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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Wie Knochen auf der Haut, Sathja Rabe
Sathja Rabe

Wie Knochen auf der Haut


Eine Suche in Süditalien

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-1-

 


Dr. Tobias Tarkan Süliman verkrallte sich in die Armlehnen, als erwartete er gleich einen gewaltigen Knall. Fassungslos starrte er auf die miserable Videoaufnahme, die ihnen Henry Brown, der Generaldirektor der Londoner Global-Search-Enquiry-Company, vorführte. Der Ton war viel zu laut eingestellt; offensichtlich nahm Brown an, dass sie schwerhörig waren.


Die Frau auf der Mattscheibe, von der er geglaubt hatte, sie sei seine Freundin Beatrice, flanierte im dunkelroten Kleid und mit Glitzerstrass besetzten Slingpumps an der Reling einer Luxusjacht entlang. Tobias’ Nickelbrille rutschte ihm unaufhaltsam über die Nase und verwandelte Beatrice in einen langen Ketchupfleck. Sofort schob er die Brille zurück und Beatrice winkte ihm gestochen scharf zu, drehte sich kokett um die eigene Achse und räkelte sich in Fotopose. Der Seewind spielte mit ihren fantastischen kastanienbraunen Haaren.


Henry Brown zog sein Sakko zurecht und räusperte sich. „Das, meine Herren, ist Maria-Stella Mondadori. Die  reizende Tochter der Herrschaften, die Sie suchen sollen“, übertönte seine Stimme den quäkenden Ton der Aufnahme.


Tobias hatte das Gefühl, einen kratzigen Schwamm unter der Zunge zu haben und schloss für einen Augenblick die Augen. Was, bitte, hatte seine Freundin auf dieser Jacht verloren? Warum hieß sie plötzlich Maria-Stella?


Verwirrt beobachtete er weiter. Ein untersetzter Frosch mit gepflegter Halbglatze lief von links ins Bild und umarmte Beatrice. Der Wind fuhr dem Frosch durch die Ärmel seines weißen Hemdes und blähte ihn auf. Die Seidenkrawatte schlappte ihm immer wieder ins Gesicht, bis er sie gequält festhielt. Das war Signor Vittorio Mondadori, angeblich Beatrices Vater. Er zauberte hinter seinem Rücken einen Sonnenhut mit einer albernen breiten Krempe hervor und setzte ihn seiner Tochter auf.


Lachend zog Beatrice den Kopf ein und presste beide Hände auf den Hut, was den Wind nicht davon abhielt, ihr die Krempe auf ihren blutrot geschminkten Mund zu schlagen.


Die Kamera machte einen Schwenk zu Signora Marietta Mondadori, die auf einem Liegestuhl in einer Frauenzeitschrift blätterte und abwehrend ihre perfekt manikürte Hand vor die Kamera hielt. Genervt schüttelte sie den Kopf, ihre goldenen Ohrringe baumelten gegen ihre mageren Backen.


Ich habe einen Knick in der Optik, meine Sinne spielen mir einen Streich, fuhr es Tobias durch den Kopf.


Hilflos sah er zu, wie sich die Möwen auf den Hut stürzten, der auf Nimmerwiedersehen auf das Meer hinausgetrieben wurde.


Sascha Becker, der sich neben ihn in den Sessel gefläzt hatte, verfolgte mit schmalen Augen, wie Beatrice mit dem Strohhalm die Eiswürfel in ihrem Drink verrührte. Er zog schnaubend seine schwarze Baumwollmütze ab und fuhr sich über sein kurz geschorenes flachsblondes Haar.


Sascha war der  Einzige im Team, der seine Freundin kennen gelernt hatte. Während des Fluges nach London hatte er Tobias damit aufgezogen, dass seine neue Flamme – Oberstudienrätin Frau Dr. Beatrice Charlotte Holznagel – Kaugummis im Unterricht verbot. Das Knatschen störe sie gewaltig und der Gedanke, einer wiederkäuenden Kuhherde Integralrechnung beizubringen, gebe ihr angeblich das Gefühl, den Beruf verfehlt zu haben.


„Heißer Arsch, was?“, sagte Sascha bissig.


