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Kultur Bücher
Buch Leseprobe HIER KOMMT KEINER LEBEND RAUS!, Michael Dullau
Michael Dullau

HIER KOMMT KEINER LEBEND RAUS!


Todesfälle an der Berliner Mauer – Teil 1

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Zum 35. Jahrestag des Mauerfalls: Die neue Reihe über die Todesfälle an der Berliner Mauer.


 


1 | INS GESICHT GESCHOSSEN


 


»Komm Hans, da melden wir uns freiwillig – das ist unsere Chance«, rief Adolf B., ein 18-jähriger DDR-Transportpolizist, der mit seinem Kameraden Hans-Dieter Wesa, ein 19-jähriger Oberwachtmeister, seit einigen Wochen bei der Transportpolizei (Trapo) in Halle an der Saale auf Streife unterwegs war.


»Freiwillig ist gut gesagt«, entgegnete Wesa. »Als ob man uns eine Wahl lassen würde. Wir werden abkommandiert nach Berlin.«


»Aber das ist doch genau der Punkt, Hans. Wenn wir uns freiwillig melden, dann haben wir von Anfang an einen besseren Stand. Verstehst du?«


Wesa überlegte. Gar nicht so dumm, was der Adolf da sagt. Mit seinen 18 Jahren weiß der schon, wie man sich einen Vorteil verschafft. Trotzdem, an der Berliner Mauer zu stehen, ist noch mal eine ganz andere Hausnummer, als hier auf dem Bahnhof in Halle Streife zu laufen.


Adolf B. sah ihn erwartungsvoll an.


»Hm, ich weiß nicht«, erwiderte Hans. »Ich habe mich eigentlich nicht zur Transportpolizei verpflichtet, um dann an der Berliner Mauer Dienst zu schieben. Ich wollte rumkommen, unterwegs sein, was sehen, was er-leben. Aber nicht an einer Mauer stehen und auf Beton glotzen. Das ist nicht mein Ding. Und außerdem: Dort müssten wir im Notfall auf Flüchtende schießen – unsere eigenen Landsleute.«


»Ach was, schießen«, entgegnete Adolf. »Schießen musst du im Notfall bei der Trapo auch. Und das sind dann ebenfalls deine Landsleute. Wo ist da der Unterschied?«


Er hob fragend die Hände.


»Und was heißt eigentlich, du willst etwas sehen und erleben? Das wirst du bestimmt nicht zwischen Halle und Bitterfeld. Da können wir uns höchstens mit besoffenen Fußballfans rumschlagen.«


»Da ist was dran«, antwortete Wesa. »Aber weißt du, was mir dabei gar nicht schmeckt?«, fragte er seinen Kameraden und sah ihn an.


»Raus damit«, forderte Adolf. »Mir gefällt nicht, dass wir aus der Trapo herausgelöst und den Grenztruppen unterstellt werden. Diese Truppe ist einfach nicht unsere Kragenweite.«


»Ach was, Hans! Das ist doch alles nur pro forma und für eine begrenzte Zeit. Mensch, überleg doch mal: Wir kommen nach Berlin! Berlin! Das ist unsere Chance! Dort ist das Leben. Dort ist was los. Ich will nicht in der Provinz versauern. Und was zählt schon, wer dein Dienstherr ist oder welche Uniform du trägst? Ist sowieso alles das Gleiche. Ich sage dir, wir melden uns freiwillig, als Erste, dann haben wir einen perfekten Einstand. Du wirst sehen, das wird unser Schaden nicht sein.«


Adolf machte eine kurze Pause und agitierte weiter.


»Wir gehen in schwierigen Zeiten voran«, fuhr er fort. »So was vergessen die da oben nicht. Ich verwette meinen Arsch, dass dabei auch für uns etwas rausspringt.«


Er steckte die Hände in die Hosentaschen. »Aber mach, was du willst, Hans. Ich melde mich jedenfalls freiwillig.«


»Ist ja gut, du hast gewonnen«, sagte Hans und lachte. »Ich melde mich auch.«


Sein Kamerad schlug ihm auf die Schulter.


»Na bravo, Alter! Ich wusste, dass ich auf dich zählen kann. Es ist immer gut, einen aus der Heimat mit dabei zu haben. Dann auf nach Berlin! Berlin wartet nur auf uns!«


 


* * *


 


 


Hans-Dieter Wesa wurde am 10. Januar 1943 in Schlewen im Landkreis Gastingen im Warthegau geboren. Er war das jüngste von vier Geschwistern.


Sein Vater, ein gelernter Tischler, der eine eigene Werkstatt betrieb, geriet während des Krieges als Soldat in sowjetische Gefangenschaft, aus der er erst 1949 wieder entlassen wurde.


