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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Wer suchet, der findet, Werner Pfeil
Werner Pfeil

Wer suchet, der findet


Senne Krimi

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Mittwoch 30. September
»Wer auf Rache aus ist, grabe zwei Gräber«. Aus China
Holger hatte schlecht geschlafen. Zu sehr hatten ihn die Erinnerungen an Agon, die graue Halle an Schlotmanns Teich in Hövelhof und vor allem das Wiedererkennen dieses Typen, der durch Zufall auf ein Bild seines Freundes Fred auf Zypern geraten war, erschüttert. Entsprechend hatte Schwester Anne im Verlauf ihrer Nachtschicht nach ihm gesehen, hatte ihm den Schweiß von der Stirn getupft und versprach am frühen Morgen mit ihm einen Spaziergang zu machen. Etwas unüblich, denn diesen Job übernahm eigentlich immer die Frühschicht, aber Anne hatte diesen Mann, der Schreckliches erlebt hatte, von Beginn seiner Genesung an begleitet und ein vertrautes Band geknüpft. Ab und an beschlich ihn ein Gefühl, dass sie sich in ihn verliebt haben könnte, verwarf jedoch diese Gedanken sofort, denn schließlich war sie verheiratet … wenn auch nicht gerade glücklich.
Es war kalt, und ein dünner Nebelschleier lag über Paderborn, so dass man die Türme des Doms nur ahnen konnte. Sicherlich einer von vielen Gründen, im warmen Bett liegenzubleiben aber das tat er nun seit Wochen und war dankbar um jede Minute an der frischen Luft. Er fand es ausgesprochen toll, dass sich Schwester Anne bereiterklärt hatte, mit ihm eine Runde zu drehen. Er genoss ihre Nähe, wann immer sie zur Ergotherapie in sein Zimmer kam oder nur so reinschaute. Ein Lichtblick am Tag, die Fahrt im Rollstuhl … auch wenn er die Strecke bereits in- und auswendig kannte. Er hoffte, sie eines Tages einmal auf eigenen Beinen laufend, zu absolvieren.
Er fühlte die Kühle des Morgens, war froh darüber und sog die kalte Luft ein. Er spürte jeden seiner Atemzüge und schaute Anne dankbar an. Der Rolli holperte etwas, als sie von der Heierstraße ins Domgässchen abbogen. Er nutzte die Gelegenheit, um den Kopf nach hinten, an ihre Arme zu legen. Bisweilen und dann nur kurz, aber es hatte etwas Vertrautes. Es tat ihm gut und sie ließ es zu. Hier war es noch etwas kälter, denn die dicken Mauern in dieser engen Schlucht, wie er sie immer bezeichnete, gaben ihre Kälte auch
an sie ab. Von hier war es nur ein kurzes Stück bis zur kleinen, grünen Lunge inmitten der Domstadt.
Sein Kreislauf kam in Schwung, weil er mit den Händen die beiden Räder antrieb, um Anne ein wenig zu entlasten. Noch fehlte ihm die Kraft sich allein vorwärts zu bewegen, aber das war nur eine Frage der Zeit und des Trainings … da war er sich sicher. Der Wille war da. Es gab für ihn noch Dinge, die alles lebenswert erscheinen ließen. Anne gehörte dazu. Er atmete kräftig ein und aus. Vorbei am Konrad-Martin-Haus erreichten sie den kleinen Teich, der aus unterirdischen Quellen des kürzesten Flusses Deutschlands, der Pader, gespeist wird. Enten hatten sich unter die niederen Büsche zum Schlaf abgelegt und schnatterten schimpfend vor sich hin, bevor sie durch die frühen Spaziergänger gestört ins Wasser glitten und davon schwammen. Sie umrundeten die Stadtbibliothek, fuhren parallel zur Pader, die hier schon etwas breiter war und in zwei Flussarmen ihren Weg nahm. Hier am Michaelskloster oder auch bei den Mikels, wie jüngere Paderborner zu sagen pflegen, hatte Anne ihr Abi gebaut, so wie sie ihm bei einem ihrer ersten Spaziergänge berichtete. Ihr weit entferntester Punkt zum Krankenhaus war immer die Ecke zur Mühlenstraße, so auch heute.
Auf der gegenüberliegenden Seite parkte ein Fahrzeug mit laufendem Motor. Es kam schon mal vor, dass die Kneipen in der Mühlenstraße bis in die frühen Morgenstunden Gäste hatten, trotzdem erschien es Holger an diesem Tag ungewöhnlich. Gerade als sie zwischen den beiden Paderarmen auf der Brücke waren, schoss der Wagen vorwärts.
Er schrie noch auf, aber dann wurde der Rollstuhl erfasst und über die kleine Brüstung geschleudert. Er spürte den Aufschlag in der kalten Pader. Sofort zog es ihn nach unten und gleichzeitig mit dem Sog nach vorn, aber etwas in ihm schien aus den letzten Wochen gestärkt hervorgegangen zu sein. Noch vor ein paar Tagen wäre er einfach ertrunken, aber nun machte sein Lebenswille einen Strich durch die Rechnung dessen, der diesen Unfall herbeigeführt hatte.
Er nahm alle seine Kräfte zusammen, drückte sich mit den Armen vom Grund ab und bekam einige Schwimmpflanzen zu fassen, an denen er sich bis zum Ufer zog. Dort gelang es ihm mit Aufbietung aller Reserven, sich an den glatten, moosbewachsenen Steinen, die den Flusslauf eindämmen sollten, bis an die Straßenbrücke hochzuziehen. Er spürte förmlich, wie die Lungen die
Luft gierig einsogen. Er hatte es geschafft. Mühsam, immer wieder zurückrutschend, gelang es ihm, sich unter der Brücke vorzuarbeiten und letzten Endes bis auf die Straße zu ziehen. Keine fünf Meter weiter lag Anne … in einer stetig größer werdenden Blutlache. Er schrie, und später würde er nicht mehr wissen, was er geschrien hatte. Es reichte aber aus, dass ein Angestellter, der in einem nahegelegenen Café das Frühstücksgeschäft vorbereitete, aufmerksam wurde und die Notrufnummer aktivierte.


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