Tobias warf ihm einen scharfen Blick zu. Sascha brauchte ihn nicht ausgerechnet vor Brown daran zu erinnern, dass es noch nie seine Stärke gewesen war, die richtige Frau zu finden. Bis vor kurzem war Beatrice lediglich seine Wohnungsnachbarin gewesen, die ihm in seiner Abwesenheit den Briefkasten geleert und ihm somit den Hausmeister vom Leib gehalten hatte. Dank ihr konnte er interessante Gesteinsproben, die er überall auf der Welt sammelte, an sich selbst schicken. Irgendwann fing sie an, auf ihn zu warten und er schickte die Päckchen hauptsächlich deshalb, damit er einen Grund hatte, nach seiner Rückkehr bei ihr zu klingeln und in ihre graugrünen Augen zu schauen. Da er nicht wie früher ununterbrochen in aller Welt für die Londoner GSE-Company tätig war, sondern die meiste Zeit über an der geologischen Fakultät der Universität Freiburg Vorlesungen hielt, stand aus seiner Sicht einer Beziehung nichts mehr im Wege. Vielleicht lag es an der würzigen Schwarzwälder Luft, die ihm solche Flausen in den Kopf gesetzte hatte.


„Kein Wunder, dass sie ständig über ihren Job jammert“, raunte ihm Sascha zu. „Von wegen kein Geld für ein neues Auto.“


„Halt die Klappe!“, zischte Tobias.


Sascha setzte sich wieder die Baumwollmütze auf. „Schon gut, Mann. Ich sag ja nichts. Ist dein Bier.“


Steven Gordon, der Chef des Teams, beobachtete mit unbewegter Miene die Gesellschaft, die sich zu einem Drink auf ihre Liegestühle zurückgezogen hatte. „Und wo, Mr Brown, soll das Team suchen? Neapel ist groß!“, brummte er. Gordon zog an seiner schmalen Pfeife, Rauch quoll ihm aus der Nase und schwängerte den Raum mit dem süßlichen Geruch nach Marihuana, das er manchmal in den Tabak mischte. Das war Brown ein Dorn im Auge, aber selbst die Drohung ihn rauszuschmeißen interessierte Gordon herzlich wenig. Normale Menschen machten diesen Job nicht; außer Brown war keiner hier normal, außer Brown roch niemand mehr, was Gordon in seine Pfeife mischte.


„Neapel sehen und sterben, oder wie war das, Tobias?“, fragte Jean Louis Baptiste de Boulogne, ein französischer Graf, der das Team als Expeditionsarzt begleitete. Über sein fein geschnittenes Gesicht huschte ein spöttisches Lächeln.


Tobias rieb sich die Schläfen, als quälten ihn Kopfschmerzen.


Der Graf sah ihn überrascht an. „Ist Ihnen nicht gut?“ 


„Mir geht es bestens, Jean“, entgegnete Tobias langsam.


Stirnrunzelnd nahm Gordon seine Pfeife aus dem Mund, langte nach dem Aschenbecher auf dem Tisch und klopfte sie aus. „Brauchen mehr Informationen! Dunkelhaarige Frauen gibt es Tausende in Neapel. Werden den Auftrag nicht annehmen, wenn uns die Herrschaften Mondadori außer diesem unterhaltsamen Filmmaterial keine weiteren Anhaltspunkte geben können.“


Brown zuckte hilflos mit den Schultern. „Die Polizei kommt nicht weiter. Wie die Herren sich denken können, haben Recht und Ordnung in dem undurchdringlichen Sumpf aus Korruption keine Bedeutung. Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt nicht, wer hinter dem Verschwinden Maria-Stellas steckt. Zu ihrer Information: Signor Mondadori ist ein einflussreicher Richter. Wenn die Herren mich fragen, steckt Erpressung dahinter, aber Signor Mondadori hat sich nicht dazu geäußert.“


Gordon tippte sich mit dem Pfeifenkopf an die Stirn. „Sind nicht lebensmüde! Können nicht komplette Camorra aufscheuchen! Trage Verantwortung für die Männer meines Teams!“


Brown straffte die Brust. „Mr Gordon, die GSE-Company arbeitet nicht mit der Polizei zusammen, ist unabhängig und, wie ich hoffe, unempfindlich gegen Bestechung. Ich nehme an, dass uns Signor Mondadori genau aus diesem Grund konsultiert hat. Hören Sie sich wenigstens an, was die Herrschaften Mondadori zu sagen haben, bevor Sie urteilen!“


„Und? Wo sind die Italiener?“, knurrte Gordon.


„Die Herren werden zu den Mondadoris nach Neapel fliegen, dort werden Sie mehr erfahren. Und wenn es den Herren nichts ausmacht, sitzen Sie in drei Stunden im Flugzeug. Ich bitte Sie darum!“


„Das geht nicht! Stornieren Sie die Flüge!“, rief Tobias. Er sprang auf, überraschte Gesichter starrten ihn an.


