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Kultur Bücher
Buch Leseprobe Hexen,Teufel und Germanen, Mike Vogler
Mike Vogler

Hexen,Teufel und Germanen



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Krodo - ein erstes Kennenlernen


 


Meine erste Begegnung mit dem altsächsischen Gott Krodo geschah eher zufällig. Im März 2008 verlebten meine Frau und ich mal wieder einen Kurzurlaub im schönen Harz. Jenes malerische Mittelgebirge ist schon seit Jahren unser favorisiertes Ferienziel in Deutschland. Die geheimnisvollen, dunklen Wälder und die vielen bizarren Felsformationen üben eine Faszination aus, der man sich nur schwer entziehen kann. Nicht zu vergessen die wunderschönen alten Burgen und pittoresken Städtchen. Auch geschichtlich hat der Harz einiges zu bieten, denken wir nur an Quedlinburg mit der Gruft Heinrichs I. oder an die Kaiserpfalz in Goslar.


Da wir die üblichen touristischen Ziele zur Genüge kannten, kaufte ich mir im Vorfeld unseres Urlaubs die DVD „Mythos Harz - Atlantische Kultstätten”. Der Titel klang vielversprechend und hielt auch, was er versprach. Im Film werden verschiedenste magische Orte und vermeintliche frühzeitliche Kultstätten vorgestellt. Um die Entdeckung jener Örtlichkeiten hat sich besonders Dr. Siegfried Hermerding verdient gemacht, der auch im Film des Öfteren zu Wort kommt. Mit Hilfe seiner Ausführungen stellte ich ein abwechslungsreiches Programm für unseren Besuch im Harz zusammen. Wir besuchten unter anderem das Steinmühlental bei Rothesütte, welches für seine Großsteinskulpturen bekannt ist, sowie den „Steinernen Mönch” von Ilfeld, welcher verblüffend den Skulpturen auf den Osterinseln ähnelt. Höhepunkt unserer Exkursion sollte jedoch die Besichtigung des Klus-Felsens in Goslar werden. Jene Felsformation wurde laut Siegfried Hermerding von unseren germanischen Vorfahren als Kultstätte für die Verehrung ihrer Götter verwendet. Über den Klus hatte Siegfried Hermerding bereits 1987 eine Broschüre herausgegeben, von der ich mit etwas Glück ein Exemplar im Internet erstehen konnte. In dieser Broschüre las ich auch das erste Mal von einem Gott namens Krodo, der in früher Zeit große Verehrung beim Stamm der Sachsen genossen haben soll. Außerdem war das Foto des sogenannten Krodo-Altars im Heft abgebildet, der im Goslarer Stadtmuseum zu besichtigen ist.


Jener Krodo und der nach ihm benannte Altar interessierten mich jedoch vorerst nur am Rande. Das sollte sich jedoch spätestens beim Besuch des Museums in Goslar ändern. Völlig fasziniert stand ich vor jenem mysteriösen Artefakt, dessen Herkunft und Verwendungszweck bis heute ungeklärt ist. Es handelt sich um einen rechteckigen, teilweise vergoldeten Bronzekasten, der von vier orientalisch gekleideten Figuren getragen wird. Die vier Seitenwände sind mit einer Vielzahl von Öffnungen versehen, die einst mit kostbar verzierten Schmuckplatten verschlossen waren. Von diesen sind leider nur noch die Fragmente einer einzigen Platte erhalten. Mangels schriftlicher Überlieferungen wird der Krodo-Altar von den Geschichtsgelehrten heute als christlicher Reisealtar betrachtet. Meiner Ansicht nach sind die Verzierungen der Schmuckscheibe und speziell die orientalisch anmutenden Trägerfiguren jedoch ein Anzeichen dafür, dass es sich hier nicht um eine christliche Reliquie handelt. In der zeitlichen Datierung sind sich die Experten ebenfalls uneinig. Eine umfangreiche Untersuchung im Jahre 1992 datierte das Objekt auf die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts und ersetzte damit die lange geltende Entstehungszeit um 1080. Beide zeitlichen Einordnungen stehen einer Verbindung mit dem altsächsischen Gott Krodo entgegen. Grund genug für die Wissenschaft, das ganze Thema ins Reich der Legenden abzutun. Aber das ist ja beileibe nichts Neues. Lässt sich etwas geschichtlich nicht bis ins Detail beweisen, wird es beiseitegeschoben und gilt als nicht mehr relevant. Aber es sind gerade jene Dinge unserer frühzeitlichen Vorfahren, die mich interessieren. Meine Neugierde war also geweckt.


Wieder zuhause begann ich zu recherchieren und stieß auf Erstaunliches. Jener geheimnisvolle Krodo schien bei den vorchristlichen Sachsen ein beliebter Gott gewesen zu sein. Es handelte sich bei ihm vermutlich um eine Art Fruchtbarkeitsgott. Eine Abbildung in Botes Sachsenchronik zeigt ihn als älteren, sehr schlanken Mann, in einem kittelartigen Gewand. Nach germanischer Tradition trägt er das Haar lang. Mit der linken Hand hält Krodo ein Rad erhoben, in der rechten Hand trägt er einen Korb mit Rosen. Seine Füße ruhen auf einem großen Fisch. Die Symbole deuten zweifelsohne auf Krodos Bedeutung als Beschützer der Fruchtbarkeit, der Gesundheit sowie der Ernte hin. Das Rad versinnbildlicht den Lauf der Zeit, das Werden und Vergehen des menschlichen Lebens. Die Rosen stehen für Fruchtbarkeit sowohl der Menschen als auch der Natur. Der Fisch deutet auf das Element Wasser sowie Nahrung hin, zwei unablässige Komponenten für das Überleben aller Spezies auf unserer Erde. Zusammenfassend können wir sagen, dass die Figur des Krodo das Leben als solches symbolisiert.


Immer wieder wurde von selbsternannten Experten behauptet, dass Krodo nur die Erfindung von mittelalterlichen Schreibern war. Es darf aber nicht vergessen werden, dass es sich hierbei um eine eher lokale Gottheit handelte, die nur von einem Teil der Sachsen verehrt wurde. Seine Bedeutung im Vergleich zu den bekannten germanischen Göttern, wie beispielsweise Wodan oder Donar, ist als eher gering einzustufen. Das ist auch der Grund, warum Krodo über die Jahrhunderte hinweg fast in Vergessenheit geriet. In akademischen Kreisen gilt er heute als bloße Erfindung Conrad Botes. Allerdings stellte sich mir die Frage, warum Bote einen Gott erfunden haben soll. Die Geschichte der Sachsen war doch auch so interessant genug und die uns heute zur Genüge bekannte Sensationshascherei kannte man im 15. Jahrhundert noch nicht.


Im Jahre 1825 kam es zu einem literarischen Schlagabtausch zwischen Julius Gottfried Eberhard Leonhard, seines Zeichens Herzoglicher Braunschweiger Forstschreiber und dem Regierungsrat Christian Heinrich Delius aus Wernigerode. Grund für die Auseinandersetzung war der Wahrheitsgehalt der Krodo-Legende. Der Streit gipfelte in der Veröffentlichung von Leonhards Buch „Die Harzburg und ihre Geschichte” sowie Delius „Untersuchung über die Geschichte der Harzburg und den vermeinten Götzen Krodo“. Beide Bücher gelten heute als Standardwerke zum Thema Krodo.


Leonhard galt als Verfechter des Krodo-Mythos, wogegen Delius zu jener Art Heimatforschern zählte, die streng nach wissenschaftlichen Fakten arbeiteten, welche bei den Legenden um Krodo natürlich nicht gegeben waren. Nach Leonhards Aussagen stand auf dem Großen Burgberg bei Bad Harzburg einst das Abbild des Sachsengottes Krodo. Der heute in Goslar befindliche Krodo-Altar soll sich zu Füßen der Statue befunden haben und diente als Opfertisch für den Gott. Die Anhänger der Krodo-Theorie sind sich heute weitestgehend einig, dass jenes Heiligtum auf dem Burgberg ursprünglich nicht von der ansässigen germanischen Bevölkerung errichtet wurde. Vielmehr soll es einst als Tempel für den römischen Gott Saturnus entstanden sein, der von einer römischen Legion errichtet wurde. Jener Tempel soll sich an der Stelle befunden haben, an der heute die Bergstation der Seilbahn steht, die auf den Großen Burgberg führt.


Unter dem römischen Feldherrn Drusus kam es 11 v. Chr. im Rahmen der Germanenfeldzüge zu Kämpfen mit den Cheruskern, die damals am Rande des Harzes siedelten. Es liegt also durchaus im Bereich des möglichem, dass auf dem heutigen Großen Burgberg römische Soldaten stationiert waren, die zum Zwecke ihrer Religionsausübung dort einen Tempel errichteten. Gegner der Krodo-Theorie werden jetzt sicher meinen, dass die Cherusker nach Abzug der römischen Truppen deren Tempel wohl niedergerissen hätten. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Römer und Cherusker zwischenzeitlich immer wieder Friedensverträge schlossen. Ein möglicher Tempel auf dem Großen Burgberg blieb somit wohl erhalten, wenn er auch nicht mehr genutzt wurde. Warum sollte sich die einheimische Bevölkerung die Mühe machen, ein Heiligtum ihrer neuen Verbündeten abzureißen. Der Tempel verfiel dann sicherlich im Laufe der Jahrhunderte und nur die Statue des Saturnus blieb erhalten.


Eine etwas andere Meinung zur Entstehung des Krodo-Heiligtums vertritt der Bad Harzburger Heimatforscher Horst Woick. Im Mai 2010 hatte ich das Vergnügen, diesen bemerkenswerten Herren persönlich kennenzulernen. Herr Woick ist der Ansicht, dass es germanische Soldaten im Dienste Roms waren, welche die Kultstätte zu Ehren Krodos errichteten. Verständlicherweise hatten wohl viele germanische Soldaten die religiösen Gewohnheiten ihrer neuen Dienstherren angenommen. Nach der Entlassung aus den römischen Legionen und Rückkehr in die Heimat kam es so zu einer Art „Verschmelzung” römischer und germanischer Gottheiten. Krodo war möglicherweise das Produkt einer Vermischung vom römischen Saturnus mit dem germanischen Wodan.


Zu welcher Volksgruppe die Erbauer des Krodo-Heiligtums gehörten, darüber können wir heute nur spekulieren. Am ehesten handelte es sich möglicherweise um Hermunduren oder die bereits erwähnten Cherusker. Beide Stämme siedelten zu Beginn der Zeitrechnung im Bereich des nördlichen Harzes, auch in der Gegend des heutigen Bad Harzburg. Schon Tacitus, der berühmte römische Historiker, schreibt, dass die Hermunduren den Römern treu ergeben waren und von den Cheruskern wissen wir mit Sicherheit, dass Männer ihres Stammes in den römischen Legionen Dienst taten. Bekanntestes Beispiel dürfte hier mit Sicherheit der legendäre Arminius sein, der als Offizier in römischen Diensten germanische Hilfstruppen befehligte und so wichtige militärischen Erfahrungen sammeln konnte. Jene Erfahrungen nutzte er dann später, um seinen ehemaligen Herren die vernichtende Niederlage in der berühmten Varusschlacht im Jahre 9 n. Chr. beizubringen.


In jedem Fall ist die Meinung von Herrn Woick durchaus interessant, lässt sich allerdings wie so vieles im Themenbereich Krodo nicht mit Sicherheit beweisen.


Im Jahre 531 zerschlug eine militärische Koalition aus Franken und Sachsen das damalige Königreich Thüringen und sächsische Siedler ließen sich am Rande des Harzes nieder. Diese entdeckten dann wohl die einsame Statue auf dem Großen Burgberg. Denkbar wäre es, dass sie jene für das Abbild eines lokalen Gottes hielten und ihn in ihre Glaubenswelt mit aufnahmen. Der Begriff Sater, eine andere Bezeichnung für Krodo, war in der einheimischen Bevölkerung noch erhalten geblieben und entstand aus der Abschleifung des namens Saturnus. Wenn auch dieser römische Gott bei den Cheruskern, Hermunduren und den späteren Thüringern keine Verehrung genoss, war er doch nie ganz vergessen worden.


An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass es sich hierbei um persönliche Vermutungen meinerseits handelt, die mir nach der Lektüre von Leonhards Buch kamen. Sie sollen nicht als feststehende geschichtliche Tatsachen verstanden werden.


Woher der uns heute geläufige Name Krodo stammt, darüber kann ebenfalls nur spekuliert werden. Als möglicher Namenspate kommt der Gott Kronos aus der griechischen Mythologie in Frage, welcher das Gegenstück zum römischen Saturnus darstellt. Die Männer der germanischen Hilfstruppen in römischen Diensten werden wohl auch von Kronos gehört haben und mit den Jahren bürgerte sich jener Name für die einsame Götterstatue auf dem Großen Burgberg ein. Mit der Zeit wurde dann aus Kronos der uns heute bekannte Krodo.


