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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Wer keine Grenzen kennt, Dania Dicken
Dania Dicken

Wer keine Grenzen kennt


Libby Whitman 18

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Prolog


 


„Du hast es selbst in der Hand. Ich kann sofort aufhören. Du musst mir nur sagen, wo sie ist.“ 


Hasserfüllt blickte Jason zu Mike auf, der mit seinem Gesicht genau vor ihm war und ihn geradezu herausfordernd ansah. Sein Blick ging durch einen rötlichen Schleier, der von dem Blut herrührte, das ihm ins Auge getropft war. Mit jedem Herzschlag pulsierte auch der Schmerz in seinem Körper. Im Mund hatte er den metallischen Geschmack von Blut, seine Zunge tastete ganz automatisch nach den Zähnen, die Mike ihm vor weniger als zehn Minuten ausgeschlagen hatte. 


„Vergiss es“, erwiderte Jason und spuckte Mike vor die Füße – einerseits, um seine Verachtung zum Ausdruck zu bringen, andererseits, um den Blutgeschmack im Mund loszuwerden. Er gab vor, nicht darauf zu achten, was Mike tat, aber er sah es im Augenwinkel. Mike bog erneut einen seiner Finger nach oben und Jason hielt die Luft an, um sich auf den Schmerz vorzubereiten. Er explodierte förmlich, als er das Brechen seiner Fingergelenke spürte, und es gelang ihm nicht ganz, einen Schmerzensschrei zu unterdrücken. Keuchend biss er die Zähne zusammen und schloss kurz die Augen. 


„Warum ist die kleine Schlampe dir so wichtig? Es geht hier um die Leben unschuldiger Amerikaner! Das kann dir unmöglich wichtiger sein. Wann hast du angefangen, deine Mission zu verraten?“, redete Mike auf ihn ein. 


Jason öffnete die Augen wieder und rang nach Luft. „Wann hast du damit angefangen?“ 


Nun schnaubte Mike verächtlich. „Stehst du auf sie?“ 


„Nein. Ich habe nur einfach moralische Grundsätze. Im Gegensatz zu dir.“ 


„Jetzt blas dich nicht so auf.“ Mike wandte sich ab und ging zu dem Tisch schräg hinter Jason. Um sich unerschütterlich zu geben, drehte Jason sich nicht um. Insgeheim betete er, dass Mike ihn nicht wieder mit Elektroschocks malträtierte. Seine Muskeln brannten jetzt noch. Sein gesamter Brustkorb schmerzte bei jedem Atemzug, aber das konnte auch von seinen Rippen herrühren. Die waren mindestens geprellt, wenn nicht sogar gebrochen. Dafür hatte Mike gesorgt, als Jason nackt und gefesselt auf dem Boden gelegen hatte. Mike hatte ihn getreten, als Jason noch die Kapuze über dem Kopf gehabt hatte, die Mike ihm fürs Waterboarding übergezogen hatte. Auch mit eiskaltem Wasser aus einem dicken Feuerwehrschlauch hatte er ihn abgeduscht. Er fror immer noch, ließ es sich aber nicht anmerken. 


Er würde nicht reden. Aus Prinzip nicht. Er konnte nicht fassen, dass Mike so korrupt und skrupellos war und keinerlei moralische Grundsätze mehr kannte. Das hatte er schon nicht begriffen, als Mike ihn hatte zwingen wollen, alles zu verraten, woran er glaubte. Aber dass er jetzt sogar noch einen Schritt weiterging ... 


„An deiner Stelle würde ich reden“, sagte Mike drohend von hinten. „Sie ist es nicht wert.“ 


„Und das bestimmst du?“, schnaubte Jason. Es machte ihn nervös, Mike nicht sehen zu können, aber er konnte es nicht ändern. Seine Hände waren an das harte Metallgestell gefesselt, das die Bezeichnung Stuhl nicht verdiente, und auch seine Füße waren festgebunden. Er konnte sich überhaupt nicht wehren. 


Und das hätte er ihr antun sollen? 


„Wo hast du sie versteckt?“, bohrte Mike weiter nach. Jason hörte, dass er mit irgendwas hinter seinem Rücken hantierte. 


„Finde es doch selbst heraus“, schnaubte Jason und spuckte erneut Blut auf den Boden. 


