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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Wolfszorn, Küster, Rainer & Schneider, Rüdiger
Küster, Rainer & Schneider, Rüdiger

Wolfszorn


Kriminalroman aus dem Ruhrgebiet

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Universitätsverlag Brockmeyer
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1. Kapitel Manchmal ist es nur ein kleiner, unbedachter Schritt, der ein Leben umkrempelt, ein spontaner, scheinbar unwichtiger Entschluss, eigentlich nur ein Impuls, der gewaltige Folgen haben kann. Später, falls irgendjemand die Chance bekommt, die Zusammenhänge in eine logische Reihenfolge zu bringen, wundert man sich über die lächerlichen Proportionen von Ursache und Wirkung. Und nur selten gelingt es, genau zu benennen, was zu dem entscheidenden Schritt geführt hat. Man schiebt den Gang der Dinge dem Zufall zu, ohne dass dies besonders beruhigend wäre. Ein paar Sekunden früher oder später – und das Leben wäre weiter in den eingefahrenen Gleisen verlaufen, so, wie es einmal war. Manchmal jedoch sind die Pflöcke schon eingeschlagen, längst bevor man irgendwelche wohl überlegten oder auch spontanen Entschlüsse treffen kann. Zwar glaubt man, man hätte sein Leben selbst in der Hand. Doch man täuscht sich, denn man ist in einem Netz gefangen, das andere sorgsam geknüpft haben und das keine Spielräume mehr zulässt. Man meint, für sein Handeln verantwortlich zu sein, und ahnt nicht, dass sich das Netz, in dessen Maschen man zappelt, von fremder Hand bewegt, unmerklich zuzieht. Als Christoph Auffermann seinen Audi unterhalb der Jahrhunderthalle abstellte, hatte er noch eine Stunde und drei Minuten zu leben. Man hätte ihn auch hier töten können, denn er war ganz allein. Aber man hatte anderes mit ihm vor. Der leichte Nieselregen würde ihn nicht daran hindern, aufs Rad zu steigen. Doch für einen kurzen Augenblick blieb er im Auto sitzen, betrachtete die ablaufenden Regenstreifen an der Windschutzscheibe und telefonierte mit Ulrike. Er sagte ihr, wo er war, wozu er sich vor ein paar Minuten entschlossen hatte und wie lange es dauern würde. Sie drängte ihn auch heute, an ihrem gemeinsamen Hochzeitstag, nicht, sofort nach Hause zu kommen. Sollte er doch seine kleine Auszeit haben und genießen. Zwar erwarteten sie am Abend ein paar Gäste, Freunde des Hauses. Aber die Hausfrau stand nicht unter Druck, ein Büfett würde um halb acht angeliefert werden, und die restlichen Speisen waren vorbereitet. Getränke standen seit dem Vormittag im Kühlschrank oder auf der Terrasse. Keine Eile also. „Zieh den Anorak an, er liegt im Kofferraum! Und vergiss den Helm und die Handschuhe nicht!“ hörte er sie noch sagen, bevor er das Handy ausstellte. Trübes, nasskaltes Novemberwetter empfing ihn, als er ausstieg und sein Mountainbike vom Fahrradträger abschnallte. Nur wenige Autos standen hier herum. Auf dem Parkplatz an der Gahlenschen Straße war es meistens leer, wenn in der Jahrhunderthalle nicht gespielt oder repräsentiert wurde. Gehorsam zog Auffermann sich seinen Anorak über den Pullover, setzte den Helm auf, so dass sein dunkles Haar fast vollständig darunter verschwand. Die Handschuhe griff er, überlegte und warf sie dann wieder in den Kofferraum. Mit der Fernbedienung prüfte er noch einmal, ob das Auto richtig verschlossen war. Er radelte langsam die Zufahrt hinauf und an die gläserne Fassade der Jahrhunderthalle heran, warf einen Blick auf das große Plakat der Ruhr-Triennale. Er konnte nicht sehen, ob es noch aus der abgelaufenen Saison stammte oder die neue schon ankündigte. Mit der linken Hand zurrte er seinen Helm noch einmal zurecht und machte sich auf den Weg. Die Halle ließ er links liegen und überquerte nach kurzer Zeit auf der hoch gelegenen Hängebrücke, der Erzbahnschwinge, noch einmal die Gahlensche Straße. Jetzt war er auf der alten Trasse, die vor ein paar Jahren für Fußgänger und Fahrradfahrer aufbereitet worden war. Die Erzbahn, die hier verkehrte, hatte einst die Stahlfabrik des Bochumer Vereins mit dem Rhein-Herne-Kanal verbunden. Heute war die Strecke ein Eldorado für Radfahrer, die ein paar Stunden lang ihrer Sehnsucht nach Urlaubsgefühlen frönen konnten, wenn ihr Blick über die Dächer von Hordel hinweg ging oder wenn Ückendorf passiert wurde. Auffermann gehörte nicht zur Spezies der Schönwetterfahrer. Er achtete darauf, dass sein wöchentlicher Dienstplan zwei Touren möglich machte. Nicht selten entschied er sich für die Strecke von der Jahrhunderthalle bis zur Zeche Zollverein in Essen, mit der die Erzbahntrasse verbunden war. Das waren hin und zurück etwas mehr als dreißig Kilometer, ein Pensum, das für seinen trainierten Körper in einer guten Stunde zu schaffen war. Gestern hatte er eigentlich schon fahren wollen, war aber nach stundenlangen Operationen zu müde gewesen. Heute, zu Beginn des freien Wochenendes, hatte er sich entschlossen, die geliebte Strecke abzufahren. Hinzu kam, dass er an seinem Hochzeitstag gar nicht so ungern für ein Stündchen allein war. Er war zwar nicht der Typ, der dazu neigte, bei entscheidenden Eckdaten eines Jahres regelmäßig Bilanz zu ziehen. Aber man konnte beim Fahrradfahren darüber