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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Warum schläfst du nicht?, Claudia Fell
Claudia Fell

Warum schläfst du nicht?


Ein Mystery-Thriller und Action-Abenteuer

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Warum schläfst du nicht?


Ein Mystery-Thriller und Action-Abenteuer


 


Kapitel 1:


Michael hebt die Hand vor sein Gesicht und öffnet die Augen.


Unglaublich, er sieht?:


- nichts. –


Probeweise kneift er die Lider zu und auf – zu und auf: nichts.


Die Hände ausgestreckt tastet Michael um sich: Fühlt er was?


Dreht sich im Kreis: Spürt er was?


Dunkel ist es.


Nein, dunkel trifft es nicht mal annähernd – schwarz schon eher, entscheidet Michael.


Sein Verstand driftet in die Leere hinein, dehnt und breitet sich aus, ähnelt einem Farbtropfen im Wasserglas: Dagegen kämpft er an.


... Und still ist es.


Michael kann nicht den kleinsten Laut hören. Alle Geräusche schweigen.


Und sein Körper?


Probeweise wackelt er mit den Zehen, schaut an sich herab und begreift: Es ist nichts mehr da!


Er hat keine Augen, keine Hände und keine Zehen mehr.


Er ist tot.


 


 


Kapitel 2: Zwei Monate zuvor.


Wie immer frustriert ihn Marias Anblick.


Alles an ihr widerspricht sich: das langärmelige Gouvernantenkleid mit dem viel zu engen Oberteil, die wilden Locken über Augen, die sich jedes Mal unheilvoll zu Schlitzen verengen, wenn man sich nähert. Sie gleicht einem zu Eis erstarrten Vulkan, an dem sich jeder Mann die Finger verbrennen wird. Da ist er mit Thorsten einer Meinung.


Die Aufzugtüren öffnen sich und geben den Blick frei auf den straßenbreiten Gang und auf einen Hubwagen mit Anhänger. Männer in weißen Kitteln hindert sein Team am Aussteigen. Michael zeigt auf den Kernspintomographen.


„Wie Sie sehen, sind noch längst nicht alle Labore eingerichtet. Stören Sie sich nicht an den Malerarbeiten. Bis nächste Woche müssten sie so weit fertig sein. So - wir können. Folgen Sie mir bitte.“


Michael führt die Gruppe den Gang hinunter an größtenteils offen stehenden Türen vorbei. Sie geben den Blick frei auf Untersuchungstische, an denen seziert wird, Bunsenbrenner im Einsatz, Monitore, Krankenbetten und Labore. Kaum einer blickt von seiner Arbeit auf. Michael lotst die Gruppe an einer Leiter vorbei, auf der ein Elektriker inmitten herabhängender Kabel steht und bremst sie in letzter Sekunde vor einer Traube chinesischer Kollegen, die den kompletten Gang bevölkern.


Kurz nach dem Malergerüst stoppt Michael, sie sind da.


„Das wäre dann jetzt unsere Wirkstätte.“


Maria dreht sich lächelnd um, bevor sie schwungvoll die Schutzplane abreißt und die Tür zu den Laboratorien öffnet.


„In diesem Wissenschaftsgebäude sind die Untergeschosse fünf und sechs komplett mit Laboren der Sicherheitsstufe I und II ausgestattet. Zusätzlich verfügen wir hier über eine spezialisierte Gerichtsmedizin und eine medizinische Diagnostikabteilung, welche 24 Stunden am Tag besetzt ist.“


Dieser Labortrakt, tief unter der Erde, wurde erst vor wenigen Wochen fertig gestellt. Alles riecht neu und frisch nach Farbe. Zementstaub wird durch ihre Ankunft aufgewirbelt und rieselt auf die Wissenschaftler herab. Ungeduldig beobachtet Michael die vergeblichen Versuche von Alan Turing, den meterhoch beladenen Wagen durch die Türöffnung zu bugsieren. Er hält die ganze Gruppe auf und blockiert den Eingang zum Labor. Irgendwann hat er genug:


„Alan, ich schlage vor: Sie lassen den Wagen bis nach der Führung stehen.“


Das restliche Team murmelt zustimmend, aber keiner blickt Turing dabei direkt an. Michael bemerkt das und verkneift sich ein Lachen. Er weiß, was sie denken: Turing ist zum Fremdschämen angezogen. Die hautengen Hüfthosen mit Schlag betonen jede Körperrundung - und dazu noch das enge Seidenhemd!


