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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Yorkshire Infant Ripper, Dania Dicken
Dania Dicken

Yorkshire Infant Ripper


Profiler-Reihe 4

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Die Sonne schien ihr ins Gesicht, als sie die Praxis verließ und zu ihrem Auto schlenderte.


Beim bloßen Gedanken an die bevorstehende Operation fühlte Andrea sich befreit. Aber sie hatte auch jeden Grund, sich auf den Eingriff zu freuen.


Gut gelaunt setzte sie sich in den Wagen und schaltete das Radio ein. Bon Jovi, Have a nice day. Wenn das nicht paßte!


Pfeifend und in aller Ruhe fuhr sie zurück zur Arbeit. Auf der Ringstraße war um diese Zeit am Vormittag nicht allzu viel Verkehr, deshalb kam sie gut voran. Über den Dächern der Häuser konnte Andrea den weißen Turm von Norwich Cathedral ausmachen. Als sie an einer Ampel stand, beobachtete sie für einen kurzen Moment die Menschen auf dem Parkplatz eines co-op-Supermarktes, die ihre Einkäufe im Kofferraum verstauten. Das wirkte so herrlich normal. Unaufgeregt.


Über solche Dinge konnte man sich freuen, wenn man wie sie als Kriminalpsychologin und Profilerin arbeitete. Normalität war das, was sie erdete.


Die Ampel schaltete auf Grün. Der Radiomoderator machte Späße mit dem Nachrichtensprecher und brachte Andrea damit zum Lachen. Sie liebte den britischen Humor.


Die Nachrichten begannen. Erst hörte sie nur mit halbem Ohr zu, doch bei dem Wort Kinderleiche wurde sie hellhörig.


„Wie die Polizei in York bekanntgab, wurde gestern Abend der Leichnam der vor vier Tagen verschwundenen Abigail Mercer gefunden. Der Säugling war nur etwa einen Tag nach seiner Geburt von der Säuglingsstation eines städtischen Krankenhauses verschwunden. Noch hat die Polizei keine heiße Spur, die zum Mörder des Neugeborenen führen könnte. Ein Polizeisprecher gab jedoch bekannt, daß eine Sonderkommission gebildet wurde, um den Täter zu ermitteln. Man erhofft sich Erkenntnisse aus den Verletzungen, die am Körper des Babys gefunden wurden. Der Fall weckt Erinnerungen an die Ermordung des vierzehn Monate alten Billy Harder, der im Februar letzten Jahres in York entführt und Tage später ermordet und verstümmelt aufgefunden wurde. Daß ein Zusammenhang zwischen beiden Fällen besteht, wollte die Polizei nicht bestätigen.“


Andrea ertappte sich dabei, wie sie das Radio für einen kurzen Moment ungläubig anstarrte. Ganz in Gedanken lenkte sie den Blick wieder auf die Straße und fuhr das letzte Stück bis zur Polizeistation.


Sie erinnerte sich an den Fall des ermordeten Jungen. Ihr Kollege Joshua, Leiter des Londoner Fallanalytikerteams, war um seine Expertise gebeten worden und hatte für die Beamten in York ein Profil erarbeitet. Einzelheiten des Falles kannte Andrea nicht, aber sie erinnerte sich, daß sie der Gedanke an ein verstümmeltes Kleinkind entsetzt hatte. Und jetzt war wieder ein Neugeborenes aus dem Krankenhaus verschwunden und ermordet worden. Andrea wagte kaum, sich die Verzweiflung der Eltern vorzustellen. Schließlich war sie selbst Mutter. Aber ihre Tochter Julie war gerade im Kindergarten, gesund und munter.


Gedankenversunken parkte Andrea vor der Polizeistation im Stadtzentrum von Norwich und betrat das Gebäude. Irgendwo klingelte ein Telefon, einer der Kollegen lachte. Es war nicht mehr lang bis zur Mittagspause und klang nach einem ganz normalen Arbeitstag. Sie folgte dem Flur, bis sie das Büro der Detective Sergeants Christopher McKenzie und Martin Collins erreichte, und steckte kurz den Kopf hinein.


„Bin wieder da“, sagte sie.


Christopher blickte von einer Akte auf und lächelte schelmisch, was typisch für ihn war und in der Hauptsache an seinen strubbeligen Haaren lag. Er war allein, Martin saß nicht an seinem Platz.


