kommt. Drückt man nun in den Fahrradschlauch, so gibt er etwas nach, kommt aber gleich, lässt man los, in seine Form zurück. Er bleibt trotz dieser Stärke elastisch. Damit ist eine vitale „Entspannung" gemeint. Einhergehend mit der Elastizität des Gummibands und des Fahrradschlauches ist auch der Aspekt des „Qi", von dem Master Lim oft spricht. Der Körper soll mit Qi gefüllt sein, speziell das Dantian. Das Qi ist wie Luft im Fahrradschlauch. Beim Zhan Zhuang kann dies besonders erfahren werden, wie durch die aufmerksame Entspannung und das Loslassen in Verbindung mit dem Atem der Körper geradezu mit Leichtigkeit steht und die Arme scheinbar wie von alleine, ohne Anstrengung in der Luft liegen. Dies kann nicht forciert oder getan werden, sondern folgt auf natürliche Weise von selbst durch kontinuierliches Üben. Master Lim geht kurz in die Position des Zhan Zhuang. Am Spülbecken liegt ein Schwamm. Master Lim drückt seinen Finger in den Schwamm. Der Schwamm gibt kurz nach und kommt wieder in seine ursprüngliche Form zurück. Ich bin immer wieder überrascht, worin er das Taiji Prinzip entdeckt. Es ist schlicht überall. Selbst in diesem Schwamm.


 


 


Hang Chow Hotel


 


„Bewege dich wie eine Armbanduhr. Die beiden Zeiger sind von der Mitte genau ausgerichtet. Im Inneren der Uhr spielen für die Bewegung der Zeiger alle Rädchen und Federn zusammen. Nach außen hin ist nur eine einfache Bewegung, der Zeiger, die ihre Position verändern, zu sehen. Innen hingegen, von außen nicht sichtbar, laufen dazu viele kleine miteinander verbundene Bewegungen ab. Genauso spielt es sich im Körper beim Taiji ...". Nachmittags, als ich meine Notizen unten im Coffeeshop mache, lädt mich Mr Hock zu einer Tasse Tee an seinen Tisch ein. „If you are busy, its not taiji". Auf dem Tisch ein kleines Wischtuch, eine Teekanne und eine kleine Teetasse mit noch etwas von einem dunklen, bernsteinfarbenen Tee. Er bringt mir eine Teetasse und schenkt mir von dem Tee ein, der zu Anfang sehr bitter schmeckt und dann leicht süß nachwirkt. Mr Hock vergleicht guten Tee mit gutem alten Congnac. Es ist heute ein ruhiger Sonntagnachmittag und nicht viel los. Draußen donnert immer wieder ein Bus vorbei, die alte Wanduhr schlägt einen weichen Klang. Es ist nicht zu heiß, zumindest im Coffeeshop. Die Ventilatoren an der Decke laufen lautlos. Master Lim deutete heute Morgen im Tim Sum House auf die Ventilatoren und sagte, dass sie ein Zentrum haben und die Flügel darum herum laufen. Dabei streckte er den Finger gerade wie eine aufrechte Achse. Mr Hock strahlt seine Lässigkeit aus. Die orangen Fische im Aquarium scheinen uns beim Tee trinken zuzuschauen. Fühle mich sehr entspannt, aufrecht im Rückgrat, gesunken in der Brust, alles stimmt, scheint in meinem Körper am richtigen Platz. Die Arme werden warm bis in die Fingerspitzen, ebenso die Füße und der Bauch, als zirkuliere dort etwas im Kreis. Der Kopf ist frisch. Mr Hock meinte, ich sei nah dran, sollte dranbleiben, nicht zu schnell, aber dranbleiben.


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