Maria stellt sich schützend vor Alan und wirft der Gruppe einen bösen Blick zu, während sie fürsorglich nach seinem Arm greift. „Keine Sorge, hier kommt uns nichts abhanden. Zu diesem Gebäude haben nur Mitarbeiter der Sicherheitsstufe 5 Zutritt. Wie gefallen Ihnen die Apartments?“


Alans Gesichtsfarbe wechselt von blass zu intensivem Rosa, er rückt die mächtige Brille zurecht.


„Ganz gut. Ich muss schon sagen. Hier in Rub al Kali scheint alles vom Feinsten zu sein.“


Dabei tätschelt er die Decke, die seine Wagenladung schützt, und vermeidet den Blick zu den anderen. „Trotzdem, Sicherheit ist gut, Kontrolle ist besser. Ohne meine Babys hier gehe ich keinen Schritt weiter.“


Michael wendet sich ab, damit Maria nicht sieht, wie sehr er sich beherrschen muss. Unterdrücktes Kichern wird von Marias nächster Frage übertönt. „Was haben Sie denn da mitgebracht?“


Turing, reißt die Augen auf und stemmt eine Hand auf Hüfte, die andere wedelt durch die Luft. „Das meine Liebe, ist der mit Abstand beste Computer der Welt. Von mir höchstpersönlich entwickelt und gebaut.“


Maria nickt verständnisvoll, packt mit an und nach einigem Hin- und Herschieben steht der Wagen im Labor. Drinnen schaut Alan sich um und pfeift anerkennend.


Michael versucht, alles mit seinen Augen zu sehen, aber er kann nichts Besonderes erkennen. Es ist eine kleine Halle mit zehn Arbeitsflächen, die man sowohl als Schreibtisch wie als Labortisch nutzen kann. Vitrinenschränke bedecken die gegenüberliegende Wand, darunter stehen durchgängig erhöhte Arbeitsflächen mit sechs integrierten Waschbecken zur Verfügung. Noch sind die Gerätschaften und Labormaterialien in Kartons verpackt.


„Das ist der Hauptraum, nebenan verfügen wir über ein Konferenzzimmer sowie separate Toiletten und eine kleine Teeküche.“


Während alle sich im Labor umschauen, wendet sich Maria direkt an ihn, die Hände in die Hüften gestützt.


„Kann ich dich kurz sprechen?“ Maria stolziert voraus.


Er ahnt, dass jetzt Vorsicht geboten ist. In dem Rock ist es unmöglich, auch nur den Ansatz einer Figur zu erahnen, trotzdem: Bei jedem Schritt umschließt der Stoff die prallen Backen, und das rhythmisch. Michael nimmt die Verfolgung auf.


Vor dem Ausgang dreht sie sich noch einmal um, verfängt sich in einem der Kabel von Turings Wagen, verliert das Gleichgewicht und stolpert rückwärts. Michael reagiert instinktiv und fängt sie auf.


Weich und anschmiegsam passen sich Marias Rundungen seinem Körper an. Sekundenlang atmet er ihren Duft ein und schließt die Augen. Dann wird ihm klar, was er macht. Abrupt lässt er Maria los.


Sie hastet zur Tür hinaus und wartet dort auf ihn mit verschränkten Armen, die Augen zugekniffen.


„Darf ich dich darauf hinweisen, dass du der Chef des Teams bist und Vorbildcharakter haben solltest?“


Michael amüsiert sich. Es juckt ihn in den Fingern. Wenn Thorsten jetzt hier wäre, würden sie gemeinsam das Feuer in Maria weiter anfachen.


Doch das ist nicht der richtige Zeitpunkt. Im Prinzip hat sie recht. Er leitet dieses Team, und Turing kann ja nichts für sein Aussehen. Abgesehen davon ist er froh, den begabten Netzwerkinformatiker im Projekt zu wissen.


„Schon gut. Frieden?“


Maria wirkt irritiert. Sie ist der großzügigste Mensch den er jemals kennengelernt hat, und so dauert es nicht lange, bis sie ihn freundlich anlächelt und mit geneigtem Kopf zustimmt: „Frieden.“


Es wird Zeit für die offizielle Begrüßung.