„Und, was sagt der Doc?“ fragte er.


„Wir machen den Eingriff wie geplant in zwei Wochen. Danach wird es wohl wieder ein Weilchen weh tun, dafür ist die Fläche einfach zu groß. Er kann mir auch nicht versprechen, daß die Narben komplett verschwinden.“


„Ach, dann sonnst du dich einfach zwei Sommer lang ausgiebig und schon ist alles weg!“ sagte Christopher augenzwinkernd.


„Na ja, ich meine, du hast es ja gesehen“, erwiderte Andrea, die nicht ganz überzeugt von seinem Vorschlag war.


„Hm“, machte er. „War nicht sehr schön. Aber hey, ich habe auch noch die Narben vom Rapist! Die sind gar nicht übel.“


„Das sind auch keine Buchstaben“, entgegnete sie.


„Wohl wahr. Na ja, wird Zeit, daß die von deinem Bauch verschwinden.“


Andrea nickte und gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, daß sie in ihr Büro gehen würde. Er steckte den Kopf wortlos zurück in die Akte.


Es war jetzt ein knappes halbes Jahr her, daß Amy Harrow ihr mit einem schmutzigen Butterflymesser den Namen Jon in den Bauch geritzt hatte - in Großbuchstaben, quer von links nach rechts. Anfangs war das sehr schmerzhaft gewesen und nur langsam verheilt. Manche Stellen hatten sich entzündet. Erst jetzt war alles abgeheilt und sie konnte darüber nachdenken, die Narben weglasern zu lassen. Niemand verlangte von Andrea, daß sie für den Rest ihres Lebens den Spitznamen des Mannes auf ihrem Bauch trug, der beinahe ihr Leben zerstört hätte. Jonathan Harold, der Campus Rapist von Norwich und sechsfacher Mörder, der auch sie entführt und achtzehn Stunden in seinen Keller gesperrt hatte. Zwar war sie nicht verletzt worden, aber was sie dort gesehen und erlebt hatte, hatte sich eingebrannt. Da hatte es auch nicht viel geholfen, daß ihr Mann Gregory ihn erschossen hatte.


Nur hatte er damit Amy Christine Harrow gegen sich aufgebracht, die Jonathan Harold verehrt und sich zum Vorbild genommen hatte. Eine Frau, die als Kind mißbraucht worden war und, um ihrer Opferrolle zu entkommen, den Sexualsadisten Jonathan Harold nachgeahmt hatte und selbst zur Mörderin geworden war. Zum Ziel hatte sie sich gesetzt, an Andrea das zu vollenden, was Jonathan Harold nicht mehr geschafft hatte. Sie hatte Andrea vor Gregorys Augen foltern und töten und anschließend ihn erschießen wollen, doch glücklicherweise war es dazu nicht gekommen. Christopher hatte sie gefunden und Amy überwältigt, bevor es zum Schlimmsten gekommen war. Nur hatte sie es bis dahin schon geschafft, Andrea den Namen Jon in den Bauch zu schneiden.


Diese Narben sollten jetzt entfernt werden. Andrea konnte es kaum erwarten. Endlich würde sie sich nicht mehr heimlich am Spiegel vorbeistehlen oder darauf bestehen müssen, immer ein Unterhemd zu tragen, egal zu welcher Gelegenheit. Gregory behauptete zwar standhaft, es würde ihm nichts ausmachen, aber das konnte er kaum beurteilen. Schließlich hatte er es nicht mehr gesehen, seit es passiert war, und Andrea konnte sich nicht vorstellen, daß er in Stimmung kam, wenn er das sah.


Diese Narben machten ihr etwas aus. Mit seinem steifen Finger kam Greg besser zurecht. Durch Gordons Hilfe kam er mit allem zurecht. Er hatte sich nie beschwert, obwohl er beinahe an einer Blutvergiftung gestorben wäre. Drei Tage lang hatte Amy ihm das Leben zur Hölle gemacht, ihn hungern lassen, ihn geschlagen, versucht ihm den Finger abzuschneiden. Darüber hörte Andrea kein Wort.


Überhaupt hörte sie nicht sonderlich viel von ihm. Schweigsam war er immer schon gewesen.