In der Chronik des Ortes Oker, nicht weit entfernt von Bad Harzburg, fand ich einen möglichen Lösungsansatz für die Herkunft des Namens Krodo. In jener Chronik, die von einem gewissen Herrn Schucht im Jahre 1888 verfasst wurde, heißt es, dass die ortsansässigen Sachsen auf die Frage nach ihrem Gott geantwortet hätten: „Den Groten, nämlich Wodan.” Somit hätten also die Bewohner jener Gegend - wie alle Germanen – dem Göttervater Wodan gehuldigt, den sie als den „Groten” also den „Großen” betitelten. Aus einem Missverständnis heraus wurde aus „Groten” mit der Zeit der Name Krodo, welcher dann für die Statue auf dem Großen Burgberg geläufig wurde. Wir haben damit einen interessanten Hinweis, der sich aber wiederum nicht wirklich beweisen lässt.


 


 


 Die Assimilierung heidnischer Bräuche durch das Christentum


 


Auch wenn es für gläubige Christen hart klingen mag, ist es doch nicht von der Hand zu weisen, dass es sich beim Christentum um eine Religion handelt, welche sich speziell in ihrer Entstehungsphase ungeniert bei anderen Religionen und Kulten bediente. Alles, was dem Ziel diente, aus dem Jerusalemer Urchristentum eine weltweite Religion zu errichten, wurde übernommen. Alles was nicht in diese Anschauung passte, galt gemeinhin als Aberglauben, Ketzerei und später gar als Hexerei.


Die Begriffe Heiden oder Heidentum haben auch heute noch bisweilen einen negativen Klang. Unter den sogenannten Heiden stellt man sich barbarische, gottlose Menschen vor, die erst von der christlichen Kirche auf den rechten Weg geführt wurden. Es war aber beileibe nicht so, dass die Menschen der vorchristlichen Epochen an nichts glaubten. Sie verehrten vielmehr eine große Anzahl an Göttern und nicht nur einen, alles überthronenden Gott wie das Christentum. Vergessen sollten wir ebenfalls nicht, dass Moslems auch heute noch Christen als Heiden betrachten, nur weil sie einer anderen Religion angehören. Es kommt immer auf den jeweiligen Blickwinkel an, was als heidnisch angesehen wird.


Das aufstrebende Christentum bediente sich in verschiedensten Bereichen bei seinen religiösen Vorgängern, um sich einen festeren Stand in der Bevölkerung zu sichern. So wurden unter anderem uralte Feste oder auch Feiertage nur ein wenig abgewandelt und mit christlichen Attributen versehen. Bekanntester Vertreter ist wohl unumstritten das besonders bei Kindern beliebte Osterfest. Nach christlichem Brauch wird am Ostersonntag die Auferstehung des gekreuzigten Heilands gefeiert. In unserer heutigen, mehr oder weniger religiösen Welt, gilt Ostern als Fest des Schenkens. Jedes Kind ist mit den Geschichten vom Osterhasen vertraut, welcher selbstbemalte Ostereier und andere Geschenke im Garten versteckt. Die wissenschaftliche Fachwelt kennt keinen endgültigen Ursprung des eierbringenden Hasen. Grenzwissenschaftliche Forscher sehen jedoch einen Zusammenhang mit der altgermanischen Frühlings- und Fruchtbarkeitsgöttin Eostrae. Der englische Kirchenhistoriker Beda Venerabilis erwähnte schon zu Beginn des 8. Jahrhunderts jene frühgeschichtliche Göttin. An die eintausend Jahre später griff Jacob Grimm das Thema auf, allerdings begegnet uns die germanische Göttin jetzt unter dem Namen Ostara. Traditionell gelten der Hase und das Ei als Symbole der Ostara, was ihre Rolle als Fruchtbarkeitsgöttin unterstreicht. Diese Symbole und die Namensähnlichkeit zwischen Eostrae/Ostara und Ostern stellen nach grenzwissenschaftlicher Vorstellung die ursprüngliche Bedeutung des Osterfestes dar. Anhänger der frühgermanischen Göttin feiern bis heute am 21. März das Ostarafest. Anzumerken sei an dieser Stelle noch, dass die streng wissenschaftlichen Gelehrten jenen Ursprung des Osterfestes kategorisch ablehnen.


Auch Teile der Bibel wurden viel älteren, vorchristlichen Schriften entlehnt. So beispielsweise auch die alttestamentarische Sintflutlegende. Dort erhielt Noah von seinem Schöpfergott den Auftrag, ein Schiff zu bauen. Damit sollte Noah seine Familie und von jeder Art Tier ein Pärchen in Sicherheit bringen. Gott wollte die Erde mit einer alles Leben verschlingenden Flut überziehen, da er mit dem Verhalten der Mensch unzufrieden war. Einzig allein Noah hatte Wohlwollen unter den strengen Augen Gottes gefunden. Ein fast identisches Szenario begegnet uns im altbabylonischen Gilgamesch-Epos, das etwa 2000 v. Chr. entstand. Das Epos handelt von den mystischen Erlebnissen des Königs Gilgamesch, welcher Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. Herrscher der Stadt Uruk war. Während Gilgamesch durch die Zeit reiste, begegnete er einem gewissen Utanapischtim aus der Stadt Schuruppak. Jener offenbarte sich als Überlebender einer riesigen Flut, welche vor langer Zeit die Erde überzogen hatte. Urheber dieser Flut war der altorientalische Göttervater Elil, welcher dem Göttergeschlecht der Anunnaki entstammte. Verschiedenste Vertreter der prä-astronautischen These, Außerirdische hätten einst die unbevölkerte Erde besucht und die menschliche Rasse geschaffen, sehen in den Anunnaki die Begründer der Menschheit. Ähnlich wie der biblische Schöpfergott waren auch die Anunnaki unzufrieden mit ihrem Ergebnis.


Das Gilgamesch-Epos zählt seit seiner Entdeckung Mitte des 19. Jahrhunderts zu den bekanntesten altorientalischen Erzählungen. Heute ist uns bekannt, dass jener Teil, welcher die Flutlegende behandelt, noch älter ist. Er wird dem altbabylonischen Schreiber Berosus zugerechnet, welchen ich bereits in meinem Kapitel „Die Verbreitung des Krodo-Mythos“ erwähnt habe. Tausende Jahre später waren es die Schöpfer der alttestamentarischen Schriften, welche die uralte Sintflutlegende wieder aufgriffen und sie in den biblischen Kontext einbrachten.


Ebenfalls im Alten Testament, genauer gesagt im 2. Buch Mose, findet sich die Geburtsgeschichte jenes Mannes, welcher später das Volk der Hebräer aus der ägyptischen Knechtschaft in das gelobte Land Kanaan führen sollte. Laut der Bibel waren ein gewisser Anram und seine Tante(!) Jochebed aus dem Stamme Levi die Eltern von Moses. Kurz vor dessen Geburt hatte der Pharao ein Gesetz verabschiedet, dass alle männlichen Neugeborenen der Hebräer sofort nach der Geburt zu töten seien.


In meinem Buch „Mysterium Heiliger Gral“ habe ich bereits die sogenannten Habiru als möglichen Ursprung des hebräischen Volkes identifiziert. Bei den Habiru handelte es sich um eine Art „Unterschicht“ im alten Ägypten. Es waren in der Mehrzahl Wanderarbeiter, Viehhirten und Tagelöhner mit ihren Familien, welche jener Volksgruppe zugerechnet wurden. Die vornehmeren Schichten des ägyptischen Volkes bezeichneten jedoch auch allerlei zwielichtiges Gesindel als Habiru, so dass jener Begriff sich zu einer Art Schimpfwort entwickelte. Der Pharao hatte wohl Angst, dass sich der ärmste Teil seines Volkes zu rasch vermehren würde und womöglich seine Macht gefährden konnte. Deshalb erließ er jenes drastische Gesetz. Jochebed wurde von Anram schwanger und gebar einen gesunden Knaben, den sie für drei Monate vor der Obrigkeit versteckte. Die Mutter lebte in ständiger Angst um ihr Kind und wusste sich keinen anderen Rat, als den Jungen in ein mit Harz und Pech verklebtes Körbchen aus Schilfrohr zu setzen, um jenes dem Nil zu übergeben. Es war ein glücklicher Umstand, dass just an jenem Tage die Tochter des Pharaos ein Bad im Nil nahm. Sie wurde auf das Körbchen aufmerksam und ließ es von ihren Diener herausfischen. Die junge Dame staunte nicht schlecht, als sie das Kind erblickte, schlussfolgerte allerdings sofort, dass es sich um ein hebräisches Kind handeln musste, da sie ja den Befehl ihres Vaters kannte. Die Familie des Knaben hatte die Szenerie aus einiger Entfernung beobachtet und Jochebed bot sich an, dass Kind zu stillen. Die Tochter des Pharao nahm das Angebot gerne an, ahnte sie doch, dass es sich um die leibliche Mutter handelte. Sie verriet jedoch niemanden etwas davon und ließ den Knaben wie ihr eigenes Kind erziehen. Das Findelkind erhielt den Namen Moses, was so viel wie „aus dem Wasser gezogen“ bedeutete.


Eine durchaus hübsche Geschichte, jedoch ist es erstaunlich, dass Sargon von Akkad ganz ähnliches widerfuhr. Nur wurde dessen Lebensgeschichte weitaus früher niedergeschrieben als der „Pentateuch“, welcher die fünf Bücher Mose enthielt. Sargon regierte um 2300 v. Chr. das Akkadische Reich, welches auf dem Gebiet des heutigen Irak lag. Es handelte sich um eines der bedeutendsten Großreiche der modernen Zivilisation, welches heute in einem Atemzug mit dem Land Sumer und Babylonien genannt wird. Die militärischen und politischen Erfolge, welche Sargon von Akkad während seiner Regierungszeit errang, waren so nachhaltig, dass sich sein Andenken über Hunderte von Jahren hielt und auch Könige anderer Reiche beeinflussten. Beispielsweise Šarrum-ken II., welcher um 700 v. Chr. König des Neuassyrischen Reiches war und sich auch Sargon II. nannte.


Die mythologisch überhöhten Taten des Sargon von Akkad sind in verschiedenen Texten überliefert, welche heute als die Akkadische Sargonlegende bekannt sind. In einem dieser Texte wird auch die außergewöhnliche Geburtsgeschichte des akkadischen Königs beschrieben. Sargon stammte ursprünglich nicht aus einer königlichen Familie. Er war anscheinend das Kind einfacher Leute, womöglich sogar ein „Unfall“, denn in einem überlieferten assyrischen Text heißt es: „Meine Mutter empfing mich; insgeheim gebar sie mich. Sie legte mich in einen Korb aus Schilf, und mit Pech versiegelte sie den Deckel. Sie warf mich in den Fluss, der nicht über mich stieg. Der Fluss trug mich hinauf und brachte mich zu Akki; jenem, der das Wasser schöpft.“ 


Laut meinen Nachforschungen war jener Akki eine Art Gärtner am Hofe König Ur-Zababa von Kisch. Akki zog das Findelkind groß und Sargon trat später selbst in den Dienst des Herrscherhauses. Er brachte es bis zu Mundschenk des Königs. Den überlieferten Geschichten nach, führte Sargon einen Staatsstreich aus und machte sich selbst zum König. Obwohl er auf eher unkonventionelle Art zur Herrscherwürde kam, gilt Sargon von Akkad bis heute als einer der überragendsten Könige der frühen Menschheitsgeschichte. Für uns ist er allerdings hauptsächlich auf Grund seiner Geburtsgeschichte von Bedeutung.


Ein ganz ähnliches Szenario kennen wir auch aus der indischen Mythologie. Im Heldenepos „Mahabharata“ begegnet uns Kunti, die Frau Königs Pandu, welcher dem Herrschergeschlecht der Bharatas entstammte. Jene spätere Königin setzte in ihrer Jugend ebenfalls ein ungewolltes Kind aus. Das „Mahabharata“ ist der Grundpfeiler der indischen Mythologie. Über seine Entstehungszeit ist sich die Fachwelt uneins. Datierungen reichen von 400 v. Chr. bis 400 n. Chr., wobei man sich wiederum einig ist, dass der Inhalt des Epos auf weit ältere Texte zurückgeht.


Jene Kunti gab sich in einer Laune jugendlicher Unbekümmertheit dem Sonnengott Vishnu hin, worauf sie schwanger wurde und einen Knaben namens Karna empfing. Mit Hilfe eines Wunder wirkenden Mantra, welches sie einst von einem weisen Mann erhielt, gelang es Kunti, trotz der Geburt ihre Jungfräulichkeit zu behalten. Sie legte das ungewollte Kind in einen abgedichteten Korb und setzte diesen in einen Fluss in der Hoffnung, dass sich jemand des Kindes annehme. Und tatsächlich fischt der Wagenlenker Adhiratha das Kind aus dem Fluss und zog es mit seiner Frau auf. Dank seiner göttlichen Herkunft wurde Karna später einer der berühmtesten Helden der indischen Mythologie.


