Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Kultur Bücher > Das Gralsrätsel
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Kultur Bücher
Buch Leseprobe Das Gralsrätsel, Oliver Deberling
Oliver Deberling

Das Gralsrätsel


Bundeslade, Heiliger Gral und Tempelritterord

Bewertung:
(282)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
2918
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
Überall im Buchhandel
Drucken Empfehlen

Auftakt


Das Geheimnis des Genter Altars 


 


Ein junger Mann schlich lautlos durch das nächtliche Gent. Er beabsichtigte, noch vor der Morgendämmerung einen Einbruch zu begehen und war deshalb sehr erleichtert darüber, dass ihm niemand begegnete. Die schmalen Gassen der flämischen Stadt wirkten wie ausgestorben und nicht einmal hinter den Wohnungsfenstern des Kathedralenviertels brannte noch Licht. Nur die alte Kathedrale St. Bavo zeigte sich hell erleuchtet, obwohl sie seit Stunden geschlossen war und längst hätte abgedunkelt sein müssen. Beim Näherkommen sah er zwei Gestalten, die eifrig damit beschäftigt waren, eine große Holztafel in einem Chevrolet zu verstauen, das sie in der Kapittelstraat, einer Straße unweit des Gotteshauses, geparkt hatten. Die Männer schienen sich vor irgendetwas zu fürchten, denn sie drehten sich immer wieder um und musterten nervös ihre Umgebung. Als der heimliche Zuschauer sein Misstrauen überwunden hatte, auf die beiden Unbekannten zuging und ihnen seine Hilfe beim Anschieben des defekten Fahrzeugs anbieten wollte, benahmen sie sich plötzlich ziemlich seltsam, gaben ihm hastig ein viel zu großes Trinkgeld und scheuchten ihn unfreundlich fort.  


Erst einige Jahre später, nachdem der nächtliche Beobachter wegen eines Diebstahls selbst ins Visier der Polizei geraten war und ihm die Behörden für sachdienliche Aussagen Strafmilderung und öffentliche Anonymität zugesichert hatten, gab er seine damaligen Erlebnisse zu Protokoll. Der junge Einbrecher war in den frühesten Morgenstunden des 11. April 1934 zum unfreiwilligen Kronzeugen des geheimnisvollsten Kunstraubs der belgischen Kriminalgeschichte geworden und hatte den Diebstahl zweier Bildtafeln des mehrteiligen Altargemäldes der Gebrüder van Eyck aus unmittelbarer Nähe miterlebt. 


Obgleich das dreiste Verbrechen ungeheures Aufsehen erregte und die belgischen Ermittlungsbehörden sogar Scotland Yard um Unterstützung baten, verliefen alle Nachforschungen zunächst völlig ergebnislos. Eine Wende des Falles zeichnete sich erst im Mai 1934 ab. Zu diesem Zeitpunkt erhielt der Genter Bischof einen mit »D.U.A.« unterzeichneten Brief, in dem ein Erpresser eine Million Belgische Franc für die Rückgabe der Altartafeln forderte. Unter der Voraussetzung, dass Bischof Coppieters mit einer Lösegeldzahlung einverstanden sei, sollte zuerst die Bildtafel mit Johannes dem Täufer zurückgegeben werden. Nachdem der Bischof seine Zustimmung durch ein abgesprochenes Zeitungsinserat signalisiert hatte, wurde ihm ein Beleg der Gepäckaufbewahrung des Brüsseler Nordbahnhofes zugesandt, wo das Bildnis mit Johannes dem Täufer tatsächlich aufgespürt werden konnte. Die belgischen Behörden deuteten die Rückgabe des Meisterwerkes jedoch vorschnell als Schwächeeingeständnis der Erpresser und gaben dem Genter Bischof den dringenden Rat, die Zahlung des vereinbarten Lösegeldes zu verweigern. Eine Übergabe der Gerechten Richter, des zweiten gestohlenen Bildes, war damit endgültig unmöglich geworden, wenngleich die Kunsträuber ihre Forderung mit 13 Briefen zu untermauern versucht hatten.  