Daß er für einige Wochen ausgefallen war, hatte seinen Chef nicht gestört. Vor kurzem war sein Gehalt erhöht worden und als Innenarchitekt verdiente Gregory ohnehin nicht schlecht. Er liebte seinen Job genauso sehr wie Andrea ihren.


Sie schaltete ihren Computer wieder ein und überlegte, wie sie sich vor dem langweiligen Bericht drücken konnte, der sie erwartete. Papierkram war der unangenehme Aspekt ihres Jobs. Aber leider mußte sie immer wieder Gutachten verfassen und es kam auch in regelmäßigen Abständen vor, daß sie diese vor Gericht erörtern mußte.


Das Telefon klingelte. Sie war nur halb bei der Sache, als sie das Gespräch entgegennahm, denn auf dem Bildschirm ihres Computers erschien eine merkwürdige Fehlermeldung.


„Ich bin es, Jack“, vernahm sie die Stimme ihres Schwagers am anderen Ende. Im Hintergrund waren Stimmen zu hören. Die Umgebungsgeräusche waren sehr stark.


„Hey, was gibt es?“ fragte Andrea. Daß er mitten am Tag anrief, war ungewöhnlich.


„Ich bin im Krankenhaus, mit Rachel. Wir dachten, vielleicht könntest du... daß du vorbeikommen kannst. Ich weiß, du bist arbeiten, aber ich wollte mal fragen.“


Irritiert runzelte Andrea die Stirn. Es waren noch fünf Wochen bis zu Rachels Geburtstermin, deshalb beschlich sie ein ungutes Gefühl.


„Was ist denn los? Ist alles in Ordnung?“


Jack schniefte. „Das Baby ist tot, Andrea.“


Beinahe hätte sie das Telefon vor Schreck fallengelassen. Tot. Das Wort hallte unbarmherzig in ihrem Kopf wider. „Oh Gott ...“


„Ich kann das nicht“, riß Jack sie aus ihrer Starre. „Rachel ist völlig neben der Spur und ich ehrlich gesagt auch ... kannst du uns helfen? Bitte.“


Andrea antwortete nicht gleich, der Schock hatte ihr die Sprache verschlagen. Dann atmete sie tief durch. „Okay. Bin gleich da.“


Sie legte auf, schaltete den Computer über den Anschaltknopf wieder aus und lief hinüber zu Christopher. Neugierig schaute er auf.


„Ich würde nicht darum bitten, wenn es nicht sein müßte“, begann sie, „aber ich muß ins Krankenhaus. Jack hat angerufen. Das Baby ist tot.“


Konsterniert erwiderte Christopher ihren Blick. „Ach du meine Güte. Es war doch schon fast soweit!“


Sie nickte langsam, hielt den Kopf gesenkt. „Ist das okay für dich?“


„Natürlich. Die beiden brauchen dich dringender als ich hier!“


Dafür war Andrea ihm dankbar. Offiziell war er ihr Vorgesetzter, deshalb konnte sie das mit ihm besprechen. Sie wußte seine Freundschaft zu schätzen.


Mit hastigen Schritten machte sie sich auf den Weg nach draußen. Gleichzeitig kramte sie ihr Handy heraus, denn sie mußte Gregory anrufen. Zum Glück war er gleich am Apparat.


„Hat Jack schon mit dir gesprochen?“ fragte sie unmittelbar.


„Nein, warum? Was ist los?“


„Das Baby ist tot.“


Er holte tief Luft. „Das kann nicht sein ...“


„Ich fahre hin. Er hat mich darum gebeten. Kannst du später Julie abholen?“


„Ja. Na klar. Soll ich auch kommen?“


„Laß mal“, sagte Andrea. „Bestimmt muß ich auch als Psychologin hin, nicht nur als Freundin.“


„Wahrscheinlich. Du kannst ihnen sicher helfen.“


Andrea hatte ihre Zweifel, aber das sagte sie nicht laut. Mit zitternden Fingern schloß sie ihr Auto auf und setzte sich auf den Fahrersitz. „Ich muß los. Bis später.“


„Okay. Mach‘s gut.“ Mehr fiel ihm auch nicht dazu ein. Andrea legte auf und fuhr los.


Ihr Kopf war leer. Sie spürte nichts außer einem dumpfen Gefühl, mehr Verwirrung als Schock. In fünf Wochen hätte Rachel eigentlich ein gesundes kleines Mädchen zur Welt bringen sollen. Drei Wochen nach der Hochzeit. Sie hatten sich so gefreut. Jack war zuletzt kaum noch zu halten gewesen, obwohl die Schwangerschaft ihn anfänglich entsetzt hatte.