Die Geschichte von Kunti und der jungfräulichen Geburt ihres Sohnes kann durchaus auch als Quelle für die Evangelienschreiber des Neuen Testaments gedient haben. Auch Maria, die Mutter von Jesus, war nach der Geburt angeblich noch jungfräulich. Verschiedene Bibelexperten gehen heute allerdings davon aus, dass es sich beim Szenario von Jesus Geburt um einen Übersetzungsfehler handelt. In den ursprünglichen Texten hieß es wohl, dass Maria bei Jesus' Geburt noch eine junge Frau war, keine Jungfrau.


Es scheint so, als hätten sich die Verfasser der Bibeltexte im großen Stil bei den Mythen und Legenden weitaus älterer Völker bedient. An dieser Stelle möchte ich mich etwas weiter „aus dem Fenster lehnen“ und behaupten, dass die Geschichte von Jesus als Sohn Gottes ebenfalls aus einem anderen Kulturkreis entlehnt ist.


Im Jahr 323 v. Chr. eroberte Alexander der Große Palästina, worauf das jüdische Volk jahrhundertelang unter dem Einfluss der hellenistischen Kultur geriet. Obwohl Alexanders Herkunft hinlänglich bekannt war, verehrten ihn seine Anhänger als Sohn des Göttervaters Zeus. Ursache dieser Verehrung war Alexanders Besuch des „Orakels von Sima“ im heutigen Ägypten. Jenes Orakel offenbarte Alexander, dass er der Sohn des altägyptischen Gottes Amun sei. Ob es sich hierbei nur um eine Legende handelt oder die das Orakel ausführenden Priester zu dieser Aussage genötigt wurden, wissen wir nicht. Fakt ist, dass die angebliche Abstammung von Amun Alexander die Legitimation als Herrscher über Ägypten verschaffte. Da Amun bei den Ägyptern in etwa den gleichen Stellenwert genoss wie der griechische Göttervater bei den Hellenen, wurde es üblich, Alexander den Großen als „Sohn des Zeus“ zu bezeichnen. Die Messiasvorstellung des jüdischen Volkes vermischte sich möglicherweise mit dem hellenistischen Glauben an die göttliche Abstammung von Alexander dem Großen. Aus dieser Vermischung entstand dann der auf Erden wandelnde Sohn Gottes. Vielleicht machte sich Jesus diesen Glauben sogar bewusst zunutze und präsentierte sich dem Volk als eben dieser Sohn des Schöpfergottes. Die Evangelienschreiber taten dann ihr Übriges, um Jesus göttliche Macht unter dem Volk zu verbreiten. Allerdings handelt es sich hierbei nur um meine persönlichen Vermutungen, welche nicht als geschichtliche Tatsachen verstanden werden sollten.


Auch bei dem von Seiten der Kirche geschürten Hexenwahn in Europa, bediente man sich gezielt des vorchristlichen Volksaberglaubens. Zauberkundige, schadenstiftende weibliche Wesen, welche die Männer verführten und durch die Lüfte fliegen konnten, kannten die Menschen schon lange vor Entstehen der christlichen Religion. Der tief im Volk verwurzelte Aberglaube an dämonische Wesen wurde zunächst von der Kirche bekämpft, fand aber später in den Hexenprozessen seine Verwendung. Heidnische Geistergestalten schienen dem Klerus plötzlich nicht mehr irreal, sondern wurden mit den neuen „Erzfeinden“ der Kirche, den Hexen, gleichgesetzt.


Betrachten wir nun einige frühzeitliche „Schreckgespenster“ etwas genauer und schauen, ob sich tatsächlich eine Verbindung zu den im Mittelalter verfolgten und ermordeten Frauen herstellen lässt.


Im osteuropäischen Raum waren die Legenden von den Strigen sehr beliebt, daher auch die polnische Bezeichnung „Strzyga“. Doch auch die Römer kannten jenes unheimliche Vogelwesen, welches des Nachts Kindern ihre mit vergifteter Milch gefüllten Brüste reichten, um diese zu töten. Den toten Kindern saugten die Strigen dann Blut und Eingeweide aus, um sich zu nähren. Doch auch Erwachsene wurden von jenen Nachtwesen heimgesucht. Konnte ein Mann nicht mehr „seinen Mann stehen“, war also impotent, hieß es sogleich, eine Strige hätte ihm heimlich Blut ausgesaugt. Auf Grund ihres Blutdurstes wurden die Strigen in einigen Teilen Europas auch mit Vampiren in Verbindung gebracht. Der Ursprung jener vogelartigen Wesen wurde verschiedentlich erklärt. So hieß es, dass Strigen zauberkundige Frauen waren, welche sich mit einer speziellen Salbe einrieben, um sich in jene „fliegenden Bestien“ zu verwandeln. Eine andere Erklärung besagte, dass es sich dabei um ganz normale Frauen handelte, die durch einen Fluch verwandelt wurden. Die Strigen waren auf Grund ihrer Verwandlung so mit Hass auf die Menschen erfüllt, dass sie deren liebstes, ihre Kinder, töteten. Der Einzug der Strigenlegenden in die Anschuldigungen der Hexenprozesse ist hier klar erkennbar. Strigen verwendeten Zaubersalben, um zu fliegen und hatten es speziell auf Kinder abgesehen. Ähnliches taten angeblich auch die mittelalterlichen Hexen. Jene töteten Kinder oder gruben Kinderleichen auf dem Friedhof aus, um die sogenannte Flugsalbe herzustellen. Hexen raubten auch immer wieder Kinder, welche dann beim Hexensabbat verspeist wurden oder mit dem Teufel Unzucht treiben mussten.


Ebenso wie vor den Strigen fürchteten sich die Menschen des frühen Mittelalters vor den furchteinflößenden Lamien. Diese hatten ihren Ursprung in der griechischen Mythologie. Lamia war eine arabische Königin, mit welcher der griechische Göttervater Zeus ein Kind zeugte. Dessen Frau Hera war darüber so empört, dass sie jenes Kind tötete. Es heißt, dass Lamia über den Verlust ganz hässlich wurde und eine erschreckende Gestalt annahm. Sie trug seither ein medusenhaftes Schlangenhaupt und den Unterleib einer Schlange. Um sich für den Tod ihres geliebten Kindes zu rächen, raubte und tötete sie des Nachts die Kinder anderer Mütter. Lamia war in der Antike ein beliebtes Schreckgespenst, mit dem Mütter und Kindermädchen unartigen Kindern Angst machten. Der frühmittelalterliche Aberglaube kannte Lamien als verführerische, weibliche Wesen, die allerdings einen Pferdefuß hatten. Sie waren ständig auf der Suche nach frischem Blut und bezirzten vor allem junge Männer mit ihrer Schönheit. Lamien konnten zwar nicht sprechen, sollen die Männer jedoch mit sirenenhaften Tönen in ihren Bann gezogen haben. Diese dämonischen Weiber saugten auch gerne kleinen Kindern das Blut aus, welches sie besonders schmackhaft fanden. Das Töten von jungen Männern und Kindern war wiederum der Grund, den Aberglauben an die Lamien in den mittelalterlichen Hexenglauben einfließen zu lassen. Dass jene unheimlichen Weiber angeblich einen Pferdefuß hatten, brachte sie auch in unmittelbare Nähe des Teufels, der in vielen Legenden meist in Verkleidung auftrat und nur an seinem Pferdefuß zu erkennen war.


Eine amüsante Geschichte, auf die ich während meiner Recherchen zu den Lamien stieß, möchte ich meinen geneigten Lesern nicht vorenthalten. Im Februar 1852 verfasste Lord Alfred Faversham einen Brief an seinen Freund C. Penforth Wright. Beide Männer waren Gründungsmitglieder der Kryptozoologischen Gesellschaft London. In jenem Brief berichtete der gute Lord Faversham seinem Freund, dass es Lamien tatsächlich gäbe. Die größte Population lebe in der Sahara, wo einsame Reisende ihre Opfer würden. Es waren also wohl nicht die lebensfeindlichen Bedingungen der Wüste, die so vielen Menschen das Leben kosteten, sondern jene unheimlichen Weiber. Dem Brief war eine Skizze von eben diesen Wesen beigelegt. Wenn sich die Kryptozoologie inzwischen zwar zu einem anerkannten wissenschaftlichen Nebenzweig entwickelt hat, kann man sich aber angesichts ihrer Anfänge wohl kaum ein wohlwollendes Schmunzeln verkneifen.


Es waren jedoch nicht nur dämonische Nachtgestalten, welche in das mittelalterliche Hexenbild eingewoben wurden. Auch die „guten Geister” missbrauchte der Klerus, um das abschreckende Bild der „bösen Hexe” zu formen. Einige der mystischen Frauengestalten des vorchristlichen Europas möchte ich meinen Lesern hier vorstellen.


Jeder von uns kennt wohl das Märchen von „Frau Holle”, welches zur Märchensammlung der Gebrüder Grimm gehört. Eher weniger bekannt ist, dass sich Frau Holle ursprünglich aus der heidnischen Sagengestalt der Holda entwickelte. Wenn Holda, wie auch die im Anschluss beschriebenen mystischen Frauen, nicht direkt eine göttlich verehrte Gestalt war, erfüllte sie bei den Völkern im heutigen hessisch-thüringischen Raum doch die Aufgabe einer Fruchtbarkeitsgöttin. Sie galt als Beschützerin der Natur sowie der Landwirtschaft und wachte über traditionell von Frauen ausgeführte Arbeiten wie den Flachsanbau und das Spinnen. In den Rauhnächten soll Holda auch an der „Wilden Jagd” teilgenommen haben, jenem unheimlichen Geisterzug am Nachthimmel, der die Menschen in Angst und Schrecken versetzte. In ihrer Funktion als Teilnehmerin der „Wilden Jagd” zeigte sich auch das belohnende wie strafende Wesen der Holda, was wir auch aus dem Märchen „Frau Holle” kennen. Fleißigen Frauen erschien sie als wunderschöne Dame im weißen Kleid, welche Geschenke brachte. Die eher weniger arbeitsamen Frauen erschreckte Holda als altes, hässliches Weib mit Buckel und riesiger Nase. Als solch hässliche Wesen stellten sich die Menschen im Mittelalter auch die Hexen vor. Eine direktere Verbindung zwischen Holda und dem späteren Hexenwahn stellt jedoch der Begriff „Unholda” dar, welcher allerlei dämonische, zauberkundige Weiber bezeichnete, die dann im Zuge der beginnenden Verfolgung unter dem Begriff Hexe zusammengefasst wurden.


Im Zusammenhang mit Holda wird auch gerne eine Göttin namens Jecha erwähnt, welche speziell beim Volk der Thüringer große Verehrung genoss. Da Holda auch als Beschützerin von Wald und Wiesen galt, war Jecha so eine Art „Kollegin”, da sie von den Thüringern als Göttin der Jagd verehrt worden sein soll. Kultstättenforscher vermuten das Heiligtum der Jecha auf dem Frauenberg bei Sondershausen. Ein möglicher Grund dafür scheint das alte Dorf Jechaburg, heute ein Ortsteil von Sondershausen. Eine mögliche vorchristliche Kultstätte auf dem Frauenberg ist angesichts der Bedeutung, welche der Klerus dem Berg beimaß, allerdings nicht von der Hand zu weisen. Bei Ausgrabungen stieß man auf die Reste einer Kapelle, deren Errichtung dem bekannten „Heidenbekehrer” Bonifatius zugeschrieben wird. Örtliche Legenden berichten, dass Bonifatius das Heiligtum der Jecha zerstören ließ und die Bewohner der Gegend mit Gewalt zur neuen Religion bekehrte. Da bekanntermaßen heidnische Kultplätze mit Vorliebe von der Kirche zu eigenen Zwecken missbraucht wurden, scheint eine religiöse Nutzung des Frauenberges in altgermanischer Zeit durchaus denkbar.


Die moderne Geschichtsforschung rechnet Jecha zu den sogenannten „zweifelhaften Göttern”, deren historische Bedeutung sich nicht zweifelsfrei nachweisen lässt. Für unsere Suche nach den Ursprüngen des mittelalterlichen Hexenglaubens erscheint sie mir doch sehr hilfreich.


Im alpenländischen Raum genoss eine der Holda ähnliche Gestalt Verehrung, welche ebenfalls zur Abrundung des klerikalen Hexenbildes beitrug. Frau Perchta bestrafte ebenfalls Faulheit und beschenkte die fleißigen Menschen. Für besonders arbeitsame Mägde soll sie beispielsweise Eimer voller Geldmünzen hinterlassen haben. Faule und „gefräßige” Zeitgenossen bestrafte Frau Perchta mit Alpträumen bis hin zum Aufschlitzen des Bauches. Ebenso wie Holda war Frau Perchta speziell in den Rauhnächte aktiv und konnte durch die Lüfte reisen. Sie wurde fast durchweg als alte Frau mit auffallend großer Nase dargestellt. Eine alte Frau, welche durch die Luft fliegen konnte und eine große Nase hatte, war natürlich prädestiniert dafür, in den Hexenglauben Einzug zu halten. Alpträume schicken und Bäuche aufschlitzen wurde wohl als Schadenszauber „verbucht”. Frau Perchta ist erstaunlicherweise bis heute nicht in Vergessenheit geraten. In Bayern und Österreich wird ihre Gestalt bei den Perchtenläufen, einem Umzug zum Austreiben des Winters, immer noch dargestellt.