Michael lotst die Wissenschaftler in den Besprechungsraum und wartet, bis jeder am runden Tisch Platz genommen hat.


„Natürlich haben wir uns bereits im Vorfeld ausführlich mit jedem Einzelnen ausgetauscht. Dennoch möchte ich Ihnen noch einmal den Zweck und das Ziel dieses Projektes vor Augen führen: Dies ist eine Untersuchungskommission, gegründet im Auftrag der Weltregierung. Unsere Aufgabe ist es, die Ursachen der plötzlich und verstärkt auftretenden Schlafstörungen weltweit zu erforschen und mögliche Gegenmaßnahmen einzuleiten.


Mein Name ist Dr. Michael Winkler. Bevor es unsere Weltregierung gab, habe ich jahrelang gegen den Hunger dieser Welt gekämpft. In meiner Funktion als Minister von MauLes ist es mir und meinen Mitarbeitern gelungen, alle unterentwickelten Länder an den gewünschten Standard anzupassen. Heute gibt es keinen Hunger mehr auf der Welt. Mit der gleichen Entschlusskraft werde ich diese Kommission leiten.


Noch wissen wir zu wenig über den Anstieg und vor allem die Auswirkungen der Schlafstörungen. Ihre erste Aufgabe wird also das Sammeln und Auswerten sämtlicher Zahlen und Fakten zu diesem Thema sein. Ihr Ansprechpartner in Organisationsfragen ist meine Kollegin Maria Helena. Maria, würdest du bitte?“


Maria erhebt sich und blickt lächelnd in die Runde.


„Danke, Dr. Winkler, für die nette Begrüßung. Meine Aufgabe in dieser Kommission ist es, Sie in allem, was Sie benötigen, zu unterstützen. Wenn Sie also Fragen haben oder zusätzliche Geräte und Materialien brauchen, wenden Sie sich bitte an mich. Gut – beginnen wir mit der Vorstellung: Unser Team wird ab heute verstärkt von Dr. dent Dr. med Dormir.“


Maria deutet auf einen Mann älteren Jahrgangs mit vollem, bereits ergrautem Haar. Dormir erhebt sich, - allein seine Größe und Statur beeindrucken - und nickt grüßend in die Runde.


„Es ist mir eine Freude, Teil dieser Kommission zu sein. Falls Sie sich über meine zwei Doktorentitel wundern: Ursprünglich habe ich als Zahnarzt promoviert, dann aber meine große Leidenschaft für die Mysterien des Schlafes entdeckt. Es folgte ein weiteres Studium der Schlafmedizin, und seit mehr als dreißig Jahren erforsche ich dieses Thema ausführlich.“


Maria nickt.


„Dr. Dr. Dormir ist nicht nur die Kapazität auf seinem Gebiet, sondern auch Gründer und Vorsitzender der World Association of Sleep und Hauptinitiator des Weltschlaftages am 15. März.“


Maria stellt als Nächsten in der Runde Dr. Freud vor, einen Mann um die fünfzig. Er ist der Einzige in der Runde, der keinen weißen Kittel trägt, sondern eine dicke Strickjacke mit Knöpfen so groß wie Walnüsse. Freud nickt freundlich, erhebt sich und mustert die Teilnehmer der Reihe nach.


„Mein Name ist Dr. Egmund Freud. Ich begleite Sie auf unserem gemeinsamen Weg mit meinen Kenntnissen der menschlichen Psyche. Ein Weg entsteht, wenn man ihn geht. In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine erfolgreiche Zusammenarbeit.“


Freundlich begrüßt das Team den kleinen, robusten Mann. Professor Stamm wartet nicht auf Marias Aufforderung, streckt den Kopf maulwurfartig nach vorne, steht auf und nickt in die Runde.


„Meine Dame, meine Herren. Mein Name ist Professor Stamm. Mit Freuden habe ich den Ruf dieser Kommission angenommen und verspreche mir für meine Forschungen interessante neue Erkenntnisse, denn der Schlaf ist für uns Neurologen nach wie vor ein Rätsel.“


Freud reißt die Augen auf. „Sind Sie der Stamm? Professor, darf ich Ihnen persönlich zu Ihrem Nobelpreis gratulieren? Auf dem Gebiet der Hirnforschung gibt es niemand, der Ihnen auch nur annähernd das Wasser reichen kann.“


Stamm wehrt ab und setzt sich.