Und jetzt war das Baby tot.


Rachel war erst wenige Tage zuvor beim Arzt zu einer Untersuchung gewesen. Alles bestens, hatte sie gesagt. Andrea hatte ihr längst Julies alte Sachen gebracht. Jack und Rachel hatten ein Zimmer für ihre Tochter hergerichtet, sich über die Namensgebung gestritten, immer wieder die Ultraschallaufnahmen angeschaut. Mit der bereits erfahrenen Andrea hatte Rachel sich über alle Belange der Schwangerschaft ausgetauscht.


Alle hatten sich gefreut. Andreas Schwiegermutter hatte ihr Glück kaum fassen können, daß auch ihr zweiter Sohn sie endlich zur Großmutter machte. Er hatte sich sogar dazu überreden lassen, endlich zu heiraten. Alles war perfekt gewesen.


Andrea fuhr mit einem dicken Kloß im Hals. Zehn Minuten später war sie am Krankenhaus und überquerte den Parkplatz mit schweren Schritten. Zu ihrer Überraschung entdeckte sie am Haupteingang Jack, der sich mit einer Zigarette in den zitternden Fingern neben dem Mülleimer herumdrückte und sie gehetzt ansah. Hastig drückte er die Zigarette aus und kam zu ihr. Seine Umarmung fiel unerwartet fest aus. Andrea erschrak, als Jack sie danach ansah, denn so bedrückt hatte sie ihn noch nie gesehen.


„Sie sagte gestern Abend schon, daß die Kleine sich nicht bewegt. Weißt du, der Arzt meinte letztens, das könne schon mal vorkommen“, platzte er mit gepreßter Stimme heraus.


„Ich weiß“, erwiderte Andrea.


„Aber heute Morgen war da immer noch nichts. Ich bin mit ihr zum Arzt gefahren, weil sie keine Ruhe gab. Und dann kamen beim CTG keine Herztöne ...“


Wortlos umarmte Andrea ihn erneut. Er war am ganzen Körper angespannt, in seinen Augen standen Tränen.


„Wahrscheinlich eine akute Plazentainsuffizienz, haben sie gesagt. Rachel gibt sich die Schuld.“ Jack holte tief Luft.


„Das ist Unsinn!“ widersprach Andrea sofort.


„Haben sie auch gesagt ... aber sie meinte, sie hätte es merken müssen. Früher kommen müssen. Aber als die Kleine sich nicht mehr bewegt hat, war es doch schon zu spät!“


„Komm“, sagte Andrea. „Laß uns zu Rachel gehen. Sie ist doch ganz allein.“


„Ich war bis vorhin oben bei ihr. Hab nicht lang hier gestanden. Aber ich mußte mal raus.“


Andrea verzog die Lippen zu einem gequälten Lächeln und folgte Jack ins Gebäude. Die Geburtsstation des Krankenhauses von Norwich kannte sie nicht, weil Julie in London geboren war.


„Hast du irgendwem Bescheid gesagt?“ fragte Jack, ohne sich umzudrehen.


„Christopher mußte es wissen - und ich habe Greg angerufen. Wegen Julie.“


„Okay. Er kommt aber nicht, oder?“


„Nein.“


„Ich muß Mum noch anrufen. Ich wünschte, das hätte ich schon hinter mir.“


Andrea erwiderte nichts. Ihr fiel nichts ein. Augenblicke später öffnete Jack die Tür zum Kreißsaal, denn auch tote Kinder mußten meist normal entbunden werden. Beim Gedanken daran schnürte sich ihr die Kehle zu.


Auf einer Liege hatte Rachel sich seitlich zusammengerollt und starrte mit leerem Blick ins Nichts. Neben ihr saß eine Hebamme, die Jack und Andrea zunickte.


Rachel hatte furchtbar gerötete Augen, sah verweint aus. Ihr hübsches Gesicht zeugte von ihrem Schmerz. Andrea schluckte.


Jack kniete sich vor Rachel, strich ihr übers Haar und drückte ihre Hand. Stumm begann sie erneut zu weinen. Die Hände zu Fäusten geballt, blickte Andrea auf Rachels großen runden Bauch. Sie war nicht fähig, sich vorzustellen, daß das Kind darin tot sein sollte. Alles sah so normal aus. Gesund.