nachsinnen, wie die Dinge weitergehen würden. Die Sache mit Martina musste er wohl oder übel beenden, das war ihm klar. Er war da so reingerutscht, und jetzt belastete ihn die Beziehung mehr, als er gedacht hatte. Er wollte auf keinen Fall, dass seine Ehe vor die Hunde ging. Zweiundvierzig war er und mit dem heutigen Tag bereits fünfzehn Jahre mit Ulrike verheiratet. Das waren Daten, denen seine bisherige Karriere durchaus standhalten konnte. Klar, das Haus in Bochum-Stiepel war noch längst nicht abbezahlt, vielleicht auch ein bisschen zu aufwendig geraten mit dem schönen Grundstück am Henkenberg und dem überdachten Schwimmbad im Garten. Aber die Stelle als Chefarzt war ihm versprochen worden; in zwei Jahren, wenn der Alte ausscheiden würde, sollte es eigentlich so weit sein. Ulrike redete allerdings für sein Empfinden zu oft davon, wenn sie mit Klara zusammen hockte, während er selbst sich scheute, das Thema mit anderen zu diskutieren. Er fand es klüger, sich in dieser Hinsicht bedeckt zu halten. Hinzu kam, dass er ein bisschen abergläubisch war; jedenfalls wollte er seine Chance nicht durch vorauseilende Wichtigtuerei zerreden. Er fuhr zügig, der leichte Regen störte ihn nicht mehr. Wind war kaum zu spüren, denn die Büsche und Bäume entlang der Trasse gaben genügend Schutz. Rechter Hand sah er den alten Schienenstrang, den man beim Ausbau der Strecke wahrscheinlich bewusst dort liegen gelassen hatte. Er sollte wohl an die alte Erzbahn erinnern, die in den sechziger Jahren ihre Funktion verloren hatte, als auch im Bochumer Stahlwerk Schluss war mit der Erzeugung von Roheisen. Vor ihm tauchte im Dunst der Förderturm der Zeche Carolinenglück auf. Das große Schild, das auf die Tennisanlage des TC Grün-Weiß hinwies, war völlig verschmiert. Mehrere Graffiti-Künstler hatten sich dort verewigt und einander gegenseitig den künstlerischen Schneid abgekauft. Auf dem Bochumer Teil der Trasse war Auffermann allein. Erst am Abzweig zur Zeche Zollverein tauchte ziemlich unvermittelt jemand hinter dem ausrangierten Wohnwagen auf, der bei Tage als Kaffee- oder Würstchenbude diente und natürlich um diese Zeit nicht mehr geöffnet war. Die Person, die da plötzlich erschienen war, wollte offensichtlich keine Notiz von ihm nehmen, denn sie drehte sich weg, als er näher kam. Er konnte nicht sehen, ob es sich um einen Mann oder um eine Frau handelte. Wer immer diese Person war – sie marschierte mit schnellen Schritten nach Norden, also in die Richtung, wo am Ende der Trasse der Rhein-Herne-Kanal lag. Ein großer Hund lief diszipliniert an ihrer linken Seite. Auffermanns Richtung war das nicht; er fuhr durch Vororte von Gelsenkirchen, erreichte bald Essen, und die Strecke belebte sich allmählich. Er überholte ein paar Fußgänger, eine kleine Gruppe Radfahrer kam ihm entgegen. In der Nähe des Skulpturenwalds saßen zwei ältere Herren auf einer Bank, einer von ihnen nahm ein Schlückchen aus einer Pulle, und der andere wühlte mit einem Stock im Gebüsch herum. Als Auffermann die Zeche Zollverein anfuhr, war es schon ziemlich dunkel. Er guckte auf die Uhr. Es war jetzt Viertel vor sechs. Fünfunddreißig Minuten hatte er von der Jahrhunderthalle gebraucht, das war nicht gerade seine Rekordzeit. Das Zollverein-Gelände, im Jahr der Kulturhauptstadt ein beliebter touristischer Zielpunkt, lag weitgehend verlassen da. Er fuhr nicht bis an den großen Förderturm heran, der längst zum Symbol einer ganzen Region geworden war. Stattdessen drehte er eine kleine Runde auf dem Parkplatz, dabei erfasste der Kegel seiner Halogenleuchte ein paar Nummernschilder der wenigen herumstehenden Autos. Fast alle trugen Essener Kennzeichen; ein polnisches Nummernschild war auch dabei. Er trat wieder fester an und fuhr zurück nach Bochum. Auf der Trasse war es jetzt einsamer als zuvor. Auffermann merkte, dass seine Finger ganz klamm waren. Er hätte doch auf Ulrike hören und die Handschuhe anziehen sollen. Es ärgerte ihn, dass sie wieder recht gehabt hatte. Aber er würde ihr nicht erzählen, dass er nicht auf sie gehört hatte. Während er das weitläufige Gelände der Zeche Zollverein passierte, ging sein Blick noch einmal darüber hinweg. Viel war nicht mehr zu sehen. Das ganze Jahr hatte er sich vorgenommen, mit seinen Kindern die neue Ausstellung des Ruhrlandmuseums zu besuchen. Vielleicht würde man am Sonntag die Sache in Angriff nehmen. Mal sehen, wie die Stimmung im Hause war; meistens waren die Kinder ja schon ausgebucht. Er dachte an den heutigen Abend, an die üblichen Gäste, die seine Frau eingeladen hatte, war nun doch ein bisschen unruhig und fuhr erheblich schneller als noch auf dem Hinweg. Er wollte nicht erst ankommen, wenn sich die ersten schon den Schampus eingeschenkt hatten. Gerd würde dumme Bemerkungen machen, und Jochen würde ihn vorwurfsvoll angucken, bevor er dann Ulrike geflissentlich zur Hand ging. Links von ihm lag wieder der Skulpturenwald, dessen Objekte im Augenblick nur schemenhaft aus dem fahlen Dunst hervorragten. Er kannte diese Kunstprodukte, hatte sie sich irgendwann bei Tageslicht genauer angesehen, konnte aber nicht viel mit ihnen anfangen. Sie erinnerten ihn an Betonreste von ausgedienten Bunkern, schienen