Gordon hob skeptisch seine Augenbrauen, als stände plötzlich ein Irrer vor ihm.


Für langwierige Erklärungen würde ihm Gordon keine Zeit lassen. Mit hochrotem Gesicht hastete Tobias auf Browns Schreibtisch zu und raffte die Fotos an sich, die der Generaldirektor den Männern vor der Filmvorführung gezeigt hatte.


„Geben Sie mir eine Stunde Zeit!“, rief er und rannte aus Browns Büro.


„Tobias!“, schrie Gordon und schnellte aus dem Sessel.


Doch Tobias’ Schritte verhallten im Gang. Zwecklos, ihm hinterherzurennen. Sie mussten warten, bis er wieder aufkreuzte.


Sascha zuckte lässig mit den Schultern und bemühte sich nicht im Geringsten, sein Grinsen zu unterdrücken. „Ich sag nichts dazu. Das ist seine Sache.“ 


Schnaubend ließ sich Gordon in den Sessel zurückfallen.


 


*


 


Tobias riss die Bürotür von Browns Privatsekretärin auf.


Mrs Parker zuckte zusammen. Heißer Kaffee schwappte auf die Schreibtischunterlage. „Ist was passiert junger Mann oder weshalb klopfen Sie nicht an?“, fragte sie giftig.


Tobias zerrte aus seiner Jeans ein Papiertaschentuch und tupfte die Sauerei hektisch auf. „Es ist etwas passiert, Mrs Parker, auch wenn es meine ganz private Katastrophe ist!“ Er zielte und schmiss das voll gesogene Taschentuch in den Mülleimer. „Verzeihen Sie mir. Bitte, scannen Sie mir diese Fotos ein und schicken Sie sie an folgende E-Mail-Adresse.“ Tobias schnappte sich einen Filzstift und schrieb Beatrices E-Mail auf einen Notizzettel.


„Nichts werde ich tun, junger Mann. Ohne Mr Browns Anweisung darf ich das nicht!“


„Der Auftrag kann nicht angenommen werden, wenn bestimmte Dinge nicht geklärt werden! Und zwar sofort! In drei Stunden schicken die uns nach Neapel!“


Mrs Parker musterte den aufgeregten Mann, der so alt wie ihr Sohn sein mochte. Sie kannte ihn schon seit zehn Jahren. Ohne diesen Deutschen (oder war er ein Türke? Auf alle Fälle hatte er einen türkischen Vater, von dem er den Namen und die interessante dunkle Haut hatte) wäre so mancher Auftrag schief gegangen. 


So aufgeregt hatte sie ihn noch nie erlebt. In seinen tiefdunklen Augen lag etwas Bettelndes, was sie schmerzte. Sie begriff, dass sie einen großen Fehler begehen würde, wenn sie Dr. Süliman eine Abfuhr erteilte. Mr Brown musste ihr verzeihen.


Ihr angespanntes Gesicht löste sich und sie lächelte. „Mein Kaffee ist kalt geworden. Ekelhaftes Gesöff!“ Sie erhob sich und ging mit der Tasse in der Hand zur Tür. „Ich hole mir einen neuen. Wenn Sie während meiner Abwesenheit ungefragt hier eindringen und sich an meinem Computer zu schaffen machen, kann ich nichts dafür, meinen Sie nicht?“ Sie seufzte und schüttelte mit gespielter Empörung den Kopf.


Tobias und warf ihr eine Kusshand zu. „Das vergesse ich Ihnen nie, junge Frau!“


„Meinen Sie nicht, dass Sie etwas übertreiben, Mr Süliman?“, entgegnete Mrs Parker trocken und verließ den Raum.


Tobias hatte die Bemerkung nicht gehört; schon saß er am Computer und legte ein Foto mit der strahlenden Maria-Stella in den Scanner. Seine Hände zitterten.