Ähnliche weibliche Sagengestalten wie Holda, Jecha und Frau Perchta, kannte man im gesamten vorchristlichen Europa. Ich schließe mich der Ansicht der modernen Geschichtswissenschaft an, dass all jene Frauengestalten ihren Ursprung in der römischen Mond- und Fruchtbarkeitsgöttin Diana haben. Diana galt auch als Beschützerin des Waldes und der Jagd. Sie blieb Zeit ihres Lebens unvermählt und soll sich niemals einem Mann hingegeben haben. Diana war so etwas wie der Prototyp der unabhängigen Frau, welche so gar nicht in das Weltbild der Kirche passte. Grund genug für die „Anheizer” des mittelalterlichen Hexenwahns, sie als Hexengöttin oder gar als Frau des Teufels darzustellen.


Die römische Diana weist durchaus Parallelen mit den griechischen Göttinnen Artemis und Hekate auf. Alle diese „göttlichen Damen” haben ihren Ursprung wohl in der „Magna Mater”, der lebenspendenden Muttergottheit, deren Verehrung sich bis in die Jungsteinzeit zurückverfolgen lässt. Weibliche Göttinnen genossen bei unseren frühen Vorfahren traditionell große Verehrung, da sie auch über den Erhalt der menschlichen Rasse wachten. Erst mit dem Erstarken des patriarchalischen Systems der christlichen Kirche wurden jene weiblichen Götter zu Gunsten des monotheistischen Schöpfergottes dämonisiert und „verteufelt”.


Es war gängige Praxis der Kirche, heidnische Kultplätze und Versammlungsorte, wie etwa die germanischen Thingplätze zu übernehmen und diese für ihre Zwecke zu nutzen. Oft wurden jene Plätze mit den steinernen Gotteshäusern der Christen überbaut. Die Kirche wollte es ihren neuen „Schäfchen” so leichter machen, sich an die neue Religion zu gewöhnen. Handelte es sich um Örtlichkeiten, welche dem Klerus unpraktisch erschienen oder eine Bebauung nicht möglich war, wurden jene heidnischen Kultstätten zum Teil mit christlicher Symbolik verziert. So versuchte der Klerus, die alten Religionen aus dem Gedächtnis der kommenden Generationen zu streichen. Es war Gregor I., von 590 bis 604 Papst der römischen Kirche, welcher im Jahre 601 seinen Missionaren den offiziellen Auftrag gab, heidnische Kultplätze nicht mehr zu zerstören. Vielmehr sollten diese durch Besprengen mit Weihwasser geweiht und mit christlichen Symbolen versehen werden. Später ging man dazu über, an jenen Stellen Kirchen und Kapellen zu errichten.


Nach welchen speziellen Gründen und Merkmalen sich unsere Vorfahren ihre religiösen Kultstätten auswählten, liegt heute weitestgehend im Dunkel der Geschichte verborgen. Die immer weiter fortschreitende Spiritualisierung der menschlichen Vergangenheit treibt gerade beim Thema vorchristlicher Kultplätze immer absurdere Blüten. Angebliche Kraftlinien, nebulöse Erdstrahlungen oder gar kosmische Einflüsse finden immer wieder Erwähnung in esoterischen Veröffentlichungen. Natürlich möchte ich nicht bestreiten, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die unser Geist nur schwer begreifen kann und in unserer übertechnisierten Welt kaum noch beachtet werden. Es ist allerdings eine Gratwanderung, zu entscheiden, was spiritueller „Firlefanz” ist und was wir dagegen in unsere Überlegungen mit einbeziehen können, um das religiöse Weltbild unserer Vorväter verstehen zu können. Ich selbst bin der Ansicht, dass die Menschen der Frühzeit sich ihre heiligen Plätze nach ganz speziellen Gesichtspunkten aussuchten. Sicherlich wurden wohl in erster Linie natürliche Gegebenheiten bevorzugt, wie etwa außergewöhnliche Felsformationen oder auch Waldstücke, die heute als Heilige Haine bekannt sind. Orte, welche eine gewisse magische Ausstrahlung hatten bzw. Ruhe und Geborgenheit vermittelten, wurden mit Sicherheit bevorzugt. Obwohl ich mich selbst für einen eher rational denkenden Menschen halte, habe auch ich an verschiedenen frühzeitlichen Kultplätzen eine gewisse mystische Aura verspürt. Vor allem am Klusfelsen in Goslar, über den ich in diesem Kapitel noch ausführlich berichten werde, habe ich bei jedem Besuch eine Art Gefühl von „heimkommen”.


Versuchen Sie es doch selbst einmal, meine lieben Leser. Besuchen Sie eine der frühzeitlichen Anlagen und lassen Sie diese auf sich wirken. Es ist allerdings nicht immer leicht, seinen von der heutigen hektischen Welt geprägten Geist in Einklang mit der Stimmung zu bringen, welche jene Orte vermitteln, die unseren Vorfahren als rituelle Stätten dienten.


Ein für mich in besonderer Erinnerung gebliebenes Erlebnis möchte ich meinen geneigten Lesern an dieser Stelle nicht vorenthalten. Allerdings hat es nichts mit der europäischen Vergangenheit zu tun, denn die Begebenheit spielte sich im schönen Land Türkei ab. Der eigentliche Ort ist aber eher nebensächlich, denn alle Völker, die bisher unseren Erdball bewohnten, suchten sich ihre heiligen Stätten wohl nach ähnlichen Gesichtspunkten aus. Das Erlebnis, von dem ich berichten möchte, spielte sich auch nicht direkt auf einem religiösen Kultplatz ab, sondern auf einem uralten Friedhof, einer sogenannten Nekropole. Aber auch Friedhöfe wurden von den Menschen der Frühzeit nach ähnlichen Merkmalen ausgewählt wie die Kultstätten. Für unsere Hochzeitsreise im Jahr 2003 hatten sich meine Frau und ich eine Schiffsreise in der Türkei ausgesucht. Ausgangspunkt der Reise war der Hafen von Antalya, von wo wir dann eine Woche mit einer kleinen Reisegruppe sowie Kapitän und Bootsmann an der Türkischen Riviera „entlang schipperten”. An einem sonnigen Nachmittag ankerten wir bei dem kleinen Küstenörtchen Simena, welches von einer imposanten Burgruine überragt wird. Wir gingen an Land und machten uns an den Aufstieg zur Ruine. Allerdings kein leichtes Unterfangen, denn der schmale Weg war gesäumt von älteren Frauen, welche uns lautstark verschiedenste Handarbeiten zum Kauf anboten. Jede der Frauen wollte ihre Konkurrentinnen an Lautstärke überbieten, so dass uns während des gesamten Aufstiegs eine wahrhaft nervende Geräuschkulisse begleitete. Die Burgruine und speziell die Aussicht aus luftiger Höhe entschädigte uns jedoch für den vorangegangenen Lärm. Während meine Reisebegleiter hauptsächlich Augen für das wundervoll azurblaue Mittelmeer hatten, fielen mir mehrere, für diese Region typischen steinernen Sarkophage auf, welche in einem Wäldchen nahe der Burg standen. Ich machte meine Frau darauf aufmerksam und wir begaben uns zu dem Wäldchen. Was zunächst nur nach einigen wenigen Grabstätten aussah, entpuppte sich als weitläufige Nekropole. Eine Vielzahl der gruftartigen Steinsärge bedeckte die Flanke des Berges, auf dem die Burgruine steht. Der Friedhof, zudem von Olivenbäumen und verschiedensten Sträuchern bedeckt, bot einen idyllischen Anblick. Wir waren begeistert von unserer Entdeckung und durchstreiften die weitläufige Anlage. Auf dem Rückweg zu unserer Gruppe, welche sich noch in der Burgruine befand, machte mich meine Frau auf die eigenartige Atmosphäre des Friedhofs aufmerksam. Obwohl wir uns unweit der von Lärm erfüllten Ortschaft befanden, herrschte hier buchstäblich „Totenstille”. Kein Vogelgezwitscher war zu hören und auch vom nahegelegenen Meer waren keine Geräusche zu vernehmen. Eine erhabene Stille lag über der uralten Nekropole. Mit wenigen Schritten erreichten wir wieder den Rand des Dorfes und befanden uns im allgemeinen Getümmel, verbunden mit der dazugehörigen Geräuschkulisse. Ich machte noch einen Versuch und ging die wenigen Schritte zurück zum Rand des Friedhofs. Sofort befand ich mich wieder von vollständiger Ruhe umgeben. Die Menschen der Frühzeit, welche diesen Friedhof errichteten, hatten wahrlich den richtigen Platz ausgesucht, um ihre Toten in Frieden ruhen zu lassen.


Wie „verstaubte” Geschichtswissenschaftler versuchen, die von ihnen belächelte Kultstättenforschung ins Abseits zu drängen, zeigt sich besonders drastisch am Beispiel des 971 Meter hohen Wurmbergs bei Braunlage im Harz. Schon der Name Wurmberg ist eine Verunglimpfung der Traditionen unserer Vorväter. Der Kultstättenforscher Siegfried Hermerding und seine Mitstreiter fanden heraus, dass der Berg in früherer Zeit den wohlklingenden Namen Drachenberg trug. Drachen spielen in der nordisch-germanischen Mythologie eine nicht zu verachtende Rolle. Denken wir nur an den Drachen Nidhögg. Jener war ein fürchterliches Untier, dass unter den Wurzeln des Weltenbaumes Yggdrasil hauste, welcher nach der Vorstellung unserer Vorfahren das gesamte Universum verkörperte. Wenn Nidhögg nicht gerade Leichen fraß, stritt er sich mit dem Adler und dem Habicht, welche in der Krone des Baumes lebten. Der Drache liebte es auch, an den Wurzeln des Weltenbaumes zu knabbern. Vermutlich wollte er damit dem Universum Schaden zufügen.


Noch bekannter als Nidhögg ist der Drache Fafnir. Dieser war einst als Mensch geboren und Sohn eines Zauberers. Aus Habgier erschlug Fafnir seinen Vater Hreidmar. Seine Gier nach immer mehr Reichtümern wuchs ins Unermessliche. In einer Höhle bewachte Fafnir eifersüchtig seine zusammengerafften Schätze und verwandelte sich mit der Zeit in einen Drachen, um seinen Besitz besser vor Dieben schützen zu können. Der Drache Fafnir begegnet uns auch im Nibelungenlied, der wohl bekanntesten Sage der Deutschen. Dort ist es der strahlende Held Siegfried, welcher den Drachen tötet und so zu unsterblichem Ruhm gelangt.


Ab dem 13. Jahrhundert wurde erstmals statt des erhaben klingenden Namens Drachenberg, der Begriff Wormberch verwendet. Warum dies geschah, lässt sich leicht erklären. In jener Zeit hatte sich die christliche Religion so fest in Europa etabliert, dass der Klerus mit Nachdruck daran ging, auch die letzten Reste der alten heidnischen Religionen aus der Erinnerung der Menschen zu löschen. Nichts sollte mehr an die einstmals mächtigen Götter und die Stätten ihrer Verehrung erinnern. Auch nicht der Drachenberg, einstmals mit Sicherheit eine bedeutende Kultstätte unserer Ahnen. Auch wenn die Kirche die Bedeutung des ehemaligen Drachenberges zu verschleiern versuchte, blieb das Andenken an die einst mächtige Tempelanlage auf dem heutigen Wurmberg im Volke verwurzelt. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erschienen immer wieder Bücher über die Geschichte des Harzes, welche auch von einer bedeutenden Kultanlage auf dem Wurmberg berichteten. Bekanntestes Beispiel sind hier die „Harzsagen”, gesammelt und herausgegeben von Heinrich Pröhle, einem Schüler Jacob Grimms. Von 1949 bis 1956 führte der Archäologe Dr. Walter Nowothnig mehrere Grabungen auf dem Gipfel des Wurmberges durch, die sensationelle Ergebnisse lieferten. Dr. Nowothnig entdeckte tatsächlich die Überreste einer gewaltigen Tempelanlage, die zweifellos für kultische Zwecke verwendet wurde. Die archäologische Fachwelt der damaligen Zeit war begeistert und überbot sich mit der Datierung der Anlage. Erst wurde von einer Grabanlage aus der Bronzezeit gesprochen, dann wurden daraus die Reste einer Kirche aus dem 8. Jahrhundert bis man sich schließlich auf eine keltische Tempelanlage einigte, welche auf den Beginn der Zeitrechnung datiert wurde. Letzteres würde sich mit den überlieferten Geschichten des Volkes decken und wird auch heute noch von den meisten Heimatforschern angenommen. Nicht so die Wissenschaft. Wenn etwas nicht in deren Weltbild passt, muss natürlich das Gegenteil bewiesen werden. So auch bei der Tempelanlage auf dem Wurmberg. Von 1999 bis 2000 wurden wiederum archäologische Untersuchungen auf dem Plateau des Wurmbergs vorgenommen, welche zu einem verblüffenden Ergebnis führten. Auf einmal war die frühzeitliche Steinanlage das Fundament einer Hütte, die erst im Jahre 1820 von einem Förster namens Daubert errichtet wurde. Jener Förster soll auf dem Wurmberg mit Familie und Freunden rauschende Feste gefeiert haben. Jene Festlichkeiten kamen den Bewohnern der umliegenden Ortschaften angeblich wie kultische Zeremonien vor, woraus die Legenden von uraltem heidnischem Brauchtum auf dem Berg entstanden. Unseriöser kann Forschung wohl kaum sein!