willkürlich in die Landschaft gesetzt, ohne dass er Bezüge erkennen konnte. Aber er war beileibe kein Fachmann, hielt sich, wenn im Freundeskreis über moderne Kunst gesprochen wurde, aus solchen Diskussionen nur allzu gern heraus. Es war kurz nach halb sieben. Irgendwo läuteten Kirchenglocken. Schon in Essen hatte es aufgehört zu regnen, hier und da tropfte es noch ein bisschen von den Bäumen. Er schob die Kapuze seines Anoraks in den Nacken und merkte, dass er am Kopf geschwitzt hatte. Seltsam war das, da er andererseits fröstelte und seine Hände klamm waren. Als er in der Dämmerung die rollende Kaffeebude wahrnahm und an der Gabelung zur Jahrhunderthalle abbog, war er froh, dass er bald am Auto sein würde. In Bochum-Hordel führte die Trasse auf einer Brücke über die Günnigfelder Straße hinweg. Tief unter ihm wurde ein Auto angelassen. Der Fahrer drückte zweimal kurz auf die Hupe, als ob er sich von jemandem verabschieden wollte. Vielleicht, dachte Auffermann, ein Besucher, der nach Feierabend noch kurz bei seiner Freundin vorbeigeschaut hat, bevor er nach Hause fährt, wo die Ehefrau schon die Bratkartoffeln in die Pfanne schnippelt. Ein paar hundert Meter hinter der Brücke sah er, dass vor ihm jemand auf der Trasse war. Er fuhr ziemlich nah an die Person heran, die, soweit er sehen konnte, einen Hund mit sich führte. Wahrscheinlich war es das Pärchen, das er schon auf dem Hinweg gesehen hatte. Beide standen sie mitten auf der Trasse mit dem Rücken zum herannahenden Radfahrer, der nicht wusste, ob er überhaupt wahrgenommen worden war. Er klingelte. Aber die beiden ließen sich nicht bewegen, ein Stückchen an den Rand des Weges zu gehen. Auffermann zog scharf an beiden Bremsen, rutschte auf dem nassen Boden ein paar Meter und kam unmittelbar hinter der Person zu stehen, die sich nun langsam zu ihm umdrehte. Er blickte in ein Gesicht mit toten Augen, eine Maske vielleicht. Er wollte wieder in die Pedale treten, an dem seltsamen Paar vorbeifahren, den Spuk hinter sich lassen. Aber im selben Augenblick vernahm er einen zischenden Laut, vielleicht war es auch ein Pfiff. Der große Hund war nicht angekettet; er sprang hoch und riss Auffermann, der sich mit Händen und Füßen wehrte, zu Boden. Das Fahrrad polterte auf den regennassen Schotter der Trasse. Auffermann dachte an die Handschuhe, die im Wagen lagen und ihn jetzt hätten schützen können. Aber die klammen Hände, mit denen er sich zu verteidigen suchte, interessierten das Tier nicht. Es hatte anderes im Sinn und fand sehr schnell, was es suchte. Sein Maul verbiss sich durch den Gurt in Auffermanns Kehle. Während ihm die Kräfte schwanden, hörte er einen Schrei, der so klang wie der morgendliche Weckruf des Muezzins, einen heiseren Schrei, der durch irgendein elektrisches Instrument noch verstärkt wurde. Auffermann vernahm seinen eigenen Namen und noch einen anderen Namen, der ihm auch vertraut war. Die weiteren Namen, die heiser und drohend aufgerufen wurden, konnte er nicht mehr verstehen. Sein Fahrradhelm rollte über den Boden der Erzbahntrasse, kullerte dann einen Abhang hinunter und stieß gegen die Schwelle eines alten Schienenstrangs. Dort blieb er liegen. 2. Kapitel „Rottweiler, Pitbull, Mastiff. Was weiß ich?“ Der Arzt zuckte mit den Schultern. „Mehr wird Ihnen Ihr Pathologe auch nicht erzählen können. Ein Biss, vielleicht zwei. Die Kehle durch, die äußere Halsschlagader angerissen. Der Mann ist verblutet. Todeseintritt vor etwa einer Stunde. Damit müssen Sie sich zufrieden geben.“ Der Arzt hob beide Hände, schien anzudeuten: Tut mir leid, mehr kann ich wirklich nicht sagen. Die beiden Kommissare vom Bochumer KK 11, Klaus Brenner und Erich Rogalla, standen etwa einen Meter neben dem Toten, hatten den Kragen ihrer Mäntel hoch geschlagen, starrten die Erzbahntrasse entlang, soweit sie vom Licht der Scheinwerfer erfasst wurde. Am Rand, wo der Tote auf einer schmalen Grasnarbe lag, ging es zwei, drei Meter hinunter zu einem Schienenstrang. Der Abhang war hier nicht besonders steil, der Durchlass zu den Schienen frei von Gestrüpp. Hinter dem Strang mochten sich Felder erstrecken. Das war in der Dunkelheit nicht genau zu erkennen. Auf der anderen Seite der Trasse stand eine Wand aus Wald und Unterholz. „Von wo ist er eigentlich gekommen?“ fragte Rogalla. „Von Hordel oder von der Jahrhunderthalle?“ „Eher von Hordel“, meinte Brenner. „So wie das Rad liegt. Wahrscheinlich hat er abgebremst, als der Hund auftauchte. Wird die Spurensicherung feststellen. Müsste man auf dem Schotterboden sehen. Schade, hätte ein schöner Abend werden können.“ „Kommt immer so!“ brummte sein Kollege. „Ist ja seltsam, dass hier ein Toter über eine Stunde lang rumliegen kann, und keiner merkt was.