Der Tod des in Wetteren bei Gent ansässigen Finanzagenten Arsène Goedertier brachte den Kriminalfall wieder ins Rollen und warf ein völlig neues Licht auf das Verbrechen. Der nach einem Herzinfarkt im Sterben liegende Goedertier hatte seinem Rechtsanwalt zu verstehen gegeben, er allein wisse, wohin die verschwundene Bildtafel des Genter Altars gebracht worden sei. Im Hinüberdämmern wies er auf seinen Schreibtisch, wo man neben den Kopien der 13 Erpresserbriefe auch ein Schriftstück entdeckte, in dem Goedertier erklärt, das gesuchte Gemälde sei nicht gestohlen, sondern an einen Ort umgehängt worden, von dem es nur der Bischof selbst ungesehen entfernen könne. 


Während die Beteiligten noch über die Bedeutung der eigenartigen Hinweise rätselten, erhärteten weitere Indizien den Tatverdacht gegen Goedertier. Die Schreibmaschine, mit der die sonderbare Botschaft und die 13 Erpresserbriefe geschrieben worden waren, hatte der Finanzagent unter dem Falschnamen »Arsène van Damme« gemietet, dessen umgedrehtes Kürzel »D.U.A.« er wiederum als Signum für die Lösegeldforderungen verwendete. Er war allerdings so umsichtig gewesen, das »V« nach seiner früheren lateinischen Verwendung mit einem »U« zu ersetzen und damit alle irgendwie denkbaren Verbindungen zu verwischen. 


Anstatt die Polizei über die Sachlage zu informieren, trommelte Goedertiers Rechtsanwalt die vier höchsten Richter Belgiens zusammen, die nun ihrerseits monatelang auf eigene Faust ermittelten und dabei sämtliche Vorschriften und Dienstwege außer Acht ließen. Immerhin war es gelungen, Goedertiers Cousin Achille de Swaef und dessen Schwager Oscar Lievens als Mittäter zu identifizieren. Die Polizei hatte gleichwohl keine Gelegenheit mehr dazu gehabt, die beiden Männer über die Hintergründe des Diebstahls zu befragen, denn de Swaef starb am 29. November 1934, gerade einmal fünf Tage nach dem Ableben Goedertiers, an den Folgen eines angeblichen Schlaganfalls, während ihm sein Schwager Oscar Lievens bereits am 5. März 1935 in den Tod folgte. Lievens, der laut Totenschein einer starken Magenblutung erlegen war, wurde in einer blutverschmierten Wohnung unweit eines ausgehängten Telefons aufgefunden und vermittelte nicht unbedingt den Eindruck, das Opfer einer tragisch verlaufenen Erkrankung geworden zu sein.


Das vorzeitige und reihenweise Ableben der mutmaßlichen Komplizen führte schnell zu weiteren Spekulationen und Verschwörungstheorien: Wurden die Beschuldigten ermordet, weil sie zu viel über die Hintermänner des Diebstahls wussten? Ist die Tat ein Coup gewesen, der von verborgenen Drahtziehern in Auftrag gegeben worden war? Hatten Goedertier und seine Mittäter vorgehabt, ihre Auftraggeber zu hintergehen und waren deshalb ermordet worden? Einen derartigen Verdacht äußerten zumindest die Angehörigen der drei Tatbeteiligten gegenüber der Polizei. In der Absicht, ihren Mann zu entlasten, verstieg sich Goedertiers Witwe am Ende sogar zu der Behauptung, die Verdächtigen hätten bloß auf höhere Anweisung gehandelt.


Die belgischen Behörden machten sich daran, den genauen Hergang des Verbrechens zu rekonstruieren. Es erwies sich, dass die Täter fundierte Kenntnisse über das Altarwerk besaßen. Sie mussten in Erfahrung gebracht haben, dass die wie Klappschultafeln drehbaren Flügelrahmen des Genter Altars nur zwei Bilder enthielten, die lose in den jeweiligen Rahmenhaltungen hingen, denn genau diese zwei Bildtafeln waren gestohlen worden, während man die übrigen Kunstwerke schlichtweg ignoriert und nicht einmal angerührt hatte. Merkwürdigerweise fand man lediglich Ausbruchsspuren und keinerlei Einbruchsspuren. Die Täter hatten sich also unerkannt einschließen lassen, um später mit jenem Bild auszubrechen, das sie in ihrem Chevrolet verstaut hatten und das danach in der Gepäckaufbewahrung des Brüsseler Nordbahnhofes hinterlegt worden war. 


