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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Wespenhaus, Corina Vogtländer
Corina Vogtländer

Wespenhaus


Der äußere Schein trügt

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Wie unter einer schweren Dunstglocke liegt die Innenstadt, als Nico Hegner seine heimelige Wohnung verlässt. Er zieht den Reißverschluss seiner mit Lammfell gefütterten Lederjacke an der Haustür straff zu. Das Garagentor gegenüber den Grünanlagen, umgeben vom dürren Gezweig der blätterlosen Bäume und Hecken, öffnet sich. Er steigt in sein Auto und fährt langsam rückwärts heraus. Das reizvolle Panorama des Stadtteils Oberer Bahnhof ist vollkommen im Wolkenschlick versunken, als er die Anlieger-Kreuzung erreicht. Er beobachtet eine Frau, die gerade das Ampelsignal gedrückt hat. Leichter Nieselregen gepaart mit klammer Kälte perlt ihr ins Gesicht, als sie bei Grün über den schlüpfrigen Fußgängerweg huscht.


Während der Weiterfahrt wird sein Blick auf vertraute Gebäude durch wabernde Nebelschleier stark eingeschränkt. Es scheint, als sei die Welt danach zu Ende. Die Lichter hinter den Fenstern der Häuserzeilen links und rechts der menschenleeren Straßen funkeln wie Glühwürmchen. Die dort lebenden Familien sitzen bestimmt vorm Fernseher, vermutet er. Ihren schweren Rucksack der Zukunftsangst haben sie vorübergehend vor der Flurtür abgestellt. Die Hängematte ihrer sozialen Sicherheit ist oftmals in vielen Bereichen gerissen und das macht sich auf deren Gesichtern bemerkbar: Selten sieht man ein Lächeln darin. Es ist der allwöchentliche Kampf um den Arbeitsplatz, der sie um ihre Existenz bangen lässt.


Nico ist in dieser frühen Abendstunde auf dem Weg zu einem Mitarbeiter der Werbeagentur. Vergessen der Stress vergangener Wochen, freut er sich auf die bevorstehende Hausparty im Kollegenkreis. Sie wollen den neuen Vertragsabschluss gebührend feiern. Sein Tritt aufs Gaspedal treibt ihn in Hochstimmung voran. Sicher ist das kalte Buffet angerichtet und die Häppchen schmecken wie meistens vorzüglich. Die nächsten Stunden lassen wir die Puppen tanzen, denkt er. Aus seinem Autoradio tönt in voller Lautstärke „Sexbomb“. Mit tiefen Bass, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, da müsste er aus einem bestimmten Grund in seine Rolle schlüpfen, um gewissen Konfrontationen auszuweichen - nicht immer, denn er ist auch nur ein Mann – singt er aus voller Kehle mit zu Tom Jones Megahit.


Er schaltet einen Gang zurück, biegt im perfekten Bogen in die ansteigende Kurve, direkt auf die Hauptverkehrsader der Metropole, mit integrierten Gleisnetzen der Straßenbahn. Bei diesen Wetterbedingungen ist besondere Aufmerksamkeit an den Halteinseln notwendig. Außerdem reizt es ihn, dem Raser im Wagen mit der bulligen Front, ein besessener Linksblinker, die Harke zuzeigen. Seit einer Weile provoziert er Nico mit seiner aufdringlichen Lichthupe schneller zu fahren. Seine Sprache ist wohl der Bleifuß und den benutzt er als Ventil für seine Aggressionen. Mitten in der Stadt, geht’s noch! Nicos Augen wechseln genervt zwischen Rück- und Seitenspiegel hin und her. Er erreicht das Ende des Wohnbezirkes Haselbrunn. Hier hat die Tram rechts von der Autostraße ihr Schienen-Terrain. Aus weiter Ferne nähert sich rasant ein heller Punkt, gleißende Lichter einer entgegenkommenden Bahn. Sie erhellen sekundenlang die bizarre Dampfsuppe wie ein Meteor.