Zum Schluss erhebt sich Alan Turing – er lächelt.


„Hallo zusammen. Alan Turing mein Name. Ich bin hier der Computerspezialist. Anfragen erledige ich sofort, Wunder brauchen etwas länger.“


Maria fordert den Letzten in der Runde auf. Dr. Strontium erhebt sich sofort und winkt mit der linken Hand, die andere streift seine langen Haare nach hinten. Aus dem Kragen seines Kittels blitzen Halsbänder.


„Hallo erst mal. Ich bin hier der Biochemiker und unterstütze unser Team tatkräftig. Damit unser Vorhaben von Erfolg gekrönt ist, möchte ich Sie bitten, bei meinem kleinen Ritual mitzumachen.“


Dr. Strontium zieht aus seiner Umhängetasche verschiedene Gegenstände. Er drückt den verdutzten Wissenschaftlern jeweils ein Räucherstäbchen in die Hand und stellt mitten auf den Tisch eine Art Aschenbecher aus behauenem Stein. Ungläubig mustert Professor Stamm das Ding in seiner Hand.


Auch Michael begutachtet das Stäbchen. Sein Blick wandert zu Strontium und wieder zurück.


Was bitte macht der da? Er wird mit Margarete ein ernstes Wort reden müssen. Was hat sie sich dabei gedacht, ihm diesen Clown aufzuhalsen? Hat er nicht ausdrücklich die Besten ihres jeweiligen Fachgebiets angefordert? Sein Ärger wächst, während er das Treiben beobachtet.


Dr. Strontium ist noch nicht fertig. Er zieht aus seiner Tasche einen Spiegel nebst Hammer hervor, läuft im Besprechungszimmer auf und ab, bis er stehen bleibt, einen Nagel in die Wand klopft und den Spiegel aufhängt. Nachdem das erledigt ist, dreht er sich um und deutet auf sein Werk. „Das ist Feng Shui. Mit dem Weihrauch-Zitronen-Duft werden wir die bösen Geister vertreiben, und der Bagua-Spiegel hier absorbiert dauerhaft negative Energien.“


Während er um den Tisch läuft und alle Räucherstäbchen anzündet, bimmelt er mit einer filigranen Glocke und fügt erklärend hinzu. „Geister mögen keine freundlichen Geräusche.“


Ruckartig steht Michael auf und drückt das Stäbchen im Steinbecher aus.


„Was soll der Humbug? Wenn Sie die Sache nicht ernst nehmen, Dr. Strontium, haben Sie in meinem Team nichts verloren. Verschonen Sie uns in Zukunft mit diesem Esoterikquatsch. Ist das klar?“


Hin- und hergerissen verfolgt Maria das Geschehen, während Freud grinsend mit seinem Räucherstäbchen durch die Luft wedelt.


„Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem selbst ein Schaf sein.“


Turing scheint das alles nicht zu interessieren, er klopft entschieden auf die Tischplatte.


„Nachdem das geklärt ist, würde ich jetzt meinen Arbeitsplatz einrichten.“


Michael hebt die Hand. „Moment noch. Ich bin noch nicht fertig.“


Er startet den Beamer - ein Chart füllt die Leinwand aus - und fährt mit seinem Laserpointer die Linien entlang.


„Das sind die Zahlen zu unserem weltweiten Schlafverhalten. Bis hierher bewegt sich alles im normalen, unauffälligen Bereich und liegt definitiv unter 0,5%. Aber ab hier steigt die Kurve auf 1%. Das war vor etwa neun bis zehn Jahren. Der stetige Anstieg ist das Problem. Heute verzeichnen wir bereits eine Quote von 10%. Das, meine Herren, ist eine Anomalie, die offensichtlich eine Ursache hat.“


Dr. Dr. Dormir schaltet sich ein. „Nun ja, für Schlafstörungen gibt es die vielfältigsten Gründe. Das kann psychologisch, neurologisch, generell krankheitsbedingt sein, ja, selbst Umweltgifte oder ein Virus können wir nicht ausschließen. Ohne einen umfassenden Datenabgleich aller bekannten Fälle lässt sich das schwer eingrenzen.“


Turing fühlt sich direkt angesprochen.