Alles war genauso vonstatten gegangen, wie es der anonym gebliebene Kronzeuge, der junge Einbrecher, bei der Polizei zu Protokoll gegeben hatte. Wo aber hatte man die verschwundene Bildtafel mit den Gerechten Richter[n] versteckt? War das vermisste Gemälde, von dem Arsène Goedertiers behauptete, es sei nicht wirklich gestohlen worden, womöglich noch innerhalb der Kathedrale zu finden? Die Ermittler wollten sich nicht allein auf die Aussagen Arsène Goedertiers verlassen und ließen sein Wohnhaus in Wetteren buchstäblich auf den Kopf stellen und ergebnislos zerlegen. Die Polizei stand vor einem unlösbaren Rätsel. Das wertvolle Meisterwerk blieb trotz aller Suchanstrengungen unauffindbar und musste notwendigerweise durch eine aufwändig hergestellte Kopie ersetzt werden. Seit 1944 ist in der Taufkapelle der Kathedrale St. Bavo eine exakte und originalgetreue Rekonstruktion der Malerei zu sehen, die mit Hilfe alter Fotos und Gemäldekopien angefertigt werden konnte.


Bereits um die Entstehungsgeschichte des Genter Altars ranken sich viele Rätsel und Legenden. So wurde vielfach angezweifelt, dass neben Jan van Eyck auch dessen vermeintlicher Bruder Hubert an dem großartigen Werk mitgearbeitet hat. Eine am unteren Rahmen der Flügelaußenseiten angebrachte Inschrift, die Hubert van Eyck als Jans Bruder ausweist und darüber hinaus behauptet, Jan habe die von seinem Bruder begonnene Arbeit nur vollendet, wurde wahrscheinlich erst im Nachhinein hinzugefügt und ist daher von fragwürdiger Beweiskraft. Ausführliche Stilanalysen belegen allerdings glaubhaft, dass der Genter Altar von zwei Künstlern mit ähnlicher Stilführung geschaffen wurde. Eine Mitarbeit Hubert van Eycks wurde außerdem von Antonio de Beatis, dem durch Flandern reisenden Sekretär des Kardinals von Aragon, schon im Jahre 1517 bezeugt.


Auch hinsichtlich seiner Motive gilt der vom Genter Patrizier Jodocus Vijd in Auftrag gegebene Altar als eines der großen Geheimnisse der Kunst- und Religionsgeschichte. Tatsächlich verbirgt die aufgeklappte Festtagsseite des Flügelaltars viele merkwürdige Symbole, die bislang nicht hinreichend gedeutet werden konnten. Die obere Bildreihe des geöffneten Altars repräsentiert die gesamte Heilsgeschichte von Adam und Eva über Maria und Johannes den Täufer bis zu Christus, der als endzeitlicher Weltenrichter gemäß den Prophezeiungen der Offenbarung des Johannes, des letzten Buches der christlichen Bibel, ein blutrotes Gewand trägt. Die Anbetung des mystischen Lamms, das Hauptbild des geöffneten Altars, widmet sich den Schlussszenen der Offenbarung des Johannes und dem Einzug der Gerechten aus allen Nationen. Im Zentrum der Anbetung des mystischen Lamms erhebt sich in freier Landschaft ein altarartiger Schrein, auf dem ein goldener Kelch steht, in den sich das Blut eines verwundeten Lammes ergießt. Christus, der als geopfertes Lamm auftritt, wird auf dem Bild von vier großen Personengruppen eingerahmt, während zwei im Vordergrund kniende Engel an langen Ketten gehaltene Weihrauchgefäße schwenken. Auffällig ist, dass sich die Gebrüder van Eyck lediglich bei der Darstellung des Lammes nicht an die Schilderungen der Offenbarung gehalten haben. Das Lamm erscheint nicht wie in Offenbarung 4.6 beschrieben im Zusammenhang mit einem göttlichen Thron; es steht auf einem Altarschrein und lässt sein Blut in einen deutlich hervorgehoben Kelch fließen, der im letzten Buch des Neuen Testaments gleichfalls unerwähnt bleibt. Jan und Hubert van Eyck haben den biblischen Rahmen dergestalt verändert, dass sie einen Kelch einfügten, der als Hinweis auf die Eucharistie, das christliche Abendmahl, zu verstehen war und zugleich als Andeutung auf den Heiligen Gral aufgefasst werden konnte, auf jenes Gefäß, das nach spätmittelalterlichen Vorstellungen das Blut Christi aufgefangen hat. 