Verflixt! Dieser Verkehrsrambo hängt weiterhin wie eine lästige Klette an seiner hinteren Stoßstange. Was will der aufdringliche Typ von ihm? Ihn absichtlich rammen? Nico fühlt sich als Verfolgter. Das erzeugt bei ihm Unbehagen und er beißt sich auf die Unterlippe. Seine Situation wird immer bedenklicher und hinter den Stirnlappen glüht sein rotes Lämpchen: Vorsicht!


Sitzt ein Geistesgestörter am Steuer? Ist er etwa angetrunken? überlegt er ärgerlich. Im nächsten Moment überholt ihn der kackfreche Drängler im Wagen mit den dunklen Seitenstreifen, rast mit Karacho am Ortsteil Schöpsdreh vorbei und prescht über die Fernverkehrsstraße davon. Nico atmet erleichtert auf.


Plötzlich sieht er grelles Scheinwerferlicht aufflackern, als ein Pkw hinter ihm unerwartet, trotz weißer Mittellinie, zum Überholen ausschert. Mit hoher Geschwindigkeit rauscht das dunkle Gefährt an seine Fahrerseite. Es kracht. Reifen quietschen. Ein ungewöhnliches Geräusch jagt das andere. Die Räder verweigern Nicos überstürzte Lenkmanöver. Er kommt von der rechten Straßenseite ab und rutscht über den nassen Asphalt. Sein Gesicht verzerrt sich und die Hände verkrampfen sich am Lenkrad. Es ist, als würde er in einem Karussell sitzen. Sein Auto dreht sich mit erstaunlichem Tempo einmal um die eigene Achse, knattert mit voller Wucht in eine Leitplanke und schleudert auf die linke glitschige Fahrspur. Nico nimmt mit weit aufgerissenen Augen wahr, wie sich seine Motorhaube gespenstisch öffnet und ihm der Gurt die Luft abschnürt. Ein Schrei des Schmerzes löst sich aus seiner trockenen Kehle. Der Grashang wird zur Sprungschanze. Dann donnert sein Fahrzeug die Böschung hinab. Aus! Stille! Nur Regentropfen sticheln leise auf das Autowrack.


 


Hey Kevin“, ruft ihm Marc Knittel winkend vom schmalen Rinnstein im schwachen Schein der Straßenlaterne zu.


„N’ Abend“, begrüßt er seinen Freund und stellt seine Schwalbe, das aufgemotzte Kultmoped aus DDR-Zeiten, vor der Bordsteinkante ab. Trotz vorgerückter Stunde pulsiert am Stadtrand das Leben. Frauen und Männer jeden Alters lungern hier zwischen Nadelbäumen und immergrünen Sträuchern herum. Wenn Autos vorbeikommen, treten sie im diffusen Licht der Alleebeleuchtung ein paar Schritte hervor, öffnen ihre Jacken oder Mäntel und entfalten ihre körperlichen Reize. Immer bereit für eine schnelle Nummer, die ihre Geldbörsen füllt.


„Bist spät Kumpel“, stellt Marc fest und betrachtet erstaunt das zerknirschte Lausbubengesicht seines Gegenübers. „Schaust ja drein wie ein verschütteter Milchshake. Wo drückt der Schuh?“


„Nirgends und überall. An diesem verflixten Standort kommt selbst der Verkehr nach dem Erliegen nicht zum Stillstand“, schnurrt Kevin Lachen mürrisch. „Habe Null Bock auf diese frivolen Spiele: Lottern im Freien.“ Er zieht eine abfällige Flunsch.


„Ojemine! Bock, wie treffend. Aber bitte nicht dein Dauerwehklagen. Die ganze Welt hat sich gegen uns arme Kids aus mittellosen Familienverhältnissen verschworen. Emotionsgetränktes Gesülze bringt uns Nullkommanichts. Nie ist ein Tag in unserem jungen Leben sinnlos, solange du nicht den Mut verlierst. Das müssen wir durchziehen. Ohne Moos ist eben nix los.“


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