“ Es war genau acht Uhr gewesen, als die beiden Kommissare an diesem Freitagabend das Präsidium verlassen wollten. Der Tag war unbefriedigend verlaufen. Im Schlosspark Weitmar hatten Spaziergänger vor ein paar Tagen Kinderknochen gefunden, eigentlich Knochen eines Kleinkinds, die dort vergraben worden waren und die ein blöder Köter ausgebuddelt hatte. Aber diese Knochen schienen schon alt zu sein, mindestens zwanzig Jahre, vielleicht waren sie auch noch viel älter, hatten nach ein paar ambitionierten Zeitungsberichten sogar archäologisches Interesse geweckt. Der Auftrag des Polizeipräsidenten, die Hintergründe herauszukriegen, da hier offensichtlich ein Tötungsdelikt vorlag, war eigentlich lächerlich, grenzte an Beschäftigungstherapie. Heraus kam in solchen Fällen meistens gar nichts. Zur Frustbewältigung war ein Abend im Bermuda-Dreieck angesagt, ein Abend in einem Pool-Center, wo es Snooker-Tische gab. „Du bist mir eine Revanche schuldig“, hatte Rogalla beharrt. „Seit einem halben Jahr verschiebst du es, redest dich heraus mit deiner Marie, die zu Hause auf dich wartet. Es gibt auch noch ein anderes Leben. Verheiratet sein kannst du noch jahrelang, mit Snooker kann es morgen schon vorbei sein. Da muss dir nur irgendein Bochumer Cowboy mal in die Hand schießen.“ Brenner hatte gelacht. „Wir sind zwar im Westen, aber nicht im wilden. Na gut. Meinetwegen. Nur nicht bis spät in die Nacht. Aber lass mich eben noch anrufen, damit sie Bescheid weiß.“ Ein paar Sekunden nur, nachdem er das Gespräch mit Marie beendet hatte, war der Anruf gekommen. Ein Toter auf der Erzbahntrasse, zwischen Brücke Vier und dem Gewerbegebiet Carolinenglück. Ein Radfahrer hatte ihn entdeckt, als vor ihm im Kegel der Lampe das Fahrrad und der am Rand der Trasse liegende Körper auftauchten. Die Personalien des Toten waren rasch festgestellt. Dr. Christoph Auffermann, Arzt in der Klinik am Wiesental. In einer Innentasche des Anoraks, mit einem Reißverschluss gesichert, waren die Papiere verstaut, der Personalausweis, Bank- und Kreditkarten, ein elektronischer Arztausweis, mit Namen, Foto und Chip, ausgestellt von der Landesärztekammer Nordrhein-Westfalen. Auch Geld hatte der Tote in der Brieftasche. Hundertzwanzig Euro. Die hatte ihm niemand weggenommen. In der linken Seitentasche des Anoraks steckte ein Autoschlüssel mit einer Fernbedienung und ein Bund mit verschiedenen Schlüsseln, die zur Klinik und zu Auffermanns Haus oder Wohnung gehören mochten. Das würde sich bald herausstellen. Als nach der ersten Diagnose des Notarztes mit ziemlicher Sicherheit feststand, dass Auffermann durch einen oder zwei Hundebisse getötet worden war, hatte Rogalla gefragt: „Sind wir hier überhaupt zuständig? Ein Unglücksfall. Wir können keinen Hund verhaften. Der ist von einem streunenden Köter angefallen worden, möglicherweise sogar von seinem eigenen. Kann doch sein. Auffermann fährt Fahrrad, sein Hund läuft neben ihm. Auffermann stürzt, in dem Hund erwacht der alte Instinkt. Weiß der Kuckuck, was ein Arzt sich als exotischen Vierbeiner leistet. Vielleicht so einen kaukasischen Beißer, und jetzt läuft das Vieh irgendwo in der Gegend herum. Das ist ein Fall für die Feuerwehr.“ „Mag sein“, hatte Brenner geantwortet. „Oder irgendein Idiot hat seine Bestie ohne Korb und Leine rumlaufen lassen. Ist jetzt mit dem Köter über alle Berge. Aber können wir ausschließen, dass jemand absichtlich seinen Hund auf Auffermann gehetzt hat? Nein. Deshalb sind wir zuständig. Zunächst einmal. Und dann müssen wir auch wissen, was diese merkwürdige Karte bedeutet, die wir in der Anoraktasche gefunden haben. Seltsame Farbe. Rot. Was bedeutet der Aufdruck ‚Ex 21’?“ Brenner hatte den roten Karton, der gerade mal die Größe einer Visitenkarte hatte, aus der rechten Anoraktasche des Toten gezogen und der Spurensicherung übergeben. Im Gegensatz zu den anderen Taschen des Anoraks war auf der rechten Seite der Reißverschluss nicht zugezogen. Aber was bedeutete ‚Ex’? Was hatte die Zahl 21 zu sagen? ‚Ex’ wie ‚heraus’, ‚vorbei’? ‚Ex’ wie ‚Exitus’? Führte Auffermann eine kleine Karteikarte mit sich, die mit der Klinik am Wiesental in Verbindung stand, die Nummer eines Todesfalls angab? War die 21 eine Zimmernummer? War dieser merkwürdige Karton eine Art Memorykarte, ein Erinnerungszettel? Bitte daran denken: Der Patient von Zimmer 21 ist zu entlassen. Aber warum steckte dann der Karton in der Anoraktasche und nicht im Ärztekittel? Die beiden Kommissare konnten sich keinen Reim darauf machen. Man würde sehen, in der Wiesental-Klinik nachfragen, ob es da solch ein Kartensystem gab. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit hatte Brenner dem Toten nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Fast schien es, als würde er bei der Durchsuchung des Anoraks den Anblick des Gesichts und der Wunde am Hals absichtlich vermeiden. Kaum war er mit der Überprüfung der Brieftasche fertig, da zog er unter den erstaunten Blicken seines Kollegen die Pistole aus dem Halfter, entsicherte sie, stieg die Böschung hinunter zu der Stelle, wo sie Auffermanns Helm gefunden hatten. Er überquerte den Schienenstrang, verschwand in der Dunkelheit. Erst nach zwanzig Minuten kehrte er zurück. Um 21 Uhr hatte man Auffermanns Wagen gefunden, einen schwarzen Audi, der unterhalb der Jahrhunderthalle abgestellt war. Und um 21 Uhr waren die beiden Kommissare auch schon auf dem Weg nach Bochum-Stiepel zum Henkenberg, wo Auffermann wohnte. In der Umgebung des Tatorts, zwischen Hordel und der Jahrhunderthalle, waren immer noch Streifenpolizisten unterwegs, suchten nach einem frei laufenden Kampfhund. Man musste damit rechnen, dass ein durchgeknallter Köter sich losgerissen hatte und jetzt, war der Instinkt einmal wach geworden, durch die Gegend streunte und noch andere Menschen anfiel. Auszuschließen war das nicht. Die beiden Polizisten, die Auffermanns Wagen entdeckten, hatten sich dem Fahrzeug vorsichtig genähert. Falls Auffermann von seinem eigenen Hund angefallen worden war, hielt der sich womöglich in Nähe des Audi auf, wartete auf die Rückkehr seines Herrn. Die Pistolen waren entsichert. 