„Du wirst es mir nicht sagen, oder?“ 


„Nein, werde ich nicht. Warum sollte ich? Sie weiß nichts.“ 


„Wie kannst du sicher sein?“ 


„Sie hat es mir gesagt.“ 


Mike schnaubte verächtlich. „Natürlich ... und weil sie so schöne blaue Augen hat, hast du ihr geglaubt.“ 


„Du kannst mich mal, Mike.“ 


„Ich weiß.“ 


Plötzlich sah Jason, wie eine schnelle Bewegung vor seinen Augen verwischte. Dass es eine Schlinge war, verstand er erst, als sie sich um seinen Hals zuzog. Er hatte gar nicht gehört, wie Mike sich ihm von hinten genähert hatte. 


Panisch schnappte er nach Luft, aber er konnte nicht atmen. Mike schnürte ihm buchstäblich die Luft ab. Jason wand sich in seinen Fesseln, konnte aber nichts tun. 


„Letzte Chance“, sagte Mike drohend. „Du willst doch nicht für die kleine Schlampe sterben?“ 


Doch es dauerte noch einige qualvolle Sekunden, bis er wieder locker ließ und Jason erlöst nach Luft schnappen konnte. Er hustete, sein Atem ging rasselnd und pfeifend. 


„Komm schon, erspar mir das. Ich will dich nicht töten müssen“, sagte Mike. 


Jason hätte am liebsten laut gelacht. Er wusste jetzt, dass er das nicht überleben würde. Das konnte Mike gar nicht mehr riskieren. 


„Wo hast du sie versteckt?“, fragte Mike erneut und zog die Schlinge währenddessen leicht zu. 


Angestrengt schnappte Jason nach Luft. „Du tötest mich sowieso.“ 


„Muss ich ja jetzt“, erwiderte Mike und schloss die Schlinge um Jasons Hals. 


Samstag, 25. Mai


 


„Da seid ihr ja! Kommt rein, meine Familie ist auch schon da“, verkündete Julie aufgeregt, gleich nachdem sie die Haustür geöffnet hatte.


„Moment“, sagte Libby und machte Anstalten, Julie umarmen zu wollen. „Happy Birthday, Jules.“ 


Julie grinste bis über beide Ohren und ließ sich nacheinander von Libby und Owen umarmen und beglückwünschen. „Danke, ihr beiden. Es ist schön, dass ihr da seid.“ 


Gemeinsam folgten sie Julie durchs Haus und in den Garten. Libby trug das Geschenk für Julie, Owen schleppte die Babyschale mit Gracie hinterher. Im Vorbeigehen streifte Libbys Blick Salatschalen und Teller in der Küche, auf der Terrasse hießen sie Luftballons und Girlanden willkommen. Aus einer Ecke drang Kyles Fluchen an ihre Ohren, der gestresst am Grill herumhantierte. Vor ihm standen überall auf der Terrasse verteilt die ersten von Julies Geburtstagsgästen. 


Ihre ganze Verwandtschaft aus England war gekommen, denn Julie wurde an diesem Tag dreißig Jahre alt. Außerdem hatten sie ein langes Wochenende, denn am Montag war Memorial Day. Die perfekte Gelegenheit für eine ausgelassene Geburtstagsfeier, auf die Julie sich schon seit Wochen gefreut hatte. 


„Wie schön, euch zu sehen!“, wurden Libby und Owen gleich von Julies Mutter Andrea begrüßt. „Und diesmal ist der Anlass ja auch ein freudiger.“ 


Libby grinste. Sie hatte Andrea zuletzt gesehen, als Julie nach der Attacke von Nazario Morales Otero halbtot im Krankenhaus gelegen hatte – etwas, woran sie nicht sonderlich gern zurückdachte. 


„Und da ist ja die neue Erdenbürgerin ... so ein hübsches Kind! Sieh mal, Greg.“ Andrea blickte zu ihrem Mann auf, der Gracie ebenfalls wohlwollend musterte und lächelte. 


„Herzlichen Glückwunsch, ihr beiden. Eure Tochter ist euch aber ausnehmend gut gelungen!“ 


„Danke“, erwiderte Owen grinsend. 


„Ich bin mal gespannt, wann wir in den Genuss der Großelternschaft kommen ...“ murmelte er mit einem kritischen Seitenblick zu seiner Tochter, die gerade bei Kyle war. 


„Jetzt lass sie schon in Ruhe, das geht uns überhaupt nichts an“, erinnerte Andrea ihn mit gespielter Strenge. Zum Glück hatte Julie nichts gehört. 


„Hey!“, begrüßte Emma Libby und Owen fröhlich und umarmte die beiden. 