Auf den Resten jener angeblichen Hütte wurde siebzig Jahre später ein Holzturm für trigonometrische Messungen errichtet. Die kreisrunde Steinformation soll dabei als Stütze für den Turm gedient haben. Gegen 1930 wurde der Turm wieder abgerissen und es blieben nur die Steine liegen, welche dann gerade mal zwanzig Jahre später von dem Archäologen Dr. Nowothnig angeblich völlig falsch als frühzeitliche Tempelanlage deklariert wurden. Es ist schon sehr erstaunlich, dass sich 1949 niemand mehr an den Turm bzw. die vorher dort stehende Hütte erinnert haben soll. Man könnte jetzt dagegenhalten, dass sich so kurz nach dem verheerenden 2. Weltkrieg keiner der Anwohner sonderlich für archäologische Ausgrabungen interessiert hat. Geradezu lächerlich ist allerdings die Behauptung, dass sich ein studierter Mann wie Dr. Nowothnig derart in der Datierung seiner Funde geirrt haben soll. Dr. Nowothnig entdeckte ebenfalls die Reste eines befestigten Weges im Bereich der Tempelanlage. Verlängert man diesen Weg, kommt man zu einer Treppenanlage, die aus dem Tal auf den Wurmberg führt. Im Volksmund wurde die Treppenanlage früher „Heidentreppe” genannt, was später in „Hexentreppe” geändert wurde. Ein weiteres Beispiel, wie die Überlieferungen unserer Vorfahren später verunglimpft wurden. Die „Heidentreppe” ist ein beeindruckendes Relikt der frühzeitlichen Besiedlung im Bereich des Harzes. Vermutlich wurden natürliche Gegebenheiten benutzt, um die Treppenanlage zu errichten. Wozu sollten aber die früheren Bewohner jener Gegend so eine Treppe auf den Wurmberg errichtet haben? Sie werden wohl sicherlich nicht des Öfteren wegen der schönen Aussicht auf den Berg gestiegen sein. Die Steinanlage mit der dazugehörigen „Heidentreppe” lässt eine religiöse Nutzung des Wurmberges durchaus möglich erscheinen. Doch auch für die Entstehung der fälschlicherweise als „Hexentreppe” bezeichneten Stufenanlage hat die moderne Wissenschaft eine Erklärung bereit. Jene Treppe soll ebenfalls von Förster Daubert und seinen Freunden errichtet worden sein. Grund für diese Behauptung ist ein Hosenknopf englischen Fabrikats, der angeblich unter einem Stein der Treppe gefunden wurde. Datiert wurde der Knopf auf etwa 1800 und schon stand der wackere Förster auch als Erbauer der Treppe fest. Jenen Knopf kann aber jeder beliebige Besucher des Wurmberges verloren haben. Ganz so sicher scheinen sich die „Ausgräber” von 1999/2000 wohl auch nicht gewesen zu sein, denn der beteiligte Dr. Michael Geschwinde gestand der auf den Wurmberg führenden Treppe im Rahmen eines Vortrages in Wolfenbüttel ein „mystisches Geheimnis” zu. Hört, hört!


Auch auf der Tafel, welche am Rande der Steinanlage steht, kann der Besucher einige vorsichtige Annäherungen an eine mögliche frühzeitliche Nutzung des Bergplateaus ausmachen. So werden noch einige weitere Steinsetzungen im Bereich des Wurmbergs erwähnt, die sich bisher einer zeitlichen Bestimmung entzogen haben. Seit 2003 wird das Wurmbergplateau auf Grund seiner Spuren frühzeitlicher menschlicher Nutzung sogar als archäologisches Schutzgebiet geführt. Die Existenz einer heidnischen Tempelanlage wird jedoch weiterhin vehement bestritten.


Wenn der Kirche zwar keine direkte Beteiligung an der Verschleierung der Geschichte des Wurmberges angelastet werden kann, ist es jedoch im Sinne des Klerus, wenn das Bestehen heidnischer Kultstätten durch die Wissenschaft angezweifelt wird.


Ein anschauliches Beispiel für eine nachweisliche Übernahme einer vorchristlichen Stätte durch die Kirche bietet der Klusfelsen in Goslar mit dem dazugehörigen Petersberg. Am Rande von Goslar, nahe der Bahnlinie, liegt hinter einigen Einfamilienhäusern und einer Seniorenresidenz versteckt der beeindruckende Klusfelsen, welcher auch unter der Kurzbezeichnung Klus bekannt ist. In seiner majestätischen Pracht muss er wohl auf unsere frühen Vorfahren einen magischen, ja heiligen Eindruck gemacht haben, so dass sie ihn zweifelsohne als religiöse Kultstätte nutzten. Menschliche Bearbeitungsspuren am und auch im Felsen legen Zeugnis davon ab. Heute ist der Klus vor allem wegen seiner Felsreliefs bekannt. Speziell für Anhänger der grenzwissenschaftlichen Geschichtsforschung stellt die Felsformation geradezu ein „Paradies” dar. Besondere Verdienste um den Klusfelsen hat sich der Kultstättenforscher Dr. Siegfried Hermerding gemacht. In der erstmals 1987 herausgegebenen Broschüre „Die Magier vom Klus” stellt er die Anlage und ihre Geschichte ausführlich vor. Mit Hilfe Siegfried Hermerdings Ausführungen lassen sich tatsächlich eine Vielzahl von verschiedenen Felsenreliefs erkennen. Ein Großteil davon ist natürlich gewachsen oder entstand durch altersbedingte Verwitterung. An anderen Stellen lassen sich jedoch Bearbeitungsspuren erkennen, wie beispielsweise die „Gralsträgerin”, die eindeutig von Menschenhand geschaffen wurde.


Wann und von wem der Klusfelsen erstmalig für religiöse Zwecke verwendet wurde, können wir heute nicht mit Bestimmtheit sagen. Siegfried Hermerding ist der Ansicht, dass es nicht erst unsere germanischen Vorfahren waren. Er spricht von „atlantischen” Zeiten, in denen bereits Menschen ihren Göttern am Klus huldigten. Der Kultstättenforscher nimmt hier eindeutig Bezug auf die Ausführungen von Ernst Beta, dessen 1913 erschienenes Buch „Die Erde und unsere Ahnen” auch im Literaturverzeichnis von Hermerdings Broschüre erwähnt wird. Auf Ernst Betas ziemlich verworrenes, für grenzwissenschaftliche Nachforschungen aber nicht uninteressantes Werk werde ich an späterer Stelle noch eingehen.


Die im Harz siedelnden germanischen Stämme werden aber zweifelsohne den Klusfelsen für religiöse Zwecke genutzt haben. Im oberen Teil des Felsens befanden sich mehrere vermutliche Kulträume, welche seit Mitte des 12. Jahrhunderts als Einsiedlerklause verwendet wurden. Daher auch der Name Klusfelsen. Einer der Kulträume beherbergt heute eine christliche Höhlenkapelle mit Altar und Marienstatue. Sitzgelegenheiten runden das Bild ab, so dass die Kluskapelle ohne weiteres für Gottesdienste oder andere christliche Zeremonien genutzt werden kann. An der Wand der Kapelle befindet sich ein heute zugemauerter Durchgang, welcher zu den anderen Räumen führte. Rechts neben dem Zugang zur Kapelle ist eine ebenfalls zugemauerte Öffnung zu erkennen. In seiner 1982 veröffentlichen Broschüre „Die Kluskapelle in Goslar” schreibt der Forscher Günther Machalett folgendes: „Gleich rechts neben der Tür, nur wenig über dem Boden sehen wir die zugemauerte Lücke des Sonnenloches. Schräg durch den Raum, dieser Lücke gegenüber sehen wir eine Wandfläche, die ebenfalls vermauert ist.” Möglicherweise wurde hier der bei den Germanen beliebte Sonnenkult betrieben. Die beiden heute vermauerten Öffnungen in der Kluskapelle könnten bei den Sonnenwendfeiern Verwendung gefunden haben. Die Öffnungen haben unsere Vorfahren wohl einstmals so geschaffen, dass bei den Sonnenwendfeiern zu bestimmten Tageszeiten die Sonne hindurch strahlte. Die heutige Kluskapelle war also möglicherweise eine Art Sonnenkammer, wie wir sie auch von den Externsteinen kennen. Dort gibt es einen „Sacellum” genannten Raum, mit steinernem Podest und kreisrundem „Sonnenloch”. Das „Sacellum” wurde später zu einer christlichen Kapelle ausgebaut. Genau das Gleiche geschah mit der „Sonnenkammer” am Klusfelsen, welche heute die Kapelle beherbergt. Wir haben hier erneut zwei schöne Beispiele, wie die Kirche Kultstätten unserer heidnischen Vorfahren veränderte und für ihre Zwecke nutzte.


Durch den schriftlichen Nachlass von römischen Schreibern wie Tacitus oder Cassidor sowie den Aufzeichnungen Reisender aus der Frühzeit, können wir uns heute ein ungefähres Bild von den religiösen Stätten der Germanen machen. Wenn wir nun die Externsteine als „inoffizielles” Beispiel für eine vorchristliche Kultstätte mit heranziehen, wird es immer augenscheinlicher, dass es sich beim Klusfelsen ebenfalls um ein religiöses Zentrum unserer frühen Vorfahren handelt. Neben der bereits beschriebenen „Sonnenkammer” befindet sich am Klus ein Felsengrab, in welches sich die Priester legten, um ihre Visionen zu empfangen. Das Felsengrab ist heute mit Beton ausgegossen. Angeblich zur Sicherheit der Besucher. Vielleicht will man aber auch etwas verbergen.


Außerdem gibt es am Klusfelsen, wie auch bei anderen Kultstätten, eingemeißelte Reliefbilder und uralte Treppenanlagen. Nicht zu vergessen der von Menschenhand geschaffene Raum im unteren Teil des Klusfelsens. Solcher Art Kulträume finden sich an den Externsteinen gleich mehrere. Im oberen Teil des Klus gibt es mit Sicherheit ebenfalls weitere Räume, deren Zugang aber zugemauert ist. Für die Kultstättenforschung wäre es von enormem Wert, dürfte man die vermauerte Wand in der Kluskapelle aufbrechen. Die Genehmigung hierfür wird aber schwerlich zu bekommen sein, da die geschichtswissenschaftliche Forschung keinerlei Interesse am Klusfelsen zeigt.


Heimat- und Kultstättenforscher hegen allerdings keinen Zweifel daran, dass es sich bei der Anlage um ein vorchristliches Heiligtum handelt. Winfried Katholing schreibt beispielsweise in seinem Buch „Die Groß-Steinskulpturen-Kultplätze der Steinzeit”, dass es sich beim Klusfelsen um eine Art „Kleinausgabe” der Externsteine handelt. Dieser Aussage kann ich mich nur anschließen.


Die Nutzung des Klusfelsens als christliche Stätte wird offiziell Agnes, der Frau von Kaiser Heinrich III. zugeschrieben. Angeblich war sie es, die den Kaiser dazu bewegte, auf dem Petersberg das Kloster St. Peter zu errichten. Eine Sage weiß zu berichten, dass die Kaiserin einst ihr kostbares Geschmeide vermisste. Der Verdacht fiel auf ihren Kammerdiener, welcher verurteilt und hingerichtet wurde. Wenig später wurden die Schmuckstücke im Nest einer Elster entdeckt, was die Unschuld des Kammerdieners bewies. Dies nützte dem armen Mann allerdings wenig. Um für sein Seelenheil beten zu können, bat Agnes den Kaiser, auf dem Petersberg ein Kloster zu errichten. Wann das Kloster genau errichtet wurde, ist unklar, da die Stiftungsurkunde nicht erhalten ist. Eine erste schriftliche Erwähnung von St. Peter findet sich 1062.