Schließlich schaute Rachel auf und lächelte flüchtig in Andreas Richtung. „Danke, daß du gekommen bist.“


„Ist doch klar.“ Andrea kniete sich neben Jack. „Wenn ich dir helfen kann, dann tue ich das.“


„Ja ... ich habe Angst, verstehst du? Die hatte ich sowieso. Aber jetzt ... Du hattest doch selbst schon eine Geburt, ich meine …“ sagte Rachel mit brüchiger Stimme. 


„Ist alles gut. Ich bin die ganze Zeit bei dir, wenn du willst“, versprach Andrea.


Rachel nickte stumm und schluchzte, was es Andrea erschwerte, die aufsteigenden Tränen zurückzuhalten. Sie half Rachel nicht, wenn sie auch noch in Tränen ausbrach.


„Soll ich dann den Arzt holen?“ fragte die Hebamme. Rachel reagierte nicht.


„Bist du einverstanden?“ fragte Jack sie. Erst darauf nickte sie geistesabwesend.


Andreas Gefühl von Beklemmung wuchs, als die Hebamme Augenblicke später mit einem Arzt zurückkehrte. Er legte Rachel einen Tropf, um ihr wehenfördernde Mittel zu verabreichen, und sprach noch einmal alles mit ihr durch. In Teilen erinnerte es Andrea sehr an Julies Geburt.


Sie sprachen nicht viel, während sie darauf warteten, daß die Geburt voranschritt. Jack saß neben Rachel und hielt ihre Hand, Andrea tat auf der anderen Seite dasselbe.


Im Moment gab es nichts zu reden. Das würde noch kommen. Andrea wußte genau, was diese Schwangerschaft Rachel bedeutet hatte. Sie hatte für ein Kind sogar ihre Beziehung zu Jack aufs Spiel gesetzt.


Aber das Leben war noch nie gerecht gewesen.


Arzt und Hebamme waren fast die ganze Zeit dabei und überwachten den Fortschritt der Geburt. Rachel sah nicht so aus, als wäre sie willens und in der Lage, das durchzustehen, was Andrea ihr gut nachfühlen konnte. Sie fragte sich, ob sich das tote Kind nicht wie ein Fremdkörper für Rachel anfühlen mußte.


Die Hebamme redete Rachel gut zu und versuchte, sie zum Mitmachen zu bewegen. Auch als die Wehen stärker wurden, lag Rachel nur apathisch da und machte den Eindruck, als wäre sie am liebsten gestorben.


Weil sie auf die Hebamme nicht reagierte, schaltete Andrea sich ein.


„Fühlt es sich unangenehm an?“ fragte sie.


Verwirrt schüttelte Rachel den Kopf. „Nein. Es ist nicht komisch. Es ist doch mein Kind.“


Das beruhigte Andrea. Rachel erlebte es also nicht so traumatisch, wie sie befürchtet hatte. „Ich weiß, das ist unglaublich schwer. Es war ja noch nicht soweit ... das hätte anders laufen sollen.“ Besorgt musterte sie Rachel, die jedoch nickte. „Du kannst es doch noch mal versuchen, hörst du?“


„Aber ich wollte dieses Kind!“ rief Rachel. Plötzlich begehrte sie auf und funkelte Andrea wütend an. Das erleichterte Andrea, denn auf einen solchen Ausbruch hatte sie gewartet. Nun mußte sie Rachel aus ihrer Lethargie reißen.


„Warum ist sie denn tot?“ Rachel schluchzte. „Was habe ich denn falsch gemacht? Ich habe nie getrunken, Jack hat nie in meiner Nähe geraucht, ich habe gesund gegessen ...“


„Das ist keine Frage von Schuld, Rachel. Du hast nichts falsch gemacht.“


„Aber warum ist sie dann tot?“


Seufzend drückte Andrea ihre Hand. „Ich weiß es nicht. Ehrlich. Das kann passieren. Jeder Frau kann das passieren.“


„Dir nicht!“


„Unsinn. Ich hatte Glück, bei Julie gab es keine Komplikationen. Und beim nächsten Mal wird es bei dir auch keine geben.“


„Ihr Kinderzimmer war schon fertig!“ rief Rachel unter Tränen.