Als er die Mail an Beatrice abgeschickt hatte, atmete er tief durch. Er fuhr sich über das Gesicht, presste seine Hände fest aneinander, aber sie wollten einfach nicht aufhören zu zittern. Wem hatte er gerade gemailt? Beatrice? Einer Unbekannten? Etwa dieser Maria-Stella? Neben welcher Frau war er heute Morgen aufgewacht? Er spürte noch ihre warmen Lippen, die nach Kaffee schmeckten. Er hatte ihr versprochen, auf sich aufzupassen, als er sich von ihr verabschiedete. Dann hatte sie ihn ein letztes Mal umarmt, ganz ohne Tränen, ohne Theater. Dafür war er ihr dankbar. Sie meinte lediglich, dass sie seine Wohnung auf Vordermann bringe, damit sie an seinem Schreibtisch, der viel sonniger sei als ihrer, die Mathe-Klausuren ihrer Oberstufenschüler korrigieren könne.


Hatte die behütete Tochter des reichen Signor Mondadori Mathe und Chemie studiert, um sich als Lehrerin in einer schnuckeligen Stadt in Süddeutschland mit bockigen Gymnasiasten rumzuplagen? Auf die reiche Maria-Stella wartete Mailand, Metropole der Mode, ein Shopping-Paradies für alle Maria-Stellas der Welt.


Warum um alles in der Welt duftete Beatrice nach einem unauffälligen Deo-Roller und trug Kleider von der Stange, während Maria-Stella nur Markenklamotten an ihre Haut ließ? Waren die beiden ein- und dieselbe Frau? Es würde ihn auf der Stelle zerreißen! Unvorstellbar! Es konnte nicht sein, dass Maria-Stella picklige Gymnasiasten anstatt reiche Verehrer mit fetten Kisten bevorzugte. Wieso sollte sich eine Maria-Stella für einen globetrotteligen Spinner wie ihn entscheiden, einen Halbtürken dazu, den Geld nicht interessierte und der sich Steine schickte?


Er schüttelte den Kopf. Das ergab alles keinen Sinn. Beatrice konnte nicht Maria-Stella sein und dennoch lächelte ihn die Frau, die er liebte als Fremde in einem Video an.


Er griff zum Telefonhörer und wählte 0049 für Deutschland, dann 0761 für Freiburg und zögerte. Was würde passieren, wenn der Mann, der gestern noch mit ihr geschlafen hatte, ihr vorwarf, nicht die zu sein, die sie vorgab? Er drückte den Hörer so fest, dass das Weiße auf seinen Knöcheln hervortrat.


Langsam wählte er die Nummer zu Ende, lehnte sich zurück und lauschte dem Tuten in der Leitung.


Nach dem fünften Tuten ergriff ihn Verzweiflung. Ihm fiel ein, dass Beatrice noch in der Schule war; die Nummer der Schule kannte er nicht und sie herauszusuchen bedeutete Zeit zu verlieren. Nach dem sechsten Tuten schaltete sich der Anrufbeantworter ein. Er wollte schon frustriert auflegen, als sich die abgehetzte Stimme Beatrices meldete.


„Gott sei Dank!“, entfuhr es ihm.


„Du hast Glück gehabt. Im Treppenhaus habe ich das Klingeln gehört. Ich bin gerannt, weil ich so ein Gefühl hatte, dass du es sein könntest.“


Tobias antwortete nicht.


„Müsstest du nicht schon längst in London sein?“, fragte sie besorgt.


Tobias wusste, dass sich in diesem Moment eine Sorgenfalte auf ihrer Stirn gebildet hatte, so nah schien ihr Gesicht. „Ich bin schon längst angekommen, kein Problem“, sagte er matt. „Beatrice, hör mir gut zu, es bleibt wenig Zeit! Ich habe dir per Mail ein paar Fotos geschickt. Sieh sie dir bitte an und sag mir, was du davon hältst.“


Er hörte das Rascheln ihres Kleides in der Leitung, als sie wortlos zum Computer ging.


Tobias biss sich auf die Lippen. Er hätte ihr die Fotos persönlich geben sollen. Sie hätte wenigstens die Chance haben müssen, in sein Gesicht zu sehen. Aber Brown hatte ihm keine Zeit gelassen. Er lauschte dem Summen des hochfahrenden Computers und dem schnellen Klicken der Mouse.


„Was ist an den Fotos so wichtig, dass du sie mir unbedingt jetzt zeigen musst?“, fragte sie.


Tobias schloss die Augen.


„Es ehrt mich wirklich, dass ich dir mit meiner besonderen Beobachtungsgabe weiterhelfen kann“, witzelte sie.


„Das hoffe ich!“


Eine ganze Weile hörte er nichts außer dem Rauschen der Leitung. Er war kurz davor zu fragen, ob sie noch dran war, beherrschte sich aber. Was dachte Maria-Stella jetzt?