Da die Errichtung des Klosters natürlich Zeit brauchte, wurde auf Agnes Wunsch im nahegelegenen Klusfelsen eine Kapelle eingerichtet, wo Agnes für ihren Kammerdiener beten konnte. Warum Agnes so erpicht darauf war, unbedingt auf dem Petersberg die Sühnestätte für das begangene Unrecht an ihrem Kammerdiener zu errichten, wissen wir nicht. Ein Kloster namens St. Peter auf dem Petersberg zu errichten, würde Sinn machen, doch diesen Namen erhielt der Berg angeblich erst durch die Klosteranlage. Vorher wurde er Kalkberg genannt. Günther Machalett ergeht sich in der Vermutung, dass der Name Petersberg sich auf den Göttervater Wodan bezieht. Bei einem überaus interessanten Telefonat mit Herrn Machalett erfuhr ich Genaueres darüber. Im Rahmen der Christianisierung der germanischen Stämme war es gängige Praxis, deren oberste Gottheiten mit den Aposteln der Evangeliengeschichten gleichzusetzen. Bekanntermaßen war der Kirche jedes Mittel recht, ihre Religionsvorstellungen den Heiden mit aller Macht aufzuzwingen. Neben körperlicher Gewalt wurden auch psychologische Maßnahmen ergriffen. Den Menschen wurde eingeredet, dass es falsch sei, noch an die alten Götter zu glauben. Angeblich drohte jedem ewige Verdammnis, der nicht seinem heidnischen Glauben abschwor und sich zum alles überthronenden Gott des Christentums bekannte. Die jeweiligen Verehrungsstätten der vorchristlichen Gottheiten wurden in feierlichen Zeremonien verschiedensten Gestalten der biblischen Geschichte geweiht. Theoretisch hätte man die oberste germanische Gottheit mit Jesus gleichsetzen müssen. Das ging den Klerikern dann aber wohl doch etwas zu weit. Immerhin wurde aus Wodan St. Peter gemacht, bei dem es sich um Simon Petrus handelte, neben Jesus die wichtigste männliche Person der Evangelien.


Siegfried Hermerding deutet den Petersberg ebenfalls als frühzeitliche Kultstätte. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, macht der ehemalige Kalkberg als Standort der Klosteranlage St. Peter durchaus Sinn. Die Kirche war darauf aus, alle noch im Verborgenen vorhandenen Glaubensansätze an Göttervater Wodan zu unterbinden. Möglicherweise wurden auf dem Kalkberg heimlich noch heidnische Rituale praktiziert. Mit dem Bau des Klosters wurde dies nun unterbunden.


Kaiser Heinrich III. war ein sehr frommer Mann, der sich während seiner Regierungszeit unablässig für die Stärkung der Kirche einsetzte. Seine Kirchenpolitik gilt bis heute als legendär. Wir können also davon ausgehen, dass die Geschichte von seiner Frau als Stifterin des Klosters St. Peter tatsächlich eine Legende ist. Zwar wurde 1869 tatsächlich am Klusfelsen ein Grab mit einer Urne entdeckt, ob es sich hierbei aber um die Ruhestätte jenes unglücklichen Kammerdieners handelt, scheint eher fraglich.


Ebenso „schleierhaft” wie der Bau des Klosters ausgerechnet auf dem Petersberg, erscheinen die Gründe für die Errichtung der Kluskapelle. Der bereits angesprochenen Legende nach konnte es Agnes gar nicht schnell genug gehen, Buße für das dem Kammerdiener zugefügte Unrecht zu tun. Warum es gerade der Klusfelsen sein musste, ist die eine Frage. Viel verwunderlicher finde ich es allerdings, warum man sich für einen vorübergehenden Gebetsort die Mühe machte und die Kapelle aus dem Stein schlug. Viel einfacher wäre es doch gewesen, auf dem Gelände des Klusfelsens eine kleine Kapelle im herkömmlichen Stil zu errichten. Wir können also daraus nur schlussfolgern, dass die Räumlichkeiten im Felsen bereits vorhanden waren und zu einer Kapelle umfunktioniert wurden. Diese Möglichkeit wird aber von der sogenannten wissenschaftlichen Geschichtsforschung gar nicht erst in Betracht gezogen. Eine vorchristliche Nutzung der Anlage wäre damit nicht mehr auszuschließen und mit dieser Tatsache tut sich die Wissenschaft ja bekanntlich schwer. Ich selbst bin mir ziemlich sicher, dass Klusfelsen und Petersberg ein bedeutendes Zentrum der vorchristlichen Religionen waren.


Meinen Recherchen zufolge, gehört die Kluskapelle heute besitztechnisch der Stadt Goslar. Das Kanzelrecht liegt bei der Kirchengemeinde St. Stephani. Eine Nutzung der Kapelle von anderen Kirchengemeinden bedarf der Zustimmung vom Pfarramt St. Stephani. Zu Ostern wird die Kluskapelle regelmäßig genutzt. Meinem Wissen nach finden gelegentlich auch Taufen und Trauungen statt. Auch privat wird der Klusfelsen gern für religiöse Zwecke genutzt. Davon zeugen die Rußspuren neben dem Eingang zur Kapelle. In einer kleinen Felsnische entzünden Menschen immer wieder Kerzen und Teelichter. Welchen Göttern jene Menschen huldigen, weiß ich nicht. Vielleicht sind es auch solche, die schon unsere germanischen Vorfahren kannten.


Wie versprochen möchte ich an dieser Stelle auf das Buch „Die Erde und unsere Ahnen” eingehen. Ernst Bethas Buch mit knappen Worten zu beschreiben, ist ob der behandelten Themenvielfalt nicht leicht. Zusammenfassend kann man sagen, dass der Autor der Meinung ist, dass sich ein großer Teil der menschlichen Frühgeschichte ganz anders abgespielt hat, als wir sie heute kennen. Lassen wir den Autor am besten selbst zu Wort kommen. Im Vorwort schreibt Betha: „Nicht nur das Original der Edda sondern auch die Originale vom Alten und Neuem Testament sind sehr viel früher verfasst worden, als bisher angenommen wurde.”


Bethas Ausführungen sind durchweg sehr gewagt, aber interessant. Problematisch erscheint mir nur, dass der Autor keinerlei Angaben über die Quellen seiner Forschung macht. Wir können also nicht mit Bestimmtheit sagen, ob sich Betha alles nur ausgedacht hat oder tatsächlich ein Funken Wahrheit in seinem Buch enthalten ist.


Obwohl von der wissenschaftlichen Welt seit jeher mitleidig belächelt und der Allgemeinheit fast gänzlich unbekannt, ist „Die Erde und unsere Ahnen” für unsere Betrachtungen der vorchristlichen Religionen mehr als beachtenswert. Wenn Bethas Ausführungen auch reichlich verworren und weit hergeholt scheinen, beschäftigen sie sich doch indirekt mit dem heidnischen Einfluss auf die Entstehung der christlichen Religion. Besonders interessant für diese Thematik ist Bethas Behauptung, dass die Kreuzigung von Jesus nicht in Jerusalem sondern in Jöruvalla, dem heutigen Goslar geschah!


Ja, Sie haben richtig gelesen, Ernst Betha behauptet tatsächlich, dass der „Stützpfeiler“ der christlichen Religion in Goslar, genauer gesagt am Klusfelsen gekreuzigt wurde.


Der Klusfelsen und der dazu gehörige Petersberg werden vom Autor als die eigentlichen Stätten der in den Evangelien beschriebenen Kreuzigungsgeschichte identifiziert. Der Petersberg wird zur Kreuzigungsstätte Golgatha, der Felsenkeller im unteren Teil des Klusfelsen zu Jesus Felsengrab.


Starker Tobak!


Dann gehe ich doch gleich noch weiter und sehe in dem nahegelegenen Klusteich den See Genezareth. Aus dem Osterfeld in Goslar wird dann die Stätte, an der Jesus seine Auferstehung zelebrierte.


Doch zurück zu Ernst Betha. Bei ihm ist es ein Jöten genanntes Volk, welches für die Kreuzigung von Jesus verantwortlich war. Die Verwechslung der Jöten mit dem Volk der Juden war laut Betha der Grund für deren jahrhundertelange Verfolgung. Die Jöten kennen wir aus der Edda als Volk von Riesen. Ob diese Riesen mit Bethas Jöten identisch sind, erschließt sich aus der Lektüre seines Buches nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht Jesus war, der auf dem Petersberg gekreuzigt wurde. Es war wohl auch keine Kreuzigung im eigentlichen Sinne. Denken wir an die Geschichte von Odin, der sich neun Tage lang an den Weltenbaum Yggdrasil hängen ließ, um zu tieferer Erkenntnis über das Universum zu gelangen. Die Edda erzählt in „Odins Runenlied” wie Odin neun Tage in einem Baum hing und ihm das Geheimnis der Runen zuteilwurde. In der Dichtung wird nicht ausdrücklich erwähnt, dass es der Baum Yggdrasil war, an dem Odin hing. Allerdings deutet die Textzeile „Am Ast des Baumes, dem niemand ansieht aus welcher Wurzel er spross” darauf hin, dass es sich um den Weltenbaum handelte, der das gesamte Universum symbolisierte.


Wir wissen heute recht wenig über die religiösen Rituale unserer germanischen Vorfahren. Möglicherweise war das Baumhängen Teil eines kultischen Rituals, welches auch auf dem Petersberg vollzogen wurde. Der Opfernde wurde dann möglicherweise in der unteren Kammer des Klusfelsen gepflegt, um sich von den Strapazen des Rituals zu erholen. In diesem Zusammenhang sei auch an die Steinskulptur „Der Hängende” an den Externsteinen erinnert, wo vielleicht ähnliche Kulthandlungen durchgeführt wurden.


Ob zwischen diesem möglichen Ritual und einer etwaigen Kreuzigung von Jesus eine Verbindung besteht, erscheint mir allerdings mehr als fraglich. Ernst Betha hat wohl von vorchristlichen Ritualen am Klus in Goslar gehört und voreilige Schlüsse gezogen.


Bei meinen weiteren Recherchen stieß ich auf eine heute fast gänzlich vergessene vorchristliche Religion, in deren Zentrum ein gewisser Baldur-Krestos stand. Bei Baldur-Krestos ist eine gewisse Ähnlichkeit mit dem christlichen Heiland erkennbar. Auch er wurde von seinen Feinden ans Kreuz geschlagen. Und jetzt raten Sie mal wo? – Auf dem Petersberg bei Goslar! Nun könnte man der Einfachheit halber von einer weiterführenden Ausschmückung der Thesen von Ernst Betha ausgehen. Aber an der Geschichte von Baldur-Krestos muss mehr dran sein, denn sie fußt auf den Erkenntnissen eines der bedeutendsten Altertumsforscher des frühen 20. Jahrhunderts, Karl Maria Wiligut.3


Der aus einer österreichischen Offiziersfamilie stammende Wiligut absolvierte eine bemerkenswerte militärische Karriere, um sich nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst ganz seiner Passion, der Altertumsforschung, hinzugeben. Laut Wiliguts eigenen Angaben war er Nachkomme einer gewissen ASA-UANA-Sippe, welche zur Volksgruppe der Wiligoten gehörte. Jene Wiligoten betrachteten einen gewissen Gott Wili aus dem nordischen Göttergeschlecht der Asen als ihren Urvater. Die ASA-UANA verschlüsselten ihre Familiengeschichte seit jeher in sogenannten Erberinnerungen, welche sie Halgarita-Sprüche nannten. Alle männlichen Nachkommen sollen einen geistigen Schlüssel besessen haben, um jene Erbinformationen abzurufen. In den Halgarita-Sprüchen soll sich außerdem die gesamte Entwicklungsgeschichte der Menschheit befunden haben. Rudolf J. Mund, so etwas wie der geistige Nachlassverwalter von Wiligut, hat einen Großteil dessen schriftlicher Aufzeichnungen ausgewertet und in dem Buch „Fragmente einer verschollenen Religion” zusammengefasst. Meine nachfolgenden Ausführungen beziehen sich zum größten Teil auf dieses Buch.