„Du tust ja gerade so, als hättest du uns ewig nicht gesehen“, erwiderte Libby grinsend. 


„Komm, das Frühstück ist schon eine ganze Weile her“, sagte Emma belustigt. Sie stand bei ihren Eltern und ihrem Bruder Rob, die diesmal auch die Reise in die Staaten angetreten hatten. Libby hatte die Familie bei Julies Hochzeit kennengelernt und schüttelte Emmas Vater Jack, ihrer Mutter Rachel und Rob nacheinander die Hände. 


„Schön, dass wir uns wiedersehen“, sagte Jack. „Emma schwärmt in den höchsten Tönen von euch.“ 


„Und das, wo sie doch nicht bloß unser Kind an der Backe hat, sondern auch noch mich“, sagte Owen und seufzte. 


„Das war ja nun überhaupt nicht eingeplant. Aber wir alle waren sehr froh, zu hören, dass nichts Ernsteres passiert ist“, sagte Rachel. 


„Wie geht es dir denn?“, erkundigte Greg sich, der dazugestoßen war. 


„Ach, es geht täglich bergauf. Anfang des Monats habe ich auch die Ausbildung an der FBI Academy wieder aufgenommen – mit dem Sportprogramm muss ich sehen, wie ich das hinbekomme. Zum Glück ist man dort sehr verständnisvoll“, berichtete Owen. 


„Waren sie bei mir ja auch“, warf Libby ein. 


„Du bist damals aber auch angeschossen worden, weil sie dich nach Utah geschickt haben. Bei mir lagen die Dinge ja etwas anders.“ 


„Trotzdem haben wir einen echten Schrecken bekommen, als Emma anrief und uns erzählte, was passiert ist. Das sind ja Dinge, mit denen wir uns in England nicht so sehr konfrontiert sehen wie die Menschen hier“, sagte Rachel. 


„Was, Waffengewalt?“, fragte Libby. „Kein Wunder. Es gibt Statistiken, die schätzen, dass die Hälfte der Amerikaner mindestens einmal in ihrem Leben in eine Situation geraten, in der sie mit Waffengewalt konfrontiert werden. Das bleibt auch nicht aus, wenn Waffen so leicht erhältlich sind wie hier in den USA.“ 


„Also siehst du das eher kritisch?“, fragte Greg. 


„Schon, ja. Ich gebe zu, ich trage meine ja aus Gewohnheit so ziemlich überall – verdeckt, versteht sich, aber ich bin in meinem Leben schon in genug Situationen geraten, in denen es sich bezahlt gemacht hätte, bewaffnet zu sein. In diesem Moment war das auch so. Ich weiß nicht, ob ich Owen hätte retten können, wenn ich nicht bewaffnet gewesen wäre.“ 


„In solchen Momenten frage ich mich ja schon, ob es richtig war, dass du hergekommen bist“, sagte Jack mit Blick auf Emma. 


„Dad, ich bin erwachsen. Ich komme schon klar. Libby und Owen sind super und ich fühle mich total sicher bei ihnen.“


„Wenn nicht bei den beiden, wo sonst?“, sagte Rachel und lächelte. Entzückt nahm sie Gracie in Augenschein und beglückwünschte die Owen und Libby ebenfalls. 


„Wir werden ja noch ein bisschen warten müssen“, sagte sie und seufzte. 


„Mum“, sagte Emma streng und verdrehte die Augen. „Darf ich bitte erst mal ein bisschen Berufserfahrung sammeln?“ 


„Darfst und sollst du“, sagte Jack. „Und Rob hat sowieso noch Zeit.“ 


„Ich studiere ja auch noch“, gab Emmas jüngerer Bruder zu bedenken.


„Eben. Alles zu seiner Zeit.“ 


Owen hob Gracie aus der Babyschale und setzte sie auf seinen Arm. Das kleine Mädchen schaute sich neugierig um und war besonders fasziniert von den vielen Luftballons. 


„Na endlich“, sagte Kyle, der sich inzwischen vom Grill gelöst hatte und zu ihnen gekommen war. „Das war ein harter Kampf, aber gleich kann ich Fleisch auf den Grill legen.“ 


Als Julie in die Küche huschen wollte, folgte Libby ihr ins Haus und stellte das Geschenk auf den Esstisch, wo schon weitere hübsch verpackte Präsente standen. 


„Kann ich dir irgendwie helfen?“, erkundigte sie sich. 