3. Kapitel Zu den unangenehmen Aufgaben der beiden Kommissare gehörte die Überbringung der Todesnachricht. Sie kannten das Opfer nicht persönlich und auch nicht die Angehörigen, mussten aber dort mit einer Botschaft auftauchen, die das Leben jäh veränderte. „Sollte eigentlich der Pfarrer des Ortes machen“, hatte Rogalla einmal bemerkt. „Egal, ob die Familie katholisch, evangelisch oder gar nichts ist. Dann wär’ der Job angenehmer.“ Es war eine launische Bemerkung mit einem gewissen Wahrheitsgehalt. Aber ein Pfarrer hatte bei diesem Einsatz nichts zu suchen. Mit der Überbringung der Nachricht steckte man sofort auch im wichtigsten Teil der Arbeit. Man hatte nicht nur Mitgefühl zu zeigen, sondern die Angehörigen zu beobachten. Wie würden sie reagieren? Entsetzt, schockiert, gelassen, kühl? Auch kaum verhohlene Freude hatten die Kommissare schon erlebt: Hat’s ihn endlich erwischt! Ein Beweis für die Täterschaft eines Angehörigen war solch ein Zynismus nicht. Wenn jemand freimütig mitteilte, dass ihm der Tod gelegen kam, fiel er aus dem Kreis der Verdächtigen eher heraus. Auffermann hatte einen Ehering am Finger gehabt. Wahrscheinlich würde eine Frau zu Hause auf ihn warten. „Die war’s wohl eher nicht“, sagte Brenner auf der Fahrt nach Stiepel. Sie hatten sich für den Weg durch die Stadt entschieden, die Königsallee entlang. So kam man am schnellsten zum Henkenberg. Brenner fuhr. Besonders eilig hatte er es aber nicht. Dem Toten war nicht mehr zu helfen. Seine Frau würde noch für ein paar Minuten länger ein unbekümmertes Leben haben. Rogalla hatte zu der Bemerkung geschwiegen. Mit einem Seitenblick bemerkte Brenner, dass dieses Schweigen nicht unbedingt Zustimmung bedeutete. Sein Kollege hatte die Stirn in Falten gelegt. „Du sagst ja nichts“, hakte der Kommissar nach. „Wie denn? Unmöglich ist nichts. Warum nicht die Frau? Hätt’ ich von meinem Schwager auch nicht gedacht, dass der damals der Täter war. War er aber doch.“ Rogalla hatte das rasch und heftig gesagt. Brenner schwieg zunächst. So lange war das noch nicht her, dass sie ausgerechnet den festnehmen mussten, der als Täter völlig aus dem Blick war. Die Zeit heilte nicht alle Wunden, sie konnte sie nur vernarben. Rogalla litt unter dem Verlust. Michael war für ihn gewesen wie ein Sohn, nicht nur ein Neffe. Und dass ausgerechnet der Vater… Sie hatten nie herausgefunden, ob es wirklich ein Unglücksfall gewesen war oder nicht. Aber Rogallas Schwager hatte alles getan, um sie hinters Licht zu führen. Das hinterließ Spuren. Warum also nicht auch Frau Auffermann? Unmöglich war nichts. „Glaubst du wirklich“, sagte Brenner nach einer Weile, „seine Frau hetzt einen Hund auf ihn?“ „Was weiß ich“, brummte Rogalla. „Sie kann einen Geliebten haben. Der hat einen Hund und weiß, wo Auffermann radelt. Wär’ eine neue Variante, um jemanden um die Ecke zu bringen; schwer nachzuweisen. Ein Köter macht keine Aussage.“ Brenner winkte ab. „Noch wissen wir nichts.“ „Dann halt du dich auch daran! Am Tatort hast du dich übrigens benommen, als wüsstest du schon alles.“ „Am Tatort? Was denn?“ „Seltsam distanziert. Sonst trennst du dich von der Leiche erst, wenn der Deckel zugemacht wird. Dieses Mal ziehst du dem Toten schnell ein paar Sachen aus der Tasche und stiefelst dann abseits in der Dunkelheit herum. Mit gezogener Pistole!“ Rogalla schüttelte den Kopf. „Ich weiß“, bemerkte Brenner. „Mag komisch ausgesehen haben. Ich hatte das Gefühl, der Hund steckt da irgendwo in der Dunkelheit. Ich hatte Angst.“ Der Kommissar bemerkte den fragenden Seitenblick seines Kollegen. „Na, gut. Muss ich erklären. Also, ein Erlebnis tauchte wieder auf. Die Erinnerung daran. Ich hatte das verdrängt.“ Brenner schwieg, als bereite es ihm Mühe, davon zu erzählen. „Was?“ fragte Rogalla. „Was hast du verdrängt?“ Der Kommissar berichtete jetzt mit ein paar kurzen Sätzen: „Ist fünfzehn Jahre her. War damals auch im November, auch so ein ungemütliches Wetter hier. Ich habe eine Woche Urlaub genommen, bin nach Salamanca geflogen. Warum ausgerechnet Salamanca, soll jetzt egal sein. Frauengeschichte. Ich wollte wieder in der Sonne sitzen, genüsslich rauchen, einen Espresso dabei, Bochum für eine Weile vergessen. Damals habe ich noch fotografiert. Na ja, und bei herrlichem Wetter kam mir die Idee, Salamanca auch von Weitem aufzunehmen. Aus südlicher Richtung, von den Hügeln her. Da bin ich hin, zu Fuß, wunderbares Panorama, endlose Weite, in der Ferne die Türme der beiden Kathedralen. Auf dem Rückweg, kurz vor der Stadt, kommt mir ein Geländewagen entgegen, stoppt ein paar hundert Meter vor mir. Ein Mann steigt aus, lässt einen Hund frei. Der Mann wird mich nicht gesehen haben, wollte dem Vieh nur Freilauf gönnen. Aber der Köter hat mich sofort gewittert, wie ich da von dem Hügel herunter stiefelte. Kalbsgroß war das Tier und stürmt auf mich zu. Blutunterlaufene Augen, das Maul aufgerissen mit Fängen zum Fürchten. Die pure, ungesteuerte Aggression. Ich hatte nichts dabei, um mich zu wehren. Kein Stock in der Nähe, kein Ast. Die Gegend da ist Meseta, baumlos. Alles ging blitzschnell. Der Hund springt mich an. Ich fall hin, schütze noch mit dem rechten Arm mein Gesicht, das Vieh über mir, verbeißt sich in den Arm. Am linken Arm bemerke ich einen Stein, den pack ich mit der Hand und schlag ihn dem Köter auf den Schädel. In dem Moment ist der Geländewagen auch schon auf gleicher Höhe, der Mann schreit dem Hund etwas zu, auf Spanisch, ‚atrás!’ oder so ähnlich. Der Hund lässt los, gehorcht, weicht rückwärts auf den Wagen zu, sieht mich aber weiter mit diesen blutunterlaufenen Augen an, fletscht die Zähne, knurrt, als wolle er mir noch einmal an die Gurgel. Der Arm war ziemlich zugerichtet. Die Narben habe ich heute noch. Als ich den Toten da liegen sah, dachte ich: Das hättest du auch sein können. Du musst dich also nicht wundern, wenn ich so reagiere. Auf Kampfhunde bin ich nicht gut zu sprechen.“ „Die auf dich wahrscheinlich auch nicht“, bemerkte Rogalla trocken. „Hat der den Schlag überlebt?“ „Weiß ich nicht. Der Hund ist wieder in das Auto rein und die beiden zurück Richtung Salamanca, dort wahrscheinlich Besuch beim Tierarzt.“ „Du hast dir das Autokennzeichen gemerkt?“ „Nein. Da war der Schock über den Angriff.“ „Vielleicht hat ja der Hundebesitzer später nach dir gesucht. Schadenersatz für das Trauma seines Lieblings.“ „Quatsch. Der läuft nicht zur Polizei. Die Guardia Civil erschießt ihm das Vieh sofort. Die Spanier fackeln nicht lange. Hätte ich übrigens auch gemacht, wäre der Hund in der Nähe der Trasse aufgetaucht.“ Sie waren jetzt in Bochum-Stiepel, genau dort, wo die Königsallee in die Kemnader Straße einmündet. Geich hinter der Kurve bogen sie in die Gräfin-Imma-Straße ab und erreichten nach einer Minute den Löwenzahnweg. Rechts oben lag die Henkenbergstraße, links ging es ins Tal hinunter. Heute lagen die flachen Dächer der Bungalows im herbstlichen Nebel. „Ist ja interessant“, meinte Rogalla, „dass wir ausgerechnet hier mit so einer Nachricht auftauchen müssen. Am Henkenberg in Stiepel wohnen die Reichen, das weißt du ja. Wir sollten uns besser um diese Babyknochen im Weitmarer Schlosspark kümmern. So ein Baby ist hilflos, kann sich nicht wehren. Die Reichen können für sich selber sorgen, und die können sich auch noch diese schönen Häuser leisten. Ein Bungalow neben dem anderen.“ „Ja“, ergänzte Brenner, „wir haben hier mal einen Bekannten von Marie besucht. Trinkt jeden Abend sein Bier im Tucholsky, aber wenn er zu Hause ist, guckt er nur aus dem Fenster. Vom Garten aus hast du den freien Blick auf die Stiepeler Dorfkirche, wie auf einer Postkarte, mit der Ruhr und der Burg Blankenstein im Hintergrund.“ 4. Kapitel Als Jochen Buchholz das Haus im Löwenzahnweg erreichte, zögerte er einen Augenblick. Was er vor ein paar Tagen gesehen hatte, beschäftigte ihn, aber er wusste noch nicht so richtig, wie er damit umgehen sollte oder ob er sogar daraus Nutzen ziehen konnte. Er wollte weiter über die Angelegenheit nachdenken, mögliche Konsequenzen kalkulieren. Es lag in der Natur der Sache, dass er mit niemandem darüber reden konnte. Er drückte auf den Klingelknopf. „Bin ich zu spät?“ fragte er, als Ulrike Auffermann ihm öffnete. Er atmete ein paarmal tief durch, schien ein bisschen aus der Puste. Im Arm trug er ein üppiges Blumenarrangement, das er der Hausfrau überreichte. An ihrem Blick sah er, dass sie etwas genervt war. Sie fragte: „Sag mal, bist du zu uns rauf gelaufen? Du schwitzt ja, in dieser Jahreszeit!“ „Ich bin nur schnell gegangen. Der Nieselregen ist widerlich.“ „Die Blumen sind wunderschön“, sagte Ulrike. „Wieder Orchideen. Hab vielen Dank. Nein, du kommst überhaupt nicht zu spät. Christoph ist noch gar nicht zu Hause.“ „Ach so? Er muss doch schon um fünf Dienstschluss gehabt haben. Hat er mir gestern jedenfalls gesagt. Oder ist was dazwischen gekommen? Musste er für jemanden einspringen?“ „Nein, die Klinik am Wiesental ist doch nicht die Sachsenklinik, wo an jedem Dienstag die Termine über den Haufen geworfen werden, weil die Verwandten der Ärzte ständig irgendwelche Notoperationen brauchen.“ „Und warum ist er noch nicht hier?“ „Weil er auch seine Strecke auf der Erzbahntrasse liebt.“ Warum das heute sein muss, habe ich nicht verstanden. Er hat mich immerhin vorher angerufen. Aber jetzt wundere ich mich doch so langsam, dass er noch nicht hier ist.“ „Vielleicht hat er sich entschlossen, dir noch ein Geschenk zu kaufen, zum Hochzeitstag. Ach – herzlichen Glückwunsch, übrigens, hätt‘ ich bald vergessen.“ „Danke. Komm rein, die anderen sind schon versammelt. Sind nur ein paar“, fügte sie leise beschwichtigend hinzu. „Und wenn Christoph nicht bald erscheint, dann fangen wir ohne ihn an. Du könntest mal den Champagner aufmachen. Steht im Kühlschrank.