Die Frühgeschichte der Menschheit war laut Wiligut von anhaltenden kriegerischen Auseinandersetzungen verschiedener Urstämme gekennzeichnet. Im 10. Jahrhundert v. Chr. hatte sich eine blutige Fehde zweier Stämme herauskristallisiert. Es waren einerseits die Wotanisten, welche einer frühzeitlichen Urreligion der Gottheit Wotan anhingen. Bei dieser Religion muss es sich um eine eher gewalttätige und dogmatische Form des Glaubens gehandelt haben. Im Gegensatz dazu stand der Glaube an Irmin, dem sich all jene anschlossen, die sich nicht mit dem düsteren Wotanismus identifizieren konnten. Die Anhänger des Irminglaubens sahen nicht Wotan als den göttlichen Urvater an, sondern einen gewissen Tuisto, dessen Enkel Irmin eine Art Lichtgott war. Den Krieg zwischen Irministen und Wotanisten können wir als so etwas wie das Urprinzip des Kampfes zwischen Gut und Böse betrachten. Im Jahre 9600 v. Chr. soll es zur gewaltigsten Schlacht der beiden Stämme bzw. Religionsgemeinschaften gekommen sein. Zu jener Zeit war Baldur-Krestos Anführer und religiöses Oberhaupt der Irministen. Wann er geboren wurde, wissen wir nicht genau. Wiligut gibt jedoch an, dass Baldur-Krestos Mutter Nanna im Jahr 10500 v. Chr. geboren wurde. Sein Vater war der bereits erwähnte Ase Wili, den Wiliguts Vorfahren als ihre Ahnherren betrachteten. Nanna gebar ihren Sohn in einer Art unbefleckten Empfängnis, was stark an die Geburt von Jesus erinnert. Dank seines göttlichen Vaters war Baldur-Krestos ein übermenschlich langes Leben beschert. So ist es nicht verwunderlich, dass er 9600 v. Chr. noch Anführer der Irministen war. Diese lange Lebensspanne lässt mich unweigerlich an die Protagonisten des Alten Testaments denken, welche ebenfalls mehrere hundert Jahre alt wurden.


Es hat den Anschein, als hätten sich die Verfasser der biblischen Schriften auch ungeniert an der germanischen Frühgeschichte bedient, um ihre Texte interessanter zu machen. Wiederum sei angemerkt, dass ich hier nur persönliche Vermutungen anstelle und mit Sicherheit die Anhänger des christlichen Glaubens nicht beleidigen möchte.


Zentrum des Irminglaubens war Jöruvalla, das heutige Goslar, genauer gesagt der Klusfelsen, wo Baldur-Krestos die Lehren des wahren Glaubens verkündete. Das war auch der Grund, warum die Wotanisten nach der blutigen Einnahme Jöruvallas, Baldur-Krestos auf dem nahegelegenen Petersberg ans Kreuz schlugen. Der Prophet des Gottes Irmin sollte dort sterben, wo er die Lehren des Lichtgottes verkündet hatte. Baldur-Krestos überlebte die Kreuzigung und floh über mehrere Stationen bis in die damals noch fruchtbare Wüste Gobi. Dort begründete er eine Glaubensschule und verkündete weiterhin die Lehren des Irminglaubens. Sein Weiterleben in Asien zeigt erneut eine Verbindung zu Jesus, da unorthodoxe Stimmen behaupten, auch jener hätte die Kreuzigung überlebt und sei nach Indien gezogen.


Laut den Aufzeichnungen Wiliguts scheinen die Auseinandersetzungen zwischen Wotanisten und Irministen nach der Kreuzigung und Flucht von Baldur-Krestos weitergegangen zu sein. Die Anhänger des Irminglaubens sollen erst um 1200 v. Chr. nach der völligen Zerstörung ihres Heiligtums am Klusfelsen die Gegend verlassen haben. Die Religion des Gottes Irmin verlor sich anscheinend im Dunkel der Geschichte. Ob die vermeintliche Religionsschule von Baldur-Krestos in der Wüste Gobi Einfluss auf die dortigen Völker hatte, ist möglich, aber nicht nachweisbar. Allerdings fand Baldur-Krestos als der Lichtgott Balder Einzug in die heute allgemein gültige nordische Mythologie. Auch die religiösen Lehren der Wotanisten flossen in die nordische Mythologie ein, denken wir nur an den Göttervater Odin/Wodan. Erstaunlicherweise ist Balder dort Odins Sohn und Nanna nicht seine Mutter, sondern seine Frau.


Was sollen wir nun von den teilweise recht fantastischen Ausführungen Wiliguts halten?


Zugegeben, die Sache mit den Erberinnerungen klingt ziemlich weit hergeholt. Doch was wissen wir denn wirklich Genaueres über die frühe Geschichte der germanischen Völker. Die meisten Informationen wurden aus den Niederschriften von römischen Chronisten übernommen. Jene aber waren Kinder ihrer Zeit und haben sicherlich so manches in ihren Niederschriften „zurechtgebogen”, um ihren Dienstherren zu gefallen. Ich persönlich bin der Ansicht, dass wir Wiliguts Geschichten durchaus einen gewissen Grad an geschichtlicher Wahrheit beimessen sollten. Es war ja beileibe nicht so, dass er alle seine Informationen aus jenen Erberinnerungen zog. Wiligut betrieb Zeit seines Lebens auch herkömmliche Geschichtsforschung. Leider werden bis heute seine Forschungen bezweifelt und teilweise ins Lächerliche gezogen.


Grund dafür ist in erster Linie seine zeitweilige Mitgliedschaft in Heinrich Himmlers Schutzstaffel. Der Reichsführer SS begeisterte sich bekanntlich seit frühester Jugend für mittelalterliche Geschichte, Mystik und germanisches Brauchtum. Himmler und Wiligut lernten sich auf einer Tagung der Nordischen Gesellschaft kennen. Der charismatische Wiligut zog Himmler sofort in seinen Bann und wurde schnell sein engster Berater in geschichtlichen wie esoterischen Angelegenheiten. Auf Betreiben Himmlers wurde Wiligut im November 1933 in die SS aufgenommen und mit der Erforschung der germanischen Frühgeschichte betraut. Offiziell war Wiligut zwar der „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“, einer Forschungseinrichtung der SS, unterstellt, doch fungierte er während seiner gesamten Dienstzeit als persönlicher Berater Himmlers. Obwohl Wiligut die schwarze Uniform trug, hatte er nichts mit den Männern der Waffen-SS oder den Totenkopfverbänden gemein.


Wiliguts erklärtes Ziel war es, die Religion des Irminglaubens mit ihrem vorchristlichen Heiland Baldur-Krestos neu zu erschaffen. Für diese Zielsetzung waren ihm Himmlers religiöse Ansichten durchaus recht. Der Reichsführer hatte sich schon lange von der römischen Kirche abgewandt und eine Anordnung herausgegeben, dass alle SS-Angehörigen in ihren Akten als Religion lediglich „gottgläubig“ anzugeben hatten. Möglicherweise planten Himmler und Wiligut, aus der SS einen Orden des Irminglaubens zu machen. Diese Art Religionsgründung stand allerdings im krassen Gegensatz zum Rest der NS-Elite, welche im zukünftigen Deutschland eher ein neues „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ sahen. Meiner Ansicht nach wäre es wohl nach einem gewonnenen Krieg zu starken religiösen Diskrepanzen in der NS-Führung gekommen. Allerdings ist es angesichts des Ausganges des 2. Weltkrieges müßig, solche Gedankengänge weiter zu verfolgen.


Der Irminglauben ist heute weitestgehend unbekannt und wird als Fantasieprodukt Karl Maria Wiliguts abgetan. Dabei wird aber gerne vergessen, dass sich das Thema einer vorchristlichen Religion mit Zentrum im Harz bei einigen Autoren Anfang des 20. Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreute. Rudolf John Gorsleben schreibt beispielsweise in seinem Hauptwerk „Hochzeit der Menschheit“ darüber. Allerdings vermischt Gorsleben die uns bekannten Versionen von Betha bzw. Wiligut und spricht von einem Balder-Christus.


Ob es im frühzeitlichen Europa tatsächlich die Religion eines Gottes Irmin mit seinem Propheten Baldur-Krestos gab, ist nur schwer nachweisbar, da zugegebenermaßen wirklich stichhaltige Beweise fehlen.


Doch halt, einen möglichen Beweis gibt es!


Denken wir an die Irminsul, auch bekannt als Irminsäule. Lange Zeit galt das geschichtliche Dogma, dass die Irminsul ein zentrales sächsisches Heiligtum in der Nähe der Eresburg war, welches Karl der Große 772 zerstörte. Als entscheidender Beweis wurden die „Fränkischen Reichsannalen“ angeführt, welche die Zerstörung eines zentralen Irminsul-Heiligtums beschreiben. Inzwischen hat sich die Geschichtswissenschaft jedoch ein wenig geöffnet und stellt Vermutungen an, dass es Irminsäulen an verschiedenen germanischen Kultstätten gab. Und bitte schön, was ist eine Irminsäule?


Eine Säule zu Ehren von Irmin!


Kommen wir nun zur wohl bekanntesten „verheimlichten“ vorchristlichen Kultstätte Deutschlands, den Externsteinen. Die beeindruckende Felsformation im Teutoburger Wald, nahe der Ortschaft Horn-Bad Meinberg ist so etwas wie das „Mekka“ aller Kultstättenforscher. Obwohl ein wenig Sachverstand ausreicht, um die Externsteine als vorchristliches Heiligtum zu identifizieren, wurde diese Tatsache bis vor einigen Jahren von der Wissenschaft noch vehement geleugnet. In einer an den Externsteinen erhältlichen Broschüre des Landesverbandes Lippe werden inzwischen zaghafte Hinweise gegeben, die auf eine frühzeitliche religiöse Nutzung hindeuten. An Informationen über die Bedeutung der Anlage für die christliche Kirche mangelte es allerdings nie. Wie die Kultstätte unserer Ahnen genau aussah, kann heute niemand mehr mit Bestimmtheit sagen, da die Anlage von Karl dem Großen im Zuge der Sachsenkriege zerstört worden sein soll. Der Theologe und Historiker Hermann Hamelmann gab bereits 1564 in seinen Schriften erste Hinweise auf die Zerstörung des Externsteinheiligtums im Jahre 772. Da die Anlage trotz ihrer Zerstörung bei den bekehrten Heiden immer noch große Bedeutung genoss, siedelten sich ab dem Jahr 814 Benediktinermönche in der Gegend an. Dass diese christliche Besiedlung genau im Todesjahr Karls des Großen geschah, kann Zufall sein, andererseits aber auch auf die enorme Bedeutung der Steine als heidnische Kultstätte hindeuten. Zu jener Zeit entstand auch das berühmte Kreuzabnahmerelief, um den Externsteinen einen christlichen Anstrich zu geben.


Da die Christianisierung der Sachsen auch in den folgenden Jahrhunderten nicht den von der Kirche erwünschten Erfolg brachte, richteten die Mönche des Paderborner Klosters Abdinghof an den Externsteinen eine Art „Zweigstelle“ ein. Die Mönche versuchten alle noch verbliebenen Hinweise auf die vorchristliche Kultstätte zu vernichten und machten aus den Externsteinen eine Heilig-Grab-Gedenkstätte welche als Ersatzwallfahrtsort für alle Pilger dienen sollte, welche nicht nach Jerusalem reisen konnten.


Im Zuge der Reformation kam es zwischen der Kirche und dem westfälischen Herrscherhaus „Zur Lippe“ zu einem jahrzehntelangen Streit um die Besitzansprüche der Externsteine. Das Haus „Zur Lippe“ ging erfolgreich aus diesem Streit hervor und Graf Hermann Adolf zur Lippe begann 1659 mit dem Bau eines Schlosses, in welches Teile der Felsformation mit einbezogen wurden.


Die jahrhundertelange Vorherrschaft der Kirche an den Externsteinen hatte schon viele der noch vorhandenen Hinweise auf eine vorchristliche Nutzung der Anlage vernichtet. Die Errichtung des herrschaftlichen Schlosses sorgte schließlich dafür, dass die vorchristliche Kultstätte fast gänzlich in Vergessenheit geriet. Die vielfachen baulichen Veränderungen der Anlage sind auch der Grund, warum die frühzeitliche Nutzung der Externsteine bis heute nicht offiziell anerkannt wird.


Abgesehen von Wilhelm Teudt's 1929 erschienener Veröffentlichung „Germanische Heiligtümer“, welche die Externsteine als zentrales Thema beinhaltet, fristete die Felsformation im Teutoburger Wald einen jahrhundertelangen „Dornröschenschlaf“. Es waren die Nationalsozialisten Deutschlands, welche die imposanten Externsteine in das Gedächtnis der Öffentlichkeit zurückholten. Die führenden Köpfe des Dritten Reiches strebten nach einer neuen Religion für ihr Volk, welche sich auf die Ursprünge der alten Germanen gründen sollte. In dieser neuen Glaubensrichtung sollte rein gar nichts mehr an Jesus oder den jüdischen Schöpfergott Jahwe erinnern. Ein beliebter Slogan der damaligen Zeit war: „Ohne Juda ohne Rom, bauen wir Germaniens Dom.” Jener Ausspruch geht auf Georg von Schönerer zurück, einem österreichischen Politiker, welcher zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Sprachrohr der neuentstandenen „Los-von-Rom-Bewegung“ war. Deren Anhänger forderten einen konsequenten Wechsel von der römisch-katholischen zur evangelischen Kirche. Die nationalsozialistischen Machthaber gingen noch weiter und wollten die christliche Religion gänzlich abschaffen. Zu dieser Zeit wurde auch der Begriff der „Gottgläubigkeit“ erfunden, welchen all jene verwendeten, die zwar an einen Schöpfergott glaubten, allerdings die bestehenden Konfessionen aus privaten oder politischen Gründen ablehnten.