„Nimm irgendwas mit raus, was hier rumsteht“, sagte Julie. „Kyle ist entnervt, weil die Kohle nichts taugt. Vorhin haben Onkel Jack und Rob an der Tankstelle noch neue geholt, die ist besser. Ich bin total gestresst!“


„Dabei ist doch heute dein Ehrentag“, sagte Libby. 


„Du kennst mich. Ich bin eine Perfektionistin. Meine ganze Familie ist hier, ich will, dass sie es schön haben. Und da kann ich schlechte Kohle echt nicht brauchen!“ 


Libby lachte. „Kann ich dir sonst irgendwie helfen?“ 


Julie schüttelte den Kopf. „Nein, es ist völlig ausreichend, dass ihr da seid. Das ...“ 


Sie wurde von der Haustürklingel unterbrochen und verdrehte die Augen. 


„Ich gehe schon“, bot Libby an und Julie lächelte. 


„Danke. Du bist die Beste.“ 


Libby erwiderte das Lächeln und ging zur Tür, um Nick und Sheila hereinzulassen. Nick lächelte, als er Libby sah. 


„Hätte ich mir ja denken können, dass du schon hier bist“, sagte er. 


„Dabei sagt man doch, dass Eltern mit kleinen Kindern chronisch unpünktlich sind“, erwiderte Libby und ließ Nick herein. Sie begleitete ihn hindurch in die Küche zu Julie, die seine Glückwünsche freudig entgegennahm, und nacheinander trafen nun auch die übrigen Kollegen aus der BAU ein. Der Grill verrichtete seinen Dienst, wenig später waren die ersten Steaks und Würstchen fertig. Der Gabentisch für Julie hatte sich gut gefüllt, aber sie war noch gar nicht dazu gekommen, sich mit ihren Geschenken zu befassen. Sie war völlig davon vereinnahmt, sich um ihre Gäste zu kümmern, und Libby konnte sich vorstellen, dass es etwas ganz Besonderes für Julie war, jetzt sogar ihre Verwandtschaft aus England um sich zu haben. Es waren alle Menschen gekommen, die ihr wichtig waren. 


Owen und Libby hatten Emma an diesem Wochenende frei gegeben, damit sie die Zeit mit ihrer Familie verbringen konnte. Im Augenblick war sie fast nur zum Schlafen zu Hause, aber für Libby war das selbstverständlich. Am Vorabend waren sie schon gemeinsam mit Emma und ihrer Familie essen gegangen, was Libby sehr gefallen hatte. Gracie hatte einfach im Restaurant auf ihrem Arm geschlafen. 


Schließlich waren alle versorgt und so hatten auch Julie und Kyle es endlich an ihre Plätze geschafft. Libby entging nicht, wie die beiden verstohlene Blicke tauschten, woraufhin Kyle aufstand und sich räusperte. Alle Blicke ruhten gespannt auf ihm. 


„Es ist toll, dass ihr alle gekommen seid! Wir freuen uns sehr darüber, dass wir Julies Ehrentag heute mit euch zusammen feiern können. Einige von euch haben ja auch eine sehr lange Anreise dafür auf sich genommen, wofür wir euch von Herzen danken möchten. Ganz besonders ich, denn ich bin der Grund dafür.“ Er grinste breit und alle lachten. 


„Es ist jetzt vier Jahre her, dass ich Jules kennengelernt habe, und wir sind seit drei Jahren verheiratet. Eigentlich ist das noch gar nicht so lang, aber es liegt bereits eine turbulente und nicht immer einfache Zeit hinter uns. Ich werde meiner Frau nie vergessen, was sie alles aufgegeben hat, um bei mir sein zu können, und ich weiß, dass ich dieses Geschenk auch nicht immer ausreichend gewürdigt habe. Das tut mir noch immer leid, aber letztlich war unsere Liebe stärker und ich bin froh und dankbar, jede Nacht neben Julie einzuschlafen und jeden Morgen neben ihr aufzuwachen.“


Kyle bedachte seine Frau mit einem liebevollen Blick, wie Libby ihn nie zuvor bei ihm bemerkt hatte. Jack setzte schon zu einem Applaus an, bis er merkte, dass Kyle noch nicht fertig war. 