Sag mir, dass du meine Beatrice bist, schrie es in ihm. Versprich mir, dass dein Leben keine Lüge ist!


Aber Gedanken konnte Beatrice (oder Maria-Stella) durch das Telefon nicht hören. Auf einmal packte ihn die Angst, dass sie auflegte und wie eine geplatzte Seifenblase aus seinem Leben verschwand. Er hielt sich verzweifelt den Mund zu, damit er sie nicht bedrängte. Sie sollte als Erste etwas sagen; Maria-Stella sollte reden.


Ihr Atem ging plötzlich stoßweise. Aha, Maria-Stella suchte fieberhaft nach einer Ausrede.


„Tobias“, drang es heiser an sein Ohr. „Hast du das fotografiert? Kannst du mir bitte verraten, wo wir da zusammen waren?“ Sie lachte verlegen. „Es ist mir wirklich peinlich, aber ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass ich mit dir jemals auf einer Jacht war.“


„Vielleicht nicht mit mir, aber vielleicht mir jemand anderem?“, entgegnete Tobias sarkastisch.


„Du meinst doch nicht etwa diesen Fettsack, der den Arm um mich gelegt hat. Du meine Güte!“


„Der Fettsack ist Signor Vittorio Mondadori, ein einflussreicher Richter.“


„Das interessiert mich nicht, Tobias! Ich kenne diesen Mann nicht!“


„Dann bist du also nicht die Person auf dem Foto?“, fragte Tobias scharf.


Aus der Leitung drang ein verächtliches Schnauben. „So leid es mir tut, Tobias, ich wüsste nicht, wer sonst außer mir mit meinem Gesicht herumläuft. Trotzdem kenne ich diesen Mann nicht. Ich war noch nie im Leben auf so einer Jacht. Auch kann ich mich nicht daran erinnern, jemals so einen peinlichen Sonnenhut auf dem Kopf gehabt zu haben. Soweit ich weiß, leide ich nicht unter Gedächtnisschwund.“


„Und wie erklärst du dir das alles?“


„Frag diesen Juristen und nicht mich, der wird dir sicher gerne behilflich sein“, erwiderte sie gereizt.


„Signor Mondadori behauptet, die junge Frau auf dem Foto sei seine verschollene Tochter. Die GSE-Company hat den Auftrag sie zu suchen“, sagte Tobias kalt.


Beatrice brach in ein schrilles Lachen aus, das schlagartig erstarb. „Das ist eine Fotomontage, Tobias!“, keuchte sie.


„Ich glaube nicht, Beatrice.“


„Aber… Tobias! Ich schwöre dir, dass ich diesen Mann nicht kenne. Ich bin nicht seine Tochter. Das ist doch nicht dein Ernst?“


Es tat ihm leid, dass er sie so vor den Kopf gestoßen hatte. Das Entsetzen in ihrer Stimme jagte ihm einen Schauder über den Rücken. Glaubte er ihr? Konnte er ihr glauben? Spielte sie mit ihm?


„Hör zu, Beatrice! Diese üble Geschichte ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich bin ziemlich durcheinander. Sag mir, was würdest du an meiner Stelle denken? Würdest du mir bedingungslos glauben?“ Er wusste, dass sie fest den Hörer an ihr Ohr gepresst hatte und aus ihren Augen, die starr auf die Fotos fixiert waren, Tränen tropften.


Nach einer halben Ewigkeit räusperte sie sich und sagte leise: „Nein!“


Tobias wäre lieber gewesen, sie hätte ihn angeschrien.


„In knapp drei Stunden fliegen wir nach Neapel zu dem Ehepaar Mondadori. Wenn du dazu bereit bist, sorge ich dafür, dass du nachkommst. Dort wird sich der Spuk klären.“


„Wie stellst du dir das vor? Meine Schüler schreiben diese Woche noch wichtige Klausuren. Ich kann nicht weg!“


„Dann kommst du eben ein paar Tage später nach.“


„Nein!“, fauchte sie. „Diese Leute wollen was von mir und ich nicht von ihnen. Wenn sie mich sehen wollen, sollen sie gefälligst herkommen.“


Es folgte ein lautes Knacken in der Leitung; Beatrice hatte aufgelegt.


Tobias schaute verloren auf den Hörer. Er hatte den Daumen auf der Wiederholtaste. Aber es war besser, Beatrice ihrer Wut zu überlassen. Wie konnte er sie trösten, wenn er ihr nicht glaubte?


 


*



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