“ Jochen Buchholz war der Mann für alle Fälle. Er wohnte in der Nachbarschaft, aber nicht im noblen Löwenzahnweg, sondern auf der anderen Seite des Hügels, in der Kosterstraße. Dort lebte er seit dem Tod seiner Frau mit seinem Schäferhund in dem grauen Siedlungshaus, das er von seinen Eltern geerbt hatte, die noch echte Pohlbürger gewesen waren. Er hatte das Haus nach und nach zum Garten hin ausgebaut. So etwas sprach sich herum, und seine handwerklichen Künste hatten schließlich auch die Freundschaft mit Christoph Auffermann in Gang gesetzt und beflügelt. Auf einem Hundespaziergang rund ums Zisterzienserkloster hatten sich die Männer vor ein paar Jahren kennen gelernt, und seitdem war Buchholz der Status eines technischen Beraters im Hause Auffermann verliehen worden. Als die Henrichshütte in Hattingen stillgelegt wurde, war der frühere Werkmeister vorzeitig in Rente gegangen und verdiente sich die eine oder andere Mark hinzu, indem er Waschmaschinen reparierte, Rasenmäher auf Vordermann brachte, Fernsehschüsseln an Hauswänden fixierte oder auch Gartenarbeiten durchführte. Bei den Auffermanns hatte er den Keller ausgebaut und beim Einbau des Schwimmbades im Garten geholfen. Inzwischen gehörte er sozusagen zum Inventar; das wussten auch die Freunde der Auffermanns und akzeptierten es. Jedenfalls war er immer da, wenn man ihn brauchte. Auch wenn die Auffermanns Gäste hatten, wurde Buchholz mit eingeladen. Aber ganz wohl fühlte er sich in dem akademisch geprägten Kreis nicht. „Da kommt ja noch einer. Die wichtigsten Leute sind immer die letzten“, stellte Dr. Hartmut Bodschwinna fest, als Jochen Buchholz mit zwei Champagnerflaschen unter dem Arm in das üppig erleuchtete Wohnzimmer trat. „Hallo Jochen, sei mir gegrüßt!“ Zwei Pärchen saßen an der Hausbar, hatten aber noch keine Getränke vor sich. Die Sektgläser standen bereit, Bodschwinna nahm ihm die Flaschen ab und öffnete eine mit einer gewissen Geschicklichkeit. Der hat aber lange nichts mehr zu trinken gekriegt, dachte Jochen Buchholz. Er kannte den Glanz in Bodschwinnas Augen, wenn Alkoholisches im Angebot war. Er wusste, dass der in irgendeiner wichtigen Position an der Ruhr-Universität tätig war, Germanistik oder so ähnlich. Buchholz war aufgefallen, dass Bodschwinna immer Schuhe mit besonders hohen Absätzen trug. Er hatte sich gefragt, ob man solche Schuhe kaufen konnte, oder ob hier ein Schuhmacher nachgeholfen hatte. Diese Absätze sollten ihren Träger wohl größer erscheinen lassen, als er wirklich war. Störend empfand Buchholz auch den leutseligen, etwas gönnerhaft-jovialen Ton, den der Hochschullehrer ihm gegenüber anschlug. „Ich bin aber gar nicht der Letzte! Einer fehlt doch noch“, sagte er entschuldigend, während er Bodschwinnas Frau und das Ehepaar Kröger begrüßte. Klara Bodschwinna war eine schlanke, fast zierliche Schönheit in den Vierzigern. Wenn Buchholz sie bei Auffermanns traf, stellte er jedes Mal fest, dass sie in der Zwischenzeit noch schöner geworden war. Sie strahlte regelrecht. Er fand das ungewöhnlich, war immer sehr beeindruckt von ihr, versuchte aber, ihr seine Bewunderung nicht zu zeigen, denn da war so etwas Abweisendes in ihrem Blick, das sie von den anderen isolierte. Sie war Gymnasiallehrerin wie Ulrike Auffermann, unterrichtete Kunsterziehung und noch etwas anderes, das er vergessen hatte. Sie und Ulrike waren Kolleginnen an der Otto-Ruer-Schule im Bochumer Süden. Die Krögers waren beide Ärzte. Martina Kröger, die nach strengen Maßstäben nicht unbedingt hübsch war, aber doch interessant wirkte und erheblich jünger war als ihr Mann, arbeitete als Kardiologin an der Klinik am Wiesental. Buchholz fand, dass etwas Sinnliches von ihr ausging, das er sich nur schwer erklären konnte. Sie war Kollegin von Christoph Auffermann, die beiden hatten sich in der Klinik kennen gelernt. Gerd Kröger war Mitte fünfzig und alle wussten, dass er sich regelmäßig die Haare färben ließ. Kröger neigte dazu, zur fortgeschrittenen Zeit ziemlich langatmige und gern auch halbseidene Witze zu erzählen und hinterher zu fragen, ob man sie auch verstanden hatte. Seine Zahnarztpraxis lag im Bochumer Norden, am anderen Ende der Stadt, in einer Gegend, wo noch ein paar echte Arbeiter wohnten. Jochen Buchholz blickte aus dem Fenster. Die Terrasse war genau so beleuchtet, dass die Herbstblumen, die dort in großen Töpfen und Kübeln scheinbar willkürlich herum standen, richtig zur Geltung kamen. Unten floss irgendwo die Ruhr, der Leinpfad war menschenleer. In der Ferne sah er durch den Regen hindurch die Konturen der Burg Blankenstein, die abends angestrahlt wurde. Ulrike Auffermann trat hinzu, und die Gäste erhoben ihre Gläser, wünschten ihr Glück und dankten noch einmal für die Einladung. „Mit dem Toast auf das Ehepaar Auffermann warten wir wohl noch ein bisschen, bis der Hausherr sich eingestellt hat“, sagte Gerd Kröger, der ein Zettelchen aus der Tasche geholt hatte, es aber wieder einsteckte. Wahrscheinlich ein paar Stichwörter für seine Ansprache, dachte Jochen Buchholz, die wie immer zu weitschweifig und weitgehend pointenlos ausfallen würde. „Sonst feiern wir ohne ihn“, stellte Dr. Bodschwinna heiter fest und schenkte sich den letzten Rest aus der Champagnerflasche ein. Es klingelte an der Haustür. Klara Bodschwinna stand auf und trat ans Fenster. Ihr Sektglas hatte sie in der Hand. „Na endlich. Der Hausherr gibt sich die Ehre!