„Ich bin wahnsinnig stolz auf meine kluge und immer witzige Frau, die genau weiß, was sie will. Das ist etwas Gutes. Mit Jules wird es niemals langweilig, obwohl ich auch einen entspannten Sonntagabend auf dem Sofa sehr zu schätzen weiß. Unsere Jobs beim FBI sind fordernd genug – und trotzdem waren wir beide der Meinung, dass es jetzt an der Zeit für etwas Neues ist.“ 


Als die beiden erneut verschwörerische Blicke tauschten, beschlich Libby ein Verdacht, den sie gleich wieder verwarf. Das konnte nicht sein. Davon hätte sie gewusst. 


„Wir hätten selbst nicht damit gerechnet, dass wir euch heute davon erzählen können, und wir waren auch erst nicht sicher, ob wir es tun sollen, aber dann haben wir uns doch dafür entschieden. Vielleicht ahnt der eine oder andere es längst“, sagte Kyle, während Julie mit einem verlegenen Grinsen aufstand. Auf Andreas Gesicht zeichnete sich freudige Erkenntnis ab. 


„Wir werden Eltern“, ließ Kyle endlich die Bombe platzen und küsste Julie unter dem lauten Applaus der Gäste. 


Libby war mehr als überrascht. Sie hatte keine Ahnung gehabt. Überhaupt keine. Zwar war ihr der verzückte Blick aufgefallen, mit dem Julie Gracie anfangs gemustert hatte, aber gleichzeitig hatte sie sich dagegen verwahrt, jetzt selbst ein Kind zu wollen. 


Greg und Andrea standen auf und umarmten ihre Tochter nacheinander. Julie war vor Aufregung ganz rot im Gesicht und hatte Freudentränen in den Augen. 


„Glückwunsch“, rief Owen ihnen zu. 


„Von mir auch“, sagte Nick. „Und wann ist es so weit?“ 


„Ende Januar“, erwiderte Julie. „Es ist also noch viel Zeit.“ 


„Dann wisst ihr es ja wirklich gerade erst“, stellte Rachel fest. 


„Ja, seit fünf Tagen“, sagte Kyle und lachte. „Wir waren wirklich nicht sicher, ob wir es schon verkünden sollen, aber wie sagt man so schön: Wir sind guter Hoffnung.“ 


„So soll das auch sein“, sagte Andrea. „Ist das aufregend! Ich freue mich so für euch.“ 


„Wohl eher für uns“, sagte Greg und provozierte damit einige Lacher. Nun standen Familie und Kollegen doch nacheinander auf und beglückwünschten Julie und Kyle mit einer Umarmung. 


„Ich freue mich für dich“, raunte Libby Julie zu, die erfreut lächelte. Als die allgemeine Aufregung sich wieder gelegt hatte, setzten sie sich und fuhren mit dem Essen fort. 


„Wusstest du davon?“, fragte Owen seine Frau leise und sie schüttelte den Kopf. 


„Ich hatte keine Ahnung.“


„Das kommt jetzt wirklich überraschend.“ 


Das fand Libby auch. Nach dem Essen half sie Julie und Emma dabei, das Geschirr in die Küche zu bringen und räumte mit Julie die Spülmaschine ein. 


„Toll, dass ihr jetzt auch Eltern werdet“, sagte Libby, als die beiden allein waren. 


Julie stellte einen Teller ab und richtete sich auf. „Das kam schneller, als ich es selbst für möglich gehalten habe.“


Libby lächelte. „Ist doch schön.“ 


„Bist du sauer, weil ich nichts gesagt habe?“ 


„Nein, warum? Ich bin nur überrascht, weil ich noch nicht damit gerechnet hätte. Eigentlich wolltet ihr doch noch warten ... oder nicht?“ 


„Dachte ich, ja. Aber ich muss ehrlich zugeben, dass es mich beschäftigt hat, dich schwanger zu sehen. Du bist meine beste Freundin, ich habe das hautnah miterlebt. Und auch, wenn ich nicht deine Vorgeschichte habe, so fand ich den Gedanken an eine Geburt immer beängstigend – bis ich gesehen habe, wie gut du das gemeistert hast. Und bis ich deine wunderschöne Tochter gesehen habe ...“ Julie seufzte verträumt und lachte. 


„Ja, das ist mir durchaus aufgefallen“, erwiderte Libby mit einem Augenzwinkern. 