„Ich weiß. Wir haben uns alle so auf die Kleine gefreut. Aber mach dir keine Sorgen, wir sind alle für dich da, das weißt du doch. Nur jetzt mußt du stark sein. Die Kleine ist tot. Laß los.“


„Ich kann nicht ...“


„Doch, du kannst“, beharrte Andrea. „Wir sind die ganze Zeit bei dir und helfen dir, aber zur Welt bringen mußt du sie. Verstehst du? Das ist wichtig. Komm schon. Danach wird es besser.“


„Wird es nicht“, sagte Rachel trotzig.


„Doch, natürlich. Du wirst sehen, die Schmerzen sind umso schneller vorbei, je besser du mithilfst.“


Endlich verstand sie und nickte. Die Hebamme zeigte ihr die richtige Atmung und zu Andreas Erleichterung tat Rachel einfach, was ihr gesagt wurde. Sie reagierte völlig mechanisch, aber sie tat es. Kurz darauf setzten die Preßwehen ein, so daß sie zum ersten Mal laut vor Schmerzen schrie. Während der Arzt und die Hebamme noch über eine Narkose beratschlagten, stürzte Jack plötzlich fluchtartig aus dem Raum, jedoch nicht ohne Rachel noch einmal voller Sorge angesehen zu haben. 


„Jack!“ rief sie und streckte die Hand nach ihm aus. „Jack ...“


„Ich sehe nach ihm“, sagte Andrea, stand jedoch erst auf, als Rachel nickte.


Draußen auf dem Flur stand Jack, am ganzen Leib zitternd, und blickte aus dem Fenster. Langsam trat Andrea neben ihn und legte ihre Hand auf seine Schulter.


Hilflos sah er sie an. „Bleibst du bei ihr?“


„Ja, natürlich, Jack. Aber was ist mit dir?“


„Ich kann das nicht mehr. Eigentlich wollte ich schon die ganze Zeit raus. Ich ertrage es nicht, sie so zu sehen. So habe ich sie auch noch nie gesehen! So traurig, so furchtbar gleichgültig ...“


„Mir war vorhin auch nach Weinen zumute“, gab Andrea zu.


„Das ist es bei mir die ganze Zeit. Ich weiß, was ihr das Kind bedeutet hat. Sie war so glücklich! Und jetzt - sieh sie dir doch mal an! Ich kann das nicht mehr. Ich würde ihr so gern helfen und die Kleine wieder lebendig machen, ihr die Schmerzen nehmen ... aber ich sitze nur da und sehe sie leiden. Wenn ich da noch länger drin bleibe, können die mich gleich auch noch vom Boden aufkratzen.“ Er ließ die Schultern hängen und wandte sich halb von ihr ab. „Ich kann das nicht mehr und ich habe ihr nichts gesagt, weil ich mich dafür schäme. So, jetzt ist es raus.“


„Du mußt dich nicht schämen, Jack. Keiner erwartet von dir, daß du den Fels in der Brandung spielst. Es war auch dein Kind“, versuchte Andrea, ihm Trost zu spenden.


„Ich erwarte das von mir, verstehst du? Ich müßte jetzt für sie da sein, aber ich fühle mich selbst so schwach. Sie soll nicht sehen, wie ich da drin zusammenbreche.“


Andrea nickte verstehend. „Okay, dann gehe ich allein wieder zu ihr. Ruf doch Greg an, wenn du willst. Er kommt bestimmt vorbei.“


„Hm. Vielleicht“, sagte Jack zögerlich. „Sagst du ihr, daß es mir leid tut? Ich liebe sie.“


Bevor Andrea die Tür öffnete und wieder hineinging, lächelte sie und nickte.


Rachel musterte sie mit großen Augen, als sie zu ihr zurückkehrte. „Wo ist Jack?“


„Er bleibt draußen vor der Tür. Er ist nicht weit weg.“


„Aber warum bleibt er nicht bei mir?“


„Ihm gehen die Nerven durch. Er glaubt, er klappt noch zusammen, wenn er hierbleibt. Das will er nicht. Sei ihm nicht böse; du weißt, daß er dich liebt“, erklärte Andrea ruhig.



Rachel erwiderte nichts, sondern stöhnte nur vor Schmerz und preßte. Der Druck ihrer Hand auf Andreas wuchs. Dann schrie sie ihre Qualen hinaus.


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