„Super, dann leg ich mal los. Zuerst vernetze ich uns mit allen Ärzten und Krankenhäusern, und anschließend schreibe ich ein Programm für die Datenauswertung.“


Dr. Dormir reibt sich nachdenklich über das Kinn.


„Das würde uns in der Tat weiterhelfen. Sollte sich bei der Auswertung eine bestimmte Ursache häufen, wissen wir in etwa, wohin die Reise geht. Darf ich Ihnen bei den Fragekatalogen behilflich sein, Turing?“


Dieser stimmt erfreut zu.


Dr. Strontium hebt die Hand. „Ich will mal sehen, ob sich biochemisch eine Veränderung zeigt, dafür bräuchte ich aber ein paar Proben. Sind Sie dafür zuständig, Maria?“


Maria nickt, unterdessen fährt Michael fort.


„Vielen Dank. Natürlich ist das noch keine akute Bedrohungssituation. Aus den Daten geht wie gesagt hervor, dass mittlerweile jeder zehnte Mensch an erheblichen Schlafstörungen leidet, Tendenz steigend. Unsere Aufgabe ist es herauszufinden, warum das so ist und mit was für Auswirkungen wir rechnen müssen.“


Anschließend besprechen sie ihre Vorgehensweise, es folgen Gespräche über einzelne Arbeitsaufgaben und schließlich ergeht man sich in Details der Arbeitsabläufe.


Michael zerrt an seiner Krawatte. Seine Aufgabe sieht er darin, Entscheidungen im richtigen Moment zu treffen. Was nun folgen wird, sind stundenlange Diskussionen über Kleinigkeiten, die ihn letztlich nicht interessieren.


Innerlich seufzend wirft er einen Blick auf seine schmale Armbanduhr. Die Zeit zieht sich schier endlos dahin. Problemlösungen, das ist seine Stärke, die daraus folgende Bürokratie fällt ihm schwer. Er unterdrückt ein Gähnen, beschließt im gleichen Augenblick, Thorsten einen Besuch abzustatten, und erhebt sich. Allein bei dem Gedanken an ein kühles Bier kehren seine Lebensgeister zurück.


„Maria, du übernimmst ab jetzt, ich habe noch einen wichtigen Termin.“


Ihr hektisches Blättern in seinem Terminkalender stört ihn nicht im Geringsten, er ist schon auf dem Weg zur Tür. Alan hechtet hinterher und klopft ihm draußen auf die Schulter.


„Entschuldigen Sie, Dr. Winkler. Vor Ihnen steht ein echter Bewunderer. Ich bin sozusagen ein Fan und nur hier, weil Sie das Projekt leiten. Das wollte ich nur noch mal schnell sagen.“


Michael legt die Hand auf Alans Schulter: „Wir haben für Ihre Anwesenheit zu danken - und wegen vorhin, das nehmen Sie bitte nicht persönlich, was meine Mitarbeiter in der Freizeit veranstalten, ist mir piepegal, und Alan: Bitte, wir duzen uns hier, in Ordnung?“


Alan grinst breit, schaut an sich hinunter und winkt ab.


„Hoppla, manchmal vergess ich meine Außenwirkung. Ist schon ziemlich deutlich, was? Ich will dich nicht aufhalten, bis morgen dann: Michael.“


Pfeifend verschwindet er im Labor, und Michael erwischt gerade noch einen der Aufzüge. Im dritten Untergeschoss öffnen sich die Fahrstuhltüren zu einem Bahnhof.


Hier in Rub al Kali entspricht alles dem neuesten Standard. Die Regierungsgebäude sind unterirdisch mit einer Magnetschwebebahn vernetzt, was den Mitarbeitern einiges an Zeit erspart. Es ist fünf Uhr am Abend und dementsprechend voll.


Michael drückt sich an den Entgegenkommenden vorbei, hastet zum Gleis, springt in die Bahn, kurz bevor sich die Türen schließen, quetscht sich an Krawattenträgern und Frauen in dunklen Kostümen vorbei und hangelt nach dem letzten freien Haltegriff. Obwohl sie Ölsardinen eng gequetscht stehen, rücken die Leute zur Seite und machen ihm Platz.


Michael unterscheidet sich nicht wesentlich von den Fahrgästen, außer dass er einen halben Kopf größer ist und seine Haare dringend einen Schnitt benötigen.