Viele Symbole des 1432 vollendeten Altarbildes haben einen versteckt antikirchlichen und nahezu häretischen Inhalt. Im Vordergrund des Hauptbildes der Festtagsseite erkennt man einige kirchliche Würdenträger, die sich seltsamerweise vom Lamm und damit von Christus abwenden. In der unteren Bilderreihe zeigt die zweite der links angebrachten Bildtafeln eine Gruppe von Rittern, die eine Inschrift auf der unteren Rahmung als »CHRISTI MILITES« (»Streiter Christi«) ausweist und die mit ihrem roten Kreuz auf weißem Grund und ihrer Tatzenkreuz-Fahne als Anspielung auf den Tempelritterorden gedacht sind. Die Tatsache, dass auf der Altartafel genau neun Reiter zu sehen sind, scheint ebenfalls kein Zufall zu sein, denn der Tempelritterorden soll um das Jahre 1120 von genau neun Männern gegründet worden sein. Als zusätzlicher Hinweis auf den Tempelritterorden kann eine im 16. Jahrhundert angebrachte Inschrift dienen, die den Tag der Vollendung des Altarwerkes mit Vorbedacht auf den 6. Mai 1432, den hundertzwanzigsten Jahrestag der Verkündigung der päpstlichen Bulle (Siegelurkunde) »Considerantes dudum«, verlegt, mit der Papst Clemens V. die Mitglieder des Ordens verurteilt hatte und nur bei »aufrichtiger Reue« eine Absolution in Aussicht stellte. Bereits die Zeitgenossen Jan und Hubert van Eycks mögen sich gefragt haben, was die vorgeblich ketzerischen Ritter Christi auf einem Altarbild zu suchen haben, das angeblich genau 120 Jahre nach der Auflösung ihrer Gemeinschaft vollendet worden sein soll.


Die ungewöhnlichen Andeutungen auf dem Genter Altar beflügelten über Jahrhunderte hinweg die Phantasie von Abenteurern und Schatzsuchern, zu denen auch führende deutsche Nationalsozialisten gehörten. Als Adolf Hitlers Truppen 1940 Belgien eroberten, versuchte eine deutsche Spezialeinheit den Genter Altar handstreichartig zu beschlagnahmen und seine Bildtafeln nach Deutschland abzutransportieren. Sie kam allerdings zu spät, denn das Meisterwerk war bereits auf dem Weg nach Südfrankreich, wo es bald von deutschen Soldaten entdeckt wurde. Der beschlagnahmte Genter Altar wurde zunächst im Schloss Neuschwanstein zwischengelagert, später ins Salzbergwerk Altaussee gebracht und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges den ursprünglichen Besitzern zurückerstattet. 