“ sagte Gerd Kröger. Ulrike Auffermann atmete tief durch: „Das ist er nicht. Das ist jemand anders. Christoph klingelt nicht. Der hat einen Hausschlüssel.“ 5. Kapitel Erich Rogalla fand, dass das Jahr 2010 ein Scheißjahr war. Bisher jedenfalls. Und was sollte, da jetzt der November eingeläutet war, noch kommen? Der neue Fall nervte ihn schon jetzt. Hinzu kam, dass er nicht viel übrig hatte für die Reichen dieser Welt. Wenn er aus dem Fenster seiner Wattenscheider Wohnung sah, dann fiel sein Blick nicht auf die Burg Blankenstein, sondern auf das Haus, dessen Garage vor ein paar Jahren von einem stillgelegten Schacht der Zeche Maria-Anna verschluckt worden war. Und der Teller, den seine Frau auf dem Tisch mit ein paar belegten Broten bereit gestellt hatte, stammte auch nicht aus Meißen, sondern aus dem Einkaufszentrum Ruhrpark. Es gab schon Unterschiede, die bei genauer Betrachtung ziemlich missmutig machen konnten. Nur im Tod verwischten sich die Unterschiede ein wenig. Brenner hatte ihn nach Hause gebracht, nachdem sie im Bochumer Löwenzahnweg die Nachricht überbracht hatten. Auf dem Weg durch die Bochumer Vororte waren sie vergleichsweise still gewesen im Auto, hatten nicht so wild herum spekuliert, wie es manchmal ihre Art war. Sie wussten beide, dass man sehr häufig den Täter im unmittelbaren Umfeld eines Opfers zu suchen hatte. Aber hier war alles anders. Das konnte eine Zufallsgeschichte sein, Täter und Opfer mussten sich gar nicht kennen, wenn denn überhaupt von einem Täter die Rede sein konnte. Da stand ihnen noch einiges bevor. Die Ermittlungen würden schwierig werden, das war ganz klar. Und ob sie am Ende wirklich zuständig wären, das war auch noch keine ausgemachte Sache. Immerhin wussten sie jetzt schon mal, dass Auffermann selbst keinen Hund gehabt hatte. Die Möglichkeit, dass er vom eigenen Hund angefallen wurde, fiel also aus. Das war eine merkwürdige Gesellschaft gewesen, da drüben im Löwenzahnweg. Zuerst hatten die gar nicht kapiert, worum es ging. Nur die Ehefrau schien etwas geahnt zu haben, wahrscheinlich, weil der Mann so lange weg geblieben war. Der Zahnarzt und der Mensch von der Uni, dieser Bodschwinna, schienen erst an einen dummen Scherz zu glauben, bis sie schließlich gerafft hatten, was los war. Die Frauen hatten alle gut ausgesehen. War das eigentlich ein Privileg der Reichen, dass sie schöner waren als normale Menschen? Oder kam die Schönheit weitgehend aus der Tube? Rogalla glaubte das nicht. Besonders die kleine Frau Bodschwinna hatte es ihm angetan. Sie war auch diejenige, die sich am schnellsten von dem Schrecken erholt hatte. Sie hatte Frau Auffermann nach oben begleitet und darum gebeten, ihre Befragung zu verschieben. Klar, das hatten sie natürlich akzeptiert. Von den Männern hatte ihm der Frührentner von der Kosterstraße am besten gefallen. Der redete nicht so geziert wie die anderen und hatte einen Schnaps aus dem Kühlschrank geholt, als schließlich alle wussten, dass dort keiner einen üblen Scherz mit ihnen trieb. Rogalla wollte gerade den Fernseher anstellen, um sich in der ARD das Nachtmagazin anzusehen, als sich sein Handy bemerkbar machte. Es hüpfte auf dem Tisch hin und her und brummte ein bisschen, da er den Klingelton abgeschaltet hatte. Es war Brenner, dem noch etwas eingefallen war: „Sag mal, wir haben gar nicht nach den Kindern gefragt. Ein Mädchen und ein Junge. Das Mädchen ist noch klein, geht noch nicht zur Schule. Der Junge ist zehn Jahre älter, ich glaube fünfzehn.“ „Die waren nicht im Hause. Nehme ich mal an.“ „Aber gefragt haben wir nicht nach ihnen. Oder?“ „Was weiß ich! Du hättest ja selbst dran denken können.“ „Entschuldige bitte, das war überhaupt kein Vorwurf. Trotzdem – wir müssen das nachholen, gleich morgen. Vielleicht fahren wir noch mal raus nach Stiepel. Die Frau können wir jetzt in ihrem Zustand nicht in die Uhlandstraße zitieren.“ „Aber die anderen.“ „Wie, die anderen?“ „Die feine Gesellschaft. Oder meinst du, wir brauchen die gar nicht?“ „Frag mich was Leichteres. Wenn ja, ist es vielleicht ganz interessant zu sehen, wo die wohnen und wie sie so leben.“ „Na, dann viel Spaß!“ sagte Rogalla und drückte auf den Knopf des Handys. Er hatte keine Lust, das Gespräch von Brenner abwürgen zu lassen. Außerdem verstand er nicht, warum der sich um diese Zeit noch mit dem neuen Fall beschäftigte. Der hatte doch eine junge Frau und ein kleines Kind im Hause. Da gab es genug zu tun. Er selbst wollte im Präsidium darauf hinweisen, dass die Sache mit den Weitmarer Kinderknochen noch gar nicht zum Abschluss gebracht worden war, weder positiv noch negativ. Die hing immer noch in der Luft, und eigentlich war das ihr Fall gewesen. Diese komische Hundegeschichte konnte auch ein anderes Team übernehmen. Aber das hing vom PP, dem Polizeipräsidenten, ab. Und der hatte irgendeinen Narren an Brenner gefressen. Es kam nur darauf an, was dem großen Vorsitzenden wichtiger war. Oder was der Öffentlichkeit wichtiger war. Die Schweinerei war allerdings, dass Rogalla meistens mit drin hing, wenn Brenner einen Fall übernahm.


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