Die Fahrt ist rasant, jede Kurve wird von den Insassen mit Gegengewicht ausgeglichen, Fahrtwind wirbelt über die Köpfe hinweg. An der Zentralhaltestelle angekommen, reiht er sich in die Schlange zu den Aufzügen ein. Thorstens Büro ist im achtzigsten Stock des Hauptgebäudes, welches - alle anderen um mehr als das Doppelte überragend - im Zentrum thront, an der Stelle, wo damals die Bühne aufgebaut war. Bis die Regierungsstadt fertiggestellt ist, werden noch einige Jahre ins Land ziehen. An jeder Ecke wird gebaut, zwischen den fertigen Hochhäusern klaffen Bauareale, mehrere Fußballfelder groß.


Baukräne bestimmen das Bild. Schon in der Planung hat man auf jedem Gebäude einen Landeplatz einberechnet, was sich jetzt auszahlt. Von Thorstens Büro aus kann man stundenlang das An- und Abfliegen der Hubschrauber beobachten.


Michael beneidet ihn ein wenig um diesen Ausblick, denn wenn hier die Nacht anbricht und in Millionen Fenstern das Licht angeht, beginnt man zu erahnen, wozu der Mensch in der Lage ist.


Bis vor drei Jahren gab es in diesem Tal nichts außer Sand, Geröll und Gebirge. Die Propheten und Shumer sind weg, die Zeit des Umbruches vorbei, geblieben ist ihm die Freundschaft mit seinen damaligen Mitstreiten:


Maria, Thorsten und Professor Rubikon.


Thorsten wartet bereits ungeduldig - schnappt sich seine Aktentasche, zerrt am Krawattenknoten und zerzaust vor dem Spiegel noch schnell seine Locken. Durch verwegenes Aussehen – glaubt er - steigen die Chancen bei der weiblichen Bevölkerung um ein Vielfaches.


Michael schmunzelt. Normalerweise ist ihm Nähe nicht angenehm, engt ihn ein und stößt ihn ab. Bei Thorsten fühlt er nichts von alldem. Thorsten fordert nichts, macht ihm keine Vorschriften und rennt ihm nicht hinterher.


Thorsten klatscht ihm im Vorbeigehen auf die Schulter. „Bereit?“


Michael schneidet eine Grimasse und knufft Thorsten in die Seite. Lachend machen sie sich auf den Weg.


In ihr Gespräch vertieft gehen die beiden kurze Zeit später am Türsteher der Sky Bar vorbei und steuern auf ihren Stammplatz zu.


Die lange Theke füllt den ganzen Raum aus, nur wenige Barhocker sind besetzt. Erfahrungsgemäß wird das nicht so bleiben. In nicht einmal zwei Stunden kämpft man hier um jeden Zentimeter Platz. Durch die abgetönten Scheiben dringt kaum Licht, selbst tagsüber sorgt das für eine intime Atmosphäre. Nur wenige Sitzgruppen sind am Fenster verteilt, das meiste spielt sich im Stehen an der Bar ab.


Er und Thorsten hatten sich angewöhnt, frühzeitig hier sitzend Stellung zu beziehen, wegen der Aussicht und vor allem wegen dem freien Blick auf die Neuankömmlinge.


Nach dem zweiten Bier mustert Thorsten ihn mit ernster Miene. „Heute ist nicht dein Tag, was?“


Michael hebt den Kopf: „Wieso?“


„Wir sitzen seit einer Stunde hier, da hinten lechzt eine wunderhübsche Dame nach dir, und ich höre nur: Maria vorne und Maria hinten. Nimm die Sache jetzt endlich mal in die Hand, Mann! Schnapp dir sexy Hexi, bevor es jemand anderer macht.“


Michael verengt die Augen. „Maria und sexy? Spinnst du.“


Es passt ihm nicht, dieses Wort in Verbindung mit Maria aus Thorstens Mund zu hören. Ihm kommt ein übler Gedanke. Er packt Thorstens Unterarm und drückt nur halb im Scherz zu. „Läuft da was zwischen euch?“


Thorsten verzieht schmerzlich das Gesicht. Trotzdem kann er sich das Grinsen nicht verkneifen: „Wär das ein Problem?“


„Lass die Finger von ihr. Mehr sage ich dazu nicht. Maria ist keine Frau für eine Nacht.“


Michael lässt ihn abrupt los, streift die Haare aus dem Gesicht und wendet den Kopf ab. Was er gesagt hat, gilt auch für ihn. Keine Frau stand ihm bis jetzt näher, und das wird - zumindest was ihn angeht - so bleiben.