Der naheliegende Verdacht, dass die Nationalsozialisten schon vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges darum bemüht waren, die Bilder des Genter Altars in ihren Besitz zu bringen, dass sie Arsène Goedertier bereits 1934 mit dem Diebstahl der beiden Bildtafeln beauftragten und ihn alsbald ermorden ließen, weil er und seine Freunde anstatt die Kunstwerke auszuhändigen, den Genter Bischof zu erpressen versucht hatten, lässt sich trotz der geschilderten Zusammenhänge und mysteriösen Ereignisse weder schlüssig beweisen noch glaubwürdig widerlegen. Belegen lässt sich hingegen, dass das merkwürdige Interesse für den Genter Altar offensichtlich in Verbindung mit einer alten Legende stand, nach der das Altarbild den Schlüssel zum Verbleib des Heiligen Grals enthält. Schon in den 1930er Jahren begann sich das Forschungsamt »Ahnenerbe« mit dem Kunstwerk zu beschäftigen. Die 1935 offiziell gegründete Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe hatte es sich ursprünglich zur Aufgabe gemacht, wissenschaftliche Belege für die Überlegenheit der arischen Rasse zu finden. In späteren Jahren rückten dann okkulte Themen ins Zentrum der Aktivitäten. Unter der Leitung des Reichsgeschäftsführers Wofram Sievers beschäftigten sich verschiedene Forschungsabteilungen mit so ungewöhnlichen Dingen wie dem Atlantis-Mythos und dem Verbleib des Heiligen Grals. Gerade im Zusammenhang mit dem Heiligen Gral begannen sich die Wissenschaftler des Ahnenerbe intensiver mit dem Genter Altar zu beschäftigen. Bald expandierte die Forschungsgemeinschaft ganz erheblich. Sie verfügte über große Bibliotheken, mehrere Archive und sogar eigene Fotolabore. Man begann systematisch mittelalterliche Dokumente und Handschriften nach Belegen für den Verbleib des Grals zu durchforschen und sicherte sich die Mitarbeit des bekannten Experten Otto Rahn, der auf Befehl Himmlers zum SS-Obersturmbannführer befördert worden war. Rahn hatte zwei bekannte Bücher über die Hintergründe der Gralslegende verfasst und vertrat vehement die Auffassung, dass die Katharer, eine christliche Sekte, die im 13. Jahrhundert von der römischen Kirche in Südfrankreich blutig verfolgt wurde, die wahren Hüter des Grals gewesen seien. Rahn unternahm ausgedehnte Reisen durch Südfrankreich und sammelte Indizien, die seine These zu unterstützen schienen. Akribisch beschrieb er die Stationen seiner Streifzüge und zeichnete alles auf, was ihm die Einheimischen über die Katharer und den Gral berichtetet hatten. Rahn blieb jedoch nicht die Zeit, sein großes Lebenswerk, ein umfassendes Buch über die Geschichte des Grals, zu vollenden. In der Nacht des 14. März 1939 starb er unter mysteriösen Umständen in der Nähe des Gehöftes Rechau bei Kufstein. Weil seine sterblichen Überreste erst am 11. Mai 1939 gefunden wurden, war die genaue Todesursache nicht mehr zu ermitteln. Die Behörden gingen schließlich von einem Selbstmord aus, der aber nie zweifelsfrei bewiesen werden konnte. Da Rahns Mutter einen Großteil der Aufzeichnungen ihres Sohnes vernichtete, lassen sich nur Vermutungen darüber anstellen, was er über die Hintergründe der Gralslegende herausgefunden hatte. Ob sich Rahn bei seinen Nachforschungen überhaupt mit dem Mysterium des Genter Altars beschäftigte, bleibt dabei mehr als fraglich. 


Der Verdacht, dass der Gralsforscher mehr wusste, als er seinen Büchern anvertraute, ist nicht unbegründet. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges durchstreiften archäologische Erkundungstrupps der SS systematisch große Teile Südwestfrankreichs. Eine vergebliche Suchaktion der SS im Gebiet der »Gorges de la frau« (»Schlucht des Schreckens«) erregte 1943 bei der Bevölkerung einiges Aufsehen und selbst noch im Jahre 1944, kurz vor der Landung der Alliierten, ließ Himmler eine Sondereinheit im Languedoc ausgedehnte Grabungen durchführen. Es ist möglich, dass die Suchaktionen mit Rahns Gralsstudien im Zusammenhang standen. Viele Unterlagen des »Ahnenerbe« wurden kurz vor Kriegsende vernichtet, wichtige Protagonisten verweigerten jede Aussage oder waren ganz einfach geflohen. Wolfram Sievers, der selbstherrliche Geschäftsführer des »Ahnenerbe«, trug nur wenig zur weiteren Aufklärung der Ungereimtheiten bei und vermied es tunlichst, genauere Angaben hinsichtlich der Aktivitäten seiner Organisation zu machen. Wegen seiner Beteiligung an Menschenversuchen in den Konzentrationslagern Dachau und Natzweiler wurde er am 2. Juni 1948 in Landsberg am Lech hingerichtet. 


Die Nationalsozialisten konnten das Mysterium um den Genter Altar trotz aller Anstrengungen nicht lösen, weil sie — wie alle übrigen Forscher — einen faszinierenden Hinweis übersehen haben, der in die Felslandschaft der Corbières führt, die in Südwestfrankreich ein Vorgebirge der Pyrenäen bilden. Hier, knapp 40 Kilometer südlich von Carcassonne, unweit des Weilers Les Pontils im Departement Aude, begegnet man einer auffälligen Felsformation, die in Wahrheit den Schlüssel zum jahrhundertealten Rätsel um den Genter Altar bereithält. 


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2020 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 4 secs