Reichsführer SS Heinrich Himmler war die treibende Kraft bei der Neubegründung einer vermeintlichen germanischen Urreligion. Da der bereits erwähnte Externsteinforscher Wilhelm Teudt zu den Mitbegründern der „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“ gehörte, rückte die Felsformation recht schnell in den Fokus der SS. Himmler ließ das Gebiet um die Externsteine zu einer „weltanschaulichen Interessensphäre der SS“ erklären. Noch vor Entstehen des „Ahnenerbe“ regten Himmler und Teudt die Gründung einer Externstein-Stiftung unter der Schirmherrschaft der Landesregierung Lippe an. Diese Stiftung beauftragte 1934 Professor Julius Andrée von der Universität München mit der wissenschaftlichen Untersuchung der Externsteine. Die von Andrée gemachten Funde und deren Auswertungen gelten heute als umstritten. So geht es aber fast allen in der Zeit des deutschen Nationalsozialismus gemachten wissenschaftlichen Nachforschungen. Natürlich ist nicht zu leugnen, dass die Wissenschaft vom damaligen Zeitgeist geprägt war. Es ist meiner Ansicht nach allerdings falsch, alle Erkenntnisse aus jener Zeit als „Gefälligkeitswissenschaft“ an die nationalsozialistischen Machthaber zu werten.


Eine genauere Beschreibung von Professor Andrées Funden würde hier zu weit führen. Die für mich erstaunlichste Entdeckung möchte ich meinen Lesern aber nicht vorenthalten. Auf dem sogenannten Sacellumfelsen wurde ein fast kreisrundes Loch mit einem Durchmesser von 27 cm und einer Tiefe von 26 cm entdeckt. Das Loch weist Meißelspuren auf und ist eindeutig von Menschenhand geschaffen. Form und Ort des ausgemeißelten Loches deuten darauf hin, dass es zur Aufnahme einer Holzsäule diente. Wenn auch keine eindeutigen Beweise vorliegen, ist die Möglichkeit nicht auszuschließen, dass die Externsteine ebenfalls Standort einer Irminsäule waren.


Das von mir schon kurz erwähnte Kreuzabnahmerelief steht meiner Ansicht nach in direktem Zusammenhang mit der späteren Nutzung der Externsteine als Heilig-Grab-Gedenkstätte Interessanterweise ist in dem Steinrelief eine umgebogene Irminsäule dargestellt. Der Künstler wollte hier wohl der Nachwelt einen versteckten Hinweis darauf geben, dass die Externsteine Standort einer Irminsul waren, welche von Karl dem Großen zerstört wurde.


Nachdem Professor Andrée seine Nachforschungen abgeschlossen hatte, verbot die SS alle weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen. Die Gründe für dieses Verbot sind bis heute strittig. Ich bin der Ansicht, dass die wissenschaftlichen Mitarbeiter sicherstellen wollten, dass die wenigen noch erhaltenen Hinweise auf eine heidnische Kultstätte geschützt werden sollten. Nach dem Ende des Dritten Reiches, genauer gesagt im Jahre 1948, wurden jene Hinweise endgültig beseitigt. Eine merkwürdige Form der Entnazifizierung!


Lange Jahre wurde es ruhig um die Felsen im Teutoburger Wald. Zu erneuten Untersuchungen kam es erst wieder 1990, welche eine vorchristliche Nutzung der Externsteine nicht ausschlossen. Das letzte Wort war jedoch noch nicht gesprochen. Die eineinhalb Jahre dauernden Nachforschungen der Heidelberger Akademie der Wissenschaften gipfelten am 20. Oktober 2005 in einer Pressekonferenz, in deren Rahmen den Ergebnissen von 1990 gänzlich widersprochen wurde. Die in den Grotten vorhandenen Feuerstätten wurden zeitlich zwischen der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts und Ende des 15. Jahrhunderts datiert. Anhand dieser Ergebnisse wurde von der Heidelberger Akademie die vorchristliche Nutzung der Externsteine ausgeschlossen. Für mich ist es allerdings schleierhaft, wie man auf Grund einiger untersuchter Feuerspuren auf die zeitliche Nutzung der gesamten Anlage schließen kann.


Der Streit um die Geschichte der Externsteine dauert bis heute an und wird wohl auch in Zukunft nicht beigelegt werden. Kultstättenfreunde wie Heimatforscher sind sich allerdings einig, dass die Externsteine seit frühester Menschheitsgeschichte für religiöse Zwecke genutzt wurden. Die obligatorischen Kulträume sowie das Felsengrab für die priesterlichen Visionen sind noch vorhanden. Neben dem möglichen Standplatz der Irminsul ist das beeindruckende Kreuzabnahmerelief für mich ein eindeutiger Hinweis auf eine heidnische Kultstätte. Solch eine kunstvolle „Markierung“ wurde sicherlich nicht an einer unbedeutenden Felsformation angebracht. Den wohl eindeutigsten Hinweis auf eine vorchristliche Nutzung der Externsteine stellt wohl die als „Sacellum“ bekannte Sonnenkammer dar. Wenn sich die moderne Geschichtswissenschaft zwar schwer tut, die Externsteine als vorchristliche Kultstätte anzuerkennen, mehren sich jedoch die Stimmen, welche den Raum mit dem germanischen Sonnenkult in Verbindung bringen. In der vom Landesverband Lippe herausgegebenen Broschüre findet sich sogar ein vager Hinweis auf die Sonnenkammer. Das „Sacellum” wird heute kurzerhand meistens als „Obere Kapelle“ bezeichnet. Die Sonnenkammer als Kapelle ohne eine vorherige andersartige Nutzung zu betrachten, macht wenig Sinn. Wer sollte auf die Idee kommen, an so einer beschwerlich zu erreichenden Stelle eine Kapelle für Pilger zu errichten? Außerdem hat der Altar eine völlig untypische Form und ist viel zu klein für christliche Verrichtungen. Renommierte Astronomen, wie beispielsweise Wolfhard Schlosser, weisen immer wieder auf die Bedeutung des „Sacellum” als frühzeitlichen Observatorium hin.


Eine mögliche andere Verwendung der Sonnenkammer bzw. der gesamten Externsteine vermutet Gernot L. Geise. Herr Geise ist Mitglied der „Europäischen Gesellschaft für frühgeschichtliche Technologie und Randgebiete der Wissenschaft e. V.“ (EFODON) sowie Autor verschiedener grenzwissenschaftlicher Publikationen. Er sieht in den Externsteinen den Knotenpunkt eines komplexen keltischen Nachrichtensystems. Nachweislich sind verschiedene keltische Höhenfestungen entlang des Teutoburger Waldes bekannt, so dass eine zeitweilige keltische Besiedlung des Gebietes um die Externsteine nicht auszuschließen ist. Es handelte sich dann aber vermutlich um die nördlichste Ausdehnung der sogenannten Hallstattkultur. Auf jenes vermeintliche Nachrichtensystem werde ich an späterer Stelle noch einmal ausführlich zurückkommen.


Anhand meiner bisher gemachten Ausführungen werden meine geschätzten Leser vermuten, dass die Vereinnahmung heidnischer Kultplätze durch die Kirche relativ zeitnah mit der Verbreitung des Christentums geschah. Dem ist allerdings nicht so. Bestes Beispiel dafür, dass wir bei diesem Thema gar nicht so weit in der Geschichte zurückgehen müssen, ist der Götterfelsen bei Meißen. Das den Berg krönende Felsplateau soll dem Volke der Hermunduren einst als ritueller Platz gedient haben. Die Hermunduren waren ein frühgermanischer Volksstamm, welcher schon zu Zeiten von Julius Caesar den Römern bekannt war. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus weiß nur Gutes über jenen Stamm zu berichten. In seiner „Germania“ schreibt er, dass die Hermunduren den Römern treu ergeben waren und sich als einzige Germanen frei im römischen Territorium bewegen durften. Die Hermunduren gehörten also zweifelsohne zu den ersten germanischen Verbündeten der Römer. Das freundschaftliche Verhältnis sollte jedoch nicht von Dauer sein. Grund dafür war die bei den Römern so beliebte Umsiedlungspolitik ihrer Verbündeten und Untertanen. Die Ansiedlung von Teilen der Hermunduren in einem unbewohnten Gebiet am Main rückte diese in die räumliche Nähe des Stammes der Markomannen. Die so entstandene Allianz fühlte sich stark genug, ihren römischen Herren Paroli zu bieten und gipfelte einige Generationen später in den sogenannten Markomannenkriegen, welche zu den größten militärischen Auseinandersetzungen zwischen Römern und Germanen gehörten. Nach dem Friedensschluss im Jahre 180 lösten die Hermunduren ihre Verbindungen zu den Markomannen auf und zogen Richtung Thüringen. Teile des Stammes siedelten sich zeitweilig in der Gegend des heutigen Meißens an. Der dortige Götterfelsen muss den Hermunduren als idealer Platz für ihre religiösen Handlungen erschienen sein. Das Felsplateau hoch über dem Fluss Elbe übt auch heute noch einen erstaunlichen Reiz auf den Besucher aus. Die naturbelassene Schönheit jenes Ortes wurde im Jahre 1843 nachhaltig gestört. Zum 300. Jubiläum des Sächsisches Landesgymnasiums Sankt Afra wurde auf dem Götterfelsen ein schmiedeeisernes Kreuz auf einem Steinsockel errichtet. Das Gymnasium für hochbegabte Schüler wurde bereits im 16. Jahrhundert im ehemaligen Kloster der Augustiner-Chorherren Sankt Afra errichtet. Die frühchristliche Märtyrerin Afra von Augsburg wurde als Namensgeberin beibehalten, da die Schüler im Sinne des evangelischen Glaubens und Humanismus erzogen werden sollten. Der ehemalige heidnische Kultplatz wurde als Andachtsstätte für die Schüler ausgewählt. Bis heute finden Wanderungen der Schüler zum Götterfelsen statt. Dass die Vereinnahmung des ehemaligen hermundurischen Kultplatzes durch ein auf christlichen Grundwerten gegründetes Gymnasium bis heute umstritten ist, bezeugt ein Vorfall aus dem Jahr 2010. In der Nacht vom 20. zum 21. März wurde das Kreuz auf dem Götterfelsen von Unbekannten abgesägt. Einen versuchten Metalldiebstahl schloss die Polizei aus, auch ein Fall von Vandalismus erscheint auf Grund der Lage des Platzes unwahrscheinlich. Vielleicht waren es ja Anhänger der germanischen Religion, welche ein Zeichen gegen den christlichen Glauben setzen wollten. Aber das ist nur eine Vermutung meinerseits.


Skeptiker könnten jetzt behaupten, dass die Übernahme heidnischer Kultplätze durch die Kirche zwar eine weitverbreitete These ist, welche sich jedoch nur schwerlich beweisen lässt. Lassen Sie mich daher zum Ende dieses Kapitels noch ein Beispiel bringen, das die Behauptungen von zahlreichen Grenzwissenschaftlern und Heimatforschern stützt. Bei meinen Recherchen stieß ich auf eine geschichtliche Überlieferung aus dem 8. Jahrhundert. Protagonist jener Geschichte ist Bonifatius, der uns wohlbekannte „Apostel der Deutschen“. Um das Jahr 723 versuchte Bonifatius mit recht zweifelhaften Mitteln, dem Volk der Chatten, welche damals Teil des fränkischen Königreiches waren, den Glauben der römischen Papstkirche nahezubringen. Die Chatten, welche in der Gegend des heutigen Hessen lebten, hatten zu jener Zeit bereits das in Europa weitverbreitete arianische Christentum übernommen, verehrten aber zum Teil auch noch ihre alten germanischen Götter. Bonifatius, der bereits das Zentralheiligtum der Chatten, die Donareiche hatte fällen lassen, stieß bei seiner Missionierungstätigkeit in Hessen auch auf einen Kultplatz zu Ehren des Gottes Wodan. Zentrum jener heiligen Stätte war ein gewaltiger Menhir von ehemals über sechs Metern Höhe, bekannt als der „Lange Stein“. Da ihm die technischen Möglichkeiten fehlten, diesen gewaltigen Stein zu zerstören, bediente sich Bonifatius einer anderen Taktik. Er ließ direkt neben dem Menhir eine Kapelle errichten und zwang die Bewohner der Gegend mit Gewalt zum neuen Glauben. Die aller Wahrscheinlichkeit nach hölzerne Kapelle wurde in den folgenden Jahrhunderten durch mehrere steinerne Kirchen ersetzt. Die Bauherren der heutigen Kirche verwendeten einen technischen Kunstkniff, um die vorchristliche Religion noch mehr zu schmähen. Sie ließen die Kirchhofsmauer direkt bis an den „Langen Stein“ verlegen, um den alten heidnischen Kultplatz sichtbar „auszugrenzen“. Die Kirche der heutigen Ortschaft Langenstein ist sozusagen ein steinernes Beispiel dafür, wie die alte germanische Religion von der römischen Kirche ins Abseits gedrängt wurde.



 


 


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