Sein Blick streift durch die Bar und bleibt an den zwei jungen Frauen hängen, die Thorsten und ihn schon geraume Zeit beobachten. Die Blonde wirft ihre Haare nach hinten und lacht, während ihr Blick seinen versengt.


Michael wendet sich nicht ab.


Mit Thorsten im Schlepptau nimmt er seine Beute ins Visier, umkreist sie, nähert sich und schnappt zu.


Mit dieser Trophäe im Arm umgeht Michael geschickt jedes tiefschürfende Gespräch, und keine zwei Stunden später folgt sie ihm willig zu seinem Apartment.


Während er die Hand auf eine ihrer Pobacken drückt, gibt er den Code für seine Tür ein.


„Was willst du trinken, Süße?“


Er hat keine Lust sich ihren Namen zu merken und bereits Morgen nicht einmal mehr wissen, was für eine Farbe ihr Haar hatte - oder doch nicht?


Prüfend mustert er die blonden Locken, sein Blick wandert tiefer und verweilt an der Stelle, an der sich herausstellen wird, ob sie naturblond ist - oder nicht.


Seine Gier steigt.


Er führt sie durch den Flur, an ausgestellten Auszeichnungen, Bildern und Pokalen vorbei in das Wohnzimmer. Spätestens hier bleiben die meisten Frauen stocksteif stehen. Thorsten meint, dass der Anblick seiner Wohnung in den Frauen eine Art Frühwarnsystem auslöst. Ein unsichtbarer Alarmknopf, der gedrückt wird beim Anblick seiner Intimsphäre.


Gut, vielleicht fehlen hier und da ein paar Farben. Gemütlich ist es nicht, eher zweckmäßig - für seine Begriffe jedoch völlig ausreichend. Er braucht keinen Fernseher und auch sonst keinen Schnickschnack. Einzig der Flügel und seine Bilder, die sind ihm wichtig.


Das ist ein kritischer Moment. Hier muss er immer aufpassen - bloß nicht zu viel Druck ausüben. Michael ist kein Freund von Täuschungen und Maskeraden. Am liebsten würde er zeigen, dass er sie einfach vernaschen will und sonst nichts. Allerdings ticken Frauen anders. Sie brauchen die Illusion, das Gefühl echten Interesses, die Vortäuschung einer möglichen Beziehung - die es mit ihm niemals geben wird.


Es wird Zeit für seinen letzten Trumpf.


Michael mixt ihr den gewünschten Cocktail und schenkt sich einen Whisky pur ein, ohne Eis, mit einem Spritzer Soda. Er wartet hinter ihr, bis sie von der Aussicht genug hat und ihm kokett das Glas abnimmt. Dann führt er sie zu seinem Steinway-Flügel, hebt sie hoch, zieht sein Jackett aus, krempelt sich die Ärmel hoch, setzt sich auf den Schemel, schließt die Augen und fühlt die Glätte der Tastaturen, bevor die sanften Töne der Mondscheinsonate den Raum erfüllen.


Michael spielt seine Rolle perfekt und immer nach dem gleichen Muster. Später, auf dem Sofa, folgt das sanfte Streicheln ihres Armes, lockere Gespräche, tiefe Blicke, ein, zwei gestohlene Küsse, seine Hand, die wie von selbst ihr Bein hochwandert ...


Hier stoppt er für gewöhnlich und wartet ab.


Signalisiert sie ihr Einverständnis oder muss er sie loswerden? Die Süße macht es ihm heute leicht. Sie ist feucht und bereit.


Zwei Stunden Vögeln später hat er genug von ihr. Jetzt kommt der unangenehme Teil.


Michael greift nach dem Handy und ruft ein Taxi. Er spürt ihren Blick im Rücken und dreht sich um.


Sie liegt auf dem schwarzen Leder, nackt, mit gespreizten Beinen. Er meidet den Anblick, greift nach dem Kleid und wirft es ihr hin. „Wenn du duschen willst, musst du dich beeilen, dein Taxi kommt gleich.“


Bis jetzt hat noch keine Frau den Wunsch in ihm erweckt zu erfahren, wie sie am nächsten Morgen aussieht.


 


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