„Da sind echt die Hormone mit mir durchgegangen. Ich habe dann sehr mit mir gerungen, zumal ich gesehen habe, wie schwer du dich anfangs getan hast. Ich hatte Angst, dass es mir auch so gehen könnte. Aber jetzt, wo Emma bei euch ist, läuft es doch toll. Das wäre auch eine Möglichkeit für Kyle und mich.“ 


„Das kann ich mir für euch auch gut vorstellen.“ 


„Na ja ... ich habe das dann mit Kyle besprochen, der dem Ganzen gegenüber aufgeschlossener war, als ich vermutet hätte. Er fand die Idee gut. Und dann ... ich weiß nicht, du hattest kürzlich so viel zu tun, weil Owen doch angeschossen wurde und überhaupt so viel Ärger hatte und alles ... und ich dachte, dass es dich vermutlich ziemlich wenig interessiert, ob Kyle und ich jetzt versuchen, ein Baby zu bekommen.“ 


„Ach was, Jules ... du bist meine beste Freundin! Du kannst mir doch alles sagen.“ 


„Wollte ich auch. Ich hab ja nicht damit gerechnet, dass ... Ich traue mich ja kaum, es zu sagen, aber es hat sofort geklappt. Auf Anhieb. Ich habe die Pille im April abgesetzt und bin sofort schwanger geworden. Das weiß ich zwar erst seit ein paar Tagen, aber ... da hatte ich irgendwie ein schlechtes Gewissen dir gegenüber.“ 


Fragend zog Libby eine Augenbraue hoch. „Im Ernst? Ich bitte dich! Ich habe jetzt mein Baby. Dass das etwas schwieriger war, ist mir inzwischen egal. Daran verschwende ich überhaupt keinen Gedanken mehr. Und nur, weil ich mir da offensichtlich selbst im Weg stand und mich blockiert habe, musst du doch kein schlechtes Gewissen haben, weil du eben Glück hast und es sofort klappt.“ 


Julie seufzte erleichtert und umarmte Libby stürmisch. „Oh Mann, jetzt bin ich froh ... danke. Ich habe mich wirklich verrückt gemacht!“ 


„Ach was, musst du nicht. Wir sind doch Freunde. Egal, worum es geht.“ 


„Du bist die Beste, ehrlich! Dir ist schon klar, dass ich dich jetzt mit Fragen zu Tode löchern werde, ja?“ 


„Klar“, sagte Libby und lachte. „Was immer du wissen willst.“ 


„Ich wollte dich bitten, mir Joans Nummer zu geben“, sagte Julie. „Ich habe nie so darüber nachgedacht, bis das Thema bei dir aufkam, aber ich glaube, ich kann mir auch eine Hausgeburt vorstellen.“ 


„Ist doch toll! Ich würde es immer wieder so machen. Joan war wirklich großartig.“ Mit diesen Worten zückte Libby ihr Handy und schickte Julie die Kontaktdaten ihrer Hebamme in einer Nachricht. 


„Ich freue mich so!“, platzte es plötzlich aus Julie heraus. „Am Montag habe ich gemerkt, dass ich überfällig bin, und ich habe mir gleich einen Test besorgt. Ich dachte sowieso, ich spinne bestimmt – aber er war positiv. Vorgestern war ich bei meiner Ärztin, die so nett war, schon mal einen Ultraschall zu machen und sie hat tatsächlich was gesehen.“ 


Libby lächelte. „Ich weiß, wie aufregend das ist. In zwei, drei Wochen siehst du sogar schon den Herzschlag.“ 


„Darauf freue ich mich so! Das ist wahnsinnig toll.“ 


„Kyle scheint sich ja auch sehr zu freuen.“ 


„Und wie! Das, was er vorhin gesagt hat, meint er auch so. Ich habe jetzt auch das Gefühl, dass unsere Beziehung stark genug ist, um diese Veränderungen auszuhalten. Irgendwie denke ich manchmal, dass unser Start nicht so gut war, aber jetzt kennt jeder von uns seinen Standpunkt und er hat seinen Fehltritt wirklich mehr als wiedergutgemacht. Ich glaube, es ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um einen Schritt weiter zu gehen.“ 


Libby nickte. „Das freut mich sehr. Und du weißt, du kannst mit allem zu mir kommen. Immer.“ 


„Klar doch.“ Julie umarmte Libby und strahlte. „Das ist so aufregend!“ 


„Ja, das ist es wirklich. Ich fand es ziemlich toll, schwanger zu sein.“ 


Julie lächelte und hakte sich bei Libby unter, als sie wieder nach draußen gehen wollten. Nach dieser Offenbarung stand Julie noch mehr im Mittelpunkt als sowieso schon. Es freute Libby, zu sehen, wie glücklich ihre Freundin wirkte. Julie schien nun auch angekommen zu sein. 


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