Ende Januar 1945 musste die Mutter mit ihren vier Kindern vor der Roten Armee fliehen. Sie schlossen sich einem Flüchtlingstreck an und schafften es gerade noch über die Oder. In der sowjetischen Besatzungszone wurden sie von den Behörden in Trebnitz einquartiert, einer kleinen Ortschaft nahe Wettin bei Halle an der Saale.


Obwohl die Eltern als gläubige Christen dem neuen Regime kritisch gegenüberstanden, beschlossen sie, in der sowjetischen Besatzungszone zu bleiben. Sie wollten nicht noch einmal weiterziehen und von vorn anfangen müssen. Die Eltern engagierten sich in der evangelischen Kirche, die Mutter wurde Mitglied im örtlichen Gemeinderat.


In den 50er-Jahren verließen zwei von Hans-Dieters Geschwistern die DDR, damals noch über die weniger rigide bewachte »Grüne Grenze« zur Bundesrepublik. Zuerst ging der große Bruder Mitte der 50er-Jahre in den Westen, nach Baden-Württemberg, dann folgte ihm die Schwester in den späten 50er-Jahren.


Der junge Wesa besuchte in der DDR die achtklassige Grundschule, der Vorläufer der 1959 eingeführten Polytechnischen Oberschule. Im Jahr 1958 verließ er mit 15 Jahren die Schule. Anschließend nahm er bei der Deutschen Reichsbahn in Halle an der Saale eine Lehre auf, die er im September 1960 erfolgreich abschloss.


Direkt danach verpflichtete er sich zum Dienst bei der Transportpolizei. Was ihn dazu bewog, trotz seines christlich geprägten Elternhauses eine Laufbahn in den bewaffneten Organen der DDR einzuschlagen, bleibt unklar.


Sein Bruder berichtete nach dessen Tod, dass Hans-Dieter den Dienst bei der Transportpolizei aufgenommen hatte, um eine berufliche Perspektive mit Aufstiegschancen zu haben. Wesas Kameraden bei der Trapo charakterisierten ihn als einen sehr freundlichen und aufgeschlossenen jungen Mann, der als geradezu vorbildlicher Polizist galt.


 


* * *


 


Im Frühjahr 1962 wurde Hans-Dieter Wesa zusammen mit seinem Kameraden Adolf B. nach Ostberlin abkommandiert.


Dort sollten sie im Drei-Schicht-System Grenzbahnhöfe nach Westberlin bewachen. Formal unterstanden sie dabei der 1. Grenzbrigade der DDR-Grenztruppen, die in Berlin-Treptow stationiert war. Im Dienst trugen sie jedoch weiterhin die dunkelblauen Uniformen der DDR-Transportpolizei.


Am 23. August 1962 wurden Hans-Dieter Wesa und sein Freund Adolf B. als Patrouille auf das Gelände des toten S-Bahnhofes Bornholmer Straße beordert, das unmittelbar an der Westberliner Grenze zum Bezirk Wedding lag.


Der S-Bahnhof Bornholmer Straße war zu dieser Zeit einer der 16 sogenannten »Geisterbahnhöfe« in Ostberlin. Seit dem Bau der Mauer waren diese vom Personenverkehr abgeschnitten und lagen verwaist im Niemandsland der Grenze. Diese »Geisterbahnhöfe« wurden von der Transportpolizei sowie den Grenztruppen streng überwacht, um auch von hier Fluchten nach Westberlin unmöglich zu machen.


Die beiden befreundeten Transportpolizisten waren an diesem Tag in die Spätschicht eingeteilt, die um 14:00 Uhr begann und um 22:00 Uhr endete.


 


* * *


 


»Ganz schön unheimlich, so ein stillgelegter Bahnhof«, sagte Hans zu seinem Kameraden und sah sich um. »Alles tot hier. So etwas habe ich noch nie gesehen. Bei uns in Halle sind die Bahnhöfe immer voll, vor allem, wenn die Leute morgens und abends nach Buna oder Leuna fahren.«


»Ja, ist schon ein eigenartiges Gefühl, auf so einem Bahnhof zu stehen«, bestätigte Adolf B. und fügte hinzu: »Das hat aber auch seine Vorteile: Hier geht einem niemand auf den Sack.«


Er lachte meckernd.


»Hoffentlich verirrt sich wirklich niemand hierher«, sagte Hans-Dieter und ging langsam den verlassenen Bahnsteig entlang.


»Und wenn schon«, rief Adolf B. und tätschelte dabei seine Kalaschnikow. »Dann kriegt er hiermit Zunder!«


Er lachte wieder.


Wesa war an der Bahnsteigkante stehen geblieben und sah auf die Westberliner Silhouette, über der dunkle Regenwolken aufzogen.


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